Putin gegen Selenskyj-Treffen: London-Gipfel zur Ukraine | nachrichten360
Putin lehnt Treffen mit Selenskyj ab – Europäer beraten in London über Ukraine-Kurs
St. Petersburg/London, 05 Juni 2026
Пресс-служба Президента России / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg hat Wladimir Putin ein direktes Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erneut abgelehnt. Gleichzeitig bereiten die europäischen Spitzenpolitiker ein Spitzentreffen mit Selenskyj in London vor, um den Druck auf Moskau zu erhöhen.
St. Petersburg/London, 05 Juni 2026
Russlands Präsident Wladimir Putin hat beim St. Petersburger Wirtschaftsforum ein persönliches Treffen mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj abgelehnt, während europäische Spitzenpolitiker am Sonntag in London mit Selenskyj über den weiteren Kurs im Ukraine-Krieg beraten wollen.
Putin weist Selenskyjs Brief zurück
Putin begründete seine Haltung am Freitag auf dem St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF) mit Blick auf den offenen Brief Selenskyjs vom Vortag. Er sehe derzeit keinen Sinn in einem solchen Treffen, sagte Putin wörtlich: „Ich sehe derzeit keinen Sinn darin.“ Der Brief enthalte „Elemente der Unverschämtheit“ und sei kaum als ernsthaftes Verhandlungsangebot zu verstehen. Putin sagte weiter: „Dieser Brief enthält einige ziemlich unhöfliche Bemerkungen. War das ein Weg, um die Voraussetzungen für ein persönliches Treffen zu schaffen, oder ein Weg, um ein persönliches Treffen zu verhindern? Ich denke, es war das Zweite.“
Stattdessen verwies Putin auf die Arbeit von Experten und signalisierte Bereitschaft erst nach einer grundlegenden Einigung: „Lassen Sie die Experten arbeiten und Lösungen erarbeiten, und dann können wir uns treffen.“ Zudem rief er die russischen Streitkräfte mit den Worten „An die Arbeit, Brüder!“ zum Weitermachen auf. Gleichzeitig betonte Putin, die militärischen Aktionen würden enden, sobald Russland seine selbstgesteckten Ziele erreicht habe: „Die militärischen Aktionen werden eines Tages enden, davon gehen wir aus. Zweifellos werden sie enden, sobald wir die Ziele erreicht haben, die wir uns gesetzt haben.“
Europäer laden Selenskyj nach London ein
Der Brief Selenskyjs, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, war dessen erste direkte Kommunikation an Putin seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022. Selenskyj schlug persönliche Gespräche in einem Drittland vor und pochte auf eine Waffenruhe während der Verhandlungen. Moskau fordert allerdings weiterhin, dass die Ukraine die gesamte Donbas-Region abtritt, was Kiew strikt ablehnt.
Ungeachtet der Moskauer Ablehnung organisieren die Europäer eine eigene Abstimmung. Nach Angaben des Élysée-Palastes kommt Selenskyj am Sonntag in London mit dem britischen Premierminister Keir Starmer, dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zusammen. Ziel sei eine enge Abstimmung über weitere Unterstützung für die Ukraine und Druck auf Russland, hieß es aus Paris.
Bundeskanzler Merz begrüßte das erneuerte Gesprächsangebot Selenskyjs ausdrücklich. Es sei „selbstverständlich, dass Europäer bei einem solchen Verhandlungsformat mit am Tisch sitzen“, sagte Merz. Was fehle, sei „die Bereitschaft des russischen Präsidenten, in Gespräche einzutreten“. Auch die EU insgesamt begrüßte das Angebot Kiews.
Russland unter wirtschaftlichem Druck
US-Präsident Donald Trump hatte ein Treffen zwischen Selenskyj und Putin als „großartig“ bezeichnet. Allerdings stocken die US-Friedensbemühungen derzeit wegen des Iran-Konflikts, wie aus den Fakten hervorgeht. Zudem habe Trump das Interesse am Ukraine-Krieg zunehmend verloren, hieß es in Berichten – Putin finde im Weißen Haus damit keinen Fürsprecher mehr.
Putin räumte in St. Petersburg zugleich wirtschaftliche Probleme ein. „Ja, die wirtschaftliche Dynamik ist derzeit verhalten“, sagte er und fügte mit einer Spitze gegen die EU hinzu, Russland sei „auf das gleiche Niveau gesunken“, auf dem sich die Euro-Länder seit Jahren befänden. Die russische Wirtschaft schrumpfte im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent – der erste Quartalsrückgang seit drei Jahren. Im Vier-Monats-Haushalt entstand ein Defizit von 78 Milliarden Euro, was 2,5 Prozent des Jahres-Bruttoinlandsprodukts entspricht und über dem für das Gesamtjahr veranschlagten Betrag liegt.
Putin bezeichnete das Defizit allerdings als mit 2,6 Prozent „unter den Defizitzahlen europäischer Länder“. Er räumte zugleich ein, dass das Defizit im laufenden Jahr weiter wachsen könnte. Wegen hoher Zinsen müsse Russland für seine Staatsschulden relativ mehr Geld ausgeben als EU-Länder. Schon 2025 habe sich das Wachstum deutlich abgekühlt. Die Lage sei in der Bevölkerung durch Steuererhöhungen, steigende Kreditkosten und höhere Preise spürbar.
Kriegsmüdigkeit und Drohnenangriffe
Putin äußerte dennoch Zuversicht, dass die Wirtschaft sich bald erhole, und verwies auf eine wachsende Souveränität durch die Erweiterung des Partnerkreises, insbesondere im Globalen Süden. Unter den Gästen des Forums waren nach den vorliegenden Informationen Vertreter der Taliban, Mitglieder der AfD sowie die frühere österreichische Außenministerin Karin Kneissl, von der Videos beim Bowling zeigten. Schon in früheren Jahren waren die früheren österreichischen Kanzler Sebastian Kurz und Christian Kern als hochrangige Gäste in St. Petersburg aufgetreten.
Kurz vor Beginn des Wirtschaftsforums hatte die Ukraine nach eigenen Angaben Energie- und Militäreinrichtungen in St. Petersburg mit Drohnen angegriffen, darunter ein Öldepot am Hafen, bei dem ein Brand und schwarzer Rauch entstanden. Kiew erklärte, die Angriffe sollten die mehrtägige Konferenz stören, die für Moskau politisch wichtig ist. Die Ukraine greift derzeit zunehmend russische Energieinfrastruktur an, darunter Öldepots, Raffinerien und Exporthäfen. Selenskyj wies darauf hin, dass die ukrainische Armee nach drei Jahren erstmals wieder die Initiative auf dem Schlachtfeld habe und Großstädte wie Moskau und St. Petersburg mit Drohnen attackiere.
Innenpolitisch steht Putin nach den vorliegenden Fakten unter Druck: Seine Zustimmungswerte sind demnach so niedrig wie seit der Mobilmachung nicht mehr, befeuert von Inflation, Benzinengpässen und Internetsperren. Expertinnen und Experten des russischen Finanzministeriums warnten zuletzt, die Kriegsausgaben strangulierten die Wirtschaft und müssten massiv gekürzt werden. Der Politologe Wassili Kaschin argumentierte in einem viel beachteten Text, es sei „technisch unmöglich“ für Moskau, seine Kriegsziele zu erreichen, und empfahl eine Verständigung. Der britische Russland-Experte Mark Galeotti wertete solche kritischen Beiträge als „Testballons“ für einen möglichen Kurswechsel, die nur mit Billigung der obersten Führung erscheinen könnten. Außenminister Sergej Lawrow sitzt im Redaktionsbeirat des Magazins, das den ungewöhnlich kritischen Essay veröffentlichte.
Trotz der ablehnenden Signale aus Moskau hält Selenskyj an seinem Angebot fest. Er hatte in dem Brief an Putin geschrieben, ein persönliches Treffen sei nötig, um zentrale Fragen zu klären. In dem Schreiben übte er scharfe Kritik an Putins 26-jähriger Herrschaft und ätzte über dessen Alter – Putin wird im Oktober 74 Jahre alt, Selenskyj ist 48. Zugleich warnte Selenskyj, der Krieg könnte Putins Machtbasis gefährden. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung sei der Angriffe aus der Ukraine, der Inflation und der Treibstoffknappheit müde und bereit für Frieden, schrieb er. Putin geht unterdessen davon aus, dass die russischen Kriegsziele notfalls auch durch weitere Kampfhandlungen erreicht werden können, sollten diplomatische Wege scheitern.
Fragen & Antworten
Warum lehnt Putin ein Treffen mit Selenskyj derzeit ab?
Putin begründete die Ablehnung beim St. Petersburger Wirtschaftsforum mit dem Inhalt des offenen Briefes von Selenskyj, der aus seiner Sicht „Elemente der Unverschämtheit“ enthalte. Er verwies zudem auf die Vorarbeit von Experten und fehlende Voraussetzungen für ein direktes Spitzentreffen.
Was ist beim London-Treffen am Sonntag geplant?
Nach Angaben des Élysée-Palastes kommen der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der britische Premierminister Keir Starmer, Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in London zusammen. Ziel ist eine enge Abstimmung über weitere Ukraine-Hilfe und Druck auf Russland.
Wie schlecht steht es aktuell um die russische Wirtschaft?
Die russische Wirtschaft schrumpfte im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent, der erste Quartalsrückgang seit drei Jahren. Im Vier-Monats-Haushalt fiel ein Defizit von 78 Milliarden Euro an, das über dem für das Gesamtjahr veranschlagten Betrag liegt.