Prozessauftakt am Landgericht Kassel: Drei frühere Wilke-Verantwortliche wegen fahrlässiger Tötung angeklagt
Kassel, 06. Juli 2026
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Kurzfassung
Fast sieben Jahre nach dem Wilke-Wurst-Skandal hat am Landgericht Kassel der Strafprozess gegen drei frühere Verantwortliche des insolventen hessischen Herstellers begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten unter anderem fahrlässige Tötung in elf Fällen vor, weil Listerien-Keime in den Produkten zum Tod von Menschen geführt haben sollen.
Am Landgericht Kassel hat am Montag der Strafprozess gegen drei frühere Verantwortliche des insolventen Wurstherstellers Wilke aus Twistetal begonnen, denen die Staatsanwaltschaft unter anderem fahrlässige Tötung in elf Fällen vorwirft.
Die Anklage richtet sich gegen den heute 57 Jahre alten Geschäftsführer, seine 55-jährige Stellvertreterin und den 58-jährigen Produktionsleiter des Betriebs in Twistetal-Berndorf im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg. Wie die Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt ausführte, hätten die Angeklagten von 2015 bis 2019 unter "katastastrophalen hygienischen Bedingungen" keimbelastete Wurst produzieren lassen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft beschrieb den Umfang der Akten gegenüber der hessenschau als "raumfüllend".
Die Vorwürfe im Überblick
Im Zentrum des Verfahrens steht die Frage, wer die Verantwortung für den Tod von elf Menschen trägt, die nach dem Verzehr der kontaminierten Produkte an einer Listeriose gestorben sind. Die Opfer waren laut Staatsanwaltschaft zwischen 47 und 86 Jahre alt und stammten aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Berlin und dem Saarland. Insgesamt seien bei 37 Menschen Listerien nachgewiesen worden, sieben davon – darunter eine 31-jährige Frau und ein 76-jähriger Mann in Hessen – sollen zudem eine schwere Infektion erlitten haben.
Bei Listerien handelt es sich um Bakterien, die Lebensmittelvergiftungen auslösen können. Im Oktober 2019 war nach der Schließung des Betriebs von "idealen Bedingungen" für die Vermehrung und Verbreitung der Keime die Rede. An anderer Stelle hieß es, "der Betrieb im vorgefundenen Zustand bietet keine Gewähr für die Produktion sicherer Lebensmittel". In einem Aufzug, in dem auch Wurst und Fleisch offen transportiert worden seien, sei ein "Verwesungsgeruch" festgestellt worden. Bei Proben sei zudem der Listerienstamm "Sigma 1" gefunden worden.
Die Dimension des Skandals
Den Angeklagten wird laut Anklageschrift vorgeworfen, nicht mehr verkaufsfähige Waren auf den Markt gebracht zu haben, "um dem Unternehmen entsprechende Einnahmen zu sichern". Neben den fahrlässigen Tötungen und Körperverletzungen legt die Staatsanwaltschaft den drei Beschuldigten zudem die Beibringung gesundheitsgefährdender Stoffe in vier Fällen, Betrug in 17 Fällen sowie gesundheitsgefährdendes Inverkehrbringen von Lebensmitteln in 18 Fällen zur Last.
Die Anklageschrift umfasst nach Angaben der Staatsanwaltschaft 200 Seiten, hinzu kommen 160 Ordner mit Beweismitteln. Ein Teil der ursprünglichen Vorwürfe ist bereits verjährt und wurde nicht zugelassen. Der Prozess beginnt deshalb mit jahrelanger Verspätung – über nicht zur Anklage zugelassene Punkte hatten Gericht und Staatsanwaltschaft seit 2022 gestritten. Die Staatsanwaltschaft erklärte, die anspruchsvolle Rechtslage erfordere eine sehr gewissenhafte Prüfung, die "mit einem durchschnittlichen Wirtschaftsstrafverfahren selbst erhöhten Umfangs und Schwierigkeitsgrades nicht annähernd vergleichbar ist".
Politische Konsequenzen und gestärkte Kontrollen
Über ein Dutzend Verhandlungstage sind derzeit vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel anberaumt. Der Wilke-Skandal hatte bereits 2018 eine wissenschaftliche Dimension erreicht: Damals erkannte das Robert Koch-Institut (RKI) eine Häufung von Erkrankungen durch Listerien und identifizierte bei einer Genomsequenzierung ein bestimmtes Listerien-Cluster, das schließlich auf den Hersteller in Twistetal-Berndorf zurückgeführt wurde.
Die Vorgeschichte des Falls reicht bis ins Jahr 2019: Damals wurden in von Wilke in Umlauf gebrachten Wurstwaren teils hohe Belastungen mit Listerien festgestellt. Im Oktober 2019 wurde der Betrieb geschlossen, nachdem die Keime nachgewiesen worden waren. In der Region war Wilke zuvor mit dem Slogan "Köstliches aus dem Waldecker Land" ein großer Arbeitgeber und wichtiger Gewerbesteuerzahler gewesen. Der Twistetaler Bürgermeister Friedrich Vogel (parteilos) sagte dem Hessischen Rundfunk: "Die Gemeinde profitiert dann von den entsprechenden höheren Einwohnerzahlen."
Was vom einstigen Werk übrig blieb
Heute ist von der einstigen Größe des Unternehmens wenig übrig. Geblieben ist eine Industriebrache auf einem 30.000 Quadratmeter großen Areal mitten im Ortskern von Berndorf. Die Firma ist inzwischen insolvent. Das Gelände liegt seit Jahren brach.
Auf den Skandal folgte auch ein politisches Nachbeben. Die hessische Verbraucherschutzministerin Priska Hinz sagte bereits im Frühjahr 2020: "Wir haben aus dem Wilke-Skandal weitreichende Konsequenzen gezogen." Eine Sprecherin ihres Ministeriums erklärte, bei den Ämtern vor Ort gebe es heute deutlich mehr Mitarbeiter als noch 2019. Die Zahl der Lebensmittelkontrolleure sei in diesem Zeitraum um 15 Prozent gestiegen.
Damit griff das Land die Kritik auf, dass die Lebensmittelaufsicht den Betrieb über Jahre nicht hinreichend kontrolliert habe. Vogel betonte zugleich die wirtschaftliche Seite: "Und wenn Unternehmen gut arbeiten, würde auch die Gewerbesteuer sprudeln."
Der Fall Wilke steht exemplarisch für eine breitere Debatte über die Kontrolle von Lebensmittelproduzenten in Deutschland. Die Vorfälle hatten bereits unmittelbar nach Bekanntwerden bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil deutlich wurde, wie lange ein Betrieb mit massiven hygienischen Mängeln produzieren konnte, bevor Behörden einschritten.
Ein Fall mit bundesweiter Bedeutung
Mittlerweile gilt der Skandal als einer der schwersten Lebensmittel-Skandale der vergangenen Jahre in Hessen. Die nun begonnene Hauptverhandlung soll klären, ob und in welchem Maß die drei Angeklagten für die hygienischen Zustände und die daraus folgenden Erkrankungen und Todesfälle verantwortlich gemacht werden können.
Mit Blick auf die Opfer erklärte die Staatsanwaltschaft, die Aufarbeitung des Falls habe hohe Priorität. Wie lange das Verfahren letztlich dauern wird, ist derzeit offen – angesichts der Aktenmenge und der Komplexität gilt ein langer Verlauf als wahrscheinlich.
Parallel zu den juristischen Folgen bleibt abzuwarten, welche langfristigen Konsequenzen die politisch angekündigten Verstärkungen bei den Lebensmittelkontrollen in Hessen und darüber hinaus haben werden. Branchenverbände und Verbraucherschützer verweisen seit dem Wilke-Skandal auf die Notwendigkeit schärferer Kontrollen und höherer Kontrolldichte.
Ausblick auf das weitere Verfahren
Auch international steht der Fall in der Fachwelt im Blick: Die bei Wilke nachgewiesene genomische Sequenz des Listerien-Clusters wurde zu einem Referenzfall für die Rückverfolgung lebensmittelbedingter Infektionen.
Wie Staatsanwaltschaft und Gericht am Montag deutlich machten, werden die kommenden Verhandlungstage zeigen, ob sich die Vorwürfe gegen die drei Angeklagten nach jahrelanger Vorbereitung nun auch vor Gericht erhärten lassen. Für Twistetal-Berndorf bleibt der Prozess nicht nur ein juristisches, sondern auch ein wirtschaftliches und emotionales Kapitel, das mit dem einstigen Wurstwerk "Köstliches aus dem Waldecker Land" eng verbunden bleibt.
Sollte das Gericht die Angeklagten verurteilen, könnte dies auch Signalwirkung für ähnlich gelagerte Fälle in der Lebensmittelindustrie haben. Zugleich verdeutlicht der Fall, wie lange es von der Aufdeckung eines Skandals bis zu einem Gerichtsverfahren dauern kann, wenn umfangreiche Akten und komplexe rechtliche Fragen zu klären sind.
Mit Blick auf den Prozessauftakt bleibt festzuhalten: Die Vorwürfe wiegen schwer, die Beweislage ist umfangreich, und mit den elf Todesopfern stehen menschliche Schicksale im Zentrum des Verfahrens, das das Landgericht Kassel nun über viele Verhandlungstage begleiten wird.
Fragen & Antworten
Worum geht es im Wilke-Prozess am Landgericht Kassel?
Am Landgericht Kassel müssen sich drei frühere Verantwortliche des insolventen Wurstherstellers Wilke aus Twistetal verantworten, denen unter anderem fahrlässige Tötung in elf Fällen zur Last gelegt wird.
Wie konnte es zu dem Listerien-Skandal bei Wilke kommen?
Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, von 2015 bis 2019 unter "katastrophalen hygienischen Bedingungen" keimbelastete Wurst produziert und in den Handel gebracht zu haben, was bei mindestens elf Menschen zu einer tödlichen Listeriose führte.
Welche Konsequenzen hat Hessen aus dem Skandal gezogen?
Nach Angaben der Verbraucherschutzministerin Priska Hinz wurden unter anderem die Lebensmittelkontrolleure in den hessischen Ämtern seit 2019 um 15 Prozent aufgestockt.
Wilke-Prozess Kassel: Anklage gegen Ex-Chefs nach | nachrichten360