Polizeistation in Hitlers Geburtshaus Braunau eröffnet | nachrichten360
Polizeistation in Hitlers Geburtshaus in Braunau eröffnet – Kritik an Konzept hält an
Braunau am Inn, 21. Juli 2026
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Kurzfassung
Im österreichischen Braunau am Inn ist am 21. Juli 2026 eine Polizeistation im Geburtshaus Adolf Hitlers eröffnet worden. Das Land hatte das Gebäude zuvor für rund 20 Millionen Euro umgebaut, um Neonazis den Ort zu entziehen – Kritikerinnen und Kritiker halten das Konzept jedoch für unzureichend.
Im oberösterreichischen Braunau am Inn ist am 21. Juli 2026 im Geburtshaus Adolf Hitlers eine Polizeistation samt Bezirkspolizeikommando eröffnet worden, nachdem die Republik Österreich das Gebäude jahrelang umgebaut und umgestaltet hatte.
Die Adresse Salzburger Vorstadt 15 wäre eine gewöhnliche Polizeimeldung, wenn dort nicht im April 1889 Adolf Hitler geboren worden wäre. Das Innenministerium ließ das Haus für rund 20 Millionen Euro komplett neu gestalten, mit einer bewusst schlichten Fassade. Ziel war laut offizieller Darstellung die „Neutralisierung des gesamten Ortes“ – also die Verhinderung, dass Neonazis den Ort als Pilgerstätte vereinnahmen.
Bereits 2016 hatte die Republik Österreich das Gebäude aus Privatbesitz enteignet, um eine solche Vereinnahmung zu verhindern. Eine vom Innenministerium eingesetzte Expertenkommission sollte ein Konzept für die weitere Nutzung entwickeln. Die Kommission plädierte für eine „sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung“, wie aus vorliegenden DW-Recherchen hervorgeht.
Lange Suche nach einer Nutzung
Als erste Option schlug die Kommission demnach einstimmig eine „lebensbejahende Institution“ wie die Volkshilfe vor, „die aber ablehnte“, wie der Historiker Oliver Rathkolb, Mitglied des Gremiums, schriftlich erklärte. Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten der Polizei – eine Lösung, die in Braunau auf deutliche Kritik stößt.
Eveline Doll, gebürtige Braunauerin und Sprecherin der Bürgerinitiative „Diskurs Hitlerhaus“, sagte der DW: „Hier wurde eine einzigartige historische Chance vertan, das Geburtshaus des größten Massenmörders der Menschheit in einer nachhaltigen und historisch verantwortungsvollen Art und Weise zu nutzen“. Sie wies zudem darauf hin, dass „auch gerade jetzt wieder für die Zukunft extrem wichtige Botschaften“ verloren gingen.
Die Kritik entzündet sich nicht zuletzt an der Rolle der Polizei während des Nationalsozialismus. Nachdem Adolf Hitler Heinrich Himmler 1936 zum „Chef der deutschen Polizei“ ernannt hatte, wurden Polizei und SS zunehmend miteinander verzahnt. Doll sagte, es habe in den letzten mehr als 25 Jahren „genug Ideen und Initiativen gegeben, dieses Haus als Ort der Zusammenkunft für Frieden, Freiheit, Demokratie und Toleranz zu nutzen“ – doch all diesen Ideen sei eine Absage erteilt worden.
Kritik an der Polizei als Nutzer
Eine Onlineumfrage des Meinungsforschungsinstituts Unique Research für das Magazin „Pragmaticus“ aus dem Jahr 2025 ergab, dass nur sechs Prozent der Befragten mit einem Einzug der Exekutive einverstanden waren. Doll betonte, die Stadt trage zwar keine direkte Verantwortung, „aber weltweit wird Braunau damit konnotiert, dass hier der größte Massenmörder der Menschheit geboren wurde – und das wird auch immer so bleiben“.
Befürworter sehen in der Polizeistation hingegen einen klaren Vorteil. Aus dem Innenministerium hieß es, die Station solle unter anderem gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung vorgehen. „Festzuhalten sei aber, dass hier eine Polizeistation eines demokratischen Rechtsstaates vorgesehen ist, deren Aufgabe es unter anderem ist, gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung vorzugehen“, hieß es aus dem Ministerium.
Befürworter sehen Vorteile
Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins für Zeitgeschichte Braunau, will keine Parallelen zur NS-Zeit ziehen: „Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat und die Polizei ist eines seiner Instrumente. Solange die Polizei bei Fehlverhalten auch zur Rechenschaft gezogen werden kann und Polizisten vor Gericht landen, ist ein prinzipielles Misstrauen gegen die Institution der Polizei nicht angebracht.“ Der heutigen Lösung steht er „gleichmütig“ gegenüber: „Der Eigentümer, die Republik Österreich, hat eben so entschieden“, sagte Kotanko der DW.
Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Kommissionsmitglied, erklärte bereits 2023 gegenüber der DW: „Es ging immer darum, dass dieses Haus kein Pilgerort für Nazis wird.“ Auch er hätte sich andere Nutzungen vorstellen können. Die neu gestaltete Fassade bekommt keine Informationstafel; zudem hatte die Expertenkommission empfohlen, den vor dem Haus platzierten Gedenkstein aus dem Konzentrationslager Mauthausen mit der Aufschrift „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Millionen Tote mahnen.“ an eine andere Stelle in Braunau zu versetzen.
Belastete Geschichte des Hauses
Das Haus hatte in seiner Geschichte mehrfach die Besitzer gewechselt. Nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 erwarb die NSDAP das Geburtshaus ihres „Führers“ und richtete darin ein ideologisch geprägtes Kulturzentrum ein. Während der NS-Herrschaft wurden etwa 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden ermordet und 130.000 ins Exil gezwungen. Hitler brachte Europa und der Welt den Zweiten Weltkrieg mit zig Millionen Todesopfern und war Hauptverantwortlicher des Holocausts, der systematischen Ermordung von rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden.
Eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt zudem, dass 39 Prozent der befragten Österreicher der Aussage zustimmen oder eher zustimmen, dass „endlich ein Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gezogen werden“ sollte. Die rechtspopulistische Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), 1956 gegründet von ehemaligen Nazis, hatte bei der Nationalratswahl 2024 die meisten Stimmen geholt, war jedoch an der Regierungsbildung gescheitert.
Mit der Eröffnung der Polizeistation geht die Auseinandersetzung um den angemessenen Umgang mit dem historisch belasteten Ort in eine neue Phase. Die Kritikerinnen und Kritiker sehen weiterhin eine verpasste Chance, der internationalen Wahrnehmung Braunaus ein bewusstes Zeichen entgegenzusetzen.
Fragen & Antworten
Warum wurde in Hitlers Geburtshaus eine Polizeistation eingerichtet?
Die Republik Österreich wollte nach der Enteignung 2016 verhindern, dass Neonazis den Ort als Pilgerstätte nutzen. Eine Expertenkommission entschied sich schließlich für die Polizei als Nutzer, da andere Vorschläge wie eine Wohlfahrtsorganisation abgelehnt wurden.
Welche Kritik wird an der neuen Nutzung geäußert?
Kritikerinnen wie Eveline Doll von der Bürgerinitiative „Diskurs Hitlerhaus“ halten die Polizeistation für eine vertane Chance. Sie verweisen auf die historische Verstrickung der Polizei in die NS-Zeit und darauf, dass 94 Prozent der Befragten einer Umfrage gegen diese Nutzung waren.
Welche Funktion soll die Polizeistation übernehmen?
Laut Innenministerium handelt es sich um eine Polizeistation eines demokratischen Rechtsstaates, deren Aufgabe es unter anderem ist, gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung vorzugehen. Zugleich dient sie als neues Bezirkspolizeikommando für Braunau am Inn.