Das neue Stück des Literaturnobelpreisträgers Peter Handke, „Schnee von gestern, Schnee von morgen“, ist am Montagabend bei den Salzburger Festspielen im Salzburger Landestheater uraufgeführt worden.

Premiere in Salzburg

Update vom 28. Juli 2026: Handkes neues Werk hat am Vorabend in Salzburg Premiere gefeiert, erste Pressestimmen liegen vor – die folgende Fassung berücksichtigt zusätzlich die Reaktionen auf die Uraufführung.

Auf einer ansonsten leeren Bühne des Salzburger Landestheaters, auf der lediglich ein paar Möbelteile herumliegen, mühen sich Jens Harzer und Marina Galic redlich, dem sinnierenden Umherstreifen der Erzählstimme in Handkes Text irgendeine Form abzuringen. Regie führt Jossi Wieler, Koproduzent ist das Berliner Ensemble. Der rund 70-seitige Text, der 2025 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist und keine herkömmliche Handlung hat, wird vom Verlag „als ein Stück für die Bühne, ein Drama ohne Rednerwechsel, ein Lied ohne Kehrvers“ beschrieben.

„Es ist, wie es im Untertitel des Stücks heißt, ‚Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens‘.“ Schon der Untertitel des Werks lässt ahnen, dass es sich nicht um leichte Kost handelt. Handke spannt die „Tage eines schon lange Einhergehenden“ namentlich irgendwo auf zwischen der langen sommerlichen Wanderung zum Meer aus Anton Tschechows Erzählung „Die Steppe“ und den unendlichen Reisen des Odysseus.

Was ist neu seit der Vorstellung des Programms im Dezember 2025

Was ist neu seit der Vorstellung des Programms im Dezember 2025

Der damalige Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, hatte im Dezember 2025 bei der Vorstellung des diesjährigen Programms berichtet, wie es zur Zusammenarbeit kam: „Handke habe ihn angerufen und gesagt, er habe etwas Neues – und ob er es schicken dürfe.“ Den Text habe Handke Hinterhäuser anvertraut. Dieser habe den Auftrag an Wieler und die beiden Darsteller weitergegeben.

„Mach, was du willst damit“, habe Handke laut Hinterhäuser gesagt. Eine programmatische Geste, die dem Regisseur und dem Ensemble große Freiheiten ließ – und offenbar zu einem „gemeinsamen Mäandern durch das Stück“ führte, wie Wieler einmal sagte: „Es war im schönsten Sinn ein gemeinsames Mäandern durch das Stück.“

Handke, der Spaziergänger im Wald

Handke, der Spaziergänger im Wald

Ein Abend ohne klassischen Theaterzauber

„Er geht jeden Tag im Wald spazieren, er kennt die Vögel, die dort fliegen“, heißt es in einer der Passagen, die Harzer vorträgt. „Was er bei seinen Touren durch den Wald sieht, erlebt, spürt, sich denkt, hat Handke in dem rund 70-seitigen Büchlein festgehalten.“ Der 83-jährige Handke, der 2019 den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam und im Anschluss an den Anruf aus Stockholm erst einmal verschwunden und auf Pilzsuche gegangen sei, gilt als begeisterter Spaziergänger, der das „Verzweigen“ von Gedanken liebt.

Harzer, Galic und die Iffland-Ring-Tradition

Ein Abend ohne klassischen Theaterzauber

Sinnfragen und Schuhlöffelsammler

Die Uraufführung zog „auf der Publikumsseite auf großen Andrang“: „Es applaudiert kräftig, einzelne ‚Bravo‘-Rufe sind zu hören.“ Dennoch fehle dem Theaterabend „jeder klassische Theaterzauber“, urteilt die Kritik: „Nichts fügt sich zum Ganzen.“ Ansonsten passiere 120 Minuten lang so gut wie nichts. Die beiden Darsteller müssten sich „im Laufe des zweistündigen, pausenlosen Abends redlich mühen, dem sinnierenden Umherstreifen der Erzählstimme in Handkes Text irgendeine Form abzuringen“.

Zitate, Schlager und ein Büroschrank

Harzer, Galic und die Iffland-Ring-Tradition

Regie und Inszenierung

Jens Harzer, der 54-jährige Iffland-Ring-Träger – der Ring wurde ihm testamentarisch vom Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (1941–2019) vermacht –, gilt als einer der bedeutendsten Schauspieler des deutschsprachigen Raums. Bekannt wurde er auch durch seine Rolle als Psychiater Anno Schmidt in der Serie „Babylon Berlin“. Harzer war bereits 2011 in der umjubelten Uraufführung von Handkes später mit dem Nestroy-Autorenpreis ausgezeichneten Stück „Immer noch Sturm“ bei den Festspielen im Zentrum gestanden. Zusammen mit Marina Galic hat er mehrfach in Stücken Handkes gespielt.

Handke, Tschechow und die „Nachbilder bei geschlossenen Augen“

Sinnfragen und Schuhlöffelsammler

Publikum und Premierenfeier

Im aktuellen Text geht es auch um die Sinnfrage: „Wozu bloß bin ich geboren?“ „Ist der Sinn des Lebens der Schuhlöffelsammler?“ heißt es an einer anderen Stelle. „Die Wette des geglückten Lebens kannst du nur verlieren“, lautet eine weitere Sentenz. Galic, die Harzer im Stück „Mein Freund“ nennt – „durchaus mit süffisant-kritischem Unterton“ –, stellt sich als Stichwortgeberin, Dazwischenfragerin oder Rangel-Partnerin zur Verfügung.

Ein größeres Vergnügen – und doch „zielloser Streifzug“

Zitate, Schlager und ein Büroschrank

Ausblick

Handke greift in seinem Werk auch in die Schublade der Populärmusik: „Seltsam währt am längsten“ oder, einen Schlager der 1950er-Jahre zitierend: „Ach du liebe Zeit, keiner hat mehr für die Liebe Zeit.“ Wenn von der „Klemme zwischen Realität und Ideal“ die Rede ist, zwängen sich die beiden Schauspieler in einen aufgestellten Büroschrank. Anders als Goethes „Faust“, den Handke gegen Ende des Stücks zitiert, wolle er gar nicht mehr wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Regie und Inszenierung

„Es war im schönsten Sinn ein gemeinsames Mäendern durch das Stück“, beschreibt Wieler die Arbeit. Über weite Strecken rezitiert Harzer einen assoziativen Monolog: „Sein erster Gedanke galt dem zweiten, der sich nicht einstellen wollte.“ An anderer Stelle sinniert er: „Und nur nichts dramatisieren hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt, von vornherein.“ Auch der Regen kommt vor: „‚Meine Volksmusik‘ ist ‚das Einsetzen des Regens‘, heißt es auch einmal.“

Handke, Tschechow und die „Nachbilder bei geschlossenen Augen“

Auf der Bühne sind „keine Möbel außer einem ramponierten Büroschrank und einem kleinen Beistelltischchen“ zu sehen, berichten Augenzeugen. Die Erzählung erinnert mit ihrer „Steppe“-Anspielung an Tschechows gleichnamige Geschichte: „Und vorher, oder auch nachher noch, sah man ihn, wenn auch wie einen Schemen, ein ums andere Mal quer über die Steppe stolpern, aber kein Mensch kann eine Zeit sagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging.“ Ob es sich um „ein Gemahnen an die viel beschworenen ‚Nachbilder bei geschlossenen Augen‘“ handelt, bleibt offen.

Publikum und Premierenfeier

Das Zwei-Personen-Stück „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ aus der Feder von Peter Handke stieß auf der Publikumsseite auf großen Andrang. Unter den Gästen befand sich auch der deutsche Schauspieler Georg Uecker, bekannt aus der „Lindenstraße“, der den Besuch als Tradition bezeichnete: „Jedes Jahr ein Fixpunkt, ich weiß nur nicht wie lange schon, sagen wir eine Ewigkeit“. Mit den „zwei glänzenden Darstellern erlebt sein neues Stück eine erfolgreiche Premiere“.

Ein größeres Vergnügen – und doch „zielloser Streifzug“

„Dem ‚Kreuz-und-Quer-Gehenden‘ dabei zuzuschauen, war aber auch schon mal ein größeres Vergnügen“, schränkt eine Stimme ein. Insgesamt bleibe die Uraufführung ein „zielloser Streifzug“: „Der Literaturnobelpreisträger Peter Handke hat sich auf seinen Streifzügen irgendwo tief im Wald verirrt, wo nicht mal ein laues Lüfterl weht.“ Über das Premierenpublikum heißt es abschließend: „Es applaudiert kräftig, einzelne ‚Bravo‘-Rufe sind zu hören.“

Ausblick

Mit „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ legt Handke, der 2025 bereits das Erzählwerk „Sich ins Wort fallen“ veröffentlichte – der STANDARD berichtete –, sein 24. Bühnenstück vor. Die Koproduktion mit dem Berliner Ensemble ist im Programm der Salzburger Festspiele verankert; weitere Aufführungen im Lauf der Festspielsaison sind vorgesehen.