Österreichs Koalition einigt sich auf Wehrdienst-Modell "6+3" und freiwillige Zivildienst-Verlängerung
Salzburg, 27. Juli 2026
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Kurzfassung
Die österreichische Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS hat sich am Montag in Salzburg auf eine Reform des Wehrdienstes geeinigt. Kernstück ist das sogenannte 6+3-Modell mit sechs Monaten Grundwehrdienst und drei Monaten verpflichtenden Truppen- und Milizübungen. Der Zivildienst bleibt regulär bei neun Monaten, kann aber freiwillig um zwei Monate verlängert werden.
Die österreichische Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS hat am Montag beim Sommer-Ministerrat in der Schwarzenberg-Kaserne in Salzburg-Weitwörth eine Reform des Wehrdienstes vorgestellt, die am 1. Jänner 2027 in Kraft treten soll.
Das 6+3-Modell im Detail
Im Mittelpunkt des Kompromisses steht das sogenannte 6+3-Modell: Der bisherige Grundwehrdienst bleibt bei sechs Monaten, hinzu kommen drei Monate verpflichtende Truppen- und Milizübungen. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP), Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ), Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) und der Vorsitzende der Wehrdienstkommission, Erwin Hameseder, stellten das Ergebnis am Nachmittag in der Offiziersmesse der größten Kaserne des Bundesheeres vor. Stocker sprach von einem Modell, das dem Stufenmodell der Expertinnen und Experten folge. „Mit diesen Maßnahmen schützen wir unser Land und die Menschen in unserem Land“, sagte der Kanzler.
Die Truppenübungen sollen laut Regierung direkt im Anschluss an den Kern-Grundwehrdienst stattfinden, die nachgelagerten Milizübungen können über einen Zeitraum von zehn Jahren verteilt absolviert werden. Das Stufenmodell der Kommission hatte ursprünglich vorgesehen, dass innerhalb von 18 Monaten nach dem Grundwehrdienst eine zweimonatige geblockte Truppenübung und insgesamt 40 Tage Milizübung zu leisten sind. Die Wehrdienstkommission hatte zu Jahresbeginn sogar eine Ausweitung des Grundwehrdienstes auf acht Monate plus zwei Monate verpflichtende Milizübungen empfohlen.
Beim Zivildienst einigte sich die Koalition auf eine freiwillige Verlängerung um zwei Monate: Ab 1. Jänner 2027 können Zivildiener im Einvernehmen mit ihrer Einrichtung zeitlich flexibel zwei zusätzliche Monate absolvieren. „Die reguläre Dauer bleibt bei neun Monaten“, hieß es. „Hinzukommen zwei weitere Monate, die zunächst freiwillig absolviert werden können.“ Erst wenn sich zu wenige Grundwehrdiener finden, werden diese Zusatzmonate für Zivildiener im darauffolgenden Jahr verpflichtend.
Wehrdienst-Garantie ab 2028
Konkret greift ab 2028 eine sogenannte Wehrdienst-Garantie: Unterschreitet die jährliche Zahl der Grundwehrdiener 15.000 um mehr als 7,5 Prozent, wird der Zivildienst ab dem Folgejahr dauerhaft verpflichtend um zwei Monate verlängert (9+2). „Beim Zivildienst setzen wir zunächst auf Freiwilligkeit. Sollten sich allerdings zu wenige zur Verfügung stellen, greift ein gesetzlicher Automatismus“, sagte Stocker. Meinl-Reisinger ergänzte: „Beim Zivildienst setzen wir zunächst auf Freiwilligkeit … Wenn wir die nötigen Zahlen nicht durch Freiwilligkeit erreichen, bekennen wir uns dazu, ein Gesetz vorzulegen, das einen Automatismus vorsieht.“
Die Dauer des Zivildienstes war in den Verhandlungen der umstrittenste Punkt. Die ÖVP hatte sich ursprünglich dafür eingesetzt, den Zivildienst von neun auf zwölf Monate zu verlängern, damit der Grundwehrdienst gegenüber dem Zivildienst nicht an Attraktivität verliert. Die NEOS lehnten eine verpflichtende Verlängerung des Zivildienstes hingegen grundsätzlich ab und favorisierten ein Berufsheer beziehungsweise ein freiwilliges System nach skandinavischem Vorbild. „Anstelle ihn unattraktiver zu machen, um für ausreichend Rekruten für das Bundesheer zu sorgen, sei es sinnvoller den Wehrdienst zu attraktivieren“, argumentierte die liberale Partei.
Streitpunkt Zivildienst: ÖVP contra NEOS
Die SPÖ setzte auf moderatere Kompromissmodelle und brachte eine Variante von 6+2 Monaten in die Diskussion ein. Am Ende setzte sich das 6+3-Modell durch, das laut Hameseder dem Stufenmodell der Experten entspricht: „Das entspricht dem sogenannten Stufenmodell, das die Experten der Wehrdienstkommission vorgeschlagen haben.“ Der Wehrdienstkommissions-Vorsitzende wies darauf hin, dass die Kommission ihren Bericht bereits seit einem halben Jahr vorgelegt habe: „Das Ergebnis war kein politischer Wunschkatalog, sondern aus Sicht der Expertinnen und Experten ein fachlich fundierter Bericht mit 49 Empfehlungen und 41 Anreizen.“
Um den Grundwehrdienst attraktiver zu machen, soll die finanzielle Entschädigung von derzeit 600 Euro auf 1.000 Euro im Monat steigen. „Zudem sollen Rekruten künftig Urlaubstage erhalten“, kündigte die Regierung an. „Erstmals wird zudem ein Anspruch auf Urlaubstage eingeführt.“ Wie viele freie Tage vorgesehen sind, wurde noch nicht abschließend festgelegt.
Sicherheitslage als treibende Kraft
Die Koalition begründete die Reform mit einer veränderten Sicherheitslage. „Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, eine deutlich angespanntere Sicherheitslage in Europa sowie hybride Bedrohungen und Cyberangriffe haben den Druck auf das Bundesheer erhöht“, hieß es in Regierungsverlautbarungen. „Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert, besonders durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine“, sagte Stocker. Auch hybride Angriffe, Cyberbedrohungen, Angriffe auf kritische Infrastruktur sowie neue Herausforderungen in der Krisen- und Katastrophenvorsorge seien zu berücksichtigen.
Das Bundesheer kämpft nach Darstellung der Regierung seit Jahren mit Personalmangel und muss Rekruten in immer kürzerer Zeit ausbilden. Zugleich ist die Truppe regelmäßig im Inland im Einsatz, etwa bei Hochwasser, Lawinen oder an der Grenze. Mit der Reform soll das Bundesheer für künftige Aufgaben besser aufgestellt werden. „Leitprinzip sei die Stärkung des Wehrdienstes und der Landesverteidigung gewesen“, sagte der Kanzler.
Die Wehrdienstreform erfordert eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat, weshalb die Koalition auf Stimmen der Opposition angewiesen ist. „Die Koalitionsparteien werden im nächsten Schritt auf die Oppositionsparteien zugehen, um die für die Beschlussfassung notwendige Zweidrittelmehrheit im Parlament zu erreichen“, hieß es. Konkret sollen Gespräche mit der FPÖ und den Grünen aufgenommen werden. „Für die notwendigen Verfassungsänderungen braucht die Koalition zusätzlich Stimmen von FPÖ oder Grünen.“ Die ÖVP hatte im Vorfeld auch eine Volksbefragung ins Spiel gebracht.
Wissenschaftliche Evaluierung und Ausblick
Im ersten Halbjahr nach Inkrafttreten sollen wissenschaftlich begleitete Evaluierungen vorgenommen werden, um die Gründe für die Entscheidung für Wehr- oder Zivildienst qualitativ auszuwerten. Auch die Zivildienst-Verlängerung soll wissenschaftlich evaluiert werden. 2028 soll die Wehrdienstreform insgesamt evaluiert werden; je nach Ergebnis könnte der Zivildienst dann ebenfalls verpflichtend verlängert werden.
Begleitendes Social-Media-Verbot
Parallel zur Wehrdienstreform schickte die Bundesregierung am Montag auch das geplante Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren in Begutachtung. Der Gesetzesentwurf soll erstmals klare Regeln für den Zugang zu bestimmten Plattformen schaffen, die auf sogenannten „Sucht-Algorithmen“ basieren. Betroffen sind unter anderem TikTok, Instagram, YouTube und Snapchat. Messenger-Dienste wie WhatsApp sind nicht erfasst. Vorgesehen sind Alterskontrollen über zertifizierte Drittanbieter wie die ID Austria sowie empfindliche Strafen für Plattformbetreiber. „Mit diesen Maßnahmen schützen wir unser Land und die Menschen in unserem Land“, sagte Stocker.
Die Verhandlungen über die Wehrdienstreform hatten die österreichische Innenpolitik mehr als ein Jahr lang beschäftigt. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner hatte im Vorjahr eine Expertenkommission beauftragt, Konzepte für die Weiterentwicklung des Wehrdienstes zu erarbeiten. Mehr als ein Jahr lang hatten Vertreter des Bundesheeres und externe Fachleute an Reformvorschlägen gearbeitet. Die Kommission unter Vorsitz von Erwin Hameseder hatte ihren Abschlussbericht Ende Jänner vorgelegt.
Am Vormittag des Ministerrats wurde noch eifrig verhandelt, eine Einigung gab es vorerst keine. Stocker sprach anschließend von „sehr langen und intensiven Gesprächen“. Hameseder bezeichnete das Ergebnis als politischen Kompromiss: „Das löst bei mir keine Begeisterung aus … Aber die Einigung bringe das Bundesheer insgesamt deutlich voran.“ Der Entwurf wurde in die Begutachtung und zur EU-Kommission zur Notifikation geschickt.
Die Reaktionen innerhalb der Koalition fielen unterschiedlich aus. Von den drei Regierungsparteien unterstützte nur die ÖVP das ursprüngliche „Österreich plus“-Modell ohne Einschränkungen. NEOS-Parteivertreter wie Yannick Shetty betonten im ZIB2-Interview, das 6+3-Modell sei „was am schnellsten greift“ und entspreche dem skandinavischen Vorbild. Shetty wies die Kritik von NEOS-Mitgründer Veit Dengler, der aus der Partei ausgeschlossen worden war, zurück. Auch der frühere Verteidigungsminister Thomas Starlinger, der als Berater ins NEOS-geführte Außenministerium geholt worden war, hatte das Modell als „höchst verantwortungslos“ kritisiert. Shetty entgegnete: „Das nehme ich zur Kenntnis.“
Fragen & Antworten
Was sieht das neue österreichische Wehrdienst-Modell konkret vor?
Das sogenannte 6+3-Modell sieht sechs Monate Grundwehrdienst vor, ergänzt um drei Monate verpflichtende Truppen- und Milizübungen, die teilweise direkt im Anschluss und teilweise über zehn Jahre verteilt stattfinden. Die Reform soll am 1. Jänner 2027 in Kraft treten.
Wie wird der Zivildienst verändert?
Der reguläre Zivildienst bleibt bei neun Monaten. Ab 1. Jänner 2027 kann er freiwillig um zwei weitere Monate verlängert werden. Greift ab 2028 die Wehrdienst-Garantie – also weniger als 15.000 Grundwehrdiener pro Jahr –, wird diese Verlängerung verpflichtend.
Warum braucht die Reform Stimmen der Opposition?
Die Wehrdienstreform erfordert eine Zweidrittelmehrheit im österreichischen Nationalrat, weil damit Verfassungsänderungen verbunden sind. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS hat dafür nicht genügend Mandate und muss daher FPÖ oder Grüne ins Boot holen.