Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin der Wiener Hilfsorganisation neunerhaus und Obfrau der BAWO, erwartet einen weiteren Anstieg wohnungs- und obdachloser Menschen in Österreich und fordert eine ressortübergreifende Strategie der Bundesregierung sowie eine armutsfeste Mindestsicherung.

Lagebild und Forderungen

Hammer begründet ihre Warnung mit einer Mehrfachbelastung: Die Lebensmittel- und Energiepreise steigen, die öffentlichen Förderungen im Sozialbereich hielten nicht mit den Lohnanpassungen mit, und gleichzeitig nehme die Zahl befristeter Mietverträge zu. „In ihrem eigenen Haus jedenfalls halten die öffentlichen Förderungen nicht mit den Lohnanpassungen mit“, heißt es in der Stellungnahme. Befristete Verträge, „die laut Hammer immer ein Risiko mit sich bringen“, verschärften die Lage zusätzlich, weil sie kaum Planungssicherheit böten.

Die Hilfsorganisation neunerhaus sieht sich nach eigenen Angaben mit wachsender Komplexität der Fälle konfrontiert. „Die Menschen, die sich Hilfe suchen, hätten auch immer komplexere Problemlagen, was längere Beratungen erfordere“, erklärte Hammer. Ihre Grundhaltung sei klar: „Halb geholfen ist schlecht geholfen. Wir können in unseren Qualitäten nicht zurückgehen, wenn wir wollen, dass wir nachhaltig und wirksam helfen.“ Der Druck auf die Beratung steige, ohne dass die Mittel in gleichem Umfang mitwüchsen.

Auch klimatische Entwicklungen verschärfen die Situation. Hitzewellen wie Ende Juni stellten für Menschen ohne Wohnung eine besondere Belastung dar, chronische Wunden und Entzündungen verschlechterten sich, wie Hammer ausführt. Sie fordert deshalb „möglichst viele kühle Zonen ohne Konsumpflicht“, da „Menschen mit einer größeren Brieftasche können sich besser vor Hitze schützen“, etwa durch den Besuch klimatisierter Lokale. „Wir sehen einen Klimawandel im Sozialen, aber hoffentlich noch lange keine Klimakrise“, fasst Hammer die Lage zusammen.

BAWO fordert ressortübergreifende Strategie

Die BAWO, der Dachverband der Wohnungslosenhilfe, verlangt vom Bund eine ressortübergreifende Strategie zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit, „die auch die Situation von Frauen, jungen Erwachsenen und Menschen mit psychischen Problemen berücksichtigt“. Als zuständige Ministerien in der rot geführten Bundesregierung gelten Wohnen (Andreas Babler) und Soziales (Korinna Schumann). Hammer sieht grundsätzlich Offenheit, aber auch Defizite: „Die Bereitschaft ist bei allen da, aber es braucht eine höhere Priorisierung dieses Anliegens und eine Zurverfügungstellung der notwendigen Ressourcen.“

Ein zentraler Punkt ihrer Kritik ist die aktuelle Debatte um die Sozialhilfe. Hammer spricht von einer „Entsolidarisierungskampagne ohne Ende“ und sagt: „Ich empfinde … diese reine Berichterstattung rund ums Thema Sozialhilfe ohne eine Reform, die am Tisch liegt, eigentlich als eine Entsolidarisierungskampagne ohne Ende.“ Sie sei „insbesondere die Diskussion über die Sozialhilfe habe Hammer in den letzten Monaten schockiert“. Zugleich beobachtet sie wachsende Vorbehalte gegen Hilfsbedürftige: „Ressentiments gegenüber Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, würden stärker werden“ und die Politik mache „populistische Meter … auf dem Rücken von Menschen, die Hilfe brauchen“.

Debatte um Sozialhilfe

Hammer fordert daher eine „armutsfeste Mindestsicherung“ als „wesentlichen Teil“ der Antwort. Außerdem müsse rasch gehandelt werden, um einkommensschwache Haushalte zu entlasten: „Vor allem brauche es dringend Maßnahmen, dass die Wohnkosten für Menschen mit niedrigen Einkommen nicht weiter steigen.“ Denn die Faktenlage sei eindeutig: „Die Wohnkosten steigen – insbesondere in den niedrigen Mietsegmenten – höher als die Einkommen.“

Eine positive Entwicklung erkennt Hammer bei der neuen Wohnungsvergabe in Wien und der Verlängerung des Wohnschirms, den auch die Landesverwaltungen schätzten, wie sie betont. Der Wohnschirm könne allerdings nur so wirksam sein, wie es die allgemeine Wohnpolitik und die Einkommensentwicklung zuließen. „Ein großer Erfolg“ sei die Wiener Vergabe dennoch. Sie vermisse aber eine Analyse, „wer von den Einsparungen, um das Budget zu sanieren, am stärksten betroffen ist“. „Ich glaube, dass es eigentlich auch demokratiepolitisch geboten ist, da mehr Information zu haben, wie die Summe der einzelnen Einsparungen sich auswirkt auf reiche Menschen, auf den Mittelstand und auf Menschen mit niedrigen Einkommen“, so Hammer.

Wiener Wohnschirm als positives Beispiel

Vor diesem Hintergrund erwartet Hammer einen weiteren Anstieg der Betroffenenzahlen. „Allein vor diesem Hintergrund müssen wir damit rechnen, dass die Zahl wohnungs- und obdachloser Menschen weiter ansteigt“, sagte sie. Die Hilfswerke fordern Bund und Länder zugleich auf, ihre Mittel aufzustocken und Anlaufstellen gegen die Hitze zu schaffen, um die Lage der obdachlosen Menschen in den kommenden Sommern erträglicher zu machen.