Neue Karte zeigt digitale Abhängigkeit österreichischer Gemeinden von ausländischen Anbietern
Linz, 07. Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Forscher der Linzer Digital-Universität IT:U haben mit der Plattform „Municipalytics" eine interaktive Karte veröffentlicht, die zeigt, wie stark europäische Kommunen bei Webhosting und E-Mail-Diensten auf nicht-europäische Anbieter angewiesen sind. Demnach nutzen rund 87 Prozent der heimischen Gemeinden E-Mail-Dienste von Anbietern außerhalb Europas, während beim Webhosting etwa 60 Prozent im Inland liegen.
Forscher der Linzer Digital-Universität IT:U haben mit der interaktiven Plattform „Municipalytics" erstmals umfassend sichtbar gemacht, wie stark Städte und Gemeinden in Europa – und insbesondere in Österreich – bei Webhosting und E-Mail-Diensten auf Anbieter außerhalb Europas angewiesen sind.
Eine Karte macht 95.500 Kommunen sichtbar
Die am Montag vorgestellte Plattform „Municipalytics" bündelt nach Angaben des Forschungsteams Daten zu rund 95.500 Kommunen in 30 europäischen Ländern und macht deren digitale Infrastruktur auf einer Karte durchsuchbar. „Überraschend war der große Unterschied zwischen den europäischen Ländern. Österreich liegt irgendwo in der Mitte", erklärte Forschungsleiter Florian Holzbauer. Für die Karte wurden demnach Eurostat-Daten mit rund 89.000 Wikidata-Einträgen zu kommunalen Websites kombiniert.
Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Blick auf einzelne Länder. Während in Deutschland nur bei rund 20 Prozent der Gemeinden ein E-Mail-Anbieter von außerhalb der eigenen Grenzen im Spiel ist und die Website-Hosting-Infrastruktur hier zu 97 Prozent im Inland liegt, ist die Lage in Irland fast spiegelverkehrt: Nur 14 Prozent der Gemeinde-Websites werden dort im Inland gehostet. Holzbauer betonte: „In Deutschland und Polen wird viel im eigenen Land gehostet. Überraschend war, dass es da einen kompetitiven Markt und viele regionale Anbieter gibt, an die sich die Gemeinden wenden".
Großes Gefälle zwischen den Ländern
Für Österreich zeigt die Auswertung ein differenziertes Bild. Beim Hosting von Gemeinde-Websites liegt der Anteil inländischer Anbieter bei rund 60 Prozent – verglichen mit Irland also deutlich höher, verglichen mit Deutschland aber niedriger. Bei den E-Mail-Diensten klafft die Lücke jedoch weit: Nur 13 Prozent der in heimischen Städten und Gemeinden genutzten E-Mail-Dienste stammen demnach ausschließlich von europäischen oder heimischen Anbietern. Insgesamt greifen rund 87 Prozent der österreichischen Kommunen bei Mail-Diensten auf nicht-europäische Anbieter zurück.
Noch ausgeprägter ist die Abhängigkeit im Norden Europas. In Finnland nutzen 99 Prozent der Gemeinden nicht-inländische E-Mail-Anbieter, was Holzbauer vor allem auf den hohen Anteil von Microsoft-Diensten zurückführt. „Im Norden ist Microsoft bei Mail-Diensten sehr stark im Einsatz. Wenn man ein E-Mail an eine Gemeinde schickt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Nachricht in der Microsoft Cloud landet", sagte Holzbauer.
Digitale Souveränität unter Druck
Nach Einschätzung der IT:U-Forscher ist diese Konzentration kein rein technisches Problem, sondern berührt Fragen der digitalen Souveränität. „Jetzt sind die Konsequenzen durch die Eingriffe der US-Regierung, etwa dass Menschen von den Services ausgeschlossen und Daten weitergegeben wurden, stärker spürbar", sagte Holzbauer mit Blick auf die Erfahrungen aus dem politischen Umfeld der vergangenen Jahre. Werde mindestens ein nicht-europäischer Anbieter identifiziert, weise die Karte eine Abhängigkeit aus – auch wenn in der Praxis weitere, möglicherweise heimische Anbieter genutzt würden.
Trotz der mahnenden Befunde sehen die Forscher auch Anknüpfungspunkte. Das Hosting-Modell in Deutschland und Polen, wo ein wettbewerbsintensiver Markt mit vielen regionalen Anbietern existiere, zeige, dass Alternativen möglich seien. Holzbauer strich hervor: „Das ist dann auch sehr resilient, weil öffentliche Einrichtungen mehr Kontrolle über ihre Daten und die digitale Infrastruktur behalten". Voraussetzung sei allerdings, dass europäische Lösungen langfristig mit den globalen Konzernangeboten mithalten könnten.
Europäische Alternativen als Vorbild
„Es seien aber erhebliche Anstrengungen von Politik und Wirtschaft notwendig, um europäische Lösungen auf das Niveau globaler Anbieter zu bringen", sagte Holzbauer. Über Jahre hinweg hätten für öffentliche Stellen vor allem Kosten und Bequemlichkeit im Vordergrund gestanden – die geopolitischen Risiken seien dabei oft ausgeblendet worden. Die neue Plattform solle hier eine empirische Grundlage liefern, an der sich politische Entscheidungen künftig orientieren können.
Auch strukturelle Muster lassen sich aus den Daten ablesen. Demnach greifen Kommunen in Osteuropa und Teilen Mitteleuropas überdurchschnittlich häufig auf heimische Infrastruktur zurück, während Städte und Gemeinden in Nord- und Westeuropa stärker auf extern kontrollierte Ökosysteme zugreifen. Webhosting weist dabei europaweit einen höheren europäischen Anteil auf als E-Mail-Dienste, weil Gemeinde-Websites häufiger lokal betrieben würden.
Erwartungen an Politik und Verwaltung
Für die Zukunft rechnet Holzbauer mit einer stärkeren Steuerung durch die jeweiligen nationalen Ebenen. „In Zukunft wird vermutlich häufiger von den Ländern vorgegeben, welche Dienste die Gemeinden nutzen dürfen", sagte der Forschungsleiter. Damit würden Beschaffungsentscheidungen kommunaler Verwaltungen künftig weniger eine rein lokale Frage sein, sondern zunehmend von Vorgaben aus den Landesregierungen geprägt.
Mit der Plattform „Municipalytics" steht nach Angaben des IT:U-Teams erstmals eine interaktive, datenbasierte Grundlage bereit, um die Debatte über digitale Souveränität jenseits abstrakter Grundsatzdiskussionen zu führen. Die Karte mache sichtbar, wo Europa bei digitaler Infrastruktur handlungsfähig sei – und wo nicht.
Insgesamt zeichnen die Forscher ein Bild wachsender, aber sehr ungleich verteilter Abhängigkeiten. Österreich schneidet im europäischen Vergleich weder besonders schlecht noch besonders gut ab. Die 60 Prozent inländisches Hosting bei Websites und die 13 Prozent europäische E-Mail-Dienste gelten innerhalb des IT:U-Teams als Ausgangspunkt für eine Diskussion, die bisher vor allem in Fachkreisen, künftig aber auch in der breiten Öffentlichkeit geführt werden müsse.
Die Forscher verweisen zugleich darauf, dass die Bewertung bewusst streng ausfällt: Schon ein einziger identifizierter Anbieter außerhalb der EU führe zur Markierung als „abhängig" auf der Karte. Damit werde der worst case abgebildet, nicht zwingend die gesamte Praxis einer Gemeinde. Die Plattform sei als kontinuierlich aktualisierbares Forschungsinstrument angelegt, das mit weiteren Indikatoren – etwa zu Cloud-Diensten oder Datenspeicherung – ausgebaut werden solle.
Fragen & Antworten
Wer steht hinter der Plattform „Municipalytics"?
Hinter der Plattform steht ein Forschungsteam der Linzer Digital-Universität IT:U unter der Leitung von Florian Holzbauer, das Daten zu rund 95.500 Kommunen in 30 europäischen Ländern ausgewertet hat.
Wie abhängig sind österreichische Gemeinden von nicht-europäischen Anbietern?
Rund 87 Prozent der österreichischen Kommunen nutzen E-Mail-Dienste von Anbietern außerhalb Europas, nur 13 Prozent greifen ausschließlich auf europäische oder heimische Anbieter zurück. Beim Website-Hosting liegt der Inlandanteil immerhin bei etwa 60 Prozent.
Welche politischen Folgen erwartet die Studie?
Forschungsleiter Florian Holzbauer erwartet, dass künftig stärker von den Ländern vorgegeben wird, welche digitalen Dienste Gemeinden nutzen dürfen, und dass europäische Alternativen mit politischer und wirtschaftlicher Unterstützung gestärkt werden müssen.
Digitale Souveränität: Österreichs Gemeinden im Ausland | nachrichten360