Nächtliche Doping-Kontrollen bei der Tour de France: Vaughters lobt neue Kontrollpraxis
Paris, 21. Juli 2026
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Kurzfassung
Bei der laufenden Tour de France sind Spitzenfahrer wie Jonas Vingegaard und Tadej Pogačar mitten in der Nacht zu Doping-Tests geweckt worden. Der frühere US-Radprofi und heutige Teammanager Jonathan Vaughters verteidigt die Praxis als wirksames Mittel gegen Mikrodosieren. Kritiker sehen dagegen die Regeneration der Athleten gefährdet.
Im Rahmen der laufenden Tour de France sind Spitzenfahrer um zwei und um fünf Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen und zu Blutkontrollen gebeten worden; der frühere US-Profi Jonathan Vaughters verteidigt die nächtlichen Tests als wirksames Mittel gegen Mikrodosieren.
Die Tour de France 2026 sorgt mit einer bislang selten angewandten Kontrollpraxis für Aufsehen. In der Nacht vor der schweren Bergetappe zum Plateau de Solaison klingelten Doping-Kontrolleure an den Türen der beiden Top-Favoriten: Spitzenreiter Tadej Pogačar wurde um 2.00 Uhr aus dem Schlaf gerissen, sein erster Verfolger Jonas Vingegaard um 5.00 Uhr. Beide mussten sich Blutproben unterziehen. Wie die französische Sportzeitung "L'Équipe" berichtet, war die Anfrage bei einem Richter zuvor von der International Testing Agency (ITA) eingereicht worden, die im Auftrag des Radsport-Weltverbands UCI für die Integrität des Sports verantwortlich zeichnet.
Rechtlicher Rahmen der Nachtkontrollen
Rechtlich bewegt sich die Aktion auf neuem Terrain. Nächtliche Doping-Kontrollen sind zwar seit 2016 grundsätzlich erlaubt, unterliegen aber strengeren Richtlinien als Tests am Tag. Wie ein Sprecher der zuständigen Behörde erläuterte, muss ein Richter das Vorliegen "schwerwiegender und übereistimmender Verdachtsmomente" prüfen, wonach der betreffende Radrennfahrer gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen hat oder dies unmittelbar bevorsteht. Zudem muss der Richter feststellen, ob die "Gefahr eines Beweisverlusts" besteht. Diese Nachricht wurde am 21.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Nach den ersten Kontrollen weitete sich die Praxis am Ruhetag der Tour aus. Am Montagabend erschienen Doping-Kontrolleure gegen 22.00 Uhr beim Red-Bull-Team mit Florian Lipowitz und Remco Evenepoel, beim Decathlon-CMA-CGM-Team um den französischen Jungstar Paul Seixas sowie bei Groupama, Picnic PostNL, Jayco-AlUla und Bahrain-Victorious. Ein Sprecher des Red-Bull-Teams bestätigte dies gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Auch bei Red Bull wurden Fahrer kontrolliert, die bereits schliefen, wie Teamchef Ralph Denk im ZDF erklärte.
Kontrollwelle am Ruhetag
Unterstützung erhält die neue Kontrollpraxis aus ungewohnter Ecke: Jonathan Vaughters, einst selbst als Doping-Sünder auffällig geworden und heute Teammanager beim AG2R Citroën-Team, warb auf der Plattform X für die ungewöhnlichen Tests. "Nachttests sind eine der effektivsten Methoden, um das Mikrodosieren von Peptiden (EPO, hGH) und Testosteron zu verhindern", schrieb Vaughters. Zugleich gab er sich selbstkritisch: "Hätte die UCI uns 2001 um 2 Uhr nachts getestet? Wir wären alle suspendiert worden und hätten dem Sport 25 Jahre Drama erspart." Der frühere Teamkollege von Lance Armstrong fügte hinzu: "Es ist bedauerlich, dass Tadej und Jonas für den Scheiß büßen müssen, den wir verbrochen haben. Ich sollte mich ehrlich gesagt bei beiden entschuldigen."
Vaughters verwies zudem auf die Hintergründe des aktuellen Vorgehens. "Es gibt Dopingmittel, die nur etwa drei Stunden im Blutkreislauf verbleiben", schrieb er. Substanzen mit derart kurzer Nachweisbarkeit seien tagsüber kaum mehr aufzuspüren, weshalb nur unangekündigte Kontrollen in den frühen Morgenstunden eine Chance böten, sie zu entdecken. "Wenn es tatsächlich Dopingmittel gibt, die nur drei Stunden im Blut bleiben, könnte das verlockend sein", hatte zuvor bereits der belgische Radprofi Oliver Naesen in diese Richtung argumentiert.
Kritik aus dem Peloton
Der Belgier Naesen, der bei dieser Tour de France nicht im Einsatz ist, berichtete im Podcast der belgischen Zeitung "Het Laatste Nieuws" über mögliche Hintergründe. Er habe gehört, dass die Kontrolleure konkret nach Wachstumshormonen suchten. "Ich habe gehört, dass sie nach Wachstumshormon suchen. Das hörte ich zum ersten Mal – also die Jagd nach Wachstumshormon", sagte Naesen. Er ergänzte: "Und doch habe ich keinerlei Kenntnis davon, dass es im Peloton Doping gibt." Zur Frage nach den Belastungen sagte er: "Kontrollen um 2.00 Uhr nachts seien extrem. Ich finde, es muss Grenzen geben, was man einem Athleten zumuten kann."
Auch innerhalb der betroffenen Teams fällt das Echo zwiegespalten aus. Ralph Denk, Teamchef bei Red Bull-Bora, verteidigte die Kontrollen im ZDF: "Es hindert natürlich schon die Regeneration, aber auch wir sind heute Nacht besucht worden, die Rennfahrer haben zum Teil schon geschlafen und haben die Kontrollen mitgemacht." Weiter sagte er: "Es sorgt dafür, dass unser Sport glaubhaft ist, dass er sauber ist und deswegen gehört es auch dazu." Denk verwies zudem auf die sportgeschichtliche Verantwortung: "Primär haben wir eine schwarze Vergangenheit im Radsport und deswegen ist es gut, dass hier kontrolliert wird."
Stellungnahme der ITA
Die ITA selbst äußerte sich über die Nachrichtenagentur AP: "Die ITA trägt jedoch im Auftrag der UCI (Radsport-Weltverband) die Verantwortung dafür, die Wirksamkeit des Anti-Doping-Programms im Radsport sowie die Integrität der Radrennen zu gewährleisten", teilte sie mit. Zugleich räumte die Agentur ein, dass nächtliche Kontrollen die Ruhe und Erholung der Fahrer beeinträchtigen könnten. "Die Tour de France ist ein Wettbewerb, der außergewöhnliche körperliche Leistungen verlangt. Schlaf und Regeneration sind nicht nur für die Leistungsfähigkeit, sondern auch für die Gesundheit und Sicherheit der Fahrer von entscheidender Bedeutung", hieß es. Die Praxis stehe damit in einem Spannungsverhältnis zu den eigentlichen Zielen der Anti-Doping-Arbeit.
Rechtlich müssen nächtliche Kontrollen zudem die Verhältnismäßigkeit wahren: Zwischen dem Eingriff in die Rechte der Athleten und den Zielen der Anti-Doping-Durchsetzung muss eine angemessene Balance bestehen. Es handelt sich nach Angaben aus dem Umfeld der ITA um die erste Anwendung der 2015 in französisches Recht eingeführten Bestimmungen in dieser Form. Reguläre Dopingtests finden in der Regel zwischen 6.00 und 23.00 Uhr statt. Die ITA wies zudem darauf hin, dass die Kontrollen letztlich im Sinne der Athleten seien, da sie die Glaubwürdigkeit des Sports sicherten.
Die Kontroverse fiel in eine ohnehin schon turbulente Phase der Frankreich-Rundfahrt. Nur einen Tag nach der nächtlichen Kontrolle kam es für Jonas Vingegaard zum Schlimmsten: Der Doppelsieger der Jahre 2023 und 2024 stürzte schwer und musste die Tour de France am Ende der 15. Etappe mit einem gebrochenen Schlüsselbein aufgeben. Das Red-Bull-Team bestätigte den Ausstieg. Der Vorfall lenkte die öffentliche Debatte zusätzlich auf die Frage, wie viel Belastung den Fahrern in der entscheidenden Phase des Rennens zugemutet werden darf – zumal Spitzenreiter Tadej Pogačar das Gelbe Trikot trägt.
Auswirkungen auf den Rennverlauf
Insgesamt zeichnet sich ab, dass die nächtlichen Kontrollen die laufende Tour de France nachhaltig prägen werden. Während Befürworter wie Vaughters darin ein lange überfälliges Instrument zur Bekämpfung von Mikrodosierung sehen und auf die historische Glaubwürdigkeitskrise des Radsports verweisen, warnen Kritiker wie Naesen vor einer zu starken Belastung der Athleten. Die kommenden Etappen werden zeigen, ob die neue Kontrollpraxis Schule macht – und ob die juristisch erstmalig angewandten Regelungen auch in künftigen Rennen eine Rolle spielen werden.
In den sozialen Medien und Fachforen sorgten die Berichte über die nächtlichen Kontrollen für intensive Diskussionen. Befürworter argumentieren, dass nur ein konsequentes, auch unangenehmes Vorgehen das Vertrauen in den Radsport wiederherstellen könne. Kritiker betonen hingegen, dass Schlafentzug die Gesundheit der Sportler gefährde und damit kontraproduktiv wirke. Die kommenden Tage könnten weitere Erkenntnisse bringen, da die zuständigen Behörden bisher keine Verstöße bekanntgegeben haben.
Fragen & Antworten
Wer ist Jonathan Vaughters und warum äußert er sich zu den Nachtkontrollen?
Jonathan Vaughters ist ein ehemaliger US-Radprofi und heutiger Teammanager, der in seiner aktiven Zeit selbst mit Doping-Verstößen auffiel. Er verteidigt die nächtlichen Kontrollen als wirksames Mittel gegen Mikrodosieren und entschuldigte sich bei Pogačar und Vingegaard für die Doping-Vergangenheit der Branche.
Welche rechtlichen Voraussetzungen gelten für eine nächtliche Doping-Kontrolle?
Seit 2016 sind Nachtkontrollen möglich, wenn ein Richter schwerwiegende Verdachtsmomente sowie eine Gefahr des Beweisverlusts feststellt. Zudem muss die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Eingriff in die Rechte des Athleten und dem Ziel der Anti-Doping-Durchsetzung gewahrt bleiben.
Was geschah mit Jonas Vingegaard nach der nächtlichen Kontrolle?
Nach der Kontrolle um 5.00 Uhr morgens stürzte Jonas Vingegaard am folgenden Tag schwer und musste die Tour de France mit einem gebrochenen Schlüsselbein aufgeben. Damit schied der Doppelsieger der Jahre 2023 und 2024 vorzeitig aus.
Tour de France: Nächtliche Doping-Kontrollen und das Echo | nachrichten360