Mutmaßlicher Brandanschlag auf Umspannwerk in Reutlingen: Ermittler prüfen politisches Motiv
Reutlingen, 10. Juni 2026
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Kurzfassung
Nach einem Großbrand im Umspannwerk Reutlingen-West war ein großer Teil der Stadt zeitweise ohne Strom, ein Krankenhaus war betroffen. Die Ermittler gehen inzwischen von einem Brandanschlag aus und prüfen Verbindungen zu früheren Angriffen auf die Energieinfrastruktur in Berlin.
Nach einem nächtlichen Großbrand im Umspannwerk Reutlingen-West waren am Wochenende rund 40.000 Menschen und etwa 7.600 Gebäude vorübergehend ohne Strom, während die Ermittler Hinweise auf einen Brandanschlag prüfen.
Brand in der Nacht und schnelle Reaktion der Stadt
In der Nacht auf Montag hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt, so dass dieses ausfiel und eine weitere Anlage in Mitleidenschaft zog. Nach Angaben von Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU) waren etwa 7.600 Gebäude und rund 40.000 Menschen von dem Stromausfall betroffen. Auch ein Krankenhaus war zeitweise ohne Versorgung.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte im ZDF, die Behörden gingen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Brandanschlag aus. „Wir gehen davon aus, dass es sich hier aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Brandanschlag handelt“, erklärte Dobrindt. Er betonte zugleich, dass nun in alle Richtungen ermittelt werde: „Jetzt geht es darum, dass man in alle Richtungen weiter ermittelt, um die Grundlage dieses Brandanschlags und die Täter entsprechend auch zu ermitteln“, sagte der CSU-Politiker.
Ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) in Stuttgart erklärte, es gebe Anzeichen, dass ein Brandbeschleuniger benutzt wurde. Ermittler konnten demnach einen möglichen Brandbeschleuniger am Brandort sichern. Die Spurensicherung, an der auch ein Brandmittelspürhund beteiligt war, sei noch nicht abgeschlossen.
Spurensicherung: Hinweise auf Brandbeschleuniger
Wie die Stadt Reutlingen mitteilte, konnte die Stromversorgung in Teilen der Innenstadt sowie in einem Krankenhaus rasch wiederhergestellt werden. Bereits am Montagnachmittag seien große Teile der Privathaushalte in den Stadtteilen Betzingen und Ohmenhausen sowie Schulen und Kindergärten in diesen Bereichen wieder ans Netz gegangen, hieß es von der Stadtverwaltung.
Am Dienstagmittag seien „nahezu alle betroffenen Privathaushalte provisorisch wieder mit Strom versorgt“ gewesen, teilte die Stadt auf ihrer Website mit, auch das Krankenhaus. 99 Prozent der privaten Haushalte waren laut Stadt wieder angeschlossen. Betroffen blieben jedoch rund 50 Mittelspannungskunden, die über das Umspannwerk Reutlingen-West Strom beziehen, darunter etwa 50 Gewerbebetriebe in einem Reutlinger Gewerbegebiet sowie eine Tankstelle.
Die Versorger Netze BW und FairNetz arbeiteten „mit Hochdruck“ an einer Lösung. Allerdings werde die Versorgung für die verbleibenden Gewerbebetriebe „nicht vor morgen Abend wiederhergestellt sein“, hieß es. Die Reparaturarbeiten im Netz liefen unverändert intensiv weiter, das Ziel sei, die reguläre Versorgung schnellstmöglich wiederherzustellen. Netze BW zufolge werden die Unternehmen in Reutlingen ab Mittwoch wieder mit Strom versorgt.
Versorgung wiederhergestellt, Gewerbe weiter ohne Strom
Am Umspannwerk Reutlingen-West sind nach Angaben von Netze BW beide Transformatoren derzeit beschädigt, für eine vollständige Versorgung wird mindestens ein funktionsfähiger Transformator benötigt. Richard Huber, bei Netze BW zuständig für die systemübergreifende Infrastruktur, sagte: „Hoffentlich ist die Vollversorgung morgen wiederhergestellt“. Die vollständige Behebung der Schäden werde Monate dauern, wobei die Kunden davon nichts bemerken sollen.
Innenminister Hagel kündigte an, die Ermittlungen würden mit Nachdruck geführt. „Unsere Ermittlungsgruppe wird jeden einzelnen Stein umdrehen, und wir werden den Täter auch mit aller Härte zur Rechenschaft ziehen“, sagte Hagel. Zur Unterstützung der laufenden Ermittlungen sei eine Ermittlungsgruppe „Fischer“ gegründet worden.
Die Ermittlungen liegen nach Auskunft von Innenminister Hagel beim Staatsschutz und beim Antiterrorismuszentrum beim LKA in Stuttgart. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führt das Verfahren wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandlegung und der Störung öffentlicher Betriebe. Hinweise auf Tatverdächtige oder ein Motiv lägen bislang nicht vor, teilte das LKA mit: „Hinweise zu möglichen Tatverdächtigen oder Motiven liegen aktuell noch nicht vor.“
Ermittlungen unter Federführung des LKA Stuttgart
Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) äußerte sich zurückhaltender als Bundesinnenminister Dobrindt und wollte sich nicht auf die Formulierung „Brandanschlag“ oder eine linksextremistische Einordnung festlegen. „Die Vorstellung, dass wir alle Umspannwerke quasi von der Öffentlichkeit abschirmen, die ist kaum durchsetzbar“, sagte Özdemir. Zugleich hob er hervor, die Strategie in Reutlingen habe sich bewährt, weil die Versorgung von Menschen und vulnerablen Gruppen klar prioriisiert worden sei.
Die Vorgehensweise deute nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur auf linksextremistische Täter hin und weise Parallelen zu entsprechenden Taten in Berlin auf. Bundesinnenminister Dobrindt sagte, die Vorgehensweise in Reutlingen erinnere an frühere Brandanschläge. Konkrete Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht, hieß es aus Ermittlerkreisen.
Zur Erhöhung der Polizeipräsenz an kritischer Infrastruktur und in den weiterhin betroffenen Gebieten wurde eine Einsatzhundertschaft der Polizei nach Reutlingen verlegt. „Eine Einsatzhundertschaft der Polizei sei nach Reutlingen verlegt worden, um Polizeipräsenz zu zeigen an kritischer Infrastruktur und den Bereichen, in denen es immer noch keinen Strom gebe“, hieß es. Die Polizei bleibe zudem über Nacht im Einsatz, um Plünderungen in den betroffenen Bereichen zu verhindern.
Auch die Wirtschaft war von dem Ausfall betroffen. Mitarbeiter des Bosch-Werks in Kusterdingen arbeiteten nach Möglichkeit von zu Hause, im Bosch-Werk in Reutlingen lief der Betrieb unter Anwesenheit der Belegschaft schrittweise wieder an. Die Reutlinger Feuerwehr war seit Beginn des Stromausfalls durchgehend im Einsatz, die Führungsstaffel arbeitete über Nacht und plante vorsorglich Notstromversorgungen für mögliche weitere Ausfälle.
Polizeipräsenz und wirtschaftliche Folgen
Die Folgen blieben insgesamt begrenzter als bei einem vergleichbaren Vorfall in Berlin. Nach dem ersten Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe ohne Strom. Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Der Ausfall im September 2025 dauerte rund 60 Stunden, alle Haushalte waren am Nachmittag des 11. September wieder am Netz.
Parallelen zu den Berliner Anschlägen auf die Strominfrastruktur
Beim Berliner Anschlag im Januar herrschte eisige Kälte und es lag Schnee – und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels.
Netze BW erklärte, ein vollständiger Schutz gegen gezielte Sabotage sei vermutlich nicht erreichbar, Schutzmaßnahmen gegen vorsätzliche Angriffe auf Umspannwerke seien bislang keine Anforderung gewesen, müssten aber künftig verstärkt werden. Sicherheitsdienste an Umspannwerken seien derzeit nicht geplant, entsprechende Kostenfragen müssten politisch geklärt werden.
Schadenshöhe und Debatte über Schutzmaßnahmen
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur entstand durch den Brand und den Stromausfall in Reutlingen ein Schaden von mehreren Millionen Euro. Eine genaue Bezifferung der Reparaturkosten sei noch nicht möglich, hieß es von Netze BW, der Schaden werde aber „in Millionenhöhe“ liegen.
Reutlingen hat insgesamt knapp 120.000 Einwohner und liegt am Fuße der Schwäbischen Alb. Vom Stromausfall betroffen waren auch Teile der benachbarten Gemeinden Wannweil und Kirchentellinsfurt. Große Teile der Wohngebiete in Kirchentellinsfurt und Wannweil sowie einzelne Gewerbegebiete wurden nach Angaben von Netze BW provisorisch wieder versorgt. Wann die Stromversorgung in Reutlingen vollständig wiederhergestellt sein wird, blieb zunächst unklar.
Bundesinnenminister Dobrindt erklärte, das Vorgehen in Reutlingen erinnere an frühere Brandanschläge. Das LKA kündigte an, alle Spuren würden nun ausgewertet. „Wir ermitteln ergebnisoffen weiter“, sagte ein LKA-Sprecher – eine politische Einordnung oder ein Bekennerschreiben lägen bislang nicht vor. Die Berliner Angriffe vom September 2025 und vom Januar werden linksextremistischen Tätern zugerechnet.
Fragen & Antworten
Was ist im Umspannwerk Reutlingen-West passiert?
In der Nacht auf Montag brach im Umspannwerk Reutlingen-West ein Brand aus, durch den das Umspannwerk ausfiel und eine weitere Anlage beschädigt wurde. Rund 7.600 Gebäude und etwa 40.000 Menschen waren zeitweise ohne Strom, auch ein Krankenhaus war betroffen.
Wer ermittelt in dem Fall?
Die Ermittlungen liegen beim Staatsschutz und beim Antiterrorismuszentrum des Landeskriminalamts (LKA) in Stuttgart; die Staatsanwaltschaft Stuttgart führt das Verfahren wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandlegung und der Störung öffentlicher Betriebe.
Welche Hinweise gibt es auf ein politisches Motiv?
Ein LKA-Sprecher sagte, es gebe Anzeichen für die Verwendung eines Brandbeschleunigers; konkrete Hinweise auf Täter oder ein Motiv lägen aber nicht vor. Die Vorgehensweise weise nach Informationen der dpa Parallelen zu Berliner Anschlägen auf, die linksextremistischen Tätern zugerechnet werden.
Brandanschlag Reutlingen: Stromausfall durch Feuer im | nachrichten360