Mehr Betretungsverbote in Niederösterreich: 1.411 Fälle im ersten Halbjahr 2026
St. Pölten, 30. Juni 2026
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Kurzfassung
In Niederösterreich sind im ersten Halbjahr 2026 bereits 1.411 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen worden, ein Plus von rund 17 Prozent. Landespolizeidirektor Franz Popp und Neustart-Geschäftsführer Alexander Grohs sehen einen anhaltend hohen Bedarf an Präventionsarbeit.
In Niederösterreich sind im ersten Halbjahr 2026 bereits 1.411 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen worden, ein Anstieg von rund 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Zahlen auf Vorjahresniveau
Wie Landespolizeidirektor Franz Popp am Dienstag bei einer Pressekonferenz zum Thema Gewaltschutz in Niederösterreich erklärte, wurden zwischen 1. Jänner und 30. Juni 2026 in Niederösterreich 1.411 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen. Gegenüber demselben Zeitraum im Jahr 2025 ist die Zahl dieser Verbote um 201 bzw. um 16,6 Prozent angestiegen. Damit bewege man sich wieder auf das Niveau der Jahre 2023/2024 zu, sagte Popp.
Im Bereich der Gewaltprävention ist im ersten Halbjahr sowohl die Anzahl der aktenkundig gewordenen Gefährder als auch die Zahl der ausgesprochenen Betretungs- und Annäherungsverbote um rund 17 Prozent angestiegen. Bei den ausgesprochenen Betretungs- und Annäherungsverboten sank die Anzahl von 2.795 im Jahr 2024 auf 2.561 im Vorjahr. Heuer waren es bis Ende Juni aber schon 1.411.
Die Anzahl der Gefährder entwickelte sich von 2.309 im Jahr 2023 über 2.345 (2024) auf 2.117 im Vorjahr. Heuer waren es bis Ende Juni aber schon 1.112. Popp sagte: "Betrachtet man die Entwicklung der Zahlen über einen längeren Zeitraum, zeigt sich ein kontinuierliches Ansteigen der Fälle". Warum im Vorjahr die Fallzahlen in diesem Bereich um rund 8 bis 10 Prozent zurückgingen und heuer wieder auffällig ansteigen, könne man nicht erklären, sagte Popp.
Hintergrund: Wann greift das Gesetz?
Betretungs- und Annäherungsverbot könne nicht nur nach dem Verüben von körperlicher Gewalt verhängt werden, sondern bereits, dann wenn Polizeibeamtinnen und -beamte eine "drohende Gefahr gegen Leben, Gesundheit und Freiheit" wahrnehmen. Bei zwei Drittel der Fälle, in denen ein Betretungs- und Annäherungsverbot verhängt wird, handelt es sich um das Verhältnis Partner/Partnerin bzw. Ex-Partner/Ex-Partnerin. Ein Viertel der Fälle betreffe Generationengewalt, also die Gewalt, die Eltern an ihren Kindern ausüben bzw. Kinder an ihren Eltern ausüben.
Als wesentlichen Partner der Gewaltschutzbemühungen nannte der Polizeichef den Verein Neustart. Der Verein arbeitet eng mit der Polizei in Niederösterreich zusammen. Neustart-Geschäftsführer Alexander Grohs berichtete, seine Einrichtung habe im Juni seit dem Start der Beratungsarbeit im Jahr 2021 bereits 10.000 Gewaltpräventionsberatungen in NÖ durchgeführt. Im Juni 2026 habe der Verein Neustart seit seinem Start insgesamt 10.000 Gefährderinnen und Gefährder erreicht.
Neustart als zentraler Partner
Personen, gegen die ein Betretungs- und Annäherungsverbot verhängt wurde, werden verpflichtend an die Gewaltpräventionsberatung des Vereins Neustart vermittelt. Nachdem ein solches Verbot verhängt wurde, haben die Gefährderinnen und Gefährder fünf Tage Zeit, sich bei der Beratungsstelle zu melden. Deren Therapeuten und Sozialfachkräfte leiten die verpflichtenden sechsstündigen Gewaltpräventionsberatungen, die weggewiesene Personen binnen zwei Wochen absolvieren müssen. Innerhalb von 14 Tagen müsse die erste Beratung erfolgen, schilderte Grohs. Verpflichtend seien insgesamt sechs Stunden Beratung.
Rund 20 Vollzeitkräfte seien niederösterreichweit in acht Stützpunkten, aber auch in Kliniken oder Haftanstalten mit dieser Beratungsarbeit beschäftigt. In ganz Niederösterreich habe Neustart acht Standorte. Auch Franz Popp unterstrich die Wichtigkeit des Themas Gewaltschutz in der Polizeiarbeit. Jährlich müssen über 2.000 Gefährder zum Präventionstraining.
Alexander Grohs, Leiter des Vereins "Neustart", ergänzte: "Ziel der Beratung ist es, dass die Gewalt eingestellt wird, Ursachen der Gewalt geklärt und Lösungswege aufgezeigt werden. Die Expertinnen und Experten möchten eine Veränderungsmotivation erzeugen". 90 Prozent der als Gefährder eingestuften Personen seien Männer, berichtete Grohs. 90 Prozent der Gefährder seien männlich. Eine klare Mehrheit seien Österreicher oder EU-Bürger. 50 Prozent von ihnen gehören der Altersgruppe zwischen 31 und 50 Jahren an.
Profile der Gefährder
Zwei Drittel der Vorfälle passieren innerhalb von Beziehungen, ein Viertel spielt sich in Eltern-Kind-Beziehungen ab, so Grohs weiter. Die Gewalttäter kommen aus allen sozialen Schichten, die meistens aus patriarchal geführten Familien stammen. Vielfach hätten auffällig gewordene Personen in der Kindheit selbst Gewalt erlebt, weshalb diese Verhaltensmuster dann im Erwachsenenleben oftmals wieder auftauchen. Grohs sagte: "Man geht noch immer davon aus, dass es sich bei Gewalt in der Privatsphäre um Einzelfälle handelt, größtenteils sind es aber Muster und keine Einzelfälle".
Dunkelfeld und Prävention
Franz Popp sagte: "Die Polizei kann nur dann intervenieren, wenn sie gerufen wird. Deshalb ist es sehr wichtig, möglichst viele Dunkelfälle ins Hellfeld zu holen, damit die Maßnahmen auch wirklich greifen können". Dennoch gehe Popp von einer "nicht geringen" Dunkelziffer aus. Die Sicherung von Leben, Gesundheit und Freiheit der Menschen im familiären und sozialen Umfeld zähle zu den wichtigsten Aufgaben der Polizei. Persönlich habe ich mir diesen Bereich beim Amtsantritt als Kernaufgabe gestellt, sagte Popp. Deshalb versucht man in NÖ Kinder, die in der Familie Gewaltdelikte miterleben, besonders fürsorglich zu therapieren.
Das Gewaltschutzgesetz bestehe seit 1. Mai 1997 und wurde in den letzten Jahren mehrfach angepasst, berichtete Popp. Stärker als vor einem Jahr sind heuer in Niederösterreich die Polizei und nachgelagerte Institutionen mit der Vollziehung des Gewaltschutzgesetzes beschäftigt.
Fragen & Antworten
Wer ist Franz Popp?
Franz Popp ist Landespolizeidirektor von Niederösterreich und stellte die Halbjahreszahlen zum Gewaltschutz am Dienstag bei einer Pressekonferenz vor.
Was macht der Verein Neustart im Gewaltschutz?
Neustart führt in Niederösterreich mit rund 20 Vollzeitkräften an acht Standorten die verpflichtenden sechsstündigen Gewaltpräventionsberatungen für weggewiesene Personen durch und erreichte im Juni 2026 insgesamt 10.000 Betroffene.
Warum ist die Zahl der Betretungsverbote 2026 wieder gestiegen?
Laut Franz Popp lässt sich der Anstieg um rund 17 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 derzeit nicht erklären; langfristig zeigt die Statistik jedoch einen kontinuierlichen Anstieg.
Gewaltschutz NÖ: 1.411 Betretungsverbote im ersten Halbjahr | nachrichten360