Berlin, 17 Juli 2026

Gianni Infantino strebt bei der FIFA-Präsidentschaftswahl am 18. März 2027 in Rabat seine erneute Wiederwahl an und hat nach einem Bericht des "Guardian" bereits mehr als 200 Unterstützungsschreiben von Mitgliedsverbänden erhalten.

Hintergrund: Infantinos Amtszeit und Statuten

Der amtierende Präsident des Weltfußballverbands habe trotz des Wirbels um die aufgehobene Rot-Sperre für den US-Profi Folarin Balogun die formale Unterstützung von mehr als 200 Ländern erhalten, berichtete der "Guardian". Dem Bericht zufolge habe nur eine Handvoll der 211 Verbände kein Unterstützungsschreiben unterschrieben. Damit hätte der 56-Jährige bereits die erforderliche Mehrheit für eine Wiederwahl. Kandidaten für die FIFA-Präsidentschaft müssen ihre Kandidatur bis zum 18. November erklären. Infantino ist nach den vorliegenden Informationen bislang der einzige erklärte Bewerber.

Die FIFA bestätigte auf Anfrage zunächst keine Einzelheiten zu den eingegangenen Schreiben. Infantino war 2016 auf Joseph Blatter gefolgt und zweimal jeweils ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigt worden. Laut Statuten wäre eine erneute Amtszeit bis 2031 seine letzte als FIFA-Chef. Der Kongress, bei dem die Wahl turnusgemäß stattfindet, ist laut FIFA für den 18. März 2027 in der marokkanischen Hauptstadt Rabat geplant.

Haltung des DFB

Eine kleine Anzahl europäischer Länder zählt zu den Ausnahmen. Deutschland ist dabei der prominenteste Verband, der bislang keine offizielle Unterstützung zugesagt hat. Auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf habe die Unterschrift verweigert, berichtete die "Bild". Der DFB erklärte dazu am vergangenen Mittwoch: "Weitere Schritte werden im DFB-Präsidium beraten". Neuendorf habe zudem betont, dass "dieser Vorgang nicht zu den Akten gelegt werden darf".

Hintergrund der Debatte ist der Disput um die aufgehobene Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun nach einer Roten Karte im Achtelfinale gegen Bosnien-Herzegowina, das die USA 2:0 gewonnen hatten. Vor der Entscheidung der FIFA-Disziplinarkommission, die Sperre für das Achtelfinale gegen Belgien (Endstand 1:4) auszusetzen, hatte US-Präsident Donald Trump bei Infantino angerufen und um eine Überprüfung gebeten. Infantino erklärte laut dem Bericht, weder er noch Trump hätten die Entscheidung der Disziplinarkommission beeinflusst. Die Disziplinarkommission bekräftigte ihre Unabhängigkeit.

Balogun-Affäre und Disziplinarstreit

Die UEFA kritisierte das Vorgehen der FIFA scharf und sprach im sogenannten Balogun-Fall von einer überschrittenen "roten Linie". Die europäischen Verbände zeigten sich empört über die Aufhebung der Sperre und den damit verbundenen Eingriff in den sportlichen Wettbewerb. Die Auseinandersetzung gilt als beispiellos in der Beziehung zwischen dem europäischen Verband und der FIFA-Zentrale.

Nach Angaben des "Guardian" hatte ein für Europa zuständiger FIFA-Direktor während der finalen WM-Runde in Nordamerika bei den 16 europäischen WM-Teilnehmern für die Unterschrift unter das Unterstützungsschreiben geworben. Damit verlagerte sich die Lobbyarbeit direkt in die Kabinen und Delegationsbüros der teilnehmenden Nationen.

Beschwerde beim IOC

Parallel zur Debatte um die Wiederwahl steht Infantino wegen einer Beschwerde der Menschenrechtsorganisation FairSquare unter Druck. Die Organisation reichte beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine zehntägige, genauer gesagt zweiseitige zehnseitige Beschwerde gegen Infantino ein. Darin werden demnach mehrere Verstöße gegen die Regeln zur politischen Neutralität angeführt, insbesondere im Zusammenhang mit der Nähe Infantinos zu Trump. Infantino ist IOC-Mitglied.

Die FIFA äußerte sich auf Nachfrage zunächst nicht zu der Beschwerde. Beobachter werten den Vorgang als Beleg für die wachsende Spannung zwischen denjenigen, die Infantinos Kurs der politischen Annäherung an die USA mittragen, und jenen, die darin einen Bruch der olympischen und sportpolitischen Neutralitätsregeln sehen.

Ausblick auf den Wahlkongress 2027

Aus Sicht des DFB ist die Diskussion noch nicht abgeschlossen. "Weitere Schritte werden im DFB-Präsidium beraten", hieß es in der Stellungnahme des Verbandes. Neuendorf habe zudem deutlich gemacht, dass "dieser Vorgang nicht zu den Akten gelegt werden darf". Das Präsidium des DFB will damit den Ball offen halten für weitergehende Beschlüsse, möglicherweise auch in Richtung einer förmlichen Distanzierung.

In der internationalen Wahrnehmung gilt die Unterstützung von mehr als 200 Verbänden als deutliches Signal für Infantinos Stellung im Weltfußball. Die Zahl der zugesagten Unterschriften liegt weit über der einfachen Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände. Sollte kein Gegenkandidat antreten, wäre eine Kampfabstimmung wie schon bei den vergangenen Wahlen 2019 und 2023 nicht erforderlich.

Allerdings wirft die Episode um die Balogun-Sperre für Beobachter Fragen zur Glaubwürdigkeit der Disziplinargewalt auf. Dass die Disziplinarkommission ihre Unabhängigkeit bekräftigte, wird von Kritikern als bloße Formalität gewertet, da die zeitliche Nähe zur Intervention Trumps offenkundig ist.

Sollte Infantino wie erwartet am 18. März 2027 in Rabat gewählt werden, würde seine Amtszeit nach derzeitigem Stand bis 2031 dauern. Eine weitere Verlängerung wäre laut Statuten dann nicht mehr möglich. Die kommenden Monate bis zum Wahlkongress gelten als entscheidende Phase, in der sich entscheiden wird, ob ein Gegenkandidat in Stellung gebracht werden kann oder ob Infantino erneut ohne Mitbewerber antritt.

Der Fall zeigt zugleich, wie sehr die FIFA unter Infantino politisch sichtbarer geworden ist. Reisen, Auftritte und Auftritte bei internationalen Spitzentreffen haben den Weltverband stärker in das Scheinwerferlicht der Weltpolitik gerückt, als dies unter seinem Vorgänger Blatter der Fall war. Kritiker sehen darin eine Gefahr für die sportliche Neutralität, Befürworter eine Modernisierung des Weltverbands.

Bis zum Stichtag 18. November müssen mögliche Gegenkandidaten ihre Unterlagen einreichen. Erst danach wird sich abzeichnen, ob die Wiederwahl Infantinos tatsächlich zur Formalie wird oder ob das enorme Stimmgewicht der Unterstützungsschreiben am Ende durch eine Kampfkandidatur relativiert wird. Die Haltung des DFB und anderer europäischer Verbände dürfte dabei eine wichtige Rolle spielen.