Marathonstudie aus Zürich: Männer erleben „Hitting the Wall“ doppelt so häufig wie Frauen
Zürich, 05. Juli 2026
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Kurzfassung
Eine Studie unter Leitung des Schweizer Forschers Beat Knechtle wertete mehr als 850.000 Marathonläufe in Berlin aus. Demnach erleben Männer den plötzlichen Leistungseinbruch „Hitting the Wall“ etwa doppelt so häufig wie Frauen, bei sehr schnellen Läufern sogar sechsmal so oft.
Eine Studie unter Leitung des Schweizer Forschers Beat Knechtle hat auf der Basis von mehr als 850.000 Marathonläufen in Berlin festgestellt, dass Männer beim Marathon etwa doppelt so häufig den plötzlichen Leistungseinbruch „Hitting the Wall“ erleben wie Frauen.
Die Untersuchung wurde gemeinsam mit Kollegen aus Brasilien durchgeführt und ist im Fachblatt „Scientific Reports“ erschienen. Sie wertete Daten des Berlin-Marathons aus den Jahren 1999 bis 2025 aus und bezog insgesamt mehr als 850.000 Laufzeiten für die 42-Kilometer-Strecke ein, wobei einige Läuferinnen und Läufer in mehreren Jahren berücksichtigt wurden. Die meisten Teilnehmenden waren männlich: 76 Prozent der betrachteten Läufer waren männlich, mehr als die Hälfte war im Alter von 35 bis 49 Jahren.
„Hitting the Wall“ definierte das Forschungsteam um den Schweizer Beat Knechtle als Verringerung des Durchschnittstempos um mindestens 20 Prozent in der zweiten Hälfte des Marathons verglichen mit der ersten Hälfte des Laufs. Gemeint ist ein plötzlicher und deutlicher Leistungseinbruch, der eintritt, wenn der Körper seine kurzfristig verfügbaren Energiereserven aufgebraucht hat. Denn Glykogen, die Speicherform von Glukose, dient als kurzfristige Energiereserve und ist bei intensiver Belastung relativ schnell aufgebraucht.
Was ist „Hitting the Wall“?
Die Ergebnisse sind eindeutig: Bei Männern ist das „Hitting the Wall“ genannte Phänomen womöglich etwa doppelt so häufig wie bei Frauen, heißt es in der im Fachblatt „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie. Die Männer erlebten fast doppelt so häufig das „Hitting the Wall“-Phänomen, nämlich knapp 18 Prozent von ihnen. Bei den Frauen waren es unter 10 Prozent. Auch im Durchschnitt kamen Männer mit 4 Stunden und 2 Minuten schneller ins Ziel als Frauen mit 4 Stunden und 29 Minuten, verteilten ihre Kräfte jedoch weniger sorgfältig.
Besonders ausgeprägt ist der Unterschied bei den schnellen Läufern. Bei männlichen Läufern, die unter drei Stunden für den Marathon brauchten, lag die Häufigkeit für den Leistungseinbruch sogar sechsmal höher als bei den Frauen (1,42 versus 0,23 Prozent). Insgesamt war bei 52 Prozent der Frauen kein klarer Leistungsabfall im Laufe des Marathons erkennbar – dies war bei den Männern nur bei gut einem Drittel (36 Prozent) der Fall.
Schnelle Männer trifft es besonders häufig
Als möglichen Grund führt das Team an, dass der weibliche Körper beim Laufen seinen Glykogenvorrat schonender verbraucht. Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Stoffwechsel und beim Anteil bestimmter Muskelfasern könnten den Glykogenvorrat, der das Phänomen „Hitting the Wall“ auslöse, womöglich wirksam verzögern. Frauen verfügen demnach über mehr Muskelfasern, die für Ausdauer statt für Sprint zuständig sind, und können ihre Glykogenspeicher möglicherweise effizienter nutzen.
Aus der Verhaltensforschung sei außerdem bekannt, dass Männer dazu neigten, sich zu überschätzen und risikobereiter zu sein. Allerdings handelt es sich hierbei nur um Mutmaßungen des Forschungsteams, die aktuelle Studie erhob dazu keine Daten. Co-Autor Aldo Seffrin sagte, es sei interessant und überraschend, dass der plötzliche Leistungseinbruch bei Männern kein Anfängerproblem sei, sondern bei den sehr schnellen Läufern sogar besonders häufig ausgeprägt gewesen sei: „Dass sie fitter und erfahrener waren, hat die Männer nicht geschützt.“
Mögliche Ursachen: Stoffwechsel, Muskelfasern und Risikobereitschaft
Thomas Rosemann, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin, der ebenfalls an der Studie beteiligt war, erklärte, verschiedene psychologische und physiologische Faktoren könnten für den beobachteten Effekt verantwortlich sein. Möglich sei auch, dass Männer beim Marathon oft viel zu schnell losstürmen und ihre Kräfte überschätzen – auch wegen des im Vergleich zu Frauen höheren Testosteronspiegels.
Die Forscher empfehlen Männern, langsamer ins Rennen zu starten und erst später zu beschleunigen. So könne das Risiko für „Hitting the Wall“ möglicherweise reduziert werden. Seffrin betonte, dass viele Männer davon profitieren würden, wenn sie konservativer starten würden. Frauen liefen gleichmäßiger und hielten ihr Tempo auch in der zweiten Hälfte.
Empfehlung der Forscher: langsamer starten
Für Forscher Knechtle haben die Erkenntnisse direkten Nutzen für den Alltag auch außerhalb der Wissenschaft: Er ist selbst begeisterter und regelmäßiger Marathonläufer. Dass Männer häufiger im Verlauf eines längeren Laufs langsamer werden, sei bereits aus früherer Forschung bekannt gewesen, schreiben die Autoren. Allerdings sei bisher nicht nachgewiesen worden, ob das Phänomen in großen Kohorten, also größerem Maßstab, zu beobachten ist. Aus evolutionärer Sicht ergibt der Unterschied laut den Forschern Sinn, da in der Steinzeit Männer als Jäger vermutlich häufig schnell sprinten mussten, während für Frauen Ausdauer wichtiger gewesen sei als hohe Geschwindigkeit.
Parallel zu den Studienergebnissen läuft derzeit in Thun mit dem Ironman Switzerland eine der größten Ausdauerveranstaltungen der Schweiz, bei der rund 2300 Athletinnen und Athleten antreten. Der Wettkampf besteht aus 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und einem vollständigen Marathon. Die Studie wurde von der Universität Zürich veröffentlicht, der Artikel erschien über die APA am 5. Juli 2026.
Fragen & Antworten
Wer hat die Marathonstudie geleitet?
Geleitet wurde die Studie von Beat Knechtle, einem Hausarzt an der Universität Zürich, gemeinsam mit Kollegen aus Brasilien. Thomas Rosemann, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin, war ebenfalls beteiligt.
Was bedeutet „Hitting the Wall“ genau?
Das Forschungsteam definierte „Hitting the Wall“ als Verringerung des Durchschnittstempos um mindestens 20 Prozent in der zweiten Hälfte des Marathons im Vergleich zur ersten Hälfte. Es handelt sich um einen plötzlichen Leistungseinbruch, wenn der Körper seine Glykogenreserven aufgebraucht hat.
Welche Empfehlung geben die Forscher den Männern?
Die Forscher empfehlen Männern, langsamer ins Rennen zu starten und erst später zu beschleunigen. Co-Autor Aldo Seffrin erklärte, dass viele Männer davon profitieren würden, wenn sie konservativer starten würden.
Hitting the Wall: Männer häufiger betroffen – Studie | nachrichten360