Hitzewelle und Muskelabbau: Medizinerin erklärt Gesundheitsrisiken bei Rekordtemperaturen
Augsburg, 01. Juli 2026
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Kurzfassung
Angesichts einer beispiellosen Hitzewelle in Westeuropa warnt die Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann vor schweren Gesundheitsrisiken – von Multiorganversagen bis hin zu Kreislaufkollaps. Gleichzeitig zeigt eine neue Studie, wie eng Muskelkraft im Alter mit der Lebenserwartung verknüpft ist.
Angesichts einer Hitzewelle mit Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius in mehreren westeuropäischen Ländern hat die Ärztin und Hochschulprofessorin Claudia Traidl-Hoffmann vor den gesundheitlichen Folgen der extremen Hitze gewarnt und konkrete Schutzmaßnahmen empfohlen.
Wie der Körper auf Hitze reagiert
Bereits ab einer Außentemperatur von 23 Grad Celsius beginne der Körper mit Ausgleichsmechanismen, erklärte Traidl-Hoffmann. "Ab 23 Grad Außentemperatur beginnt der Körper mit Ausgleichsmechanismen", erklärt die Medizinerin. Wenn die Hitze jedoch über mehrere Tage oder Nächte anhalte, gerate dieser Mechanismus zunehmend unter Druck – insbesondere dann, wenn die Nächte nicht mehr zur Erholung beitrügen.
Die Folgen können schwerwiegend sein: "Funktionieren diese Mechanismen nicht gut oder versagen ganz, können die Folgen von Herz-Kreislauferkrankungen über Schlaganfälle bis hin zu Multiorganversagen reichen." Bei sehr hohen Körpertemperaturen drohe Lebensgefahr. "Steigt unsere Körpertemperatur zu stark an, beschleunigen sich Stoffwechselprozess zunächst immer weiter – bis der Körper die Kontrolle verliert – auf allen Ebenen vom Immunsystem bis zum Nervensystem. Ab etwa 42 Grad drohen schwere Zellschäden, Multiorganversagen und ohne sofortige Behandlung der Tod", sagt Traidl-Hoffmann.
Traidl-Hoffmann ist Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit am Universitätsklinikum Augsburg, wo sie Patienten und Patientinnen mit Umwelterkrankungen behandelt. Außerdem ist sie Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung berät sie zudem die Politik.
Ein zusätzlicher Risikofaktor sei der gestörte Schlaf während heißer Nächte. "Weil die Hitze vielen Menschen den Schlaf raubt, kommt es schneller zur sogenannten Dekompensation. Der Körper schafft es dann nicht mehr, Fehlfunktionen auszugleichen." Auch die Lunge reagiere empfindlich auf heiße Luft. "Die Lunge entzündet sich eher und wird anfälliger für Infektionen", erklärt die Ärztin.
Wer besonders gefährdet ist
Besonders gefährdet seien Kleinkinder, Schwangere, ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen und Menschen, die körperlich schwer oder draußen arbeiten müssen. Traidl-Hoffmann rät ihren Patienten und Patientinnen deshalb, sich bereits im Januar auf die heißen Tage vorzubereiten. Dazu gehöre, mit dem Arzt über eine Anpassung der Medikamentendosierung zu sprechen. Während einer Hitzewelle empfiehlt die Expertin außerdem viel Wasser zu trinken und leichte, pflanzenbasierte Kost zu essen und möglichst die Finger von Zigaretten und Alkohol zu lassen.
Der Juni brachte Temperaturrekorde in Frankreich, Spanien, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) meldete: Noch nie war es in Deutschland so früh im Jahr für einen derart langen Zeitraum so heiß. Eine solche Hitzewelle mit Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius und Nächten, in denen das Thermometer nicht unter die 20 Grad-Marke fällt, stelle den Körper vor besondere Herausforderungen.
Menschliche Anpassung stößt an Grenzen
In ihrem Buch "Die Medizin der Zukunft – Heilen in einer veränderten Welt" schreibt Traidl-Hoffmann zudem über die Grenzen menschlicher Anpassung: Anpassungsprozesse an sich verändernde Umweltbedingungen bräuchten Zeit, schreibt Traidl-Hoffmann auch in ihrem Buch "Die Medizin der Zukunft – Heilen in einer veränderten Welt". Nicht Jahre, sondern Jahrhunderte. "Dieser exponentielle Anstieg der Hitzetage, diese schnelle Veränderung ist weder für Ökosysteme noch für den Menschen machbar, was die Anpassung betrifft."
Dass Anpassung prinzipiell möglich sei, betont sie dennoch: "Der menschliche Körper hat Anpassungsmöglichkeiten und die sind trainierter bei Menschen, die kontinuierlich Hitze ausgesetzt sind", sagt die Ärztin und Hochschulprofessorin Claudia Traidl-Hoffmann. Hitzegewöhnung allein könne die aktuelle Entwicklung jedoch nicht ausgleichen.
Muskelkraft als Marker für Gesundheit
Parallel zur Hitzebelastung weisen Mediziner auf einen weiteren, oft unterschätzten Gesundheitsmarker hin: die Muskelkraft im Alter. Ab dem 40. Lebensjahr verliert der Mensch ohne gezieltes Training kontierlich Muskelmasse. In der Medizin wird dieser schleichende Abbau als Sarkopenie bezeichnet. Lässt die Kraft nach, steigen die Gefahren für Stürze, den Verlust der Selbstständigkeit und einen früheren Tod.
Eine Langzeitstudie eines Forschungsteams der Universität Buffalo begleitete 5472 Frauen im Alter zwischen 63 und 99 Jahren über einen Zeitraum von rund acht Jahren. Klinische Studien nutzen dafür ein Hand-Dynamometer, um die Kraft der Hand- und Unterarmmuskeln exakt zu bestimmen. Die Ergebnisse des Teams der Universität Buffalo fallen extrem deutlich aus: Frauen mit der stärksten Griffkraft von mehr als 24 Kilogramm wiesen ein um 33 Prozent geringeres Sterberisiko auf als jene in der schwächsten Gruppe mit weniger als 14 Kilogramm. Statistisch sank das Risiko pro sieben Kilogramm mehr Griffkraft um durchschnittlich zwölf Prozent.
Ergänzend wurde ein simpler Alltagstest geprüft: Der zweite Check ist der Aufsteh-Test. Dabei steht man fünfmal so schnell wie möglich von einem Stuhl auf – ganz ohne die Hilfe der Hände. Die Zeit wird gestoppt. Wer die fünf Wiederholungen in 11,1 Sekunden oder schneller bewältigte, hatte ein um 37 Prozent niedrigeres Sterberisiko als die langsamste Testgruppe, die mehr als 16,7 Sekunden benötigte. Dabei wurden keine sportlichen Höchstleistungen oder Rekorde gemessen, sondern die reine Alltagskraft im Fokus behalten. Konkret ging es um das feste Zugreifen und das eigenständige Aufstehen von einem Stuhl.
Frauen sind besonders betroffen, da sie mit weniger Muskelmasse starten und in den Wechseljahren zusätzlich Kraft einbüßen. Die schützende Wirkung der Muskelkraft blieb selbst dann bestehen, wenn die Frauen die offiziell empfohlenen Bewegungsmengen nicht erreichten. Kraft- und Konditionsforscher Joshua Davidson von der "BBC" nennt hierzu einen Richtwert: Man sollte 15 bis 30 Sekunden lang maximalen Druck auf den Ball ausüben können, bis der Griff ermüdet. Mediziner nutzen die Werte daher als Marker für die allgemeine Gesundheit. Experten raten dazu, zweimal pro Woche Kraft zu trainieren und dem Körper dazwischen Pausen zur Erholung zu gönnen.
Fragen & Antworten
Wer ist Claudia Traidl-Hoffmann?
Claudia Traidl-Hoffmann ist Ärztin und Hochschulprofessorin. Sie ist Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit am Universitätsklinikum Augsburg sowie Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung.
Ab welcher Temperatur wird Hitze für den Körper gefährlich?
Laut Traidl-Hoffmann beginnt der Körper bereits ab 23 Grad Außentemperatur mit Ausgleichsmechanismen. Ab etwa 42 Grad Körpertemperatur drohen schwere Zellschäden, Multiorganversagen und ohne sofortige Behandlung der Tod.
Was empfehlen Experten, um Muskelschwund im Alter vorzubeugen?
Experten raten dazu, zweimal pro Woche Kraft zu trainieren und dem Körper dazwischen Pausen zur Erholung zu gönnen. Die Muskelkraft gilt Medizinern als Marker für die allgemeine Gesundheit und ist eng mit einem geringeren Sterberisiko verbunden.
Hitzewelle 2026: Risiken für Herz, Lunge und Muskeln | nachrichten360