Längere Lebenserwartung weltweit – aber mehr Jahre in schlechter Gesundheit
Seattle, 24. Juli 2026
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Kurzfassung
Eine internationale Studie zeigt: Menschen leben heute im Schnitt fast zehn Jahre länger als 1990, verbringen aber zugleich mehr Jahre in schlechter Gesundheit. Besonders betroffen sind Frauen und Bewohner wohlhabender Länder wie den USA, Australien und Kanada.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Christopher Murray vom Institute for Health Metrics and Evaluation der University of Washington in Seattle hat in einer Analyse von Daten aus 204 Ländern und Regionen festgestellt, dass die Lebenserwartung zwischen 1990 und 2023 weltweit deutlich gestiegen ist, der Anteil der in Krankheit verbrachten Lebensjahre jedoch ebenfalls zugenommen hat.
Globale Daten aus 204 Ländern
Die im Fachjournal „The Lancet Public Health" veröffentlichte Studie wertet Daten aus 204 Ländern und Regionen für den Zeitraum von 1990 bis 2023 aus. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die durchschnittliche Lebenserwartung zur sogenannten Gesundheitsspanne entwickelt hat – also zur Anzahl der Jahre, die ein Mensch in guter Gesundheit verbringt. Das Ergebnis fällt zwiespältig aus: Die Menschen werden älter, aber sie verbringen zugleich mehr Jahre mit Krankheiten und Beschwerden.
Konkret stieg die durchschnittliche Lebenserwartung für Menschen, die 1990 geboren wurden, von 64,6 Jahren auf 73,8 Jahre für im Jahr 2023 Geborene – ein Zuwachs von fast zehn Jahren. Parallel dazu erhöhte sich die gesunde Lebenserwartung, also die Lebenszeit in guter Gesundheit, von 55,9 Jahren auf 63,1 Jahre. Das entspricht einem Anstieg von 7,2 Jahren. Der absolute Zugewinn an gesunden Jahren ist also geringer als der Anstieg der gesamten Lebenserwartung.
Der Krankheitsabstand wächst
Die Forscherinnen und Forscher berechneten zudem den sogenannten Krankheitsabstand – die Differenz zwischen der gesamten Lebensspanne und der Gesundheitsspanne. Im Jahr 1990 verbrachten Menschen im Durchschnitt 8,8 Jahre ihres Lebens in schlechter Gesundheit, was 13,6 Prozent der Lebenszeit entsprach. Bis 2023 stieg dieser Wert auf 10,7 Jahre, und der Anteil der in Krankheit verbrachten Lebenszeit erhöhte sich auf 14,5 Prozent. Das Forschungsteam formuliert es so: „Mit zunehmender Lebenserwartung werden zunehmend viele Jahre bei schlechter Gesundheit verbracht."
Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in Ländern mit hoher Lebenserwartung. In den USA beträgt der Krankheitsabstand 14 Jahre, in Australien 13,9 Jahre und in Kanada 13,7 Jahre. Auch in Deutschland ist der Effekt messbar: Hierzulande wuchs die Differenz zwischen Lebensspanne und Gesundheitsspanne zwischen 1990 und 2023 von 10,1 auf 11,9 Jahre. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland stieg im selben Zeitraum laut Studie von 75,6 auf 80,9 Jahre.
Deutschland und Österreich im Vergleich
Das Statistische Bundesamt gibt die Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland für das Vorjahr mit 79,1 Jahren für Männer und 83,6 Jahren für Frauen an. In Österreich liegt die Lebenserwartung nach Angaben von Statistik Austria für den Zeitraum 2022 bis 2024 bei 79,4 Jahren für Männer und 84,1 Jahren für Frauen. Diese Werte liegen über dem globalen Durchschnitt, was den Befund der Studie unterstreicht: In Ländern mit höherer Lebenserwartung ist auch der Krankheitsabstand tendenziell größer.
Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Weltweit betrug der Krankheitsabstand im Jahr 2023 bei Frauen durchschnittlich 12,1 Jahre, bei Männern 9,3 Jahre. Frauen leben also nicht nur länger, sondern verbringen auch mehr dieser zusätzlichen Jahre in schlechter Gesundheit. Co-Autorin Catherine Bisignano bringt es auf den Punkt: „Frauen leben fast überall auf der Welt länger als Männer, aber sie verbringen mehr dieser zusätzlichen Jahre bei schlechter Gesundheit."
Frauen leben länger – und länger krank
Die Studie identifiziert mehrere Krankheitsgruppen, die besonders stark zu den Jahren in schlechter Gesundheit beitragen. An erster Stelle stehen muskuloskelettale Beschwerden, insbesondere Rückenschmerzen im unteren Rückenbereich. Daneben spielen psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen eine wesentliche Rolle. Diese beiden Bereiche zusammen erklären einen Großteil der zusätzlichen Krankheitsjahre, die mit steigender Lebenserwartung einhergehen.
Das Forschungsteam betont, dass viele dieser Krankheiten vermeidbar sind. Als wesentliche Risikofaktoren nennen die Autorinnen und Autoren hohe Blutzuckerwerte, Übergewicht, Mangelernährung und Rauchen. Diese Faktoren ließen sich durch Prävention, frühzeitige Diagnose und gesundheitspolitische Maßnahmen beeinflussen – ein Ansatzpunkt, der über die reine medizinische Versorgung hinausgeht.
Vermeidbare Risikofaktoren
Studienleiter Christopher Murray ordnet die Ergebnisse in einer Mitteilung seines Instituts ein: „Fortschritte im gesunden Altern sollten nicht nur an der Lebensspanne gemessen werden, sondern an der Gesundheitsspanne." Damit formuliert er eine zentrale Botschaft der Untersuchung: Eine hohe Lebenserwartung allein sei noch kein Erfolg, entscheidend sei, wie viele Jahre davon in guter Gesundheit verbracht werden.
Die Studie trägt den Titel „Global, regional, and national trends in the morbidity gap and contributing diseases, injuries, and risk factors, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023" und wurde unter der DOI 10.1016/S2468-2667(26)00098-8 veröffentlicht. Erstautor ist S. Hay, die Leitung lag bei Christopher Murray. Die Analyse basiert auf der globalen Krankheitslaststudie (Global Burden of Disease Study) und wertet umfangreiche Datensätze aus aller Welt aus.
Für die Subsahara-Region Afrikas ergibt sich ein etwas anderes Bild: Dort liegt der Krankheitsabstand bei rund 9 Jahren – niedriger als in den wohlhabendsten Ländern, aber im globalen Vergleich immer noch erheblich. Die Forscherinnen und Forscher weisen darauf hin, dass die Unterschiede zwischen den Regionen nicht allein durch die Lebenserwartung erklärt werden können, sondern auch durch die Verfügbarkeit von Gesundheitsversorgung und Präventionsangeboten.
Blick auf Subsahara-Afrika
Insgesamt zeichnet die Studie ein differenziertes Bild des globalen Alterungsprozesses. Einerseits ist der Anstieg der Lebenserwartung um fast zehn Jahre innerhalb von gut drei Jahrzehnten ein beachtlicher Erfolg von Medizin, öffentlicher Gesundheit und Lebensstandards. Andererseits zeigt die Analyse, dass dieser Gewinn an Jahren nicht automatisch mit einem Gewinn an gesunden Jahren einhergeht – im Gegenteil: Der relative Anteil der in Krankheit verbrachten Lebenszeit ist sogar leicht gestiegen.
Die Befunde werfen Fragen an die Gesundheitspolitik auf. Wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung zwar ein hohes Alter erreicht, dabei aber viele Jahre mit chronischen Beschwerden, Schmerzen oder psychischen Belastungen lebt, gewinnen Prävention, Rehabilitation und die Versorgung nichtübertragbarer Krankheiten an Bedeutung. Die Studie liefert damit auch eine empirische Grundlage für Diskussionen über die Ausrichtung von Gesundheitssystemen in einer alternden Weltbevölkerung.
Implikationen für die Gesundheitspolitik
Murray und sein Team veröffentlichen ihre Ergebnisse zu einem Zeitpunkt, an dem die globale demografische Alterung in vielen Ländern politische und ökonomische Debatten auslöst – von der Finanzierung der Rentensysteme bis zur Pflegeinfrastruktur. Die Daten aus 204 Ländern bieten eine bislang selten erreichte Vergleichbarkeit und könnten als Referenz für künftige gesundheitspolitische Entscheidungen dienen.
Die zentrale Botschaft der Studie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Eine längere Lebenszeit ist nicht gleichbedeutend mit mehr gesunden Jahren. Der gemessene Anstieg des Krankheitsabstands – von 13,6 auf 14,5 Prozent der Lebenszeit – mag auf den ersten Blick klein erscheinen, bedeutet aber in absoluten Zahlen fast zwei zusätzliche Jahre, die Menschen weltweit im Durchschnitt in schlechter Gesundheit verbringen.
Fragen & Antworten
Wer hat die Studie zur globalen Lebenserwartung geleitet?
Die Studie wurde von Christopher Murray vom Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington in Seattle geleitet und im Fachjournal „The Lancet Public Health" veröffentlicht.
Wie hat sich der Krankheitsabstand zwischen 1990 und 2023 entwickelt?
Der Anteil der Lebenszeit, die in schlechter Gesundheit verbracht wird, stieg weltweit von 13,6 Prozent im Jahr 1990 auf 14,5 Prozent im Jahr 2023; in absoluten Zahlen entspricht das einem Anstieg von 8,8 auf 10,7 Jahre.
Welche Krankheiten tragen laut Studie am stärksten zu den Krankheitsjahren bei?
Muskuloskelettale Beschwerden, insbesondere Rückenschmerzen, sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen haben den größten Einfluss auf die in schlechter Gesundheit verbrachten Lebensjahre.
Lebenserwartung steigt: Mehr Krankheitsjahre weltweit | nachrichten360