FDP-Parteitag: Wolfgang Kubicki neuer Bundesvorsitzender | nachrichten360
Kubicki setzt sich in Kampfabstimmung gegen Strack-Zimmermann durch und wird neuer FDP-Chef
Berlin, 30. Mai 2026
AI-generated image (flux-2/pro-text-to-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Wolfgang Kubicki ist neuer Bundesvorsitzender der FDP. Der 74-Jährige gewann auf dem Bundesparteitag in Berlin eine Kampfabstimmung gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann mit 59,27 Prozent der Stimmen.
Wolfgang Kubicki wurde am Samstag auf dem FDP-Bundesparteitag im Berliner Estrel Hotel zum neuen Bundesvorsitzenden der Freien Demokraten gewählt.
Der 74-Jährige setzte sich in einer überraschenden Kampfabstimmung gegen die 68-jährige Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch. Kubicki erhielt 390 der 658 gültigen Delegiertenstimmen, Strack-Zimmermann kam auf 259 Stimmen. Vier Delegierte enthielten sich, fünf stimmten gegen beide Kandidaten.
Überraschende Gegenkandidatur am Wahltag
Bis zum Nachmittag des Wahltags war Kubicki der einzige Kandidat für das Amt gewesen. Strack-Zimmermann, die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament, reichte ihre Kandidatur in letzter Minute ein und löste damit die Kampfabstimmung aus. Ihre Nominierung wurde von 33 Delegierten unterstützt und erfüllte damit das satzungsgemäße Quorum.
Der nordrhein-westfälische Delegierte Joachim Stamp hatte Strack-Zimmermann für den Parteivorsitz vorgeschlagen. Patrick Döring, ehemaliger FDP-Generalsekretär und Versammlungsleiter des Parteitags, ermahnte den Saal, dass Strack-Zimmermann ordnungsgemäß nominiert sei und nicht ausgebuht werden solle.
In seiner Rede begrüßte Kubicki die Gegenkandidatur ausdrücklich. Er dankte Strack-Zimmermann und sagte: „Meine Danksagung geht an Marie-Agnes Strack-Zimmermann, weil ich froh darüber bin, dass die beiden alten Schlachtrösser jetzt ins Geschirr gehen."
Strack-Zimmermann hielt eine mehr als halbstündige Wahlkampfrede. Sie rief den Delegierten zu: „Wir brauchen euch alle, um die FDP wieder groß zu machen." Sie betonte: „Eure Stimme wird gehört. Deshalb habe ich mich entschieden, heute als Bundesvorsitzende der Freien Demokraten zu kandidieren."
Strack-Zimmermanns Kampfansage
Die Europapolitikerin warnte, die Partei werde sich nicht verbessern, „wenn sie klingt wie eine schlecht gelaunte Erinnerung an bessere Zeiten". Sie forderte: „Die Menschen wollen spüren: Diese FDP hat einen Plan für die kommenden Jahre und nicht nur eine Meinung zu den vergangenen Jahren." Zudem sagte sie: „Wir müssen als FDP die Gestaltungspartei sein, nicht die Kommentierungspartei."
Strack-Zimmermann kritisierte Kubicki und seinen Wunschkandidaten für das Amt des Generalsekretärs, Martin Hagen, scharf in der sogenannten Brandmauer-Debatte zur AfD. Sie erklärte: „Wir werden uns niemals an Rechtspopulisten anbiedern, nur weil sie die gleichen Gegner haben wie wir." Zudem sagte sie, man dürfe „niemals in die Verlegenheit kommen, mit der AfD zu stimmen".
Kubicki wies die Vorwürfe zurück. Er stellte klar: „Es wird mit Liberalen nie eine Zusammenarbeit mit der AfD geben, niemals." Eine Koalition mit der AfD lehnt er ab, schließt aber gemeinsame Mehrheiten in der Sache nicht aus. Er rief die Partei zur Geschlossenheit auf: „Unser politischer Gegner steht außen und nicht innen."
Streit um die Brandmauer zur AfD
Der frühere Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle erklärte, viele seien „maximal irritiert über die Lockerungsübung zur AfD". Strack-Zimmermann begründete ihre Kandidatur auch mit der Enttäuschung vieler Mitglieder über den Rückzug des nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Henning Höne aus dem Rennen um den Bundesvorsitz.
Höne hatte zwei Wochen zuvor seine Kandidatur zurückgezogen. Auch der bisherige Parteivorsitzende Christian Dürr war nach Kubickis Ambitionen aus dem Rennen ausgestiegen. Strack-Zimmermann kritisierte zudem die teils gehässige Behandlung Hönens in den sozialen Medien im Vorfeld des Parteitags und warf Martin Hagen vor, einen Artikel geteilt zu haben, der Höne herabwürdigte.
Kubicki ist seit 1971 FDP-Mitglied und war von 1989 bis 1993 Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein. Seit 2013 amtierte er als stellvertretender Bundesvorsitzender. Er ist die erste Person aus Schleswig-Holstein, die den Bundesvorsitz der FDP übernimmt. Christopher Vogt, FDP-Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein, war kurz vor dem Bundesparteitag einstimmig zum neuen Sprecher der FDP-Fraktionsvorsitzendenkonferenz gewählt worden.
Kubickis langer Weg an die Spitze
Kubicki saß von 1992 bis 2017 im Landtag von Schleswig-Holstein und war acht Jahre lang Vizepräsident des Bundestages. Dem Bundestag gehörte er von 1990 bis 1992, kurzzeitig von Oktober bis Dezember 2002 sowie von 2017 bis 2025 an. Innerhalb der FDP gilt er als wirtschaftsliberal, während Strack-Zimmermann dem sozialliberalen Flügel zugerechnet wird.
In seiner Antrittsrede sagte Kubicki: „Ich will versuchen, mit euch allen der Herausforderung gerecht zu werden." Er betonte: „Man muss uns nicht lieben, aber respektieren und wählen." Zudem erklärte er, er wolle eine FDP, die selbstbewusst sage: „Ja, wir sind die Vertretung aller Leistungsbereiten."
Mit Blick auf seine eigene Rolle sagte Kubicki: „Ich bin nicht mehr die Zukunft der FDP, aber ich kann der FDP eine Zukunft geben." Er räumte ein: „Wenn es mir nicht gelingt, innerhalb dieses einen Jahres die FDP über 5 Prozent zu hieven, mit den vielen Mitgliedern, die wir haben, mit den vielen Mitstreitern im Präsidium, im Bundesvorstand, dann weiß ich, was Kubicki angeht, auch nicht weiter. Dann kann ich es nicht."
Ein Jahr Bewährungszeit
Die neue FDP-Führung ist nur für ein Jahr gewählt. Es ist bereits die zweite personelle Erneuerung an der Parteispitze innerhalb von zwölf Monaten. Nach dem Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl im Februar 2025 hatte der bisherige Fraktionsvorsitzende Christian Dürr den Parteivorsitz übernommen.
Dürr warf der CDU/CSU-SPD-Bundesregierung übermäßige Schuldenpolitik und mangelnden Reformwillen vor. Er sagte, Deutschland stecke nach einem Jahr Kanzler Friedrich Merz (CDU) tiefer denn je in der Wirtschaftskrise und habe die unbeliebteste Regierung seiner Geschichte. Dürr erklärte: „Nach nur einem Jahr schon unbeliebter zu sein als Olaf Scholz am Ende seiner Amtszeit, das muss man erst mal hinkriegen."
Die FDP erlitt 2025 Niederlagen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und verpasste den Wiedereinzug in beide Landesparlamente. In Rheinland-Pfalz kam die Partei auf 2,1 Prozent. Nach den Wahlniederlagen traten Präsidium und Bundesvorstand der FDP zurück.
Schwere Wahlkämpfe voraus
Im September 2025 stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an. In allen drei Ländern liegt die FDP derzeit in Umfragen unter fünf Prozent. Derzeit ist die Partei noch in den Landtagen von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt vertreten; in Magdeburg ist sie Teil der Landesregierung. Im April des kommenden Jahres folgen Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.
Der Kieler Politikwissenschaftler Wilhelm Knelangen erklärte, derzeit habe in der FDP niemand eine vergleichbare öffentliche Aufmerksamkeit wie Kubicki. Er warnte jedoch, Kubickis impulsive Art könne auch nach hinten losgehen: „Was Kubicki auch immer ausgezeichnet hat, ist, einfach mal in deutscher Sprache gesagt, 'einen raushauen'. Und das kann natürlich auch mal brutal nach hinten losgehen."
Kubicki kündigte nach der Wahl an, er werde alles tun, damit die anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland für die FDP erfolgreich werden. Er sagte zudem, wenn die FDP innerhalb eines Jahres zehn Prozent erreiche, brauche die Partei ihn nicht mehr.
Fragen & Antworten
Wer ist Wolfgang Kubicki?
Wolfgang Kubicki ist ein 74-jähriger FDP-Politiker, der seit 1971 Mitglied der Partei ist und zuvor unter anderem als stellvertretender Bundesvorsitzender, Bundestagsvizepräsident und Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein wirkte.
Warum kam es zu einer Kampfabstimmung zwischen Kubicki und Strack-Zimmermann?
Marie-Agnes Strack-Zimmermann reichte ihre Kandidatur am Wahltag spontan ein, nachdem der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Henning Höne seine Bewerbung zurückgezogen hatte und Kubicki zunächst einziger Kandidat war.
Wie steht die neue FDP-Führung zur AfD?
Wolfgang Kubicki lehnt eine Koalition mit der AfD ab und schließt eine Zusammenarbeit aus, will aber gemeinsame Mehrheiten in Sachfragen nicht ausschließen; seine innerparteiliche Konkurrentin Strack-Zimmermann fordert eine strikte Abgrenzung.