Koalitionsausschuss: Berliner SPD-Abgeordnete kritisieren geplantes Enteignungsverbot
Berlin, 04. Juli 2026
Christian Wolf (www.c-w-design.de) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 de
Kurzfassung
Der Koalitionsausschuss von CDU/CSU und SPD hat sich auf ein Enteignungsverbot für Wohnungskonzerne auf Landesebene verständigt. Drei Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete und Juso-Chef Philipp Türmer kritisieren den Vorstoß scharf.
Der Koalitionsausschuss von Union und SPD will per Bundesgesetz verhindern, dass einzelne Länder große Wohnungskonzerne vergesellschaften – und erntet dafür parteiinterne Kritik aus Berlin.
Der Beschluss des Koalitionsausschusses
Die Bundesregierung plant, die Enteignung von Wohnungskonzernen in den Ländern gesetzlich zu unterbinden. Wie aus dem am Mittwoch vorgelegten Beschluss des Koalitionsausschusses hervorgeht, soll durch ein Bundesgesetz geregelt werden, „dass die Verstaatlichung privater Mietwohnungsbestände durch Vergesellschaftungsgesetze auf Landesebene nicht mehr möglich ist“. Begründet wird der Schritt mit dem Ziel, den privaten Wohnungsbau nicht zu gefährden.
Gegen den Vorstoß regt sich nun Widerstand aus den eigenen Reihen. Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordneten sprechen sich laut einem Bericht des Tagesspiegel klar gegen das Vorhaben aus, die Enteignung von Konzernen mit großen Mietwohnungsbeständen in einzelnen Ländern per Gesetz zu verhindern. Konkret äußerten sich die Abgeordneten Annika Klose, Cansin Demir, Hakan Demir und Ruppert Stüwe.
Kritik aus der Berliner SPD
Hakan Demir, SPD-Abgeordneter aus Neukölln, erklärte, ein Verbot auf Bundesebene würde den politischen Handlungsspielraum in Berlin einschränken und wäre „angesichts der laufenden Debatten ein Wahlgeschenk an die Linke“. Mit Blick auf die im Herbst anstehende Landtagswahl in Berlin fügte er hinzu, dass die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne vom Wählerwillen gedeckt sei: „Gerade in Berlin haben sich die Bürger in einem Volksentscheid mit deutlicher Mehrheit für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne ausgesprochen.“
Sein Parteikollege Cansin Demir sagte dem Tagesspiechel, ein Verbot würde den politischen Handlungsspielraum einschränken und wäre mit Blick auf die Landtagswahl im Herbst ein Geschenk an die Partei Die Linke. „Ein Verbot würde den politischen Handlungsspielraum einschränken und wäre angesichts der laufenden Debatten ein Wahlgeschenk an die Linke“.
Auch Annika Klose sieht die Pläne kritisch. „Derzeit liegt kein Gesetz vor, sondern lediglich eine Willensbekundung des Koalitionsausschusses ... Diese sehe ich kritisch“, erklärte sie. Zugleich verwies sie auf das Grundgesetz: Die Möglichkeit, Privat- in Gemeineigentum zu überführen, sei auch im Grundgesetz verankert und somit legitim. „Somit ist es legitim, dieses zu nutzen, und es sollte den Ländern auch weiterhin zur Verfügung stehen“, sagte Klose. Ähnlich äußerte sich SPD-Bundestagsabgeordneter Ruppert Stüwe aus Steglitz-Zehlendorf.
Hintergrund: Volksentscheid 2021 und Berliner Rahmengesetz
Hintergrund des Streits ist ein Volksentscheid aus dem Jahr 2021. Damals hatte die Berliner Bevölkerung mehrheitlich für die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ gestimmt und den damaligen Senat aufgefordert, Maßnahmen einzuleiten, die zur Überführung von Immobilien in Gemeineigentum erforderlich sind. Im März verabschiedete das Berliner Abgeordnetenhaus ein Rahmengesetz, das die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände grundsätzlich ermöglicht.
Die Linke hatte das geplante Enteignungsverbot bereits zuvor kritisiert. Die Linke-Fraktionsvorsitzende Reichinnek sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Konzerne wie Vonovia frohlockten und die Aktienkurse stiegen, da die Regierung klar mache, dass sie sich schützend vor die - Zitat - 'Miethaie' stelle.“ Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ wird vorwiegend von der Linkspartei getragen.
Juso-Chef Türmer spricht von Wahlkampfmanöver
Unterstützung erhalten die SPD-Abgeordneten vom Juso-Bundesvorsitzenden Philipp Türmer. Er bezeichnete den Koalitionsbeschluss als „Wahlkampfmanöver für Berlin“ und griff dabei CSU-Chef Markus Söder sowie CDU-Chef Friedrich Merz direkt an. Türmer argumentierte, dass Vergesellschaftungsgesetze ausschließlich bestehende Wohnungsbestände großer Konzerne beträfen, keine Regelung darin schränke Neubauprojekte ein.
Türmer warnte zugleich vor verfassungsrechtlichen Risiken: „Den Ländern ein mögliches Instrument für günstigen Wohnraum aus der Hand zu schlagen, sei falsch und sehr wahrscheinlich verfassungswidrig.“ Den Vorwurf, dass Vergesellschaftung den Wohnungsbau ausbremse, wies er zurück: Aus seiner Sicht liege die mangelnde Bautätigkeit privater Investoren an gestiegenen Zinsen und Baukosten, die den Wohnungsbau bundesweit ausbremsen.
Einig sind sich die drei SPD-Bundestagsabgeordneten sowie Türmer darin, dass eine Vergesellschaftung allein nicht genug bezahlbaren Wohnraum schaffen würde. Sie fordern unter anderem eine stärkere Förderung des sozialen Wohnungsbaus, mehr kommunale und genossenschaftliche Wohnungen sowie die Erlaubnis des Bundes an die Länder, selbst einen Mietendeckel einzuführen. Hakan Demir kündigte an, jeden Gesetzentwurf genau zu prüfen: „Wir müssen alle rechtlich möglichen Mittel nutzen, um gegen den angespannten Wohnungsmarkt vorzugehen.“
Forderungen und Demonstrationen
Am Donnerstag haben in Berlin Hunderte Unterstützer der Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ gegen das vom Bund geplante Verbot demonstriert. Das vierte Mitglied der Berliner SPD-Landesgruppe, Helmut Kleebank, äußerte sich am Freitag nicht auf eine Anfrage des Tagesspiegel.
Die Nachricht wurde am 04.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Damit ist der Konflikt innerhalb der schwarz-roten Koalition um die Wohnungspolitik offen ausgebrochen – ausgerechnet vor der Landtagswahl in Berlin, bei der die SPD um Stimmen kämpft und die Linkspartei mit der Vergesellschaftungs-Debatte punkten will.
Fragen & Antworten
Worum geht es bei dem Streit um das Enteignungsverbot?
Der Koalitionsausschuss von CDU/CSU und SPD hat sich darauf verständigt, die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne auf Landesebene per Bundesgesetz zu verbieten. Dagegen regt sich Widerstand aus der Berliner SPD.
Wer kritisiert den Beschluss aus der SPD?
Die SPD-Bundestagsabgeordneten aus Berlin Annika Klose, Hakan Demir, Cansin Demir und Ruppert Stüwe sowie Juso-Chef Philipp Türmer lehnen das Vorhaben ab und berufen sich auf den Berliner Volksentscheid von 2021.
Welche Folgen könnte das Verbot für Berlin haben?
Berlin hatte im März ein Rahmengesetz verabschiedet, das die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne grundsätzlich ermöglicht. Ein Bundesgesetz würde diesen landespolitischen Handlungsspielraum einschränken – mitten in der Debatte vor der Landtagswahl im Herbst.
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