Die schwarz-rote Bundesregierung will die Tabaksteuer deutlich stärker erhöhen als bisher geplant, sodass eine Schachtel Zigaretten bis 2030 voraussichtlich fast 12 Euro kosten wird.
Hintergrund der Pläne
Aus einer Formulierungshilfe des Bundesfinanzministeriums für die Regierungsfraktionen geht hervor, dass der Preis für eine 20er-Packung Zigaretten in mehreren Stufen von derzeit rund acht Euro auf etwa 11,78 Euro im Jahr 2030 steigen soll. Das berichteten das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) und die Deutsche Presse-Agentur am Montag unter Berufung auf Dokumente aus dem Ministerium. Die Anpassung wäre damit etwa 40 Cent höher als im bisherigen Entwurf des Ministeriums vorgesehen, den das Kabinett erst in der Vorwoche auf den Weg gebracht hatte.
Konkret bedeutet dies: Bereits im kommenden Jahr könnte eine Packung mit 20 Zigaretten laut RND 9,10 Euro kosten – 33 Cent mehr als bislang erwartet. Anschließend soll es regelmäßige Steuererhöhungen über einen Zeitraum von vier Jahren geben. Auch Pfeifentabak und Zigaretten-Tabak (Feinschnitt für selbstgedrehte Zigaretten) sind von der Anhebung betroffen.
Begründet wird die stärkere Erhöhung nach Angaben aus der Formulierungshilfe sowohl mit der Haushaltskonsolidierung als auch mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit. "Die geplante stärkere Erhöhung diene sowohl der Haushaltskonsolidierung als auch dem 'Schutz der öffentlichen Gesundheit'", heißt es in dem Dokument. Ein Sprecher des Finanzministeriums bestätigte in Berlin den Änderungswunsch der Regierungsfraktionen, wollte sich zu Details jedoch nicht äußern.
Begründung: Haushalt und Gesundheit
Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) erklärte am Montagmorgen im ARD-Morgenmagazin, im kommenden Jahr müssten 19 Milliarden Euro eingespart werden, ohne dass die Beitragssätze steigen. "Wir müssen schauen, wie wir das System insgesamt so halten, dass die 19 Milliarden Euro nächstes Jahr so eingespart werden, dass es keine Beitragssatzsteigerung gibt", sagte Frei. Zugleich solle die Tabaksteuer auch eine ungesunde Lebensweise einschränken. In Bezug auf die geplanten Mehreinnahmen zugunsten von Krankenhäusern und stationärer Versorgung müsse man "im gesamten System darauf achten, dass es nicht zu einer Steigerung beim Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung komme".
Die Einnahmen aus der Tabaksteuer sollen nach dem Willen der Koalition unter anderem Krankenhäusern und der stationären Versorgung zugutekommen. Bis 2030 rechnet die Bundesregierung laut dem vorliegenden Änderungsentwurf mit zusätzlichen Einnahmen von 4,4 Milliarden Euro. Insgesamt könnte die Tabaksteuer demnach rund 21 Milliarden Euro in die Bundeskasse spülen. Allein im Jahr 2027 werden die höheren Sätze laut den Berechnungen voraussichtlich 756 Millionen Euro zusätzlich bringen.
Zustimmung aus Medizin und Wissenschaft
Rückendeckung erhält die Koalition vom Sucht- und Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU). Er nannte die deutliche Erhöhung der Tabaksteuer eine richtige Entscheidung. "Der Preis ist einer der wirksamsten Hebel, um Jugendliche vom Einstieg abzuhalten und Raucher beim Ausstieg zu unterstützen", sagte Streeck der Frankfurter Rundschau. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sprach sich für eine stärker als geplant ausfallende Tabaksteuer aus, forderte aber, die zusätzlichen Einnahmen in Prävention und Gesundheitsförderung zu investieren und nicht in Haushaltslöcher.
Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Bundesgesundheitsminister, begrüßte die Pläne im ZDF-Mittagsmagazin als "sehr gut" und bezeichnete sich als "einigermaßen" zufrieden. Er habe die Tabaksteuer noch stärker erhöht, sagte er – "Ich hätte die Tabaksteuer noch stärker erhöht." Der Hauptgewinn der Maßnahme liege auch in wirtschaftlicher Hinsicht darin, dass "viele Folgekosten der Krankheiten langfristig vermieden werden". Zugleich forderte Lauterbach mehr Investitionen in Programme zur Raucherentwöhnung. Einen Widerspruch zwischen seinem Wunsch nach sinkendem Zigarettenkonsum und steigenden Steuereinnahmen sieht er nicht. Bereits im Januar hatte er sich im ZDF für eine Tabaksteuererhöhung ausgesprochen.
Kritik aus Opposition und Tabakindustrie
Unterstützung kommt ebenfalls aus der Wissenschaft. Der Gesundheitsökonom Stefan Greß von der Hochschule Fulda erklärte, höhere Tabaksteuern führten nachweislich zu weniger Rauchern. Einen nennenswerten Schub für den illegalen Markt erwartet er nicht. "Der Konsumrückgang, den es gibt, der ist bis maximal zu einem Drittel – das sagen die Studien – auf Schmuggel und solche Dinge zurückzuführen. Das sind aber alte Zahlen." Auch Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) betonte, höhere Zigarettenpreise seien ein wirksames Mittel, um den krebserregenden Konsum zu senken und Jugendliche vom Einstieg abzuhalten.
Kritik an den Plänen kommt von der Linken. Linken-Chefin Ines Schwerdtner sagte, die Maßnahme sei "keine Gesundheitsstrategie des Finanzministers", sondern "einzig und allein dazu da, um Haushaltslöcher zu stopfen". Auch die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner äußerte sich skeptisch. "Es sei aber nicht klar, wo die Gelder landen würden", sagte Brantner mit Blick auf die vorgesehenen Mehreinnahmen und forderte, die Mittel gezielt ins Gesundheitssystem zu lenken.
Scharfe Kritik übt auch die Tabakindustrie. Jan Mücke, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes BVTE, nannte die prognostizierten Zusatzeinnahmen "reine Fantasie". "Die Bundesregierung plant mit Mehreinnahmen, die reine Fantasie sind, nichts davon wird Realität werden", sagte Mücke. Die Steueranhebung wäre "ein Konjunkturprogramm für die organisierte Kriminalität". Zugleich verwies er darauf, dass die Tabaksteuer auf eine 20er-Packung zu Jahresbeginn ohnehin bereits um 15 Cent gestiegen sei. Seither habe der Bund nur 5,2 Milliarden Euro an Tabaksteuer eingenommen, im gesamten Vorjahr seien es 17,6 Milliarden Euro gewesen.
Hintergrund der Debatte ist auch die finanzielle Lage des Bundes. Nach den Worten von Kanzleramtsminister Frei sind im kommenden Jahr 19 Milliarden Euro an Einsparungen nötig, um steigende Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung zu vermeiden. Die Tabaksteuer ist dabei ein Baustein innerhalb eines größeren Konsolidierungspakets. Die Bundesregierung setzt darauf, dass steigende Preise den Konsum dämpfen und zugleich die Steuereinnahmen erhöhen.
Auswirkungen auf Verbraucher
Bereits zuvor hatte das Kabinett vergangenen Montag eine Erhöhung der Tabaksteuer auf den Weg gebracht. Die Regierungsfraktionen baten das Finanzministerium anschließend über die Formulierungshilfe um eine Nachschärfung des Entwurfs. Die nun vorgesehene Preisspanne von 11,78 Euro im Jahr 2030 entspricht laut RND 42 Cent mehr als im ursprünglichen Gesetzentwurf des Ministeriums angenommen und etwa 40 Cent mehr als in dem eine Woche älteren Kabinettsbeschluss.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes raucht in Deutschland derzeit jeder Fünfte der ab 15-Jährigen. Gesundheitsexperten und Krebsforscher sehen in einer deutlichen Preiserhöhung daher ein zentrales Instrument, um insbesondere junge Menschen vom Einstieg abzuhalten und langfristig die Zahl tabakbedingter Erkrankungen zu senken.
Die weitere parlamentarische Beratung des geänderten Gesetzentwurfs steht noch aus. Bis das Vorhaben in Kraft tritt, könnten sich an den Plänen noch Änderungen ergeben.
Diese Nachricht wurde am 13.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. "Fast zwölf Euro für eine Schachtel Zigaretten – so teuer könnte Rauchen bis zum Jahr 2030 werden."
