Klangwelten zwischen Barock und Gegenwart: Dusapins "Passion" bei den Salzburger Festspielen
Salzburg, 24. Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Bei den Salzburger Festspielen wurde Pascal Dusapins Oper "Passion" in der Kollegienkirche konzertant aufgeführt. Das Ensemble Modern unter Franck Ollu, die Sopranistin Sarah Aristidou, der Bariton Georg Nigl und die Schola Heidelberg gestalteten den rund 90-minütigen Abend mit starkem Applaus.
Die Oper "Passion" von Pascal Dusapin ist im Rahmen der Ouverture Spirituelle der Salzburger Festspiele in der Kollegienkirche konzertant aufgeführt worden.
Monteverdi als Ausgangspunkt
Die Oper "Passion" von Pascal Dusapin, uraufgeführt 2008 in Aix, hat in Salzburg nun eine konzertante Station erlebt. Die Aufführung fand im Rahmen der Reihe Ouverture Spirituelle in der Kollegienkirche statt und wurde vom Ensemble Modern unter der Leitung von Franck Ollu musikalisch umgesetzt. "Die musikalische Umsetzung durch das Ensemble Modern unter der Leitung von Franck Ollu" trug wesentlich zu der dichten Klangarchitektur bei, die das Werk auszeichnet.
Der Franzose Dusapin knüpft mit seinem Stück an jenen Mythos an, "denkt "Orfeo" von Monteverdi, die Geschichte vom Sänger, der seine von der Schlange gebissene Eurydike aus der Unterwelt zurückholen will, weiter", indem er die Beziehung der beiden Figuren in zehn Abschnitten durchleuchtet. "In zehn Abschnitten geht es um Leidenschaften, Liebe, Schmerz, Angst etc." — so die Programmlinie. Die beiden Protagonisten heissen schlicht "Sie" und "Er" — also "Lei" und "Lui" — und wurden von Sarah Aristidou (Lei) und Georg Nigl (Lui) gesungen.
Das Werk ist mit etwa 90 Minuten Spieldauer als "Dusapins Neunzigminüter" charakterisiert. Es verbindet klassisches Orchester mit einer erweiterten Klangpalette: "Dusapin setzt in seinem sehr intellektualisierten, fast mathematisch konzipierten Werk auf klassisches Orchester, angereichert mit Cembalo (als Hommage an Monteverdi), der orientalischen Oud und Live-Elektronik." Die orientalische Oud, eine arabische Kurzhalslaute, bringt dabei eine Klangfarbe ein, die in der europäischen Oper selten anzutreffen ist.
Klangfarben zwischen Ost und West
Zur Instrumentation gehören Soli für Cembalo, Oud und Harfe, die dem Werk meditative Flächen verleihen. "Die Instrumente sind, ebenso wie die Gesangsstimmen, verstärkt" — Verstärkung gehört damit zum Konzept. So entsteht eine "meditative Flächigkeit samt elektronischen Zuspielungen", die den sakralen Raum der Kollegienkirche in einen Resonanzkörper verwandelt.
Der kleine Chor Schola Heidelberg übernimmt die Aufgabe des antiken Chors und kommentiert das Geschehen zwischen Lei und Lui. Die Reduktion auf zwei singende Protagonisten und einen kompakten Vokalensemble verleiht der konzertanten Aufführung Kammeropern-Intimität, obwohl die instrumentation des Orchesters weit grösser angelegt ist.
Protagonisten und Chor
Nach der Aufführung spendete das Publikum deutlichen Beifall. "Das Publikum applaudierte heftig" — eine Reaktion, die bei der Uraufführung 2008 in Aix und bei der Wiener Produktion durch die Neue Oper Wien vor einigen Jahren ebenfalls dokumentiert wurde. Auch in Salzburg schien die eigenwillige Klangsprache Dusapins anzukommen, die den Bogen von Monteverdis Frühbarock zur Gegenwart schlägt.
Werkgeschichtlich führt Dusapin die Figurenkonstellation fort, "das Claudio Monteverdi in seiner Oper L'Orfeo frühbarock verewigt hat: Orpheus sucht seine Eurydice in der Unterwelt". Während Monteverdi die Hinab- und Rückkehr narrativ durchspielt, konzentriert sich Dusapin auf die zwischenmenschliche Spannung, auf die emotionalen Aggregatzustände zwischen Anziehung, Verlust und Angst.
Die Sängerin Sarah Aristidou, die in den vergangenen Jahren wiederholt mit ihrer Stimme in experimentellen Repertoires aufgefallen ist, trat hier erneut mit einer Partie für eine weibliche Hauptfigur an der Seite von Georg Nigl hervor, der seit Langem zu den profilierten Baritonen des österreichischen Musiktheaters zählt. Beide sangen in der Kollegienkirche ohne Bühnenbild, allein getragen von der musikalischen Darstellung.
Zwischen Konzertsaal und Sakralraum
Die konzertante Form ermöglichte es, den Fokus auf die akustische Dimension zu legen. Sakralität und Klanggeschichte trafen in der Kollegienkirche zusammen, wo die akustischen Bedingungen dem Werk zugute kamen. Die elektronischen Zuspielungen fügten sich in das architektonische Klangvolumen ein, ohne die akustische Präsenz der Live-Instrumente zu überlagern.
Für die Salzburger Festspiele reiht sich die Aufführung in das Programm der Ouverture Spirituelle ein, das regelmässig geistliche und spirituell aufgeladene Musik präsentiert. Mit Dusapins Werk wurde ein zeitgenössischer Beitrag gewählt, der zwar keinen unmittelbar liturgischen Bezug aufweist, aber sehr wohl existenzielle Fragen nach Liebe und Verlust verhandelt.
Die zehnteilige Struktur ist mehr als eine formale Gliederung: Sie entspricht einer emotionalen Dramaturgie, die das Publikum durch unterschiedliche Zustände führt. Die Abschnitte funktionieren wie Stationen, an denen die zwei Stimmen sich annähern, voneinander entfernen und wieder zueinander finden. Die chorischen Interventionen der Schola Heidelberg wirken dabei wie reflexive Einsprüche.
Eine Werkbiografie in Etappen
Die Erweiterung des klassischen Orchesters um Cembalo, Oud und Live-Elektronik verweist auf das Anliegen Dusapins, historische Bezugspunkte und gegenwärtige Klangsprachen gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Das Cembalo ist dabei als direkte Reverenz an Monteverdi lesbar, während die Oud eine kulturelle Brücke in den vorderen Orient schlägt.
Der Abend war ein Bekenntnis zum zeitgenössischen Musiktheater im Rahmen eines der renommiertesten Festivals Europas. Dusapins Werk bot den Salzburger Festspielbesuchern die Möglichkeit, einen Komponisten kennenzulernen, der seit Jahrzehnten eigenständig zwischen Neue Musik, Oper und Klanginstallation arbeitet — und es versteht, in knapp 90 Minuten grosse Emotionen zu bündeln.
Mit der konzertanten Aufführung ist die jüngste Etappe einer Werkgeschichte markiert, die 2008 in Aix begann, über Wien führte und nun Salzburg erreichte. Die Kritik attestierte der Produktion einen spürbaren Erfolg beim Publikum, wobei die eigenwillige Tonsprache Dusapins in der Kollegienkirche eine kongeniale Umgebung fand.
Fragen & Antworten
Worum geht es in Dusapins Oper "Passion"?
Die Oper erzählt in zehn Abschnitten die Geschichte von "Lei" und "Lui", die an die Orpheus-und-Eurydice-Erzählung Monteverdis anknüpft, und behandelt Leidenschaften, Liebe, Schmerz und Angst.
Wer sang die Hauptrollen bei der Salzburger Aufführung?
Die Sopranistin Sarah Aristidou übernahm die Rolle der "Lei", der Bariton Georg Nigl sang den "Lui"; musikalisch begleitete das Ensemble Modern unter Leitung von Franck Ollu, ergänzt durch die Schola Heidelberg.
Welche besondere Instrumentation verwendet Dusapin?
Neben dem klassischen Orchester setzt Dusapin Cembalo als Hommage an Monteverdi, eine arabische Oud-Kurzhalslaute, Harfe und Live-Elektronik ein; Instrumente und Gesangsstimmen sind verstärkt.