Hitlers Geburtshaus in Braunau wird nach Umbau zur Polizeistation eröffnet
Braunau am Inn, 22. Juli 2026
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Kurzfassung
In Braunau am Inn ist das Geburtshaus Adolf Hitlers nach dreijährigem Umbau als Polizeistation eröffnet worden. Innenminister Gerhard Karner sprach von einem "neuen Kapitel" für das Haus, Kritiker hatten sich dort hingegen eine offensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gewünscht.
Im oberösterreichischen Braunau am Inn ist das Geburtshaus Adolf Hitlers am Mittwoch nach rund dreijährigem Umbau und einer 15 Jahre alten Debatte als Standort einer Polizeiinspektion und eines Bezirkspolizeikommandos eröffnet worden.
Das Gebäude in der Salzburger Vorstadt 15 war nach jahrelangem Rechtsstreit 2017 vom österreichischen Innenministerium enteignet und mit 812.000 Euro entschädigt worden. Seither wurde es für rund 20 Millionen Euro umgebaut. Künftig sollen rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort ihren Dienst versehen. Der Umbau sollte das Haus, das eng mit dem NS-"Führer" und Massenmörder Adolf Hitler verbunden bleibt, in einen Ort verwandeln, der nichts mehr mit seinem einstigen Bewohner zu tun hat. Im Innenministerium spricht man von einer "Neutralisierung" des belasteten Ortes.
Bei der Eröffnung sagte Innenminister Gerhard Karner (ÖVP), man eröffne nicht nur eine neue Polizeiinspektion, sondern auch "ein neues Kapitel dieses Hauses". Das Gebäude solle zu einem Ort "der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Sicherheit, der Freiheit und der Menschenwürde" werden. Die Polizei sei "ein Garant der Demokratie". Karner betonte in seiner Rede: "Unsere Polizei ist das Gegenteil der dunkelsten Zeit in unserer Geschichte und der NS-Symbolik."
Hintergrund der Enteignung
Die Idee, in das Gebäude eine Polizeistation einziehen zu lassen, geht auf das Innenministerium zurück. Schon der damalige Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) hatte 2016 einen rigorosen Vorschlag gemacht: "Für mich wäre ein Schleifen die sauberste Lösung." Also Abriss. Eine Expertenkommission sprach sich damals jedoch gegen einen Abriss aus. Man entschied sich stattdessen für den Umbau.
Vor dem Haus steht seit 1989 ein kniehoher Gedenkstein aus dem Steinbruch des früheren Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz. In den Stein ist eingraviert: "Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen." Laut Innenministerium sollte dieser eigentlich entfernt und nach Wien in das "Haus der Geschichte Österreich" gebracht werden. Dazu sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel: "Der Stein bleibt da."
Der Gedenkstein vor dem Haus
Die Stadt Braunau am Inn mit ihren etwa 17.500 Einwohnern an der Grenze zu Deutschland hatte sich jahrzehntelang mit der Frage beschäftigt, wie sie mit dem Gebäude umgehen sollte. Nach der Enteignung 2017 begann der Staat, Antworten zu suchen. Die Diskussion verlief über Jahre verhärtet, ehe nun mit der Eröffnung der Polizeistation zumindest eine vorläufige Entscheidung gefallen ist.
Kritik aus der Stadt
In dem Haus war bis 2011 die Lebenshilfe, eine Organisation für Menschen mit Behinderungen, als Mieter untergebracht. Danach stand es weitgehend leer und verfiel zunehmend. Das Gebäude selbst ist ein großes, im 19. Jahrhundert errichtetes Bürgerhaus, in dem Adolf Hitler am 20. April 1889 geboren wurde und das lange in Privatbesitz war.
Florian Kotanko, 77 Jahre alt, Vorsitzender des "Vereins für Zeitgeschichte Braunau" und einst Rektor des hiesigen Gymnasiums, hält eine "Neutralisierung" des Hauses weder für machbar noch für wünschenswert. "Es ist sinnlos, dagegen anzukämpfen, dass Braunau der Geburtsort Hitlers war", sagte er im Tagesspiegel. Die Frage sei vielmehr: "Wie geht man damit um?" Der Ort habe eine "Verantwortung für die Gedenkkultur". Sonst, so Kotanko, wäre das "eine Entsorgung von Geschichte". Kotanko wurde selbst in Braunau geboren und sagt: "Ich bin in Braunau geboren, und ich bin kein Nazi."
Polizei als Symbol
Auch das Vorstandsmitglied der Initiative "Braunau gegen das Vergessen", Robert Eiter, äußerte deutliche Kritik. Er sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur: "Wir halten diese Idee, Geschichte durch architektonische Umgestaltung zu neutralisieren, für absurd und unrealistisch." Man habe sich stattdessen "eine offensive Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit" an diesem Ort gewünscht.
Andere Experten sehen die Lösung positiver: Die Polizei als Behörde einer Demokratie könne gerade an einem solchen Ort ein deutliches Zeichen setzen. "Es ist die Polizei einer Demokratie", betonte Karner. Gleichzeitig müssten neue Aufgaben erfüllt werden: Die Polizistinnen und Polizisten sollen an dem Standort künftig schnell verdächtige Personen überprüfen können. Denn der Geburtsort des Diktators hatte immer wieder Rechtsextreme angezogen.
Adolf Hitler sorgt auch 81 Jahre nach seinem Tod noch für höchste Sicherheitsmaßnahmen. Bei Veranstaltungen und Jahrestagen sichert die Polizei den Ort und das Gebäude seit Jahrzehnten ab. Mit dem Einzug der Polizei soll diese Aufgabe nun auf Dauer mit dem Standort verbunden bleiben.
Braunau blickt nach vorn
Die jahrelangen Diskussionen um das Nazi-Erbe in der Stadt scheinen damit zunächst beendet. Die Polizei werde, so hieß es aus dem Ministerium, dort künftig als sichtbares Zeichen einer wehrhaften Demokratie dienen. Die Verantwortung für das Gedenken aber bleibt – sie verlagert sich auf den bestehenden Mahnstein, mögliche Ausstellungen und die Erinnerungsarbeit von Vereinen vor Ort.
Vor der Tür erinnert der Gedenkstein an die Opfer der NS-Zeit. Daneben erinnert auch eine kleine Tafel an die Geschichte des Hauses. Die Stadt setzt zudem auf Aufklärung: Schulklassen aus ganz Österreich besuchen Braunau regelmäßig, um am historischen Ort über die NS-Verbrechen zu lernen. Die Eröffnung der Polizeistation wird nun in diese erinnerungskulturelle Arbeit eingebettet, so die Pläne der Stadt.
Vertreterinnen und Vertreter der Stadt betonten, sie wollten den Blick verstärkt auf die Zukunft richten. Braunau wolle sich als weltoffene, tolerante Kleinstadt an der Grenze zu Bayern profilieren – mit einem klaren Bekenntnis gegen Rechtsextremismus und für die Demokratie. Die Stadt sieht sich dabei auch als Beispiel für andere Kommunen in Europa, die mit belasteten Orten umgehen müssen.
Die Kosten für den Umbau von rund 20 Millionen Euro trägt der Bund. Damit ist die seit 2011 leerstehende Immobilie nun endgültig einer neuen Nutzung zugeführt. Wann und ob an dem Gebäude selbst noch sichtbare Hinweise auf seine Vorgeschichte angebracht werden, blieb zunächst offen. Karner verwies bei der Eröffnung lediglich darauf, dass die neue Nutzung die deutlichste Antwort sei, die der Staat auf die NS-Vergangenheit geben könne.
Beobachterinnen und Beobachter werten den Schritt als konsequenten Schlusspunkt einer jahrzehntelangen Hängepartie. Andere, darunter der Verein für Zeitgeschichte Braunau, fordern weiterhin, dass das Haus selbst zum Lernort werden müsse – etwa mit einer dokumentierenden Ausstellung, die das Innenministerium bisher ablehnt. Ob es dazu noch kommt, ist offen.
Fest steht: Am Mittwoch öffnete in dem einstigen Bürgerhaus eine Polizeiinspektion ihre Türen. Damit verschwindet Hitlers Geburtsort nicht – er bekommt aber eine völlig neue Funktion. Die Stadt und der Bund setzen darauf, dass die Polizei als Hüterin der Demokratie dort langfristig das Gegenteil dessen verkörpert, wofür dieser Ort einst stand.
Fragen & Antworten
Welche Rolle spielt der Gedenkstein vor dem Haus?
Vor dem Gebäude steht seit 1989 ein kniehoher Mahnstein aus dem Steinbruch des früheren Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz mit der Inschrift "Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen". Das Innenministerium hatte ursprünglich erwogen, ihn ins "Haus der Geschichte Österreich" nach Wien zu verlegen, erklärte aber: "Der Stein bleibt da."