Polizeizentrum statt Pilgerort: Österreich eröffnet Hitlers Geburtshaus als Wache neu
Braunau am Inn, 22. Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Das umgebaute Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn ist am Mittwoch als Polizeizentrum feierlich eröffnet worden. Rund 45 Beamte arbeiten künftig in dem Gebäude, das nach jahrelangem Streit um eine angemessene Nutzung äußerlich entkernt und innen modernisiert wurde.
In Braunau am Inn ist am Mittwoch das umgebaute Geburtshaus von Adolf Hitler nach dreijähriger Renovierung offiziell als Polizeizentrum eröffnet worden; künftig sind dort die Stadtpolizei und die Bezirkspolizeikommando untergebracht.
Das Gebäude an der Salzburger Vorstadt 15, in dem Adolf Hitler am 20. April 1889 zur Welt kam, hat eine grundlegende Veränderung erfahren. Das Innenministerium investierte nach eigenen Angaben rund 20 Millionen Euro in den Umbau, der die Fassade entkernte und die Innenräume modernisierte. „Helle Gänge, saubere Wände, modernes Licht“ beschreibt die APA den Zustand des Hauses, das nach den Worten von Stephan Mlczoch, Leiter der Abteilung für historische Angelegenheiten im Innenministerium, „ganz typisch für einen Neubau“ sei.
Architekten orientierten sich bei der äußeren Gestaltung an Vorlagen aus dem 18. Jahrhundert, um den Wiedererkennungswert des Hauses zu minimieren. Der charakteristische gelbe, bröckelnde Putz und die Fenster mit halbrunden Stuckbögen, die das Gebäude über Jahrzehnte als Pilgerort für Rechtsextreme kennzeichneten, sind verschwunden. An ihre Stelle ist eine schlichte, hell verputzte Fassade getreten, die sich unauffällig in das Stadtbild einfügt.
Architektonische Entkernung
Die Baustelle wurde aus Sorge vor Neonazi-Sammlerinnen und -Sammlern überwacht, Bauschutt wurde nach Angaben des Ministeriums vor Ort geschreddert und mit anderem Material vermischt, um ihn unkenntlich zu machen. Innenminister Gerhard Karner wurde zur Eröffnung erwartet; nach APA-Angessen hatten 42 nationale und internationale Medien – darunter BBC und Al Jazeera – ihre Teilnahme angekündigt.
In den vergangenen Wochen ist die Exekutive nach und nach in den Bau eingezogen, wie es aus dem Ministerium hieß. „In den vergangenen Wochen hat die Exekutive den Bau nach und nach bezogen“, heißt es in der Mitteilung. „Rund 20 Millionen Euro hat das Innenministerium in die Hand genommen, um Adolf Hitlers Geburtshaus zu einer Polizeistation umzubauen.“ Künftig arbeiten 45 Polizeibeamte in dem Gebäude, das 3.000 Quadratmeter Fläche samt Tiefgarage umfasst; Teile sind klimatisiert.
Vorgeschichte: Enteignung nach jahrelangem Streit
Der Umbau ist das Ergebnis einer langen politischen und juristischen Auseinandersetzung um die Zukunft des Hauses. Bis 2011 beherbergte es unter anderem eine Werkstätte für Menschen mit Behinderung der Organisation Lebenshilfe; danach stand es weitgehend leer. Die frühere Eigentümerin lehnte notwendige Sanierungen – etwa den Einbau eines Aufzugs und einen barrierefreien Zugang – ab. 2016 beschloss der Nationalrat einstimmig ein Gesetz, das die Enteignung ermöglichte; 2017 wurde das Haus nach einem Rechtsstreit von der Republik Österreich enteignet.
Bereits zuvor hatte eine Expertenkommission Empfehlungen zum Umgang mit dem Gebäude erarbeitet. Sie sprach sich gegen einen Abriss und gegen die Einrichtung eines Museums aus und empfahl stattdessen ausdrücklich „eine sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung“. Die Begründung: Ein Museum könnte auch Rechtsextreme anziehen, ein Abriss hingegen käme einem Ausradieren der Geschichte gleich. ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka hatte zuvor den Abriss vorgeschlagen; die Braunauer FPÖ hatte sich für die Einrichtung einer Geburtenstation ausgesprochen.
Polizei gegen Pilger
Die Republik verfolgt mit der Umnutzung das erklärte Ziel, dem Haus seine Anziehungskraft als „brauner“ Wallfahrtsort zu nehmen. Jahrzehntelang war die Adresse ein Anziehungspunkt für Neonazis: Motorradgruppen und Reisebusse aus dem benachbarten Bayern hielten in Braunau, um vor dem Gebäude zu posieren. „Die Zeiten, in denen sich Rechts- und Linksdemonstranten an seinem Geburtstag gegenüberstanden, sind längst vorbei“, sagte Bezirkspolizeikommandant Stefan Haslberger. „Wer nicht hier wohnt, stellt sich das schlimmer vor, als es ist.“
Die Polizei ist in dem Haus nun mit technischer Überwachung präsent. Das Gebäude steht unter Videokontrolle, verdächtige Besucherinnen und Besucher können laut Ministerium sofort kontrolliert werden. Alle neu zugeteilten Beamtinnen und Beamten müssen zudem ein verpflichtendes E-Learning-Modul absolvieren, das unter anderem das Verbotsgesetz und das Symbolgesetz behandelt. Damit soll sichergestellt werden, dass die im Haus tätigen Kräfte für den Umgang mit rechtsextremen Vorfällen geschult sind.
Bürgermeister: „Kümmert euch um die Lebenden“
Vor dem Haus steht weiterhin ein Gedenkstein aus Granit, der vom ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen stammt. Er trägt die Inschrift „Millionen Tote mahnen“. Auch eine Wanderausstellung mit dem Titel „Hitlers Exekutive“ wird ab 18. September in Braunau Station machen; sie war zuletzt in Schloss Hartheim zu sehen. Die Schau entstand, nachdem ein externes Forschungsteam Zugang zu Archiven und Personalakten erhalten hatte.
Bürgermeister Johannes Waidbacher (ÖVP) sieht in der Umnutzung einen bewussten Umgang mit der Geschichte, nicht deren Verdrängung. „Es ist ein historisches Faktum, dass Adolf Hitler hier auf die Welt gekommen ist, damit werden wir für immer leben müssen“, sagte er. Zugleich wies er den Vorwurf zurück, die Republik habe mit dem Umbau Verantwortung von sich gewiesen. Er verwies auf den Holocaust-Überlebenden und Hollywood-Regisseur Branko Lustig, der vor Jahren in Braunau zu Besuch war und gesagt habe: „Hitler ist tot. Kümmert euch nicht um die Toten, sondern um die Lebenden.“ Zum jahrelangen Schweigen der früheren Eigentümerin auf städtische Nutzungskonzepte sagte Waidbacher: „Aber bis zum heutigen Tag haben wir von ihr kein einziges Ja oder Nein gehört.“
Waidbacher betonte, das politische Braunau sei sich in der Frage einig gewesen. Der einzige Streitpunkt sei die persönliche Haltung der Eigentümerin gewesen: „Es liegt an ihr persönlich.“ In der Stadt hatte es über Jahre immer wieder Vorfälle gegeben – 2021 soll ein damals 57-jähriger Berliner eine Kränze vor dem Haus niedergelegt haben, am 20. April 2024 sollen zwei deutsche Paare Blumen in die Fensternischen gestellt und Fotos gemacht haben; eine Frau soll dabei den Hitlergruß gezeigt haben.
Weiterhin offene Debatte
Mit der Übersiedelung der Polizei verändert sich die Funktion des Hauses grundlegend. Mlczoch sagte, durch den Einzug der Polizei sei das Gebäude zu einem „Haus der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ geworden, „ohne jede weitere Assoziation mit Hitler“. Er verwies auf den OGM-Vertrauensindex vom Oktober 2025, demzufolge „keine Institution in Österreich mehr Vertrauen genießt als die Polizei“ – 69 Punkte. Auf die Frage, ob das Haus nicht doch noch Spuren seiner Geschichte zeigen sollte, antwortete er mit dem knappen Urteil: „Gut so.“
Gleichzeitig ist die Debatte über den Umgang mit dem Ort noch nicht beendet. Historikerinnen und Historiker sowie Gedenkstätten-Expertinnen und -Experten fordern weiterhin eine sichtbare, mehrsprachige Auseinandersetzung mit der Geschichte am Standort. Auch besteht der Wunsch nach zumindest einer mehrsprachigen Informationstafel in der Nähe des Gebäudes. Die Eröffnung am Mittwoch ist daher nicht das letzte Wort in einer Diskussion, die in Braunau seit Jahrzehnten geführt wird.
Der Gebäudekomplex stammt aus dem 17. Jahrhundert. Um 1889 befanden sich im vorderen Teil eine Gaststätte, im mittleren Wohnungen und im hinteren Teil eine Brauerei. Hitlers Familie zog nur wenige Monate nach seiner Geburt in eine andere Wohnung in Braunau um. Über die Jahrzehnte beherbergte das Haus von 1960 an eine Bibliothek, eine Schule, eine Bank und schließlich die Tagesstätte der Lebenshilfe.
Historischer Kontext
In den kommenden Wochen wird die Polizeistation den Betrieb vollständig aufnehmen. Das Bezirkspolizeikommando Braunau und die Polizeiinspektion Braunau teilen sich das Gebäude; das Innenministerium spricht von einem „deutlichen Bekenntnis der Republik Österreich zu einer konsequenten Bekämpfung von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus“.
Hintergrund der Umnutzung ist auch die Sorge vor einer Fortschreibung der rechtsextremen Anziehungskraft des Ortes. In der Vergangenheit war es wiederholt zu Vorfällen vor dem Gebäude gekommen, darunter das Ablegen von Blumen und Kränzen sowie das Zeigen verbotener NS-Symbole. Mit dem Umbau, der Videoüberwachung und der Polizeipräsenz soll dies unterbunden werden.
Zum Vergleich: Auch Hitlers frühere neun-Zimmer-Wohnung am Prinzregentenplatz in München gehört seit Jahrzehnten einer Polizeiinspektion. Im Fall von Braunau war die Debatte jedoch besonders intensiv, weil dort der Geburtsort eines Diktators liegt, der am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, innerhalb kurzer Zeit die Demokratie in Deutschland abbaute, 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselte und mit seinem nationalsozialistischen Regime die Verfolgung und Ermordung von rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden zu verantworten hatte. Hitler hatte sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig zur deutschen Armee gemeldet; am 9. November 1923 führte er den gescheiterten Hitler-Putsch an, in dessen Folge er in der Haft „Mein Kampf“ verfasste. Eva Braun heiratete den Diktator kurz vor dem gemeinsamen Suizid.
Zwei Jahre nach der deutschen Kapitulation sprengten sowjetische Truppen den Führerbunker in Berlin. In Braunau setzt die Republik nun auf Konsequenz statt auf ein Museum: Aus einem Wallfahrtsort soll ein Ort des Rechtsstaats werden.
Fragen & Antworten
Wer entschied über die neue Nutzung des Geburtshauses?
Eine vom österreichischen Staat eingesetzte Expertenkommission empfahl ausdrücklich „eine sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung“ und sprach sich sowohl gegen einen Abriss als auch gegen ein Museum aus. Nach einer Enteignung im Jahr 2017 baute das Innenministerium das Haus in den folgenden Jahren für rund 20 Millionen Euro zur Polizeistation um.
Warum gerade eine Polizeistation?
Die Republik Österreich verfolgte das Ziel, dem Haus seine Anziehungskraft als „brauner“ Wallfahrtsort zu nehmen und Neonazi-Aktivitäten an der bayerischen Grenze zu unterbinden. Stephan Mlczoch vom Innenministerium verwies zudem auf den OGM-Vertrauensindex vom Oktober 2025, wonach keine Institution in Österreich mehr Vertrauen genießt als die Polizei.
Wie viele Polizistinnen und Polizisten arbeiten künftig im Gebäude?
Nach Angaben des Innenministeriums werden künftig 45 Polizeibeamte in dem Gebäude an der Salzburger Vorstadt 15 in Braunau am Inn tätig sein, das auf 3.000 Quadratmetern unter anderem das Bezirkspolizeikommando und die Polizeiinspektion beherbergt.