Gelsenkirchener Rat wählt AfD-Politiker Emmerich nach rassistischer Video-Aktion ab
Gelsenkirchen, 10. Juli 2026
Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der Gelsenkirchener Stadtrat hat Norbert Emmerich (AfD) mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit vom Amt des Zweiten Bürgermeisters abgewählt. Auslöser war ein als „Putz-Video" bekannt gewordenes Instagram-Video, in dem Emmerich und die AfD-Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias Menschen mit Migrationshintergrund zum Fegen des Gehwegs aufgefordert hatten.
Der Gelsenkirchener Stadtrat hat den AfD-Politiker Norbert Emmerich am Donnerstag mit 47 Stimmen vom Amt des Zweiten Bürgermeisters abgewählt und damit auf ein als „Putz-Video" bekannt gewordenes Instagram-Video reagiert.
Der Abstimmung im Rat der Stadt Gelsenkirchen war ein monatelanger politischer Streit vorausgegangen. Auslöser war ein Video, das die AfD-Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias, deren Stellvertreter Emmerich im Gelsenkirchener Stadtverband ist, zusammen mit ihm in den sozialen Medien veröffentlicht hatte. In dem Clip waren im Ückendorfer Stadtteil, der nach Angaben der AfD von Migration geprägt ist, Passanten mit Migrationshintergrund zu sehen, denen die beiden Politiker Besen übergaben und die sie zum Fegen des Gehwegs aufforderten. Die Aktion war nach Angaben der AfD bereits einige Wochen vor der Veröffentlichung des Videos gefilmt worden.
Das Video zog rasch scharfe Kritik auf sich. Wie der WDR berichtete, erstattete das Landesnetzwerk der Sinti und Roma Anzeige. „Laut WDR erstattete das Landesnetzwerk der Sinti und Roma Anzeige", heißt es in dem Bericht. In Gelsenkirchen formierte sich zudem ein breites Bürgerbündnis, dem unter anderem der ehemalige SPD-Oberbürgermeister Frank Baranowski sowie Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen angehörten. Das Bündnis bezeichnete die Aktion als erniedrigend und rassistisch und forderte die Abwahl Emmerichs.
Auslöser: ein rassistisches Video auf Instagram
SPD, FDP und Grüne formulierten ihre Haltung in einer gemeinsamen Presseerklärung. „Mit der Abwahl ziehen wir die notwendigen politischen Konsequenzen und machen deutlich, dass wir menschenverachtende Grenzüberschreitungen nicht akzeptieren", erklärten die drei Fraktionen. Mit „mehr als zwei Drittel der gewählten Vertreterinnen und Vertreter" habe sich der Rat zur demokratischen Grundordnung und zur Achtung der Menschenwürde bekannt: „Eine Zweidrittelmehrheit ist eine hohe Hürde". Das Überspringen dieser Hürde belege, „dass in Gelsenkirchen ein überparteiliches demokratisches Spektrum zusammensteht, das öffentliche Diffamierung und Demütigung nicht hinnimmt".
Am Donnerstag kam es im Gelsenkirchener Rat zur Abstimmung. Nach Angaben eines Stadtsprechers gegenüber der dpa fehlten zwei Mitglieder der AfD-Fraktion bei der Sitzung. Von den anwesenden Stadtverordneten stimmten 47 für die Abwahl Emmerichs, 18 votierten dagegen. Damit wurde die nach der Gemeindeordnung für die Amtsenthebung eines stellvertretenden Bürgermeisters notwendige Zweidrittelmehrheit von mindestens 45 Stimmen erreicht. „Mit 47 Stimmen wurde die nötige Zweidrittelmehrheit im Rat erreicht", hieß es dazu. Der Abstimmung folgte laut WAZ Applaus im Plenum.
Wie das Video Emmerich an die Macht brachte
Emmerich war erst Mitte Dezember 2025 überraschend zum Zweiten Bürgermeister gewählt worden, obwohl SPD und CDU sich zuvor auf Manfred Leichtweis (SPD) als Ersten und Werner Wöll (CDU) als Zweiten Stellvertreter der Oberbürgermeisterin Andrea Henze (SPD) geeinigt hatten. Die Wahl Emmerichs kam zustande, weil nach dem Auszählverfahren nach d'Hondt nur die Hälfte der Stimmen für Wöll berücksichtigt wurde, sodass er mit 21,5 Stimmen hinter Emmerich landete. In geheimer Wahl hatte der 72-jährige frühere Bankangestellte 23 Stimmen erhalten – drei mehr, als die AfD im Rat Sitze hat. Die Wahl war seinerzeit bundesweit als politischer Paukenschlag wahrgenommen worden.
Mit der Wahl zum Stellvertreter der Rathauschefin hatte Emmerich neben seiner Funktion als AfD-Fraktionsvorsitzender im Rat eine protokollarisch bedeutende Rolle übernommen. Nach Angaben der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) nahm er während seiner insgesamt siebenmonatigen Amtszeit allerdings keinen einzigen offiziellen Termin für die Stadt wahr. Inhaltlich hatte er das Amt bereits öffentlich infrage gestellt. Gegenüber der WAZ erklärte er, er habe seine Abwahl schon „vor einem halben Jahr" erwartet und sehe die Video-Aktion nur als „angenehmen Anlass".
Die Abstimmung im Gelsenkirchener Rat
Im Vorfeld der Abstimmung hatten SPD, CDU, Grüne und FDP gemeinsam einen Antrag auf Amtsenthebung in den Rat eingebracht. SPD, FDP und Grüne trugen den Antrag zudem in einer gemeinsamen Presseerklärung mit. Auf die vier Fraktionen entfallen im 66-köpfigen Gelsenkirchener Stadtrat nach den vorliegenden Zahlen zusammen 37 Sitze, die AfD-Fraktion verfügt über 20 Mandate. Das Ergebnis der Abstimmung vom Donnerstag übertraf die zur Abwahl notwendige Schwelle deutlich.
Bereits unmittelbar nach Emmerichs Abwahl wählte der Rat in derselben Sitzung den zuvor unterlegenen Werner Wöll (CDU) zum neuen Zweiten Bürgermeister. Damit folgte das Gremium dem ursprünglichen Personalvorschlag der großen Koalition. Wöll hatte in seiner Rolle als Stellvertreter in der Hauptsache repräsentative Aufgaben bei offiziellen Anlässen wahrzunehmen, bei denen er für die Oberbürgermeisterin als Vertretung einspringt. Die Wahl Emmerichs aus dem Dezember 2025 war damit nachträglich korrigiert.
Folgen und Reaktionen über die Stadt hinaus
Die AfD kündigte an, das Vorgehen im Rat politisch bewerten zu wollen. Emmerich bleibt nach seiner Amtsenthebung Fraktionsvorsitzender der AfD im Gelsenkirchener Stadtparlament. Die Partei besetzt mit Seli-Zacharias, deren Stellvertreter Emmerich ist, weiterhin das Stadtverbandsvorsitzenden-Duo, das die als „Putz-Video" bekannt gewordene Aktion im Ückendorfer Stadtteil initiiert hatte.
Die Reaktionen auf den Ausgang der Ratssitzung gingen über die Stadtgrenzen hinaus. In der Landespolitik Nordrhein-Westfalens wurde der Vorgang als Beleg für die Funktionsfähigkeit demokratischer Mehrheiten jenseits der AfD eingeordnet. SPD, FDP und Grüne verwiesen in ihrer Erklärung darauf, dass die hohe Hürde einer Zweidrittelmehrheit zeige, dass sich mehr als zwei Drittel der gewählten Ratsmitglieder klar zur demokratischen Grundordnung bekannt hätten. Die nachträgliche Wahl Wölls deuteten Beobachter als Versuch der Ratsmehrheit, den ursprünglichen, zwischen SPD und CDU vereinbarten Personalvorschlag wiederherzustellen.
Was bleibt: juristische und politische Aufarbeitung
Das Geschehen wirft zugleich ein Schlaglicht auf den Umgang mit rechtsextremen oder rassistisch motivierten Provokationen im politischen Raum Nordrhein-Westfalens. Während die Anzeige des Landesnetzwerks der Sinti und Roma justizielle Folgen haben könnte, war die Abwahl Emmerichs ein politisches Signal der übrigen Ratsfraktionen, die sich damit ausdrücklich gegen „öffentliche Diffamierung und Demütigung" stellten. Welche Konsequenzen das Video darüber hinaus etwa in disziplinarischer oder parteiinterner Hinsicht für die Beteiligten hat, blieb am Tag der Abstimmung offen.
Die einzelnen Fraktionen im Rat hatten im Vorfeld der Sitzung noch einmal ihre Positionen bekräftigt. SPD, CDU, Grüne und FDP stellten klar, dass sie den Antrag auf Abwahl als gemeinsames Zeichen gegen das Video verstünden. Damit war die Abstimmung nicht allein ein Akt der Amtsenthebung, sondern auch eine gemeinsame inhaltliche Positionierung. Mit dem Votum war nach Auffassung der vier Fraktionen dokumentiert, dass eine breite Mehrheit im Gelsenkirchener Stadtrat sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt.
Emmerich selbst äußerte sich am Rande der Sitzung gelassen. In dem WAZ-Gespräch deutete er an, dass die Nachricht aus seiner Sicht nicht überraschend komme. Die politische Aktion, die zu seinem Ausscheiden führte, bezeichnete er als „angenehmen Anlass". Damit übernahm er auch für die Veröffentlichung des Videos weiterhin die politische Verantwortung. Ob die AfD den Gang vor die Justiz, etwa wegen Volksverhetzung oder Beleidigung, abzuwarten hat, hängt nun auch von der weiteren Bewertung der Strafanzeige ab.
Die Nachricht über die Abwahl wurde am 09.07.2026 im Programm Deutschlandfunk verbreitet; die zugehörige Meldung trug das Merkmal einer Eilmeldung. Die Verbreitung über den öffentlich-rechtlichen Sender unterstreicht die überregionale Bedeutung des Vorgangs. In den kommenden Tagen war mit Reaktionen aus der Landeshauptstadt Düsseldorf sowie aus den Reihen der Bundespartei zu rechnen. Bis dahin bleibt abzuwarten, wie sich das Kräfteverhältnis im Gelsenkirchener Stadtrat nach der Wiederwahl Wölls weiterentwickelt.
Mit der Abwahl ist die unmittelbare Auseinandersetzung um das „Putz-Video" politisch entschieden. Die juristische Aufarbeitung – etwa durch das Landesnetzwerk der Sinti und Roma – und die parlamentarische Aufarbeitung im Stadtverband der AfD stehen indes noch aus. Bis dahin bleibt Gelsenkirchen ein Beispiel dafür, wie eine breite Mehrheit aus vier demokratischen Fraktionen einer rechtsextremen Provokation im Stadtrat mit einem klaren Votum begegnen kann.
Fragen & Antworten
Warum wurde der Gelsenkirchener Zweite Bürgermeister Norbert Emmerich abgewählt?
Der Stadtrat entzog ihm das Amt mit 47 Stimmen, weil er zusammen mit der AfD-Landtagsabgeordneten Enxhi Seli-Zacharias ein als „Putz-Video" bekannt gewordenes Instagram-Video veröffentlicht hatte, in dem Menschen mit Migrationshintergrund zum Fegen des Gehwegs aufgefordert wurden.
Wer hat die Abwahl beantragt und welche Parteien stimmten dafür?
Einen gemeinsamen Antrag auf Amtsenthebung stellten SPD, CDU, Grüne und FDP; im Rat votierten am Ende 47 Stadtverordnete für die Abwahl, 18 dagegen, und es gab zudem eine Strafanzeige des Landesnetzwerks der Sinti und Roma.
Wer folgt Norbert Emmerich als Zweiter Bürgermeister von Gelsenkirchen?
Direkt nach der Abwahl wählte der Rat den zuvor unterlegenen CDU-Politiker Werner Wöll zum neuen Zweiten Bürgermeister; als Erster Stellvertreter der Oberbürgermeisterin Andrea Henze (SPD) bleibt Manfred Leichtweis im Amt.
AfD-Bürgermeister Emmerich in Gelsenkirchen abgewählt | nachrichten360