AfD-Parteitag in Erfurt beendet – Weidel und Chrupalla als Doppelspitze bestätigt
Erfurt, 5. Juli 2026
Oxfordian Kissuth / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Kurzfassung
Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt ist am Sonntagnachmittag ohne nennenswerte inhaltliche Auseinandersetzungen zu Ende gegangen. Alice Weidel und Tino Chrupalla wurden als Doppelspitze bestätigt, zugleich demonstrierten Zehntausende Menschen gegen den Kongress.
Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt ist am Sonntagnachmittag nach etwa anderthalb Tagen ohne größere inhaltliche Auseinandersetzungen zu Ende gegangen; Delegierte bestätigten Alice Weidel und Tino Chrupalla als Doppelspitze, während in der thüringischen Landeshauptstadt mehrere Zehntausend Menschen gegen den Kongress demonstrierten.
Auftritt der Doppelspitze
Der Bundesparteitag der AfD begann am Samstag in der Messe Erfurt und endete am Sonntagnachmittag mit den Abschlussreden der beiden Co-Vorsitzenden. Rund 600 Delegierte waren vor Ort. Weder kam es zu offenen Führungsdebatten noch zu den aus früheren Parteitagen bekannten Konflikten und Abwahlen – der Kongress verlief nach Darstellung mehrerer Beobachter disziplinierter als die Vorgänger.
Im Zentrum stand die personelle und programmatische Aufstellung der Partei: Die Delegierten bestätigten Alice Weidel mit 81,3 Prozent als Co-Vorsitzende – ein Ergebnis, das im Vergleich zur Wahl von 2024 als nahezu unverändert beschrieben wird. Tino Chrupalla erhielt etwa 70 Prozent und schnitt damit deutlich schwächer ab als bei seiner vorherigen Wahl, als er auf 83 Prozent gekommen war. Beide traten ohne Gegenkandidaten an und sind damit für weitere zwei Jahre im Amt.
Machtanspruch und Programm
Inhaltlich beschwor Chrupalla in seiner Schlussrede den Machtanspruch der Partei: „Die AfD ist da, um zu siegen. Und wir werden siegen und wir werden regieren“, sagte er. Zugleich warnte er davor, etwas zu versprechen, was die AfD nicht halten könne, und verwies auf mögliche „Enttäuschungen und auch auf Rückschläge“ auf dem Weg zur Macht. Auch müsse die Partei ihre Versprechen einhalten. Er nannte die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September als nächste Etappenziele.
Weidel griff in ihrer Rede die Politik der Bundesregierung der vergangenen zwanzig Jahre scharf an. Sie sprach von einer Überforderung der Menschen durch „Eurorettung, Flüchtlingsrettung, Klimarettung, Ukrainerettung, bei gleichzeitiger konsequenter De-Industrialisierung und desaströser Energiepolitik“. Zum Abschluss rief sie zu einem gesamtgesellschaftlichen Bekenntnis in den Farben Schwarz-Rot-Gold auf: „Lasst uns das gesamte Land in Schwarz-Rot-Gold tauchen. Schwarz-Rot-Gold: Das leben wir! Das sind unsere Farben!“, sagte sie. Zudem kündigte sie an, die Partei bereite sich auf eine vorgezogene Bundestagswahl vor und wolle die „Regierungsverantwortung übernehmen“, da die AfD „stärkste Kraft“ sei.
Personalwechsel im Bundesvorstand
Auch der Blick auf die Landtagswahlen im Osten prägte den Kongress: Die AfD wolle in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erstmals einen Ministerpräsidenten stellen. In Sachsen-Anhalt, einem Bundesland mit 2,1 Millionen Einwohnern, liegt die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund laut Umfragen aktuell bei 41 Prozent. Im ARD-DeutschlandTrend liegt die Bundespartei derzeit bei rund 27 Prozent und damit deutlich vor CDU/CSU bei 22 Prozent; die SPD kommt auf zwölf Prozent.
Neben den Wahlen stand die Neu- und Umbildung des Bundesvorstands im Mittelpunkt. Die Delegierten wählten unter anderem Stefan Möller aus Thüringen, der als Vertrauter des Thüringer AfD-Landes- und Bundesvorstandsmitglieds Björn Höcke gilt, mit 76,54 Prozent zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Möller soll laut Vorstandsbeschluss die Beziehungen zu den deutschen Sicherheitsbehörden pflegen. Höcke war nach zwei Verurteilungen und Geldstrafen aus dem Jahr 2025 unter anderem wegen der mehrfachen Verwendung einer SA-Parole aus der NS-Zeit hervorgetreten; im Vorfeld dieses Parteitags bezeichnete er Demonstranten als „Seelenverwundete“ und forderte, die AfD müsse die „gebrochene deutsche Identität heilen“.
Sicherheitsbehörden und Verfassungsschutz
Zum neuen Bundesvorstand zählt zudem Jean-Pascal Hohm als Chef der neu gegründeten AfD-Nachwuchsorganisation „Generation Deutschland“, der in der brandenburgischen AfD-Landtagsfraktion wegen Kontakten in die rechtsextreme Szene zuvor sein Amt hatte aufgeben müssen. Neu als Vize ist ferner Katrin Ebner-Steiner, Co-Vorsitzende der bayerischen AfD-Landtagsfraktion; sie gab das Ziel aus, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder „aus der Staatskanzlei zu jagen“. Hannes Gnauck, ehemaliger Chef der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative, setzte sich im dritten Wahlgang knapp gegen den langjährigen Schatzmeister Carsten Hütter durch und ist neuer Bundesschatzmeister. Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen wurde mit 50,7 Prozent auf den dritten Vizeposten gewählt und besiegte damit Kay Gottschalk; Tritschler hatte im Wahlkampf angegeben, Jura studiert, aber keinen Abschluss zu haben.
Bei der Frage der inneren Abgrenzung kam es zu einer Verschiebung: Ein Antrag, der auf Betreiben Höckes stand und die sogenannte „Unvereinbarkeitsliste“ auf die Tagesordnung setzen sollte, wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Die Liste regelt, dass ehemalige Mitglieder extremistischer Organisationen wie der Identitären Bewegung oder der NPD nicht in die AfD aufgenommen werden dürfen. Eine Kommission soll sich im kommenden Jahr damit befassen. Die Beobachter werteten das Ergebnis als Versuch der Parteispitze, die ohnehin gereizte Stimmung nicht zu verschärfen.
Proteste in Erfurt
Die Tatsache, dass sechs der 14 neu gewählten Mitglieder des Bundesvorstands aus Landesverbänden stammen, die von den jeweiligen Landesämtern für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft sind, wurde auch überregional als Signal wahrgenommen. Fünf Landesverbände – Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Niedersachsen – gelten als gesichert rechtsextrem; in sechs weiteren Ländern sowie auf Bundesebene wird die AfD als Verdachtsfall geführt. Allerdings hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Gesamtpartei im Mai 2025 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft; das Kölner Verwaltungsgericht stoppte im Februar 2026 die Hochstufung vorläufig im Eilverfahren, sodass die Bundespartei rechtlich weiterhin Verdachtsfall bleibt. Eine Sprecherin des Bündnisses „Widersetzen“ bilanzierte, man sei gekommen, um den AfD-Parteitag zu verhindern – „Das ist uns nicht gelungen“.
Parallel zum Parteitag formierte sich in Erfurt eines der größten Protestaufgebote der vergangenen Jahre. Die zivilgesellschaftlichen Bündnisse „Zusammenstehen“, getragen von Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden und weiteren Organisationen, sowie „Widersetzen“ riefen zu Demonstrationen, Kundgebungen und Sitzblockaden auf. Nach Polizeiangaben beteiligten sich mehr als 31.000 Menschen an Protesten; die Veranstalter sprachen von rund 50.000 Teilnehmenden. Auch eine Fahrraddemonstration des ADFC startete am Willy-Brandt-Platz und führte unter anderem zum Fischmarkt und auf eine große Stadtrunde.
Die Polizei war eigenen Angaben zufolge mit mehreren Tausend Beamten im Einsatz; der Verlauf sei „überwiegend friedlich“ gewesen, sagte Polizeipräsident Thomas Quittenbaum. Die Einsatzkräfte mussten Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen, unter anderem bei zwei Vorfällen an blockierten Straßen sowie beim Versuch von rund 250 Blockierern, im Ortsteil Frienstedt eine Absperrung zu durchbrechen und Polizisten anzugreifen. Es besteht der Verdacht auf Landfriedensbruch. Bei einer Sitzblockade auf der Autobahn 71 sowie auf Zufahrtsstraßen nach Erfurt beteiligten sich zeitweise mehrere Tausend Menschen. Elf Polizeibeamte wurden leicht verletzt; vier Pressevertreter wurden verletzt; einem Vertreter der „Jungen Freiheit“ wurde das Handy geraubt, einige Tatverdächtige wurden bereits identifiziert. Drei Vertreter des Portals „Apollo News“ wurden am Samstag körperlich angegriffen, die Polizei leistete Hilfe. Die Polizei stellte zudem mehrere Drohnen sicher, die trotz Flugverbotszone geflogen waren.
Stimmen aus Politik und Stadtgesellschaft
Die Thüringer Polizei zog am Sonntag eine positive Bilanz des Einsatzes. Auch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) äußerte sich: Er sehe es als „Stärke der Demokratie, dass der Parteitag der AfD stattfinden konnte. Vor allem aber haben viele Tausend Menschen bei vielfältigen und friedlichen Demonstrationen deutlich gemacht, wofür unser Land steht: für Freiheit, Weltoffenheit und ein respektvolles Miteinander.“ Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) sagte, die Konzepte der Landeshauptstadt und der Polizei für ein friedliches Wochenende hätten funktioniert und Erfurt habe „Zeichen für lebendige Demokratie“ gesetzt. Die Direktion der Landespolizei lobte insbesondere den überwiegend friedlichen Verlauf und die garantierte Versammlungsfreiheit.
Gleichzeitig gab es Kritik am Vorgehen der Einsatzkräfte. Vertreterinnen und Vertreter einer zivilgesellschaftlichen Organisation warfen der Polizei ein „Überaufgebot an Einsatzmitteln“ vor. Das Bündnis „Widersetzen“ sprach von unverhältnismäßiger Gewalt und nannte Beispiele willkürlicher Schmerzgriffe ins Gesicht am Gothaer Platz; Anwältinnen und Anwälte wollten Anzeigen wegen Körperverletzung prüfen. „Widersetzen“ warf zudem Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) vor, Gefahren übertrieben und die AfD damit begünstigt zu haben; Polizeipräsident Quittenbaum wies den Vorwurf zurück. Bundesinnenministerium und Bundespolizei registrierten keine Störungen im Bahnverkehr; die Strecken Erfurt–Berlin, Erfurt–Göttingen und Erfurt–Leipzig waren die am stärksten frequentierten Routen.
Weidel nutzte ihre Auftritte zudem, um den Verfassungsschutz zu attackieren. Sie sagte, eine Institution wie den Verfassungsschutz „gibt es in keinem anderen Industrieland, in keinen westlichen Demokratie gibt es sowas“, und bezeichnete ihn als nicht unabhängig, sondern „weisungsgebunden an die Innenministerien“. In früheren Interviews hatte sie Mitarbeiter des Verfassungsschutzes als „schmierige Stasi-Spitzel“ bezeichnet. Demgegenüber stehen Vergleichsdienste wie der britische MI5, der französische DGSI und das US-amerikanische FBI. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ist dem Bundesinnenministerium unterstellt und wird vom Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags kontrolliert. In Deutschland gilt zudem das sogenannte Trennungsgebot zwischen Polizei und Verfassungsschutz, das Lehre aus der Erfahrung des Nationalsozialismus ist.
Kritik am polizeilichen Vorgehen
Kulturell flankiert wurde das Wochenende vom Auftritt des Erfurter Musikers Clueso, der am Samstagabend auf dem Domplatz vor 15.000 Zuhörerinnen und Zuhörern spielte. Inhaltlich verabschiedete der Parteitag Satzungs- und Finanzordnungsänderungen und befasste sich mit weiteren Personal- und Verfahrensfragen – darunter ein Antrag, im Superwahljahr 2029 den Parteitag auszusetzen. Damit geht die AfD aus dem Kongress mit einem weitgehend neu aufgestellten Vorstand, einem unverändert starken Anspruch auf Regierungsbeteiligung und einer klaren Fokussierung auf die anstehenden Landtagswahlen im September hervor.
Thüringens Innenminister Georg Maier sagte, die Polizei habe sich „generalsstabsmäßig über Wochen auf den Großeinsatz vorbereitet“; dies habe sich bewährt. Dennis Baum, ein Nachfahre der jüdischen Familie, die in der DDR die Simson-Mopeds herstellte, war eigens aus New York angereist, um die Proteste zu unterstützen. Auf der Gegenkundgebung erinnerte Jens-Christian Wagner, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen, an die historische Verantwortung und rief der AfD zu: „Remigriert euch in die Geschichtsbücher!“.
Die Delegierten verließen die Messe am Sonntag ohne Behinderungen; die Straßen rund um den Tagungsort sowie die Zufahrt über die A71-Anschlussstelle Erfurt-Bindersleben waren am Sonntagabend wieder in beide Richtungen frei.
Ausblick auf den Wahlherbst
Die Bundesregierung und die Koalitionsparteien sehen sich angesichts der Umfragewerte unter Druck. Die nächsten regulären Neuwahlen des Bundestages müssen laut Grundgesetz frühestens Ende Januar 2029 und spätestens am 25. März 2029 stattfinden; eine vorgezogene Bundestagswahl würde entweder eine verlorene Vertrauensfrage des Kanzlers oder den Bruch der Regierungskoalition voraussetzen.
Fragen & Antworten
Wer wurde auf dem AfD-Bundesparteitag in Erfurt bestätigt?
Die Delegierten bestätigten Alice Weidel mit 81,3 Prozent und Tino Chrupalla mit rund 70 Prozent als Co-Vorsitzende der AfD; beide traten ohne Gegenkandidaten an und sind weitere zwei Jahre im Amt.
Wie viele Menschen haben in Erfurt gegen den Parteitag demonstriert?
Nach Polizeiangaben beteiligten sich mehr als 31.000 Menschen an Protesten, Kundgebungen und Sitzblockaden; die Veranstalter Bündnisse „Zusammenstehen“ und „Widersetzen“ sprachen von etwa 50.000 Teilnehmenden.
Welche Rolle spielt der Verfassungsschutz im Umgang mit der AfD?
Fünf AfD-Landesverbände gelten als gesichert rechtsextrem; die Einstufung der Bundespartei als gesichert rechtsextrem durch das Bundesamt für Verfassungsschutz wurde im Februar 2026 vom Kölner Verwaltungsgericht vorläufig gestoppt, sodass die Bundespartei rechtlich Verdachtsfall bleibt.