Nur 8,1 Prozent der österreichischen Pflichtschüler besuchen eine "echte" Ganztagsschule. Die Grünen kritisieren den langsamen Ausbau als "bildungspolitisches Versagen".
Trotz jahrelanger Bemühungen bleibt die Ganztagsschule in Österreich die Ausnahme, wie aktuelle Zahlen des Bildungsministeriums zeigen.
Im aktuellen Schuljahr nutzen lediglich 33,7 Prozent der Pflichtschüler ein ganztägiges Angebot an Volks-, Mittel- oder AHS-Unterstufen. Davon sind nur 8,1 Prozent an einer "echten" Ganztagsschule angemeldet, wo sich Unterricht mit Lern- und Freizeit abwechselt. Diese Daten gehen aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Grünen durch Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) hervor.
Der Bund fördert seit 15 Jahren den Ausbau ganztägiger Angebote an Pflichtschulen und AHS-Unterstufen. Dennoch ist die Zahl der Standorte mit verschränkter Führung – also einem Wechsel von Unterricht und Betreuung – kaum gestiegen. In den vergangenen Jahren kamen lediglich 37 neue Standorte hinzu, wobei auch Schulen mit einzelnen verschränkten Klassen berücksichtigt wurden.
Die Inanspruchnahme von Ganztagsbetreuung variiert stark zwischen den Bundesländern. Während in Wien 56,6 Prozent der Pflichtschüler ein solches Angebot nutzen, sind es in Tirol nur 18,8 Prozent. Das Burgenland liegt mit 38,9 Prozent über dem Österreich-Schnitt von 33,7 Prozent, während Salzburg (29,2), Kärnten (28,8), die Steiermark (27,5) und Niederösterreich (26,9) darunter liegen.
Von den aktuell 252 "echten" Ganztagsschulen befinden sich 134 in Wien. Die Bundeshauptstadt trägt damit den größten Teil zum Ausbau bei. In den kommenden Jahren werden nur geringe Steigerungen erwartet: Wien rechnet bis 2028/29 mit einem Plus von 3,7 Prozent, Tirol mit 3,0 Prozent. In den anderen Bundesländern bewegen sich die Prognosen zwischen 0,2 Prozent in der Steiermark und 1,7 Prozent in Salzburg.
Die Grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer übt scharfe Kritik an der aktuellen Situation: "Dass Kinder je nach Wohnort völlig unterschiedliche Chancen auf Betreuung und Förderung haben, ist ein bildungspolitisches Versagen", sagte sie in einer Aussendung. Die Zahlen zeigten, dass Österreich "beim Ausbau gerechter ganztägiger Bildung viel zu langsam" vorankomme.
Maurer betonte die Vorteile verschränkter Ganztagsschulen: Diese "schaffen mehr Fairness, weil sie Kinder und Eltern im Alltag entlasten, individuelles Lernen ermöglichen und jene stärken, die zu Hause weniger Unterstützung haben". Sie forderte Bildungsminister Wiederkehr auf, den Ausbau "endlich entschlossen voranzutreiben".
Zwar hat sich die Nutzung von Ganztagsangeboten im Langzeitvergleich verbessert: 2010/11 nutzte nur ein Zehntel der Pflichtschüler ein solches Angebot, inklusive Hort waren es 17,3 Prozent. Zehn Jahre später lag die Quote bereits bei 26,2 Prozent (ohne Hort) bzw. 41,3 Prozent (mit Hort). Im vergangenen Schuljahr stieg sie weiter auf 32,4 Prozent (ohne Hort) bzw. 47,5 Prozent (mit Hort).
Dennoch bleibt die verschränkte Ganztagsschule ein Minderheitenprogramm. Bundesweit bieten aktuell knapp 3.100 Standorte eine ganztägige Betreuung an, was 62,3 Prozent der Schulen für Sechs- bis 15-Jährige entspricht. Seit 2020/21 sind 309 neue Standorte mit Tagesbetreuung dazugekommen, davon 289 an Volksschulen.