Forscher aus Österreich legen Studie zu strategischem Gebäudeschutz bei Bränden vor
Wien, 30. Juni 2026
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Kurzfassung
Ein österreichisches Forscherteam zeigt in einer neuen Studie, dass gezielter Gebäudeschutz die Brandgefahr deutlich senken kann. Wurden besonders gefährdete Bauten zuerst geschützt, sank das Gesamtrisiko laut Modell um 78 Prozent. Die Autorinnen und Autoren sehen darin auch Lehren für Österreich.
Ein Forschungsteam um Sven Fuchs (Boku Wien) und Margreth Keiler (ÖAW Innsbruck) hat im Fachjournal "Natural Hazards and Earth System Sciences" eine Analyse zu strategischem Gebäudeschutz bei Bränden veröffentlicht und verweist dabei auf das Beispiel eines Hauses, das die "Pacific Palisades"-Katastrophe nahe Los Angeles weitgehend unbeschadet überstanden hat.
Die Bilder des Hauses hatten nach den verheerenden Waldbränden nahe Los Angeles internationale Aufmerksamkeit erregt. Viral gingen Bilder eines einzelnen Hauses, das die "Pacific Palisades"-Katastrophe offenbar recht unbeschadet überstanden hatte, während in der Nachbarschaft zehntausende Gebäude zerstört wurden. Die österreichischen Forscherinnen und Forscher greifen diesen Fall auf, um grundsätzliche Fragen des Gebäudeschutzes zu diskutieren.
Ein Haus als Symbolbild
Die großen Brände in Kalifornien nahe Los Angeles im vergangenen Jahr haben zehntausende Gebäude zum Raub der Flammen werden lassen und zumindest 29 Todesfälle gefordert. Für die Forschenden ist das ein Beleg dafür, dass bestehendes Wissen über brandsichere Bauweise häufig nicht konsequent angewendet wird. Sie verweisen auf die Studie zweier in den USA tätiger Wissenschafter, Akshat Chulahwata und Hussam Mahmoud, die das Beispiel "Pacific Palisades" im Fachmagazin "PNAS" untersucht haben.
Das Modell von Chulahwata und Mahmoud berücksichtigt zwei Ebenen: Maßnahmen im Umfeld der Häuser, also wie viel brennbares Material in der Vegetation ist bzw. nach dem Absterben belassen wird, und andererseits, was in den Haushalten selbst unternommen werden kann. Dazu zählen Investitionen in verbesserte, weniger brennbare Bausubstanz oder das Entfernen von brennbarem Material unmittelbar neben den Gebäuden selbst. Die Ergebnisse sind deutlich: Wurden Brandschutzvorkehrungen zufällig getroffen, sank die durchschnittliche Gefährdung im Brandfall um 57 Prozent.
Zufall schlägt Strategie
Noch stärker fällt der Effekt aus, wenn systematisch vorgegangen wird. Ging man strategisch vor - indem etwa besonders gefährdete Gebäude und Gegenden zuerst geschützt wurden -, ging die Gesamtgefährdung um 78 Prozent zurück. Für Fuchs ist das ein Hinweis darauf, dass nicht allein technische Maßnahmen entscheidend sind, sondern vor allem deren gezielte Steuerung.
Die zentrale Frage laute, warum vorhandenes Wissen in der Praxis oft nicht ankomme. "Oft sind Vorschriften oder Strategien vorhanden, aber es ist nicht klar, wie sie auf lokaler Ebene umgesetzt werden sollen", wird Fuchs in der Studie zitiert. Er spricht von "unsichtbaren Ebenen, an denen Prozesse stecken bleiben". Diese Lücke zwischen Plan und Umsetzung sehen die Forscherinnen und Forscher als zentrales Problem.
Schutzfaktoren im Detail
Im konkreten Fall des "Pacific Palisades"-Hauses waren gleich mehrere Schutzfaktoren kombiniert: rund um das Haus war wenig brennbares Material in Form von Pflanzen vorhanden, das Gebäude hat ein durchgehendes Metalldach, spezielle Fenster, und die verwendeten Materialien sind schwer entflammbar. Zudem wurde darauf geachtet, dass sich herumfliegende Glut nicht in Strukturen wie der Fassade oder den Dachrinnen festsetzen kann. Neben den Feuerschutzüberlegungen vor dem Bau habe man einfach auch Glück gehabt, wurde der Architekt in Medienberichten zitiert.
Für die Studienautorinnen und -autoren ist das Beispiel dennoch mehr als ein Einzelfall. "Man weiß, wie man in Waldbrandgebieten so baut, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zerstörung sinkt. In diesem Fall wurde dieses Wissen umgesetzt - und man sieht das Resultat", so Keiler in einer ÖAW-Aussendung. Das Haus zeige, dass eine Kombination aus Standortwahl, Materialwahl und konsequenter Pflege der Umgebung wirke.
Blick nach Österreich
Das gelte nicht nur im brandgeplagten Kalifornien, sondern auch für Österreich, wo etwa Gefahrenschutzpläne auf Bundesebene ausgearbeitet werden, Raumordnungspläne hingegen Ländersache sind. Die Forscher sehen darin eine Struktur, die klare Zuständigkeiten auf der einen, aber eine fragmentierte Umsetzung auf der anderen Seite mit sich bringt. Ähnliche Muster zeigten sich in vielen Regionen weltweit.
In ihrer Analyse identifizieren die Forschenden mehrere Barrieren für wirksamen Gebäudeschutz: vielfach zu geringes Risikobewusstsein, das Fehlen von Kapazitäten - also eben auch Geld für bauliche Anpassungen - auf Haushalts- und institutioneller Ebene, unklare Verantwortungen und rechtliche Problematiken Fortschritte erschweren. Hinzu komme, dass auch bei versicherten Feuerschäden oft wenig Anreiz bestehe, beim Wiederaufbau feuersicherer zu planen und zu bauen.
Fuchs betont, dass es "in vielen Bereichen sehr gute Systeme und viel Erfahrung" gebe. Die Herausforderung sei, diese Erfahrung dauerhaft in lokale Entscheidungen zu übersetzen. Von dem Fall "Pacific Palisades" könne man viel lernen, so die Forschenden - nicht zuletzt, weil er zeige, dass brandsicheres Bauen keine theoretische Möglichkeit sei, sondern praktische Wirkung entfalte.
Barrieren für mehr Sicherheit
Für die internationale Fachöffentlichkeit veröffentlichen die Forschenden ihre Analyse frei zugänglich. Die Studie der österreichischen Wissenschafter ist unter https://doi.org/10.5194/nhess-26-1785-2026 abrufbar, die US-Studie in "PNAS" unter https://doi.org/10.1073/pnas.2612835123. Beide Arbeiten liefern zusammengenommen sowohl ein konkretes Fallbeispiel als auch eine modellhafte Abschätzung des Risikoreduktionspotenzials.
Die Autorinnen und Autoren formulieren ihre Forderung klar: Es brauche nicht primär neue Technologien, sondern vor allem Strategien, die Prioritäten setzen und Verantwortlichkeiten klären. Ein strategischer Ansatz, der die besonders gefährdeten Gebäude und Gebiete zuerst absichert, könne laut ihren Berechnungen deutlich mehr Wirkung entfalten als eine breite, aber unkoordinierte Streuung von Maßnahmen.
Angesichts steigender Waldbrandrisiken durch den Klimawandel sehen sie in dieser Erkenntnis eine direkte Handlungsaufforderung an Politik und Verwaltung. Gebäudeschutz sei eine Frage der Planung, der Finanzierung und der Kommunikation - nicht allein der Bautechnik. Die kommenden Jahre müssten zeigen, ob die vorhandenen Strategien tatsächlich auf lokaler Ebene ankommen.
Fazit der Forschenden
Mit der Veröffentlichung ihrer Analyse tragen die Forschenden aus Wien und Innsbruck die Debatte über Brandschutz verstärkt in den deutschsprachigen Raum. Sie positionieren ihre Arbeit ausdrücklich als Beitrag zu einer internationalen Diskussion, verweisen aber zugleich auf die spezifischen Rahmenbedingungen in Österreich und anderen Alpenregionen.
Am Ende bleibt aus Sicht der Autorinnen und Autoren eine nüchterne Botschaft: Das Wissen ist da, die Werkzeuge sind da - was fehlt, ist die konsequente Umsetzung vor Ort. Das Beispiel eines Hauses, das als nahezu einziges in seiner Umgebung stand, illustriert diese Lücke zwischen Wissen und Handeln auf besonders anschauliche Weise.
Fragen & Antworten
Wer hat die neue Studie zum Gebäudeschutz bei Bränden veröffentlicht?
Die Studie wurde von einem Team um Sven Fuchs von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien und Margreth Keiler vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck im Fachjournal "Natural Hazards and Earth System Sciences" veröffentlicht.
Welche Erkenntnisse liefert die US-Studie zu "Pacific Palisades"?
Die im Magazin "PNAS" publizierte Modellstudie von Akshat Chulahwata und Hussam Mahmoud zeigt, dass zufällige Brandschutzmaßnahmen die Gefährdung um 57 Prozent senken, während ein gezielter, strategischer Schutz besonders gefährdeter Gebäude die Gesamtgefährdung um 78 Prozent reduziert.
Warum sehen die Forschenden auch in Österreich Handlungsbedarf?
Laut Fuchs gibt es zwar Gefahrenschutzpläne auf Bundesebene, doch die Raumordnung ist Ländersache - dadurch sei oft unklar, wie Vorschriften auf lokaler Ebene tatsächlich umgesetzt werden sollen.
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