FIFA plant Verkauf von WM-Anteilen an Investoren – Kritik aus Europa, Großbritannien und von Blatter
Zürich, 29. Juli 2026
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Kurzfassung
FIFA-Chef Gianni Infantino will Teile der Vermarktungsrechte an Männer-, Frauen- und Club-Weltmeisterschaften über eine neue Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprises an private Investoren verkaufen. Der Plan stößt auf scharfe Kritik von UEFA, dem britischen Premierminister Andy Burnham und dem früheren FIFA-Präsidenten Joseph Blatter.
Der Weltfußballverband FIFA plant unter Präsident Gianni Infantino, einen Teil der kommerziellen Rechte an seinen Turnieren über eine neue Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprises (FFE) an private Investoren zu verkaufen und so bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar einzunehmen.
Die am Dienstagabend von FIFA bestätigten Pläne sehen vor, dass sorgfältig ausgewählte Investoren nach Angaben des Verbandes "Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte an der FFE" erwerben können. Insgesamt sollen private Investoren rund 20 Prozent der Anteile an der neuen Gesellschaft übernehmen, die künftig die Vermarktungsrechte der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie der Club-WM bündeln soll. Den Angaben zufolge wird die neue Tochter zunächst mit insgesamt 20 Milliarden US-Dollar bewertet, was rund 17,5 Milliarden Euro entspricht.
Was die neue FIFA-Tochtergesellschaft FFE leisten soll
FIFA würde nach eigenen Angaben Mehrheitseigentümer der FFE bleiben und damit weiterhin die Kontrolle über den Spielkalender und alle regelbezogenen Fragen behalten. Infantino bezeichnete das Vorhaben als "Demokratisierung des Fußballs weltweit". Die Erlöse sollen in das Entwicklungsprogramm "Forward" fließen, von dem alle 211 Mitgliedsverbände profitieren sollen. Infantino sagte: "Hier geht es um die Demokratisierung des Fußballs weltweit." Auch erklärte er: "Wir beabsichtigen, auch in den kleinsten und abgelegensten Teilen der Fußballwelt massiv zu investieren - in Regionen, die allzu oft vernachlässigt werden."
Laut der FIFA-Mitteilung soll jeder Mitgliedsverband sofort eine Einmalzahlung in Höhe von 20 Millionen US-Dollar (rund 17,56 Millionen Euro) abrufen können, vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Gremien. Im nächsten WM-Zyklus bis 2030 soll die Zahlung demnach erneut 20 Millionen US-Dollar betragen und damit mehr als doppelt so hoch ausfallen wie bisher vorgesehen. In den folgenden Zyklen sollen die Pro-Kopf-Zahlungen auf 22 und dann 24 Millionen US-Dollar steigen. Die Auszahlungen sind unabhängig von der Größe des jeweiligen Landes.
Investoren aus dem Umfeld von Trump
Die britische Zeitung The Times, der Telegraph und die Financial Times hatten am Dienstag zuerst über die Pläne berichtet. Demnach soll der US-Investor Thrive Capital, dessen Gründer Joshua Kushner der Bruder von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ist, den erwarteten Investorenkreis anführen. Die Investmentbank JP Morgan arbeitet laut einem Sprecher an den Plänen mit. Die Financial Times schreibt, die Investitionspläne seien seit mehreren Monaten in Vorbereitung und müssten noch genehmigt werden.
Nach Darstellung der Times waren zudem Personen aus dem Umfeld der US-Regierung von Donald Trump in die Pläne involviert. Die Verbindung zwischen Infantino und Trump steht seit Tagen im Zentrum politischer Kritik. FIFA hatte Trump zuvor den FIFA-Friedenspreis verliehen, was laut dem Bericht neue Maßstäbe an Absurdität setze. Infantino ist 56 Jahre alt und soll nach Ablauf seiner Amtszeit die FFE leiten, womit er laut Berichten zu einem hochbezahlten Manager der von ihm selbst geschaffenen Tochtergesellschaft werden könnte.
Die Europäische Fußball-Union UEFA reagierte unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne mit scharfer Kritik. In einer Erklärung hieß es, die Vorschläge überschritten eine Grenze, die die für den Fußball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften: "Damit wird eine Grenze überschritten, die die für den Fussball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften." UEFA erklärte ferner, nationale Fußballverbände, Ligen, Vereine, Spieler, Fans und Regierungen müssten die Angelegenheit "äußerst ernst" nehmen.
Kritik aus Europa: UEFA und Gravina warnen
In einer weiteren Stellungnahme formulierte UEFA: "Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Handelsware - erst recht nicht bei völliger Intransparenz darüber, wer finanziell davon profitiert. Niemand von uns ist Eigentümer des Fußballs. Er steht der FIFA nicht zum Verkauf." Der italienische UEFA-Vizepräsident Gabriele Gravina sagte der italienischen Nachrichtenagentur Ansa: "Wir gehen zu weit." Er warnte, das über Jahre aufgebaute Gleichgewicht zwischen Fußball als Spektakel und Fußball als großer Volksleidenschaft drohe durch eine profitorientierte Sichtweise weggespült zu werden, und rief alle Konföderationen auf zu handeln: "Alle Konföderationen müssen entsprechend handeln."
Die Times zitierte einen hochrangigen anonymen Funktionär, der den Plan als "potenziell deutlich schlimmer als die europäische Super League" und als "Atombombe" für den Fußball bezeichnete. UEFA prüft laut Sky, ESPN und Bloomberg in der laufenden Woche eine Sondersitzung zum weiteren Vorgehen. Berichten zufolge erwägt die UEFA sogar einen Boykott der FIFA-Weltmeisterschaft. Aleksander Čeferin hatte bereits zuvor Pläne einer europäischen Super League erfolgreich bekämpft.
Politische Reaktionen aus Großbritannien und den USA
Auch aus der britischen Politik kam scharfer Protest. Der britische Premierminister Andy Burnham veröffentlichte ein kritisches Video auf Instagram und erklärte, Fußball gehöre nicht den Investoren. Wörtlich sagte er: "Der Fußball gehört nicht den Investoren. Er gehört den Menschen, die die Tribünen füllen, die an den Seitenlinien stehen, Woche für Woche, bei Regen und bei Sonne." Burnham ergänzte: "Die WM ist kein Produkt, sie ist der großartigste Wettbewerb auf der Welt. Sie hat niemals jemandem gehört, damit man sie verkaufen kann. Der Fußball hat immer den Anhängern gehört, und er wird es auch immer." Weiter schrieb Burnham: "Sobald man einen Teil davon verkauft hat, hat man sich verkauft."
Der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter, der mittlerweile 90 Jahre alt ist und aus der Schweiz stammt, wandte sich auf der Plattform X gegen seinen Nachfolger. Er schrieb: "Die enge Beziehung zwischen dem FIFA-Präsidenten und dem US-Präsidenten hat eine finanzielle Dimension angenommen, die dem Fußball erheblichen Schaden zufügt. Niemand hat das Recht, unseren Sport zu verkaufen." Blatter selbst hatte in seiner Amtszeit die Kommerzialisierung der FIFA vorangetrieben; gleichwohl kritisierte er die aktuellen Pläne als überzogen.
In den USA forderte der demokratische Kongressabgeordnete Jamie Raskin, der im Justizausschuss des Repräsentantenhauses eine führende Rolle innehat, Infantino vor den Ausschuss. Raskin kritisierte, Fans könnten sich die Weltmeisterschaft aufgrund der Preispolitik der FIFA ohnehin nicht mehr leisten: "Fußballfans konnten sich die Weltmeisterschaft schon vorher aufgrund der korrupten Preistreiberei der FIFA nicht mehr leisten - mehr Korruption durch Oligarchen bedeutet nur, dass der schöne Sport noch mehr durch Konzerne in Verruf gerät." Raskin sagte zudem, die FIFA gehe "direkte Geschäfte mit der Familie Trump" ein. Raskin verwies zudem auf eine Verbindung zu Trump über die Investmentfirma Thrive Capital.
Die englische Football Association FA erklärte gegenüber der BBC, sie habe vor der Veröffentlichung der FIFA-Pläne keine Kenntnis davon gehabt. Auch der englische Verband reagierte damit ähnlich wie die UEFA, ohne sich direkt dem Investorenkreis anzuschließen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hatte ähnliche Pläne zur kommerziellen Bündelung eigener Medienrechte in der Vergangenheit verfolgt; sie scheiterten jedoch an Fanprotesten.
Mögliche Folgen für Fans und das Turnierformat
Der Fußballfinanzexperte Kieran Maguire sagte der BBC, die Pläne böten FIFA die Möglichkeit, deutlich mehr Geld zu generieren. Er verwies zugleich auf eine "große Zahl an Interessenten im Fußball, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen". Für den Fall, dass die FFE tatsächlich gegründet werde, sei zu erwarten, dass Aktionäre Gewinne sehen wollten: "Geld verdienen, um die Aktionäre zufriedenzustellen". Das erhöhe den Druck, die Zahl der WM-Teams weiter auszubauen oder die WM häufiger als bisher auszutragen. Maguire hält eine WM mit 64 Teams alle zwei Jahre für möglich.
Nach Angaben des Deutschlandfunk sollen künftige Weltmeisterschaften unter der neuen Gesellschaft organisiert werden, in der FIFA Mehrheitseigentümer bliebe. Der Sender widmete Infantinos Aufstieg und Machtsicherung in einer sechsteiligen Podcast-Serie Aufmerksamkeit. Bereits 2018 hatte Infantino einen ähnlichen, auf mehrere Milliarden Dollar angelegten Deal mit saudischen Investoren für eine Club-WM und eine globale Nations League verfolgt; er scheiterte damals am fehlenden Rückhalt innerhalb der FIFA.
Machtverhältnisse innerhalb der FIFA
Faktisch gilt Infantino bei der FIFA-Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr als nicht gefährdet; seine Amtszeit läuft bis 2031. Einige kleinere Mitgliedsverbände mit nur wenigen Tausend Fußballspielern sind vollständig auf FIFA-Gelder angewiesen. Die britische Nichtregierungsorganisation FairSquare kritisiert seit Jahren die FIFA-Grundstruktur, in der die Verbandsführung Geld an ihre eigene Wählerschaft verteilt. Der FIFA-Council gilt als mögliches Bremselement, da Kritiker Infantinos dort mehr Einfluss haben als im Kongress.
Die US-Justiz war bereits während des FIFA-Korruptionsskandals im Jahr 2015 als scharfer Gegner des Weltverbands aufgetreten. Vor diesem Hintergrund erscheint die Einladung Raskins an Infantino, vor dem Justizausschuss auszusagen, als politisch brisant. Auch UEFA betreibt eine eigene Vermarktungsgesellschaft für die Champions League, jedoch gemeinsam mit Europas Spitzenklubs und ohne Beteiligung privater Investoren. Die Initiative der FIFA unterscheidet sich davon strukturell.
Die Berichterstattung in den Tagen um den 29. Juli 2026 löste in Europa Empörung aus. Beobachter wiesen darauf hin, dass die kommerzielle Verwertung der WM-Rechte bereits heute zu hohen Ticketpreisen und teuren Sekundärmarktpreisen geführt habe. Sollte die FFE wie geplant an den Start gehen, dürfte sich dieser Trend nach Einschätzung von Beobachtern weiter verstärken.
Fragen & Antworten
Was genau plant FIFA mit der neuen Tochtergesellschaft FFE?
FIFA will über die neue Tochter FIFA Forward Enterprises (FFE) rund 20 Prozent der Anteile an private Investoren verkaufen und so laut eigener Ankündigung in diesem Jahr bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar einnehmen. Die FFE soll die Vermarktungsrechte der Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM bündeln, wobei FIFA Mehrheitseigentümer bleiben will.
Wer kritisiert die Pläne von FIFA-Chef Infantino?
UEFA, ihr italienischer Vizepräsident Gabriele Gravina, der britische Premierminister Andy Burnham und der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter haben die Pläne scharf kritisiert. Zudem hat der US-Kongressabgeordnete Jamie Raskin gefordert, Infantino vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses zu den Verbindungen zur Trump-Administration zu befragen.
Welche Rolle spielt der US-Investor Thrive Capital in dem Deal?
Laut FIFA-Sprecher soll Thrive Capital den erwarteten Investorenkreis anführen. Der Fonds gehört dem Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit Trumps Tochter Ivanka verheiratet ist. Die Investmentbank JP Morgan begleitet die Pläne nach Angaben eines FIFA-Sprechers.
FIFA WM-Verkauf: Infantinos Investorenplan und die Kritik | nachrichten360