EZB hält Leitzins stabil – Zinsschritt im September bleibt wahrscheinlich
Frankfurt am Main, 23. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Europäische Zentralbank hat ihren Einlagensatz am Donnerstag unverändert bei 2,25 Prozent belassen. Wegen der unsicheren Lage im Iran-Konflikt und steigender Energiepreise warten die Währungshüter ab. Volkswirte rechnen mehrheitlich mit einer weiteren Zinserhöhung im September.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag in Frankfurt am Main ihren Leitzins unverändert gelassen und den Einlagensatz bei 2,25 Prozent belassen, nachdem sie im Juni erstmals seit fast drei Jahren die Zinsen erhöht hatte.
Begründung der EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag in Frankfurt am Main ihren Leitzins unverändert gelassen und den Einlagensatz bei 2,25 Prozent belassen, nachdem sie im Juni erstmals seit fast drei Jahren die Zinsen erhöht hatte. Die Entscheidung fiel auf der letzten turnusmäßigen Sitzung vor der Sommerpause. Der EZB-Rat begründete den Schritt mit der anhaltend hohen Unsicherheit: „Die Unsicherheit ist nach wie vor hoch, und die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation sind noch nicht vollständig zum Tragen gekommen“, hieß es aus Frankfurt.
Die Notenbank hatte im Juni erstmals seit fast drei Jahren den Leitzins verändert. Mit dem Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte wollte sie der zunehmenden Inflation im Euro-Raum entgegenwirken. Nun pausiert die EZB nach der Zinserhöhung vom Juni und kehrt zu einer abwartenden Haltung zurück. Die anderen beiden Leitzinsen wurden ebenfalls auf ihren bisherigen Niveaus belassen.
Die Teuerung im Euro-Raum war zuletzt zwar auf 2,8 Prozent zurückgegangen, nachdem sie im Mai noch bei 3,2 Prozent gelegen hatte. Damit zeigte sich erstmals seit Januar eine Trendwende bei der Teuerung. In Deutschland sank die Inflationsrate unter anderem wegen des Tankrabatts auf 2,3 Prozent. Die EZB sieht Preisstabilität als gewahrt an, wenn die Inflation im Euroraum mittelfristig bei zwei Prozent liegt.
Inflation und Konjunktur im Euro-Raum
Gleichzeitig demonstriert die Notenbank Entschlossenheit im Kampf gegen die hohe Inflation. „Man sei fest entschlossen, die Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Teuerungsrate auf mittlere Frist beim Zielwert von zwei Prozent stabilisiert“, erklärte der EZB-Rat. Die Risiken für den Inflationsausblick seien aufwärts gerichtet, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
Der Auslöser für die neue Inflationswelle ist der Konflikt im Nahen Osten. Aktuell treibt der Krieg zwischen den USA und dem Iran die Ölpreise wieder in die Höhe. Angriffe der mit dem Iran verbündeten Huthis auf Öltanker im Roten Meer und die verschärfte Lage im Iran-Krieg ließen die Ölpreise jüngst auf den höchsten Stand seit Anfang Juni steigen. Das hat die Erdölpreise im gleichen Zeitraum wieder um rund 35 Prozent auf weit über 90 Dollar pro Fass nach oben getrieben, nachdem sie zuvor auf das Vorkriegsniveau zurückgefallen waren.
Ölpreise und Iran-Konflikt als Treiber
Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent steuerte am Tag der EZB-Entscheidung auf die symbolische Marke von 100 Dollar (etwa 88 Euro) zu. Im Februar waren es noch 60 Dollar. Die EZB kann zwar mit höheren Leitzinsen weder den Iran-Konflikt beenden noch die Straße von Hormuz öffnen, wodurch die Erdölpreise sinken würden.
Die Notenbank beobachtet daher die Intensität und die Dauer des Schocks sowie seine indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte genau. Die Aussichten für die Energiepreise seien sehr volatil, lägen aber derzeit in der Nähe des Basisszenarios der von Fachleuten des Euro-Systems im Juni erstellten Projektionen, hieß es. In den letzten zwei Wochen hatten sich die Kampfhandlungen wieder deutlich intensiviert, die zuvor laufenden Friedensgespräche zwischen den USA und Iran stehen still.
Volkswirte rechnen dennoch mehrheitlich mit einem weiteren Zinsschritt im September. Für viele Bankökonomen ist es gegenwärtig sehr realistisch, dass die Währungsbehörde auf ihrer nächsten Sitzung am 10. September einen weiteren Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte auf dann 2,5 Prozent vornehmen wird. Danach rechnen Marktteilnehmer bis Ende des Jahres mit ein bis zwei weiteren Zinserhöhungen der EZB.
Erwartungen der Volkswirte
Auch die Terminmärkte preisen einen Zinsschritt von 25 Basispunkten für September ein. Ein Index der Nachrichtenagentur Bloomberg, der Reden von EZB-Ratsmitgliedern systematisch auswertet, bewegt sich gegenwärtig auf einem Niveau, welches mit einer weiteren Zinserhöhung in Einklang steht. Das gleiche gilt für ein ähnliches Barometer, mit dem die Ökonomen der Commerzbank die Reden von EZB-Vertretern mithilfe von künstlicher Intelligenz analysieren. Auch dieser Index zeigt eine anhaltend restriktive Rhetorik der EZB-Ratsmitglieder an.
Unter den Ökonomen gibt es aber auch abweichende Stimmen. Jörg Kramer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sagte: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Auch wenn die EZB ihre Leitzinsen heute nicht zum zweiten Mal in Folge anheben wollte, kommt sie um eine weitere Erhöhung auf der nächsten Sitzung im September nicht umhin.“ Kramer verwies darauf, dass der Einlagezins von 2,25 Prozent zu niedrig liege, um die gestiegenen Inflationsrisiken zu bekämpfen.
Maximilian Wienke, Marktanalyst bei der Handelsplattform eToro, sieht die Lage ähnlich: „Hält sich der Ölpreis dauerhaft über 90 Dollar (79 Euro) je Barrel, könnte das Inflationsgespenst schneller zurückkehren, als vielen lieb ist.“ Die Frage sei, ob die EZB den jüngsten Anstieg weiterhin als vorübergehendes Ereignis bewertet oder Anzeichen für dauerhaften Inflationsdruck sieht.
Andere Experten sehen die Lage weniger eindeutig. Konstantin Veit, Portfoliomanager bei Pimco, betonte: „Die Energiepreise gesunken, die Inflationsrate im Juni schwächer als erwartet, das Lohnwachstum im Einklang mit dem Inflationsziel, das Wirtschaftswachstum verhalten – das alles spricht eher für weniger Zinserhöhungen, als die Märkte derzeit einpreisen.“ Für das restliche Jahr rechne Pimco mit einer letzten Zinserhöhung im September.
Friedrich Heinemann vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hält den abwartenden Kurs der EZB für richtig: „Weil die Lage im Iran-Krieg so unübersichtlich ist, war es jetzt richtig, abzuwarten.“ Florian Heider vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung (SAFE) ergänzte, mit den neuen Inflations- und Konjunkturdaten nach der Sommerpause werde die EZB besser beurteilen können, ob der aktuelle Kostendruck eine weitere geldpolitische Straffung erforderlich mache.
Martin Wolburg, Volkswirt bei Generali Investments, sieht die Risiken ebenfalls in Richtung einer abschließenden Zinserhöhung tendieren, die voraussichtlich im September erfolgen werde. Zwar hätten die Mitglieder des EZB-Rats weiterhin eine insgesamt restriktive Rhetorik verfolgt, doch die jüngsten Inflationsdaten und der Rückgang der Energiepreise hätten für eine gewisse Entlastung gesorgt.
Auswirkungen auf Sparer und Baufinanzierungen
Roger Rüegg von Swisscanto warnte vor den Folgen weiterer Zinserhöhungen: „Doch eine straffere Geldpolitik könnte die deutsche und französische Konjunktur abwürgen.“ Das Umfeld – insbesondere die Inflationsraten von über drei Prozent – würde zwar höhere Leitzinsen rechtfertigen. Doch solange der Iran-Konflikt nicht drastisch eskaliere, halte er weitere geldpolitische Straffung für unwahrscheinlich.
Die Auswirkungen auf Bankkunden sind bislang begrenzt. Nach der jüngsten Zinserhöhung im Juni haben nur etwa 17 Prozent von 823 Banken und Sparkassen in Deutschland die besseren Konditionen an die Kunden weitergegeben, wie eine Verivox-Auswertung zeigt. Im Durchschnitt wurden die Tagesgeldzinsen lediglich um 0,18 Prozentpunkte angehoben. Bundesweit verfügbare Tagesgeldangebote werfen im Schnitt 1,38 Prozent Zinsen ab, einzelne Banken locken Neukunden zeitweise mit bis zu vier Prozent.
Auch bei den Baufinanzierungen zeigt sich kaum Bewegung. Die Hypothekenzinsen bewegen sich seit dem Frühjahr seitwärts, ohne dass es zu einer spürbaren Entspannung kommt. Mitte Juli lagen die Zinssätze je nach Zinsbindung zwischen rund 3,3 und 3,65 Prozent. Finanztip-Experte Dirk Eilinghoff erklärte, eine weitere EZB-Zinserhöhung bis Jahresende sei bereits in den Bauzinsen eingepreist.
Die Arbeitslosenquote im Euro-Raum notiert mit nur 6,2 Prozent derzeit auf dem niedrigsten Niveau seit der Einführung des Euro im Januar 1999. Die EU-Kommission hatte ihre Wachstumserwartungen für die EU im Mai von 1,4 auf 1,1 Prozent gesenkt, für die 21 Euro-Staaten rechnet sie nur noch mit 0,9 Prozent. Die Lebensmittelpreise in Deutschland liegen heute noch rund ein Drittel höher als 2019.
Die EZB hatte im Juli 2022 die Zinswende eingeleitet und den Einlagensatz in zehn aufeinanderfolgenden Schritten von minus 0,50 auf 4,00 Prozent erhöht. Ab September 2023 drehte die Notenbank den Kurs wieder und senkte den Leitzins in acht Zwischenschritten zurück auf 2,00 Prozent. Die Zinserhöhung im Juni war die erste seit September 2023. Mit dem aktuellen Halt setzt die EZB ihre datenabhängige, von Sitzung zu Sitzung zu treffende Strategie fort, ohne sich auf ein bestimmtes Zinsniveau festzulegen.
Fragen & Antworten
Warum hat die EZB die Zinsen im Juli nicht erneut erhöht?
Die EZB begründete die Pause mit der anhaltend hohen Unsicherheit und der Tatsache, dass die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation noch nicht vollständig zum Tragen gekommen sind. Sie wolle die Entwicklungen vorerst beobachten, ohne auf jede Preisschwankung zu reagieren.
Welche Rolle spielt der Iran-Konflikt für die Inflationsentwicklung?
Der Krieg zwischen den USA und dem Iran sowie Angriffe der Huthis auf Öltanker im Roten Meer haben die Energiepreise deutlich steigen lassen. Die EZB führt die zuletzt gestiegene Inflation im Euro-Raum maßgeblich auf diesen Konflikt zurück.
Ist mit einer weiteren Zinserhöhung im September zu rechnen?
Viele Bankökonomen und die Terminmärkte halten einen weiteren Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent bei der nächsten EZB-Sitzung am 10. September für sehr realistisch. Die EZB will dazu aber erst die neuen Inflations- und Konjunkturdaten nach der Sommerpause abwarten.
EZB Leitzins 2,25 Prozent: Halt im Juli, Zinsschritt im | nachrichten360