Das österreichische EZB-Ratsmitglied Martin Kocher hat eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank im September als möglich bezeichnet, falls der Inflationsdruck anhält.
Aktuelle Lage der Geldpolitik
In einem am Freitag veröffentlichten Blogbeitrag auf der Website der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) äußerte sich Martin Kocher, Gouverneur der OeNB und Mitglied im EZB-Rat, zur aktuellen geldpolitischen Lage. Die Europäische Zentralbank hatte am Donnerstag, wie erwartet, den Einlagensatz bei 2,25 Prozent belassen. Dieser Zinssatz gilt seit Juni, nachdem die EZB zuletzt an der Zinsschraube gedreht hatte.
Kocher verteidigte die Zinserhöhung im Juni und verwies auf das seinerzeit verschlechterte Inflationsbild. Der damalige Schritt habe den Währungshütern den nötigen Spielraum gegeben, die weitere Entwicklung sorgfältig zu analysieren und die nächsten geldpolitischen Entscheidungen auf einer möglichst fundierten Grundlage zu treffen.
Datenabhängigkeit als Leitprinzip
„Sollte es nicht notwendig sein, die Zinsen zu erhöhen, dann wird es auch keine Erhöhung im September geben", erklärte Kocher. Gleichzeitig stellte er klar: „Sollte es notwendig sein, die Zinsen zu erhöhen, um unser mittelfristiges Ziel zu erreichen, so wird das passieren." Damit unterstrich er den rein datenabhängigen Charakter der Geldpolitik.
Datenabhängigkeit bedeute allerdings nicht, dass alle Optionen gleich wahrscheinlich seien, so Kocher weiter. Die September-Sitzung der Zentralbank sei von besonderer Bedeutung, da bis dahin neue Inflationsdaten sowie eine aktualisierte Prognose vorliegen würden. Grundlage für die nächsten Entscheidungen der EZB seien unter anderem die Inflationsdaten für Juli und August sowie eine aktualisierte Prognose bis 2028.
Neben dem Ölpreis rückten nun vor allem die Entwicklungen am Gasmarkt, bei den Lebensmittelpreisen sowie bei den Löhnen im Euroraum in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Verbraucher rechneten kurzfristig bereits mit weiter steigenden Preisen, hieß es.
Geopolitische Risiken und Energiepreise
Die Monate Juni und Juli seien von erheblicher geopolitischer Volatilität geprägt gewesen, schrieb Kocher. Die Hoffnung auf eine Deeskalation im Nahen und Mittleren Osten habe die Ölpreise zeitweise gedrückt und eine weitere Zinserhöhung weniger wahrscheinlich erscheinen lassen. Doch die jüngste Wiederaufflammung des Konflikts habe die Energiepreise wieder nach oben getrieben.
Kocher warnte, dass höhere Energiekosten sich auf die gesamte Wirtschaft ausbreiten könnten. Das Risiko einer hartnäckigeren Inflation bestehe fort, auch weil höhere Energiepreise oft erst mit Verzögerung auf den Dienstleistungssektor durchschlagen. Derzeit seien allerdings keine ausgeprägten Zweitrundeneffekte zu beobachten, fügte er hinzu.
Zugleich betonte Kocher, dass es entscheidend sei, ein dauerhaftes Ansteigen der langfristigen Inflationserwartungen zu verhindern. Einen Automatismus nach der jüngsten Zinspause gebe es jedoch nicht. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an.
Ausblick auf die September-Sitzung
In einem deutlich weiteren Kontext steht die russische Geldpolitik: Die russische Zentralbank hatte bereits im September 2022 den Leitzins von 21 Prozent auf 20 Prozent gesenkt. Später erreichte der Leitzins im Oktober 2024 mit 21 Prozent einen Rekordstand. Bis zur jüngsten Reduktion stand er bei 14,25 Prozent.
Hintergrund: Russische Zentralbank
Die Präsidentin der russischen Zentralbank in Moskau, Elvira Nabiullina, gab bekannt: „Heute haben wir die Entscheidung getroffen, den Leitzins auf 14 Prozent zu senken." Sie ergänzte: „Wir betrachten die Beschleunigung des Preisanstiegs als vorübergehend." Dennoch liegt die aktuelle Inflationsrate in Russland bei rund sechs Prozent.
Alexander Murychev, Vizepräsident der Russischen Union der Industriellen und Unternehmer, erklärte, die Kreditkosten für Unternehmen blieben auf dem damaligen Leitzinsniveau hoch. Er bezeichnete die Zinssenkung als gutes, aber weitgehend symbolisches Signal. Russische Unternehmen hatten wiederholt eine Senkung des Leitzinses gefordert und monierten seit Monaten, dass die hohen Zinsen Investitionen bremsten.
Der russische Präsident Wladimir Putin strebt eine Inflationsrate von vier Prozent an. Bei einer Regierungssitzung zu wirtschaftlichen Fragen erklärte er: „Die Lage der heimischen Wirtschaft und ihrer wichtigsten Sektoren ist stabil … Trotz äußerer Versuche, den Energie- und Brennstoffsektor und einige andere Sektoren zu destabilisieren." Putin fügte hinzu: „Die Schwierigkeiten, die wir derzeit auf dem Kraftstoffmarkt erleben, sind mit Sicherheit vorübergehend und werden die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht beeinträchtigen."
Putins wirtschaftspolitische Linie
Ukrainische Angriffe auf russische Ölförderanlagen hatten zuvor Engpässe und Preissteigerungen bei Treibstoffen verursacht. Die Aussagen wurden vom Dow Jones Newswires unter dem Beitrag von Hans Bentzien verbreitet. Der Artikel erschien am 24. Juli 2026 um 04:34 ET (08:34 GMT).
Insgesamt bleibt die geldpolitische Lage im Euroraum angesichts der vielfältigen Risiken angespannt. Kocher machte deutlich, dass die EZB weder einen Kurswechsel vollzogen hat noch vorab festgelegt hat, wie sie im September entscheiden wird. Die kommenden Daten werden entscheidend sein.
Die nächste Sitzung des EZB-Rats gilt daher als richtungsweisend. Beobachter werden vor allem auf die neuen Inflationszahlen, die aktualisierte Prognose und die Entwicklung der Energie- und Lebensmittelpreise achten. Sollte sich der Inflationsdruck als hartnäckiger erweisen als erwartet, wäre eine Zinserhöhung im September eine konkrete Option.
