EU-Westbalkan-Gipfel in Montenegro: Schmidt fordert bessere Kommunikation und stufenweise Integration
Podgorica, 5. Juni 2026
AI-generated image (flux-2/pro-text-to-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Beim EU-Westbalkan-Gipfel in Montenegro hat der UNO-Repräsentant Christian Schmidt eine stärkere Kommunikation der EU und einen stufenweisen Integrationsansatz angemahnt. Montenegro will nach eigenen Angaben 2028 der EU beitreten und dafür in diesem Jahr noch mehrere Vorgaben erfüllen.
Beim EU-Westbalkan-Gipfel in Montenegro hat Christian Schmidt, UNO-Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, die EU-Kommunikation in der Region als 'stark verbesserungsbedürftig' bezeichnet und sich für eine schrittweise Annäherung an die EU ausgesprochen.
Hintergrund: Erster Gipfel dieser Größenordnung seit der Unabhängigkeit
In Montenegro hat am 5. Juni 2026 ein Gipfeltreffen zwischen der Europäischen Union und den Westbalkan-Staaten stattgefunden. Wie der Deutschlandfunk berichtete, ist es das erste Mal seit der Unabhängigkeit des Landes vor 20 Jahren, dass ein Gipfel dieser Größenordnung in Montenegro ausgerichtet wird. Staats- und Regierungschefs der Westbalkan-Länder kamen zusammen, um dem möglichen EU-Beitritt von Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien neuen Schwung zu verleihen. Kosovo nimmt als Staat ohne EU-Kandidatenstatus eine Sonderrolle ein.
Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage, wie der Beitrittsprozess reformiert werden kann. Christian Schmidt, der UNO-Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, sagte im Deutschlandfunk, bislang habe man beim EU-Beitritt immer nach dem Prinzip '100 Prozent oder gar nichts' gearbeitet. Stattdessen müsse man stufenweise vorgehen und könne zum Beispiel jungen Start-Ups den Weg zum Binnenmarkt öffnen. Schmidt betonte zudem, die EU sei in der Region kommunikativ 'stark verbesserungsbedürftig'.
Ergänzend zu Schmidts Äußerungen liegt dem Gipfel nach Informationen des Senders ein Positionspapier vor, das konkrete Integrationsschritte vor einer Vollmitgliedschaft vorschlägt. Vorgesehen sind demnach privilegierter Zugang zum EU-Binnenmarkt und die Entsendung von Beobachtern in EU-Institutionen, sobald bestimmte Kriterien erfüllt sind. Schmidt begrüßte diesen gestuften Ansatz ausdrücklich.
Auch aus deutscher Sicht hat das Treffen hohe Bedeutung. Jakov Devčić, Leiter der Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Serbien und Montenegro, sprach im Vorfeld von großen Erwartungen an das Treffen. Er wies darauf hin, dass Deutschland ein starkes Interesse an einer schnelleren und entschiedeneren Integration des Westbalkans in die EU habe. Für Deutschland gehe es dabei nicht nur um Politik, sondern auch um wirtschaftliche Stabilität in Europa.
Deutsche Perspektive: Interesse an Stabilität im Westbalkan
Bundeskanzler Merz habe dem Westbalkan-Integrationsprozess erst vor wenigen Tagen neue Impulse gegeben, berichtete Devčić weiter. Zugleich werde in den Westbalkan-Staaten die Debatte über eine mögliche schnellere EU-Anerkennung der Ukraine aufmerksam verfolgt. Montenegro ist laut Devčić das Land, das im Beitrittsprozess am weitesten fortgeschritten ist.
Montenegro: Ambitionierter Plan für 2028
Das Land hat nach Angaben des Deutschlandfunk den ambitionierten Plan, 2028 der Europäischen Union beizutreten. Dafür müssten in diesem Jahr noch mehrere Vorgaben erfüllt werden. Montenegro wolle die Beitrittsverhandlungen noch in diesem Jahr abschließen, sagte Devčić. Allerdings seien zahlreiche Beitrittskapitel noch offen.
Serbien: Geringe Zustimmung und schwieriger Weg
Deutlich schwieriger gestaltet sich der EU-Pfad Serbiens. Devčić zufolge liegt die Zustimmung der Bevölkerung zum EU-Beitritt dort derzeit nur bei etwa 35 bis 40 Prozent. Als Gründe nannte er historische Erfahrungen aus den Balkankriegen und eine ausgeprägte antiwestliche Haltung. Hinzu komme die ungelöste Kosovo-Frage und die russlandfreundliche Ausrichtung von Präsident Aleksandar Vučić, die den Beitrittsprozess zusätzlich belaste.
Devčić betonte zudem, dass ein EU-Beitritt Montenegros auch positive Effekte auf andere Länder des Westbalkans haben könnte. Als Beispiel verwies er auf Kroatien: Dort hätten sich die Meinungen zum EU-Beitritt rasch verändert, sobald die politische Richtung klar gewesen sei. Diese Erfahrung könnte nach Einschätzung Devčićs auch für andere Westbalkan-Staaten eine Rolle spielen.
Mit dem Gipfel verbindet sich die Erwartung, konkrete Reformanreize zu setzen. Das vorliegende Positionspapier sieht vor, Ländern schrittweise Vorteile zu gewähren, wenn sie festgelegte Kriterien erfüllen. Damit soll das bisherige 'Alles-oder-nichts'-Prinzip durchbrochen werden, das Schmidt kritisiert hatte. Beobachter sehen darin einen Versuch, die Erweiterungspolitik der EU dynamischer zu gestalten.
Ausblick: Erwartungen an den Gipfel
Der Westbalkan-Gipfel in Montenegro fällt in eine Phase, in der die EU-Erweiterungspolitik insgesamt unter Druck steht. Die Beitrittsverfahren für mehrere Länder stagnieren, die Erwartungen in der Region sind hoch, während die EU mit internen Reformdebatten befasst ist. Vor diesem Hintergrund gewinnen Vorschläge für eine stufenweise Integration an Bedeutung, um die Glaubwürdigkeit des Beitrittsversprechens zu sichern.
Insgesamt zeichnet sich ab, dass die EU ihre Kommunikation gegenüber dem Westbalkan verbessern und flexiblere Beitrittsmodelle anbieten will. Ob dies ausreicht, um den Reformwillen in den Kandidatenländern zu stärken, wird sich nach Einschätzung von Beobachtern erst in den kommenden Monaten zeigen. Montenegro steht dabei als erstes Land unter besonderer Beobachtung.
Diese Nachricht wurde am 05.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Die Berichterstattung konzentrierte sich auf die Äußerungen von Christian Schmidt, die Positionen der Konrad-Adenauer-Stiftung und die Erwartungen an den Gipfel in Montenegro.
Fragen & Antworten
Was hat Christian Schmidt beim Westbalkan-Gipfel gefordert?
Schmidt hat die EU-Kommunikation in der Region als 'stark verbesserungsbedürftig' bezeichnet und sich für einen stufenweisen Integrationsansatz ausgesprochen, etwa durch den Zugang junger Start-Ups zum EU-Binnenmarkt.
Welche Länder nehmen am EU-Westbalkan-Gipfel teil?
Am Gipfel nehmen Staats- und Regierungschefs von Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien teil; Kosovo hat noch keinen EU-Kandidatenstatus.
Warum ist Montenegros Weg zur EU herausfordernd?
Obwohl Montenegro im Beitrittsprozess am weitesten fortgeschritten ist, müssen laut Devčić in diesem Jahr noch mehrere Vorgaben erfüllt werden, um den ambitionierten Plan eines Beitritts bis 2028 einzuhalten.