Einkaufsmanagerindizes: Euroraum und Deutschland kehren im Juli überraschend klar in die Wachstumszone zurück
Frankfurt am Main, 24. Juli 2026
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Kurzfassung
Im Juli 2026 sind die Einkaufsmanagerindizes für den Euroraum und für Deutschland erstmals seit Monaten wieder über die Wachstumsschwelle von 50 Punkten gestiegen. Analysten werten die Daten als überraschend, sehen die Erholung aber angesichts geopolitischer Risiken und struktureller Schwächen der deutschen Industrie als fragil an.
Die Stimmungsindikatoren von S&P Global zeigen, dass die Wirtschaft im Euroraum und in Deutschland im Juli 2026 erstmals seit Monaten wieder gewachsen ist; die Einkaufsmanagerindizes für die Privatwirtschaft, die Industrie und den Dienstleistungssektor stiegen allesamt über die kritische Wachstumsschwelle von 50 Punkten.
Aufschwung breiter als erwartet
Der Sammelindex für die Privatwirtschaft im Euroraum, der Composite PMI, kletterte im Juli nach der ersten Veröffentlichung von S&P Global auf 51,0 Punkte, wie aus den am Freitag vorgelegten Daten hervorgeht. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten im Mittel lediglich mit einem Anstieg auf 50,3 Punkte gerechnet. Der Euroraum-Composite PMI für die Privatwirtschaft erreichte sogar 51,9 Punkte, nachdem er im Vormonat exakt auf der Wachstumsschwelle von 50,0 notiert hatte.
Der Industrie-PMI für die Eurozone erhöhte sich auf 52,0 Punkte, nachdem er im Juni noch bei 51,4 gelegen hatte; die Prognose hatte bei 51,5 gelegen. Der Dienstleistungssektor sprang von 49,4 auf 51,6 Punkte und zog damit nach drei rückläufigen Monaten wieder an.
Chris Williamson, Chefökonom von S&P Global Market Intelligence, sprach von einer willkommenen Belebung: „Der Juli brachte eine erfreuliche Belebung der Wirtschaftstätigkeit in der Eurozone". Er verwies zugleich auf die Risiken: „Doch angesichts des volatilen geopolitischen Umfelds bleibt abzuwarten, ob diese positiven Entwicklungen von Dauer sein werden". Laut Williamson verzeichnete das Verarbeitende Gewerbe den stärksten Wachstumsschub seit Anfang 2022, während der Servicesektor nach dreimonatigem Rückgang von einer kräftigen Erholung der Geschäftsaktivität profitierte.
Deutschland mit deutlichem Sprung
In Deutschland gewann die Konjunktur nach den Daten des ersten Veröffentlichungsstands spürbar an Fahrt. Der Composite PMI für die Privatwirtschaft stieg von 49,5 auf 51,2 Punkte. Volkswirte hatten im Dow-Jones-Newsires-Umfeld lediglich mit einem leichten Anstieg auf 49,8 Punkte gerechnet. Der Industrie-PMI für Deutschland erhöhte sich von 50,3 auf 52,2 Punkte und übertraf damit die Erwartung von 50,5 Zählern deutlich.
Phil Smith, Ökonom bei S&P Global Market Intelligence, sagte: „Die deutsche Wirtschaft ist positiv ins dritte Quartal gestartet". Das Verarbeitende Gewerbe habe im Juli eine außergewöhnlich starke Produktionssteigerung verzeichnet und das höchste Plus seit knapp viereinhalb Jahren gemeldet. Allerdings seien die Dienstleister im Juli mit einem verstärkten Kostendruck konfrontiert gewesen, was wahrscheinlich teilweise auf das Auslaufen des befristeten Tankrabatts zurückzuführen sei. Smith ergänzte, „erscheint der Weg zu einer nachhaltigen Erholung jedoch nach wie vor sehr unsicher".
Trotz der Aufwärtsbewegung im Frühsommer bleiben die Strukturprobleme der deutschen Industrie aus Sicht des Münchener Ifo Instituts bestehen. Oliver Falck, Leiter des Ifo Center for Innovation Economics and Digital Transformation, warnte: „Die Investitionsschwäche offenbart ein Strukturproblem der deutschen Industrie. Die fehlende Dynamik der großen Industrien wie Maschinenbau und Autoindustrie kann nicht durch steigende Investitionen in dynamischen Bereichen wie Pharma- oder Halbleiterindustrie ausgeglichen werden". Die Investitionsbereitschaft der deutschen Industrie bleibe laut Ifo-Analysten schwach.
Ifo sieht strukturelle Schwächen
Daniel Hartmann, Chefökonom des Vermögensverwalters Bantleon, gab zu bedenken: „Alles in allem sind die jüngsten Ergebnisse mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu sehen. Das Zünglein an der Waage stellt nun der Nahostkonflikt dar". Für eine durchgreifende Erholung müsse vieles zusammenkommen: „Es würde dann alles zusammenkommen: massive staatliche Impulse, eine intakte Weltwirtschaft (KI-Boom) sowie ein moderater Ölpreis - und dies bei abnehmender Unsicherheit".
Die Konjunkturerholung fällt in eine Phase erhöhter geopolitischer Spannungen. Wie Norbert Rücker von Julius Bär anmerkte, ist keiner der Konfliktparteien an einer Eskalation interessiert. „Keine der beteiligten Konfliktparteien hat ein Interesse daran, dass die Situation außer Kontrolle gerät". Der zuletzt aufgrund der Eskalation im Nahen Osten gestiegene Ölpreis dürfte laut Rücker daher nur von kurzer Dauer sein, da die Parteien vor allem ihre Verhandlungspositionen stärken wollten. US-Präsident Trump hatte laut Derek Halpenny von MUFG Bank gegenüber Axios erklärt, er stehe kurz vor einer Entscheidung über einen „massiven Angriff" auf den Iran, der größer ausfallen solle als alle bisherigen.
Geopolitik als entscheidender Risikofaktor
Im geldpolitischen Umfeld hält die Europäische Zentralbank (EZB) die Tür für weitere Zinsschritte offen. Martin Kocher, Mitglied des EZB-Rats aus Österreich, erklärte, eine Zinserhöhung im September könne nicht ausgeschlossen werden. „Sollte es notwendig sein, die Zinsen zu erhöhen, um unser mittelfristiges Ziel zu erreichen, so wird das passieren". Der Zinsschritt im Juni habe der EZB Raum gegeben, die Juli- und August-Inflationsdaten, eine aktualisierte Prognose bis 2028 und weitere Indikatoren sorgfältig zu analysieren.
Die im Vorfeld der jüngsten Zinssitzung erhobene EZB-Unternehmensumfrage signalisiert ein moderates Wachstum im zweiten Quartal und einen anhaltenden moderaten Wachstumspfad im dritten Quartal. Die Erhebung wurde während einer kurzen Waffenruhe in der Golfregion durchgeführt.
Die Inflationserwartungen der Verbraucher im Euroraum gaben im Juni nach. Die Erwartungen für die nächsten zwölf Monate sanken laut EZB-Verbraucherumfrage von 3,5 auf 3,0 Prozent. Die fünfjährigen Inflationserwartungen blieben bei 2,4 Prozent. Die Verbraucher rechneten mit einem Einkommensanstieg von 1,1 Prozent in den nächsten zwölf Monaten nach 1,0 Prozent im Vormonat, während die nominalen Konsumausgabenerwartungen von 3,8 auf 3,6 Prozent zurückgingen.
Geldpolitik: EZB hält Zinstür offen
Die Befragung professioneller Prognostiker durch die EZB zeigt unterdessen eine leicht angehobene Inflationsprojektion. Für 2026 wird die Kerninflation nun bei 2,4 Prozent erwartet statt zuvor 2,2 Prozent; für 2027 und 2028 bleibt sie mit 2,2 beziehungsweise 2,1 Prozent stabil. Die langfristige Gesamt- und Kerninflation wird unverändert bei 2,0 Prozent gesehen.
Außerhalb des Euroraums wird die Geldpolitik teils strikter, teils gelockert. Die Bank of England wird laut Volkswirten der Bank of America ihre Leitzinsen nächste Woche voraussichtlich bei 3,75 Prozent belassen, aber Offenheit für spätere Erhöhungen signalisieren. Die Märkte preisen laut LSEG-Daten insgesamt 44 Basispunkte an Zinserhöhungen der BoE für 2026 ein. Die Bank of Russland senkte am Freitag ihren Leitzins von 14,25 auf 14,0 Prozent – den zehnten Zinsschritt in Folge –, obwohl sie ihre Inflationsprognose nach ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Ölraffinerien anhob. Der russische Leitzins hatte 2025 einen Höchststand von 21 Prozent erreicht.
Inflationserwartungen sinken leicht
Am Devisenmarkt fiel der US-Dollar nach einem 40-Jahres-Höchststand vom Donnerstag leicht um 0,1 Prozent auf 163,71 Yen, wie aus LSEG-Daten hervorgeht. Die Daten aus dem Euroraum und die Aussicht auf eine fortgesetzte konjunkturelle Erholung könnten den Euro mittelfristig stützen, sofern die geopolitischen Risiken nicht weiter eskalieren.
Insgesamt zeichnen die Juli-Daten das Bild einer überraschend breiten Erholung im Euroraum und einer deutlichen Belebung in Deutschland. Ob der Aufschwung trägt, hängt aus Sicht der befragten Ökonomen vor allem von der Entwicklung der Energiepreise, der Geldpolitik und einer Beruhigung im Nahen Osten ab. Die strukturellen Schwächen der deutschen Industrie bleiben dabei ein eigenständiger Risikofaktor.
Ausblick: August-Daten und September-Sitzung im Fokus
Das Ifo Institut wies in diesem Zusammenhang erneut darauf hin, dass die schwache Investitionstätigkeit in den großen Industrien Deutschlands nicht allein durch Wachstum in Pharma- oder Halbleitersektoren kompensiert werden könne. Eine breite, strukturelle Erholung der deutschen Wirtschaft werde daher zusätzliche Impulse benötigen.
Die kommenden Wochen mit neuen Inflationsdaten, der August-Ifo-Umfrage und der EZB-Sitzung im September gelten als entscheidende Wegmarken. Sollten die Konjunkturindizes weiter über der Wachstumsschwelle bleiben und die Inflationsdynamik sich beruhigen, könnten die geldpolitischen Erwartungen weiter in Richtung Stabilität kippen. Ein erneuter Anstieg der Energiepreise oder eine weitere Verschärfung der geopolitischen Lage dürfte die Erholung dagegen rasch wieder abwürgen.
Fragen & Antworten
Welche Einkaufsmanagerindizes sind im Juli 2026 gestiegen?
Sowohl der Composite PMI für die Privatwirtschaft im Euroraum (51,0 Punkte) als auch der Industrie-PMI (52,0) und der Dienstleistungs-PMI (51,6) lagen über der Wachstumsschwelle; der deutsche Composite PMI stieg auf 51,2, der Industrie-PMI auf 52,2 Punkte.
Wie ordnen Ökonomen die Daten ein?
Chris Williamson von S&P Global sprach von einer erfreulichen Belebung, Daniel Hartmann von Bantleon sah die Ergebnisse „mit einem lachenden und einem weinenden Auge". Beide verwiesen auf den Nahostkonflikt und die Energiepreise als Risikofaktoren.
Welche Risiken für die Erholung nennen die Experten?
Das Ifo Institut sieht strukturelle Probleme der deutschen Industrie mit schwacher Investitionsbereitschaft in Maschinenbau und Autoindustrie; zudem gelten geopolitische Spannungen, steigende Energiepreise und eine mögliche EZB-Zinserhöhung als Bremsfaktoren.
PMI Juli 2026: Euroraum kehrt ins Wachstum zurück | nachrichten360