Dänische Experten geben Entwarnung beim Jo-Jo-Effekt: Wiederholtes Abnehmen birgt weniger Risiken als angenommen
Kopenhagen, 30 Juni 2026
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Kurzfassung
Forscher der Universität Kopenhagen haben den gefürchteten Jo-Jo-Effekt beim Abnehmen neu bewertet und kommen zu dem Schluss, dass wiederholte Gewichtsreduktionen weniger schädlich sind als bislang angenommen. Demnach überwiegen die gesundheitlichen Vorteile wiederholter Abnehmversuche die Risiken von Gewichtsschwankungen deutlich.
Kopenhagen, 30 Juni 2026
Faidon Magdos und Norbert Stefan von der Universität Kopenhagen haben in einem Übersichtsartikel im Fachjournal "The Lancet Diabetes & Endocrinology" dargelegt, dass der Jo-Jo-Effekt beim Abnehmen entgegen verbreiteter Befürchtungen kein eigenständiges Gesundheitsrisiko darstellt.
Weltweit gelten rund 2,5 Milliarden Menschen als übergewichtig, etwa 900 Millionen davon sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation adipös. Allein in den USA lag der Anteil adipöser Erwachsener im Jahr 2020 bei 43 Prozent mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder mehr. "Bereits im Jahr 2020 waren beispielsweise in den USA bereits 43 Prozent der Menschen adipös mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und darüber", heißt es in dem Bericht. Die steigenden Zahlen verdeutlichen, warum Diäten und Gewichtsreduktionen zu den häufigsten Vorsätzen gehören: Ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung versucht aktiv abzunehmen, in den USA sind es rund zwei Drittel. "Dort dürften schon zwei Drittel der Bevölkerung regelmäßig versuchen, ihre überflüssigen Kilos zu verlieren", schreiben die Autoren.
Trotz dieser weiten Verbreitung gelingt es den meisten Menschen nicht, das reduzierte Gewicht dauerhaft zu halten. "Auf Gewichtsverlust folgt jedoch typischerweise wieder eine deutliche Gewichtszunahme, was häufig zu wiederholten Gewichtszyklen führt." Aus diesen wiederholten Zyklen entstand der Begriff des Jo-Jo-Effekts, der über Jahrzehnte als eigenständiges Gesundheitsrisiko galt.
Wie verbreitet sind Übergewicht und Diätversuche?
Bereits seit Längerem stehen Gewichtsschwankungen im Verdacht, den Stoffwechsel zu schädigen. "Gewichtsschwankungen stehen im Verdacht, für den Stoffwechsel schädlich zu sein, da sie zu einem stärkeren Anstieg der Fettmasse und einem geringeren Zuwachs an Muskelmasse führen können." Im Verdacht standen bislang vor allem Typ-2-Diabetes, Fettleber, Bluthochdruck, Muskelschwund, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine Verschlechterung des Glukosestoffwechsels. "Da mit dem rapiden Gewichtsverlust auch der Energie- und Zuckerstoffwechsel der Abnehmwilligen stark beeinflusst wird, wurden mehr oder minder große Befürchtungen über die Konsequenzen des Jo-Jo-Effekts geäußert."
Hintergrund dieser Sorge ist auch die wachsende Verbreitung moderner Abnehmspritzen wie Wegovy und Mounjaro, die auf der Wirkstoffklasse der Inkretine basieren. Diese Medikamente führen zunächst zu einem raschen und deutlichen Gewichtsverlust. Sobald die Therapie jedoch abgebrochen wird, steigt das Gewicht nach bisherigen Beobachtungen meist rasch wieder an – was die Sorge vor einem ausgeprägten Jo-Jo-Effekt verstärkt hat.
Welche Rolle spielen moderne Abnehmspritzen?
In ihrem Übersichtsartikel in der Juli-Ausgabe von "The Lancet Diabetes & Endocrinology" haben Magdos und Stefan die Datenlage zum Jo-Jo-Effekt nun umfassend neu bewertet. Die beiden Forscher sind am Department of Nutrition, Exercise and Sports der Universität Kopenhagen tätig. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die bisher geäußerten Bedenken wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind.
Zentrales Ergebnis der Analyse: Es gibt derzeit keine klinischen Studien am Menschen, die speziell die gesundheitlichen Folgen des Jo-Jo-Effekts untersuchen. Die Beobachtungen, wonach Gewichtsschwankungen das Risiko für verschiedene Erkrankungen erhöhen sollen, seien mit großer Wahrscheinlichkeit auf andere Begleitfaktoren zurückzuführen – vor allem auf das steigende Alter der Betroffenen sowie auf Begleiterkrankungen. Die Schlussfolgerung der Autoren fällt entsprechend deutlich aus: "Current evidence does not support a causal link between weight fluctuations themselves and clinical harm in people with obesity."
Magdos und Stefan betonen zudem, dass eine langfristige Gewichtshaltung in den meisten Fällen schwierig bleibt – unabhängig davon, welche Methode zur Gewichtsreduktion gewählt wurde. Wer abnimmt und das reduzierte Gewicht nicht halten kann, sollte den eigenen Abnehmversuch deshalb nicht als gescheitert betrachten. Im Gegenteil: "Der Versuch abzunehmen und auch dabei zu scheitern ist nicht schädlich. Aber ganz aufzugeben, das könnte schädlich sein", wird in dem Beitrag aus dem Kreis der dänischen Experten zitiert.
Was sagt die Kopenhagener Analyse konkret?
In der Gesamtschau überwiegen aus Sicht der Autoren die gesundheitlichen Vorteile wiederholter Abnehmversuche die möglichen Risiken von Gewichtsschwankungen. "Die vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Vorteile einer wiederkehrenden Gewichtsreduktion - wie verbesserte Stoffwechselwerte, Herz-Kreislauf-Gesundheit und Lebensqualität - die potenziellen Risiken von Gewichtsschwankungen überwiegen." Damit geben die Kopenhagener Forscher faktisch Entwarnung für Millionen Menschen, die im Laufe ihres Lebens mehrfach Diäten ausprobieren.
Wichtig bleibt laut den Forschern allerdings ein kritischer Blick auf die Befundlage. So basiert ein Teil der Warnungen vor negativen Effekten des Jo-Jo-Effekts lediglich auf Daten aus Tierversuchen. Beobachtungsstudien am Menschen ließen sich bislang nicht eindeutig von Einflussfaktoren wie Alter, Ausgangswert des Gewichts oder Vorerkrankungen trennen. Auch die bei Gewichtsschwankungen vermutete Sarkopenie – also der fortschreitende Verlust von Muskelmasse – sowie ein verlangsamter Stoffwechsel seien nicht zweifelsfrei auf die bloße Gewichtsschwankung zurückzuführen, sondern könnten ebenfalls Folge des natürlichen Alterungsprozesses sein.
Für die klinische Praxis bedeutet die Neubewertung, dass Ärztinnen und Ärzte den Jo-Jo-Effekt nicht mehr als Hauptargument gegen Diätversuche ins Feld führen sollten. Stattdessen rät die dänische Analyse dazu, Patientinnen und Patienten darin zu bestärken, wiederholt Abnehmversuche zu unternehmen – selbst wenn das Gewicht nicht dauerhaft gehalten werden kann. Jeder erfolgreiche Reduktionsversuch verbessere demnach messbar Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System und Lebensqualität.
Welche Grenzen weist die Datenlage auf?
Auch für den Umgang mit modernen Inkretin-basierten Therapien liefert die Analyse wichtige Hinweise. Da ein Absetzen von Wirkstoffen wie Wegovy oder Mounjaro häufig zu einer raschen Gewichtszunahme führt, sollte das Augenmerk verstärkt auf Strategien zur langfristigen Gewichtserhaltung liegen. Diese müssten jedoch weiter erforscht werden, betonen die Autoren. Eine pauschale Warnung vor einem Jo-Jo-Effekt halten sie hingegen für nicht gerechtfertigt.
Die Studie ist Teil einer breiteren wissenschaftlichen Debatte über den richtigen Umgang mit Übergewicht und Adipositas. Während Medikamente und chirurgische Eingriffe immer wirksamere Werkzeuge zur Gewichtsreduktion darstellen, bleibt die Frage offen, wie sich ein reduziertes Gewicht dauerhaft stabilisieren lässt. Die Kopenhagener Analyse verschiebt den Fokus weg von der Angst vor dem Jo-Jo-Effekt hin zur Frage, welche Lebensstil- und Therapiemaßnahmen Patientinnen und Patienten langfristig beim Halten ihres Gewichts unterstützen können.
Was bedeutet das für die klinische Praxis?
Insgesamt sehen die Autoren ihre Analyse als Aufruf, das Phänomen des Jo-Jo-Effekts neu und realistischer zu bewerten. Wer immer wieder abnimmt und zunimmt, muss aus medizinischer Sicht nicht befürchten, dass die Schwankungen an sich die Gesundheit ruinieren. Solange weitere gesundheitliche Risikofaktoren im Blick behalten und Gegenmaßnahmen ergriffen werden, bleibe der Versuch, das eigene Gewicht zu reduzieren, in aller Regel sinnvoll.
Die Ergebnisse wurden in der Juli-Ausgabe des Fachjournals "The Lancet Diabetes & Endocrinology" veröffentlicht und von internationalen Fachkolleginnen und -kollegen aufgegriffen. Sie gelten bislang als die umfassendste Aufarbeitung der Datenlage zum Jo-Jo-Effekt. Weitere klinische Studien speziell zu diesem Phänomen seien jedoch dringend nötig, schreiben die Autoren.
Für die breite Öffentlichkeit liefert die Analyse eine klare Botschaft: Wer mit dem Abnehmen kämpft und Rückschläge erlebt, sollte sich nicht entmutigen lassen. Der nächste Versuch kann aus medizinischer Sicht erneut positive Effekte auf Stoffwechsel, Herz und Lebensqualität haben – auch wenn das Gewicht möglicherweise nicht dauerhaft auf dem neuen Niveau bleibt.
Fragen & Antworten
Wer hat die Analyse zum Jo-Jo-Effekt veröffentlicht?
Die Analyse wurde von Faidon Magdos und Norbert Stefan vom Department of Nutrition, Exercise and Sports der Universität Kopenhagen verfasst und in der Juli-Ausgabe des Fachjournals "The Lancet Diabetes & Endocrinology" veröffentlicht.
Welche Krankheiten wurden bislang mit dem Jo-Jo-Effekt in Verbindung gebracht?
In der Vergangenheit wurden ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, Fettleber, Bluthochdruck, Muskelschwund und Herz-Kreislauf-Erkrankungen diskutiert – die Kopenhagener Analyse sieht dafür jedoch keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage.
Warum kommt die Studie zu einem anderen Ergebnis als ältere Warnungen?
Die Autoren betonen, dass es bislang keine klinischen Studien am Menschen speziell zum Jo-Jo-Effekt gibt und beobachtete Risiken vermutlich auf Alter und Begleiterkrankungen zurückzuführen sind.
Jo-Jo-Effekt weniger gefährlich: Studie aus Kopenhagen | nachrichten360