Clemens Pig zum neuen ORF-Generaldirektor gewählt: Was den neuen Chef künftig erwartet
Wien, 12. Juni 2026
Angelika Hipfinger / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Nach einer rund 15-stündigen Sitzung hat der ORF-Stiftungsrat Clemens Pig zum neuen Generaldirektor gewählt. Der 52-Jährige tritt sein Amt 2027 an und steht vor milliardenschweren Sparvorgaben und politischen Spannungen. Schon vor der Wahl kündigte ein FPÖ-nahes Mitglied des Stiftungsrats an, die Entscheidung anfechten zu wollen.
Der ORF-Stiftungsrat hat in der Nacht zum Freitag nach einer mehr als 15-stündigen Sitzung Clemens Pig zum neuen Generaldirektor des österreichischen öffentlich-rechtlichen Senders gewählt, der sein Amt 2027 antreten soll.
Der Clemens Pig ist 52 Jahre alt und stammt aus Tirol, wo er 1974 geboren wurde. Der 52-Jährige leitete in den letzten zehn Jahren die österreichische Nachrichtenagentur APA als Geschäftsführer und tritt damit als erster Externer seit Jahrzehnten an die Spitze des Senders. „Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass der Sender einen Generaldirektor von außen bekommt", hieß es in Medienberichten über die Wahl.
Pig war bereits 2015 zum Geschäftsführer der APA-Gruppe bestellt worden und übernahm 2016 zusätzlich den Vorsitz der APA Group. Im vergangenen Jahr wurde er für eine weitere fünfjährige Amtszeit an der Spitze der Nachrichtenagentur bestätigt, ehe er sich für den ORF bewarb und seine APA-Funktion dafür niederlegte. Während seines Studiums der Politikwissenschaft in Innsbruck hatte er ein Unternehmen mitgegründet, das dokumentierte, wie lange Politiker welcher Parteien in den ORF-Nachrichten vorkamen.
Die Bewerbung verlief im Schatten eines politischen Tauziehens zwischen den Regierungsparteien. Medienberichten zufolge hatte die seit gut einem Jahr regierende Dreierkoalition aus ÖVP, SPÖ und der liberalen Partei Neos vereinbart, „dass das Vorschlagsrecht für den einflussreichen Posten der konservativen Kanzlerpartei zukommt. Die SPÖ darf im Gegenzug über weitere Führungsfunktionen im ORF bestimmen." Bundeskanzler Christian Stooker führte dem Vernehmen nach persönlich Gespräche mit allen aussichtsreichen Bewerbern.
Politische Vorfestlegung und Bewerbungsprozess
Bereits vor rund einem Monat hatten Boulevardmedien gemeldet, die Entscheidung für Pig sei de facto gefallen – „notabene gut zwei Wochen vor Ablauf der offiziellen Bewerbungsfrist". Der ÖVP-Generalsekretär sprach dies in einem Interview sogar offen aus, während Pig sich „gegen diese Schubladisierung" wehrte und betonte, „keinerlei Zusagen zu haben". Im Hearing am Donnerstag stellten sich neun Bewerberinnen und Bewerber vor; mehr als 70 Kandidaten und Kandidatinnen hatten sich auf den Spitzen-Job beworben.
Neben Pig galten der langjährige Geschäftsführer der privaten Sendergruppe Puls 4, Markus Breitenecker, der zuletzt im Vorstand des deutschen Mutterkonzerns ProSiebenSat.1 saß, sowie die ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer und der einst bei HBO und Hulu tätige Johannes Larcher als kompetente Kandidaten. Pig wurde im Stiftungsrat rund zweieinviertel Stunden befragt – beinahe ein Rekord. Danach bezeichnete er das Gespräch als „Gut, aber lang". Mit dem FPÖ-nahen Stiftungsrat Peter Westenthaler soll es dabei einen lauten Wortwechsel gegeben haben.
Westenthaler kündigte noch vor den Hearings an, die Ernennung anfechten zu wollen, und sprach vor Journalisten von einer „ekelhaften Inszenierung". Er bezeichnete die Auswahl als „ausgepackelt" und wirft den Regierungsparteien vor, sich vor der öffentlichen Ausschreibung auf einen Kandidaten geeinigt zu haben. Nach der Wahl kündigte der ehemalige Politiker erneut eine Anfechtung an. „Bei bewussten Pflichtverletzungen können Stiftungsräte auch persönlich haftbar gemacht werden", heißt es dazu aus dem ORF-Gesetz.
Ein Sender unter Sparzwang
Pig steht vor einer Mammutaufgabe. Der ORF ist „das größte Medienunternehmen des Landes" und betreibt mehrere TV-Programme, zwölf Radioprogramme sowie ein umfangreiches Online-Angebot. Insgesamt beschäftigt der Sender rund 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sein Jahresbudget liegt bei rund einer Milliarde Euro, die zu großen Teilen aus der ORF-Haushaltsabgabe von derzeit rund 15 Euro stammen. Diese ist gesetzlich bis mindestens 2029 eingefroren.
Gleichzeitig laufen massive Sparprogramme. „Bereits in den vergangenen drei Jahren musste der ORF insgesamt 300 Millionen Euro einsparen". Finanzminister Markus Marterbauer kündigte am Mittwoch in seiner Budgetrede an, dass ab 2027 eine jährliche Steuerkompensation im Umfang von 93 Millionen Euro gestrichen wird – „das entspricht fast zehn Prozent der Einnahmen – oder den Produktionskosten von 49 Tatort-Folgen, wie der Kurier vorrechnete". Mit dem Budget 2027/28 verliert der ORF zudem 90 Millionen Euro aus dem Bundesbudget, etwa ein Neuntel seiner Einnahmen.
Die Show „Millionenshow" und Vorabend-Quizformate wurden bereits abgesetzt, Hunderte Arbeitsplätze sind gefährdet. Künftig darf der ORF 780 Millionen Euro aus den Beitragseinnahmen verwenden, verglichen mit derzeit 710 Millionen Euro. In einer Art Casting-Show am Montag auf ORF III sprach sich Pig für einen Ausbau der Korrespondentenbüros, die Beibehaltung teurer Sportübertragungen sowie von Unterhaltungssendungen wie „Dancing Stars" aus.
Inhaltlicher Kurs: Mitte, KI und Reform-Playbook
Inhaltlich will Pig den ORF zur „Plattform der Gesellschaft" umbauen und schlägt Direktionen für „Programm und Marken", „Audience und Plattformen", „Technologie & Innovation" sowie Finanzen vor. Diese Struktur folgt nicht vollständig dem Sideletter zwischen ÖVP und SPÖ zu den Direktionen Programm, Radio, Finanzen und Technik. Die Direktion Information soll direkt dem Generaldirektor unterstellt werden, zudem ist ein „interdisziplinärer Hub" der Direktionen für Programmplanung, Audience-Strategie und Digitalstrategie geplant. „Was den Auftrag nicht mehr trägt, muss beendet werden können", lautet einer seiner Grundsätze.
Pig sieht den ORF „politisch und gesellschaftlich besonders verwundbar" und warnt vor einer KI-getriebenen Verengung des Medienmarkts. „Die große Sorge ist, dass sich das Internet insgesamt zu einem KI-Internet umbaut, in dem jegliche Form von Pluralität verloren geht. Man bleibt immer im Ökosystem der KI". Er fordert Kooperation gegen übermächtige US-Plattformen und ein Bekenntnis zum „Public Value": „Der ORF muss mit seiner ganzen Kraft für Public Value, demokratische Orientierung, kulturelle und regionale Identität, digitale Innovation und journalistische Glaubwürdigkeit stehen. Er muss ein öffentliches Haus bleiben – unabhängig von Parteien, Interessen und einzelnen Milieus."
In redaktioneller Hinsicht formulierte Pig: „Die Redaktion muss in die demokratische Mitte, weil der ORF für das ganze Land arbeitet. Die redaktionell-programmliche Legitimation verlangt eine neue Präzision im Begriff der Mitte. Gemeint ist eine Methode: faktenbasiert, quellenstark, plural, sauber im Wording, frei von aktivistischer Schlagseite, kritisch gegenüber allen Machtzentren und offen für die Wirklichkeit unterschiedlicher Lebenswelten." Der Vorwurf, die ORF-Nachrichten bildeten nur ein Milieu ab, wird vor allem von ÖVP und FPÖ immer wieder erhoben.
Personelle Weichen und Belastungen aus der Vergangenheit
Personell muss Pig ein Führungsteam zusammenstellen, das vom Stiftungsrat im Sommer bestätigt werden soll. Sein Konzept enthält ein „Reform-Playbook" mit mehreren Dutzend Maßnahmenbündeln von Finanzen bis Vertrauen. Es sei „das erste Mal seit Jahrzehnten, dass der Sender einen Generaldirektor von außen bekommt" – und das erste Mal seit dem Abgang von Roland Weißmann, der im März nach Vorwürfen zurücktreten musste. Weißmann, der die Vorwürfe bestreitet, soll jahrelang eine Mitarbeiterin zu einem sexuellen Verhältnis gedrängt und ihr unaufgefordert intime Fotos geschickt haben. Die Ingrid Thurnher Ingrid Thurnher, die den ORF bis Jahresende führt und selbst auf eine reguläre Amtszeit verzichtete, lässt weitere Fälle von Machtmissbrauch und Sexismus durch Führungskräfte neu untersuchen.
„Die Bedeutung des ORF in Österreich ist immens", auch wenn der Sender regelmäßig die höchsten Vertrauenswerte aller Medien in Österreich verzeichnet. Formell wählen die 35 Stiftungsräte den ORF-Chef unabhängig und weisungsfrei; tatsächlich aber ist das Aufsichtsgremium des Senders „komplett verpolitisiert und in sogenannten Freundeskreisen organisiert, inoffiziellen Fraktionen der Parteien". Erschwert wird Pigs Amtsantritt zusätzlich durch den EU Media Freedom Act, der vor zwei Jahren verabschiedet wurde und erstmals auf eine ORF-Wahl Anwendung findet – mit der Vorgabe transparenter und objektiver Kriterien bei der Bestellung öffentlich-rechtlicher Führungskräfte.
Fragen & Antworten
Wer ist Clemens Pig?
Clemens Pig ist 52 Jahre alt, stammt aus Tirol und war zuletzt zehn Jahre lang Geschäftsführer der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Er wurde am 12. Juni 2026 vom ORF-Stiftungsrat zum neuen Generaldirektor gewählt und tritt sein Amt 2027 an.
Warum steht der neue ORF-Chef unter politischem Druck?
Medienberichten zufolge hatten sich ÖVP und SPÖ vor der öffentlichen Ausschreibung auf ihn als Wunschkandidaten geeinigt, was der FPÖ-nahe Stiftungsrat Peter Westenthaler als „ausgepackelt" kritisierte und mit einer Anfechtung der Wahl drohte.
Welche wirtschaftlichen Herausforderungen warten auf den neuen Generaldirektor?
Ab 2027 entfällt eine jährliche Steuerkompensation von 93 Millionen Euro, zudem verliert der ORF 90 Millionen Euro aus dem Bundesbudget, während die Haushaltsabgabe bis mindestens 2029 bei rund 15 Euro eingefroren ist.
Clemens Pig: Neuer ORF-Generaldirektor ab 2027 | nachrichten360