Aus den USA auf den Küniglberg: Top-Manager Larcher will ORF sanieren
Wien, 28. Mai 2026
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Kurzfassung
Der international erfahrene Medienmanager Johannes Larcher hat seine Kandidatur für die ORF-Generaldirektion ab 2027 bekannt gegeben. Neben ihm bewerben sich auch APA-Chef Clemens Pig und ORF-III-Chefin Kathrin Zierhut-Kunz um die Nachfolge von Ingrid Thurnher.
Der frühere HBO-Manager Johannes Larcher hat am Donnerstag seine Kandidatur für das Amt des ORF-Generaldirektors ab 2027 offiziell bekannt gegeben.
Internationale Karriere als Rüstzeug
Larcher, der seine Karriere einst in der Kulturredaktion des ORF begann, bringt internationale Führungserfahrung von Unternehmen wie Warner Bros. Discovery, HBO, Hulu und zuletzt als CEO der Storytel Group mit. Er bewirbt sich als externer Kandidat um die Leitung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Der gebürtige Österreicher kündigte an, den ORF mit einem Fünf-Säulen-Plan grundlegend modernisieren zu wollen. „Der ORF braucht keine kosmetischen Korrekturen, sondern mutige und klare Führung durch ein unabhängiges Management mit tiefer Erfahrung im B2C-Mediengeschäft und mit erfolgreichen Transformationsprozessen in großen Unternehmen“, erklärte Larcher.
Zu den weiteren Bewerbern zählen ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, der ehemalige ProSiebenSat1-Vorstand Markus Breitenecker, die ORF-III-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz sowie die Journalistin Sonja Sagmeister. Die Bewerbungsfrist endete am Donnerstag um Mitternacht.
Bewerberfeld und politische Unabhängigkeit
Auch APA-Chef Clemens Pig reichte seine Unterlagen am letzten Tag der Frist ein. Er gab zudem bekannt, seinen Geschäftsführervertrag bei der Austria Presse Agentur einvernehmlich aufzulösen und das Unternehmen zu verlassen. Sein Konzept trägt den Titel „Ein ORF, dem Österreich vertraut“.
Pig betonte seine Unabhängigkeit: „Ich habe keine Zusage für die Funktion des ORF-Generals. Weder von der Kanzlerpartei, noch von anderen Regierungsparteien, noch von einer Oppositionspartei, auch nicht vom lieben Gott.“ Er habe niemanden um seine Stimme oder um Lobbying ersucht.
Die amtierende Generaldirektorin Ingrid Thurnher teilte den ORF-Mitarbeitern in einem Brief mit, dass sie nicht erneut antreten werde. Die 63-Jährige begründete ihren Verzicht damit, dass ihr so mehr Freiheit bleibe, um Missstände aufzuarbeiten, die richtigen Weichen zu stellen und das Vertrauen in den ORF zu stärken.
Thurnhers Verzicht und Appell
Thurnher kritisierte politische Einmischungen in den Bestellungsprozess scharf. „Der ORF sei nicht der Spielball der Politik“, zitierte sie in ihrem Schreiben. Sie appellierte an die Politik, sich mit Zwischenrufen zurückzuhalten, und betonte die besondere Verantwortung des Stiftungsrates.
Die scheidende Generaldirektorin kündigte an, ihr Arbeitsprogramm bis zum Jahresende umzusetzen und für Transparenz, Konsequenz und Aufarbeitung nach den Turbulenzen und Skandalen der vergangenen Monate zu sorgen. Ein von ihr initiierter Transparenzbeirat werde noch vor dem Sommer seinen Bericht vorlegen.
Thurnher versprach, alle Empfehlungen des Beirats umzusetzen, die in ihren Verantwortungsbereich fallen. Zudem werde sie im Sommer einen Planungsgipfel gemeinsam mit dem künftigen Generaldirektor abhalten, um ab 2027 nötige zusätzliche Einsparungen zu entwickeln.
Larchers Sanierungsplan
Johannes Larcher sieht den ORF in einer tiefen Akzeptanzkrise und einem historischen Tiefstand an Glaubwürdigkeit. Sein Sanierungskonzept sieht jährliche Einsparungen von mindestens 100 Millionen Euro vor, die durch Verwaltungsverschlankung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz erreicht werden sollen.
Larcher plant zudem eine unabhängige Informationsdirektion, um die redaktionelle Unabhängigkeit zu sichern. Ein massiver Ausbau der regionalen Inhalte aus den Bundesländern sowie eine digitale Omnichannel-Strategie, die ORF-Inhalte über ORF ON und auf Drittplattformen wie TikTok verbreitet, sind weitere Kernpunkte.
Auch Sonderverträge im Unternehmen will Larcher abschaffen und eine moderne Unternehmenskultur etablieren. „Meine Unabhängigkeit ist nicht nur ein Versprechen – sie ist meine Stärke. Ich stehe für einen ORF, der niemandem verpflichtet ist außer seinem Publikum und dem österreichischen Gemeinwohl“, sagte er.
Kathrin Zierhut-Kunz erklärte zu ihrer Kandidatur: „Mein Ziel ist ein moderner, effizienter und glaubwürdiger ORF, der seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag mit Qualität, Relevanz und Verantwortung erfüllt.“ Sie kenne das Unternehmen aus langjähriger Führungsverantwortung und genauer Kenntnis seiner Strukturen, Abläufe und Potenziale.
Weitere Kandidaten und ihre Konzepte
Sonja Sagmeister, die 30 Jahre als ORF-Journalistin tätig war und deren Kündigung 2025 vom Oberlandesgericht Wien für rechtswidrig erklärt wurde, kandidiert mit einem Mission Statement gegen Einfluss von außen und für unabhängigen Journalismus. Je mehr Kandidaten sich bewarben, desto besser, da es die Bedeutung des ORF stärke und Menschen zum Diskutieren anrege, wohin der Sender gehen solle.
Clemens Pig zeigte sich erstaunt über die Geschwindigkeit, mit der er in eine politische Schublade gesteckt worden sei. „Das ist mir in 30 Berufsjahren und auch privat noch nie passiert“, sagte er. Er kenne keinen Sideletter über Postenbesetzungen im ORF und würde einen solchen schlichtweg zurückschieben.
Pig betonte, dass das breite Bewerberfeld die beste Immunisierung gegen ein „Gschmäckle“ im Bestellungsprozess sei. Sein Konzept sehe eine moderne Architektur der ORF-Führungsstruktur vor, die sich an den Anforderungen des Publikums und einer digitalen Informationsgesellschaft orientiere.
Der ORF ist Österreichs größtes Medienunternehmen mit rund 1,1 Milliarden Euro Umsatz und etwa 4.000 Mitarbeitern. Die Bundesregierung plant, die Förderung des ORF aus dem Bundesbudget um 70 bis 90 Millionen Euro pro Jahr zu kürzen.
Ausblick und Entscheidungsprozess
Die endgültige Liste der Kandidaten wird nach Mitternacht feststehen. Wer tatsächlich im Rennen bleibt, entscheidet sich am 11. Juni. Der Stiftungsrat wird danach über die Nachfolge von Ingrid Thurnher befinden.
Thurnher zeigte sich zuversichtlich, dass der Stiftungsrat eine Entscheidung im Einklang mit allen rechtlichen Voraussetzungen treffen werde, die im Interesse des Publikums und eines starken ORF sei. Sie werde ihren Nachfolger bestmöglich unterstützen.
Larcher blickte unterdessen voraus: „Der ORF wird im Jahr 2027 sein 70-jähriges Bestehen feiern. Das ist ein Grund, stolz auf die Vergangenheit zurückzublicken. Wesentlicher erscheint mir jedoch der Blick nach vorne – und die Entschlossenheit, die notwendigen Veränderungen mutig und konsequent zu gestalten. Ich freue mich auf diese Aufgabe.“
Fragen & Antworten
Wer ist Johannes Larcher und warum bewirbt er sich für die ORF-Generaldirektion?
Johannes Larcher ist ein österreichischer Medienmanager mit internationaler Führungserfahrung bei HBO, Hulu und Warner Bros. Discovery. Er will den ORF mit einem Fünf-Säulen-Plan modernisieren und aus einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise führen.
Warum tritt Ingrid Thurnher nicht erneut als ORF-Generaldirektorin an?
Thurnher erklärte, dass ihr der Verzicht mehr Freiheit gebe, um Missstände aufzuarbeiten und das Vertrauen in den ORF zu stärken. Sie kritisierte zudem politische Einmischungen in den Bestellungsprozess.
Welche Einsparungen plant Johannes Larcher beim ORF?
Larcher kündigte jährliche Einsparungen von mindestens 100 Millionen Euro an, die durch Verwaltungsverschlankung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz erreicht werden sollen.
ORF-Generaldirektor-Wahl: Johannes Larcher bewirbt sich | nachrichten360