Clemens Pig zum neuen ORF-Generaldirektor gewählt – nach fast 15-stündiger Marathonsitzung
Wien, 12. Juni 2026
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Kurzfassung
Nach einer beispiellos langen Sitzung des ORF-Stiftungsrats wurde Clemens Pig mit 21 von 35 Stimmen zum neuen Generaldirektor gewählt. Der designierte Chef der Austria Presseagentur tritt sein Amt im Jänner 2027 an.
Der ORF-Stiftungsrat hat den bisherigen APA-Chef Clemens Pig am Freitag kurz nach 13 Uhr zum neuen Generaldirektor des ORF gewählt, nachdem die Sitzung mit mehr als 14 Stunden die längste in der Geschichte des Gremiums gewesen war.
Die Entscheidung über die neue Führungsspitze des öffentlich-rechtlichen ORF in Österreich zog sich über fast 15 Stunden hin. Wortgefechte, Anschuldigungen und Befragungen, die ins Unsachliche abdrifteten, prägten den Sitzungsverlauf und lieferten am Ende ein Ergebnis sowie ein Sittenbild des Medienunternehmens und seines wichtigsten Aufsichtsgremiums. Clemens Pig setzte sich nach Mitternacht im ersten Wahlgang durch.
Auf den früheren APA-Geschäftsführer entfielen 21 der 35 Stimmen. Er war einer von neun Kandidatinnen und Kandidaten, die sich dem 35-köpfigen Gremium stellten. Eine Wahl war erst gegen Mitternacht erwartet worden. Mit der Entscheidung endete eine Sitzung, die laut Beteiligten zeitweise kaum noch den Charakter einer geordneten Bewerbungsbefragung hatte.
Bereits am Vormittag hatte sich abgezeichnet, dass der Zeitplan nicht zu halten sein würde. Rund zehn Stunden nach Beginn der Sitzung hatten sich erst sechs der neun Bewerberinnen und Bewerber dem Stiftungsrat gestellt. Allein Pigs Auftritt und seine Befragung dauerte nach Angaben aus Konferenzkreisen rund zweieinhalb Stunden statt der eingeplanten 30 Minuten. Auch bei anderen Bewerbern wurde der Zeitplan deutlich überschritten.
Verlauf einer beispiellosen Sitzung
Inhaltlich verlief Pigs Auftritt nach Einschätzung von Beobachtern über weite Strecken sachlich. Die Bilanz fiel im STANDARD-Gespräch gemischt aus und wurde mit „Gut, aber lang“ zusammengefasst. In der Befragung kam es unter anderem zu einem heftigen Wortgefecht zwischen FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler und Pig.
Westenthaler hatte die Personalie frühzeitig als „ausgepackelt“ kritisiert und noch am Wahltag angekündigt, sie anzufechten. Er war damit nicht der einzige Stiftungsrat, der mit der Art des Verfahrens haderte. Immer wieder flammten Diskussionen um die politische Unabhängigkeit des Senders auf, die durch den Verlauf der Sitzung neue Nahrung erhielten.
Die ÖVP hatte offen signalisiert, dass sie sich Pig an der Spitze des ORF vorstellen könne. Auch die SPÖ galt vor der Abstimmung als Unterstützerin des Bewerbers. Pig selbst wies Verbindungen zu Parteien im Vorfeld zurück. In einem STANDARD-Interview vor der Wahl erklärte er: „Ich habe keine Zusage für die Funktion des ORF-Generals. Weder von der Kanzlerpartei, noch von anderen Regierungsparteien, noch von einer Oppositionspartei, auch nicht vom lieben Gott.“
Hintergrund: Wer ist Clemens Pig?
Pig, 1974 in Tirol geboren, studierte Politikwissenschaft in Innsbruck. Bereits während des Studiums gründete er das Medienbeobachtungsunternehmen Mediawatch mit, das er 2001 an die APA verkaufte. Mitte 30 wechselte er in die Geschäftsführung der Nachrichtenagentur. 2015 wurde er Geschäftsführer der APA-Gruppe, 2016 übernahm er den Vorsitz, den er bis zur öffentlichen Bewerbung um den ORF-Job innehatte.
Ende 2024 war Pig für weitere fünf Jahre als Vorsitzender der APA-Geschäftsführung bestätigt worden. Bei der APA war er zunächst für Marketing und Vertrieb zuständig und führte später die Tochtergesellschaft APA-DeFacto. Für den ORF-Posten hat er seine APA-Funktion nach eigenen Angaben bereits endgültig abgegeben. Im Branchenmedium Österreichs Journalist:in wurde er 2018 zum „Media Manager of the Year“ gekürt; 2023 wählte ihn Tirol zum „Tiroler des Jahres“.
Sein programmatisches Konzept für den ORF trägt den Titel „Ein ORF, dem Österreich vertraut. Vom Rundfunk zur Plattform der Gesellschaft“. Darin formuliert er den Anspruch, der Sender müsse „mit seiner ganzen Kraft für Public Value, demokratische Orientierung, kulturelle und regionale Identität, digitale Innovation und journalistische Glaubwürdigkeit stehen. Er muss ein öffentliches Haus bleiben – unabhängig von Parteien, Interessen und einzelnen Milieus.“
Programmatik und Selbstverständnis
Der ORF sei „politisch und gesellschaftlich besonders verletzlich“, schreibt Pig in seinem Bewerbungskonzept. Er sehe die Rolle des Generaldirektors als weit mehr als klassische Medienmanager-Aufgaben. Inhaltlich skizziert er eine Erneuerung des Hauses mit den Worten: „Der ORF braucht keine Pose der Revolution, aber auch keine bloße Fortsetzung des Gewohnten … Er braucht Erneuerung mit Vertrauen und Vision – und eine Führung, die entscheidet, erklärt, zuhört und umsetzt.“
Inhaltlich stellt Pig vor allem den Umgang mit Künstlicher Intelligenz und den Verlust der Sichtbarkeit etablierter Medienmarken ins Zentrum. „KI ist vor allem für die jüngere Zielgruppe zum Tagesbegleiter und Lebensberater geworden … Eigentlich sollten wir Medien das sein“, sagte er im April zur Tageszeitung KURIER. Die Sichtbarkeit von Medienmarken verschwinde „in der KI-Ära völlig“.
KI, Plattformen und Vertrauen
„Die große Sorge ist, dass sich das Internet insgesamt zu einem KI-Internet umbaut, in dem jegliche Form von Pluralität verloren geht. Man bleibt immer im Ökosystem der KI“, warnt Pig. In seinem aktuellen Buch „Welt ohne Wahrheit“ beschäftigt er sich mit einer verbreiteten europäischen Social-Media-Plattform und der Frage, wie sich das Vertrauen in Medien unter digitalen Bedingungen verändern lässt. Auch seine Diplomarbeit und spätere Dissertation behandelten die Medienpositionierung von Spitzenpolitikern sowie politische Kommunikation im digitalen Wandel.
Pig beschrieb den ORF als „Schweizermesser des österreichischen Medienstandortes“ und forderte ein redaktionelles Selbstverständnis, „das nicht aus einem Milieu für ein Milieu sendet, sondern aus der demokratischen Mitte für das ganze Land arbeitet“. Die ÖVP und die FPÖ hatten dem ORF-Info-Bereich wiederholt vorgeworfen, nur ein politisches Milieu abzubilden.
Für die kommenden Jahre kündigte Pig an, auf Kooperation in der Medienbranche zu setzen, redaktionelle Unabhängigkeit und Qualität zu stärken, dem Publikum stärker zuzuhören und professionelle Distanz zu allen Machtzentren zu wahren. Zuletzt hatte er zwei Bücher zum digitalen Wandel in der Medienwelt veröffentlicht.
Der ORF als Medienhaus
Der ORF ist mit seinen rund 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Österreichs größtes Medienunternehmen. Die Bedeutung des ORF in Österreich ist immens. Der Sender betreibt mehrere TV-Programme, zwölf Radioprogramme und verfügt über ein umfangreiches Online-Angebot. Pig wird sein Amt im Jänner 2027 antreten.
Persönlich ist Pig verheiratet und Vater von drei erwachsenen Töchtern. Eine Parteinähe wird ihm nicht zugeschrieben. Beobachter werteten das Wahlergebnis als Bestätigung seines Konzepts.
Pig wird sein Amt im Jänner 2027 antreten. Damit steht der ORF nach monatelanger Suche vor einem personellen Neuanfang – begleitet von einer intensiven Debatte über politische Einflussnahme und die künftige Ausrichtung des Hauses.
Die Amtsübergabe ist für Jänner 2027 geplant. Bis dahin dürften die Diskussionen über das Zustandekommen der Wahl und die künftige strategische Linie des ORF weitergehen.
Fragen & Antworten
Wer ist Clemens Pig?
Clemens Pig, 1974 in Tirol geboren und Politikwissenschafter, war von 2015 bis 2026 Geschäftsführer und Vorsitzender der APA-Gruppe und ist Autor mehrerer Bücher zum digitalen Medienwandel.
Wie lief die Wahl des ORF-Generaldirektors ab?
Die Sitzung des 35-köpfigen ORF-Stiftungsrats dauerte mit mehr als 14 Stunden so lang wie keine zuvor; Clemens Pig erhielt 21 von 35 Stimmen und setzte sich im ersten Wahlgang durch.
Welche Kritik äußerte FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler?
Peter Westenthaler bezeichnete Pigs Designation als „ausgepackelt“ und kündigte an, die Wahl anzufechten; zudem lieferte er sich während der Befragung ein heftiges Wortgefecht mit Pig.
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