Clemens Pig zum neuen ORF-Generaldirektor gewählt: Aufgaben und Konflikte zum Amtsantritt 2027
Wien, 12. Juni 2026
Angelika Hipfinger / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der ORF-Stiftungsrat hat Clemens Pig in der Nacht auf Freitag nach einer mehr als 15-stündigen Sitzung zum neuen Generaldirektor des ORF gewählt. Der bisherige APA-Chef tritt sein Amt 2027 an und steht vor tiefgreifenden Sparauflagen, politischen Konflikten und einer geplanten Strukturreform.
Der 52-jährige bisherige APA-Chef Clemens Pig ist in der Nacht auf Freitag vom ORF-Stiftungsrat zum neuen Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks gewählt worden und wird das Amt im Jahr 2027 antreten.
Die Wahl erfolgte nach einer Sitzung, die mehr als 15 Stunden dauerte. Pig setzte sich nach einer zweieinviertelstündigen Befragung im Stiftungsrat mit der nötigen Mehrheit durch und konnte sich gegen mehrere Mitbewerberinnen und Mitbewerber durchsetzen. Kurz nach 13 Uhr am Freitag stand das Ergebnis fest. Mit seiner Wahl tritt der gebürtige Tiroler, der in Innsbruck Politikwissenschaft studierte, ein Amt an, das er ab 2027 ausüben wird.
Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass der Sender mit seinen 4.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen einen Generaldirektor von außen bekommt. Pig leitete in den vergangenen zehn Jahren die österreichische Nachrichtenagentur APA als Geschäftsführer, übernahm 2015 die Geschäftsführung der APA-Gruppe und 2016 den Vorsitz. Er gilt als technologieaffiner Medienmanager und integre Führungsfigur. TV-Erfahrung hat er nicht. Im Vorfeld der Wahl wies er den Vorwurf mangelnder Parteinähe zurück und betonte, er habe keine Zusagen einer Partei.
Ein Generaldirektor von außen
Mehr als 70 Kandidaten und Kandidatinnen hatten sich auf den Spitzen-Job beworben. Im Hearing am Donnerstag stellten sich neun Bewerberinnen und Bewerber vor. Pig galt im Vorfeld als Favorit. Zu den Bewerbern zählten Markus Breitenecker, der langjährige Chef der Privatsendergruppe Puls 4 und zuletzt im Vorstand der deutschen Mutter ProSiebenSat.1, ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer sowie Johannes Larcher, der zuvor für US-Streamingdienste wie HBO und Hulu tätig war. Totzauer und Larcher erhielten nur wenige Stimmen.
Bereits vor seiner offiziellen Kandidatur hatten Boulevardmedien seine Ernennung als fix gemeldet – mehr als zwei Wochen vor dem Ende der Bewerbungsfrist. Der ÖVP-Generalsekretär hatte in einem Interview offen ausgesprochen, dass Pig der Wunschkandidat der ÖVP sei. Medienberichten zufolge hatte die Koalition zudem vereinbart, dass das Nominierungsrecht für den ORF-Generaldirektor an die konservative ÖVP des Bundeskanzlers geht, während die SPÖ im Gegenzug andere ORF-Führungspositionen erhalten sollte. Pig selbst wies eine derartige Vorab-Festlegung zurück.
Politische Fronten und Kritik
Bundeskanzler Christian Stocker führte nach Angaben aus Verhandlerkreisen persönlich Gespräche mit allen aussichtsreichen Kandidatinnen und Kandidaten. Die Sitzung selbst geriet auch wegen eines FPÖ-nahen Stiftungsratsmitglieds zum Politikum: Peter Westenthaler, der der rechten FPÖ nahesteht, kündigte eine Anfechtung der Wahl an. Westenthaler sprach vor Journalisten von einer "ekelhaften Inszenierung" und behauptete, die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP hätten sich bereits vor Ausschreibung des Postens auf einen Kandidaten verständigt. Während des Hearings soll es zudem zu einem heftigen Wortwechsel zwischen Westenthaler und Pig gekommen sein. Pig selbst bezeichnete die Befragung im Nachhinein als "Gut, aber lang".
Der ORF ist das größte und reichweitenstärkste öffentlich-rechtliche Medienunternehmen Österreichs. Er verfügt über ein Gesamtbudget von rund 1,1 Milliarden Euro und betreibt mehrere TV-Programme, zwölf Radioprogramme und ein umfangreiches Online-Angebot. Jährlich nimmt der Sender mehr als eine Milliarde Euro ein, den Großteil aus den ORF-Gebühren. Die Haushaltsabgabe ist bis mindestens 2029 gesetzlich auf rund 15 Euro eingefroren. In den vergangenen drei Jahren musste der ORF insgesamt 300 Millionen Euro einsparen. Erst kürzlich wurden die "Millionenshow" und andere Quiz-Sendungen zur Primetime abgesetzt.
Finanzieller Druck und Sparkurs
Pig steht vor einer finanziell wie strukturell herausfordernden Amtszeit. Finanzminister Markus Marterbauer hatte am Mittwoch in seiner Budgetrede angekündigt, dass ab 2027 ein jährlicher Steuerausgleich in Höhe von 93 Millionen Euro wegfällt. Die ORF-Gebührensituation erlaubt künftig die Verwendung von 780 Millionen Euro aus Gebühreneinnahmen, nach derzeit 710 Millionen Euro. Dennoch entspricht der Wegfall von 93 Millionen Euro laut Berechnungen des "Kurier" fast zehn Prozent der ORF-Einnahmen beziehungsweise den Produktionskosten von 49 "Tatort"-Folgen. Mit dem Budget 2027/28 verliert der ORF 90 Millionen Euro aus dem Bundesbudget, etwa ein Neuntel seiner Einnahmen. Hunderte Arbeitsplätze gelten durch die geplanten Sparmaßnahmen als gefährdet.
Die interimistische ORF-Chefin Ingrid Thurnher hatte das Ausmaß der Kürzungen deutlich gemacht. Vor rund zwei Wochen erklärte sie, die Pläne würden die Grundfesten des ORF erschüttern und für das Publikum spürbar werden. Thurnher hatte die Leitung des ORF nach dem überraschenden Rücktritt von Roland Weißmann aus der Funkdirektion übernommen. Weißmann musste im März zurücktreten, weil er eine Mitarbeiterin über Jahre zu einer sexuellen Beziehung gedrängt und ihr unaufgefordert intime Fotos geschickt hatte. Eine zweite Amtszeit kam nicht mehr in Frage. Thurnher bewarb sich nicht für eine reguläre Amtszeit, weil sie in den verbleibenden Monaten an der Spitze Altlasten, Skandale und Sonderverträge aufarbeiten und weitere Fälle von Machtmissbrauch und Sexismus durch verschiedene Führungskräfte neu untersuchen lassen will.
Programmatische Linie und Reformkonzept
Inhaltlich hat Pig bereits erste programmatische Akzente gesetzt. In einer Art Casting-Auftritt bei ORF III am Montag sprach er sich für den Ausbau der Korrespondentenbüros, die Beibehaltung teurer Sportübertragungen sowie Unterhaltungssendungen wie "Dancing Stars" aus. In seinem Bewerbungskonzept beschrieb er den ORF als "politisch und gesellschaftlich besonders verletzlich". Pig argumentierte, dass Vertrauen ein redaktionelles Selbstverständnis brauche, "das nicht aus einem Milieu für ein Milieu sendet, sondern aus der demokratischen Mitte für das ganze Land arbeitet". Der Vorwurf, die ORF-Info-Berichterstattung spiegele nur ein Milieu statt das ganze Land wider, ist ein wiederkehrender – und wird besonders aus ÖVP und FPÖ formuliert.
Für den ORF formulierte Pig umfangreiche Reformziele. Er kündigte an, gewachsene Strukturen, vor allem Mehrfachstrukturen und Tochtereinrichtungen, zu hinterfragen und ORF 3 zu "reorganisieren". Sein Konzept sieht Direktorate für "Programm und Marken" (Inhalte, Formate), "Publikum und Plattformen" (Kanäle, Zielgruppen, inklusive Brücke zur Creator Economy, auch das frühere Funkdirektorat umfassend), "Technologie & Innovation" sowie Finanzen vor. Zudem soll ein gemeinsamer, interdisziplinärer Hub der Direktorate und der Generaldirektion für Programmatik, Publikumsstrategie und digitale Strategie entstehen. Ein "Reform Playbook" mit mehreren Dutzend Maßnahmenpaketen – von Finanzen bis Vertrauen – soll die Umsetzung strukturieren.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz
Die programmatische und strukturelle Richtung Pig folgt nicht vollständig dem Sideletter von ÖVP und SPÖ zu Direktoraten für Programm, Radio, Finanzen und Technik. Die Information soll laut seinem Plan bei der Generaldirektion verbleiben. Pig forderte ferner Kooperation statt Wettbewerb unter Medien im Umgang mit übermächtigen US-Plattformen. Er sieht für den ORF Nachholbedarf im Vergleich zu BBC, den nordischen öffentlich-rechtlichen Sendern sowie ARD und ZDF.
Auch zur Digitalisierung und zum Wandel durch Künstliche Intelligenz nahm Pig Stellung. Er sagte dem "Kurier" im April, dass KI vor allem für die jüngere Zielgruppe zum Tagesbegleiter und Lebensberater geworden sei. Er warnte, dass sich das Internet insgesamt zu einem KI-Internet umbaue, "in dem jegliche Form von Pluralität verloren geht. Man bleibt immer im Ökosystem der KI". Medienmarken, so Pig, würden in der KI-Ära ihre Sichtbarkeit komplett verlieren. Die Hoffnungen von vor 30 Jahren auf Pluralität, Teilhabe und wirklich demokratische Prozesse im Internet seien ins Gegenteil gekippt.
Politisch steht Pig vor einem angespannten Umfeld. Die FPÖ, stärkste Partei des Landes, will den öffentlich-rechtlichen Sender in seiner bisherigen Form ebenso abschaffen wie die ORF-Gebühren. Die amtierende Koalition aus ÖVP, SPÖ und der liberalen NEOS regiert seit rund einem Jahr. Pig selbst ist parteilos und hat zwei Bücher zur digitalen Transformation in der Medienwelt geschrieben. Während seines Studiums hatte er ein Unternehmen mitgegründet, das dokumentierte, wie lange Politiker welcher Parteien in den ORF-Nachrichten vorkamen.
Ausblick auf den Amtsantritt
Rechtlich gibt der EU-Medienfreiheitsakt, vor zwei Jahren verabschiedet, erstmals den Rahmen für die ORF-Wahl vor: Transparente und objektive Kriterien für die Bestellung von Direktorinnen und Direktoren öffentlich-rechtlicher Medien sind danach ebenso verpflichtend wie eine mögliche persönliche Haftung von Stiftungsratsmitgliedern bei vorsätzlichen Pflichtverletzungen. Der ORF-Stiftungsrat hat 35 Mitglieder, die den ORF-Chef formal unabhängig und weisungsfrei wählen. Pig muss noch ein Leitungsteam zusammenstellen, das vom Stiftungsrat – voraussichtlich im Sommer – zu bestätigen ist.
Der ORF genießt in Österreich regelmäßig die höchsten Vertrauenswerte aller Medien. Mit dem geplanten Sparkurs, dem politischen Gegenwind und dem angekündigten Umbau stehen für Pig zentrale Weichenstellungen an. Sein Vorgänger Weissmann hatte den Sender unter dem Eindruck von Belästigungsvorwürfen verlassen müssen. Auch die Verurteilung von ÖVP-Klubobmann August Wöginger wegen Amtsmissbrauchs vor rund einem Monat – er hatte einer Parteifreundin einen Posten zugeschanzt und war daraufhin von seiner Funktion zurückgetreten – hatte die politische Debatte über den ORF zusätzlich belastet.
Die künftige Führung muss nun Antworten auf den Sparkurs, die geplante Strukturreform und den Umgang mit den politischen Lagern finden. Pig selbst formulierte den Anspruch, dass der ORF für Public Value, demokratische Orientierung, kulturelle und regionale Identität, digitale Innovation und journalistische Glaubwürdigkeit stehen müsse: "Es geht nicht nur um Quote, Reichweite oder kommerzielle Logiken." Der ORF brauche "keine Pose der Revolution, aber auch keine bloße Fortsetzung des Gewohnten", so Pig, sondern "Erneuerung mit Vertrauen und Vision". Ob er diesen Spagat zwischen politischen Erwartungen, finanziellem Druck und publizistischem Anspruch einlösen kann, wird sich mit dem Amtsantritt 2027 zeigen.
Fragen & Antworten
Wer ist Clemens Pig?
Clemens Pig ist ein 52-jähriger gebürtiger Tiroler und Politikwissenschaftler aus Innsbruck, der zuletzt zehn Jahre lang die österreichische Nachrichtenagentur APA als Geschäftsführer leitete und nun zum neuen ORF-Generaldirektor gewählt wurde.
Warum war die ORF-Generaldirektorenwahl umstritten?
Die Wahl stand im Verdacht einer politischen Vorab-Festlegung, da Boulevardmedien Pig schon Wochen vor Ablauf der Frist als designierten Sieger meldeten und der ÖVP-Generalsekretär ihn offen als Wunschkandidaten benannte. Der FPÖ-nahe Stiftungsrat Peter Westenthaler kündigte eine Anfechtung an und sprach von einer "ekelhaften Inszenierung".
Welche Aufgaben warten ab 2027 auf den neuen ORF-Chef?
Pig muss einen Sparkurs mit einem Wegfall von 93 Millionen Euro an Steuerausgleich bewältigen, die ORF-Strukturen reformieren und ein vom Stiftungsrat zu bestätigendes Leitungsteam zusammenstellen. Zudem stehen der Umgang mit Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und politischen Konflikten über die künftige Ausrichtung des Senders auf der Agenda.
Clemens Pig wird ORF-Generaldirektor: Aufgaben ab 2027 | nachrichten360