Clemens Pig schreibt 13 ORF-Direktorenposten aus – Neos pochen auf Reform
Wien, 17 Juni 2026
Angelika Hipfinger / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig hat am Dienstag die Ausschreibung von 13 Führungspositionen beim ORF gestartet, darunter vier zentrale Direktionen und neun Landesdirektoren. Die Neos-Mediensprecherin Henrike Brandstötter kritisierte das Verfahren als intransparent und forderte eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtlichen Senders.
Wien, 17 Juni 2026
Der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig hat am Dienstag die Ausschreibung der 13 wichtigsten Führungspositionen des Senders für die kommende Funktionsperiode ab dem 1. Jänner 2027 gestartet und dabei vier zentrale Direktionen sowie neun Landesdirektorinnen und Landesdirektoren ausgeschrieben.
Fahrplan der Ausschreibung
Bewerben können sich Interessentinnen und Interessenten bis Mitte Juli; die Bestellung ist laut Ausschreibung für den 21. Oktober geplant. Pig, derzeit noch APA-Chef, tritt seine neue Funktion an der Spitze des ORF Anfang 2027 an und formt damit schon vor Amtsantritt die gesamte Führungsmannschaft des größten österreichischen Medienhauses neu.
Die vier ausgeschriebenen Direktionen tragen die Titel "Programm und Brands", "Audience und Plattformen", "Finanzen und Verwaltung" sowie "Technologie und Innovation". Hinzu kommen neun Landesdirektorinnen und Landesdirektorenposten in den Bundesländern. Laut Ausschreibung erfolgt die Auswahl durch den Generaldirektor auf Basis eines dokumentierten Verfahrens, das sich "ausschließlich an objektiven Kriterien" wie Qualifikation, Berufserfahrung, Managementkompetenz und Eignung für den jeweiligen Aufgabenbereich orientiert.
Gehälter und Strukturen
Die Gehaltsstruktur ist Teil der öffentlichen Debatte: Die meisten Direktorinnen und Direktoren auf dem Küniglberg kommen derzeit auf etwa 270.000 Euro brutto jährlich, Landesdirektoren auf rund 220.000 Euro. Für die künftigen Landesdirektorinnen und Landesdirektoren ist bei Vollzeitbeschäftigung ein Jahresbruttogehalt von mindestens 95.132,80 Euro vorgesehen. Die Differenzen sorgen seit Wochen für politische Diskussionen.
Die Reaktion aus der Politik folgte prompt. Die Neos-Mediensprecherin Henrike Brandstötter sprach am Dienstag bei einer Pressekonferenz zur Wahl Pigs von einem Verfahren, das intransparent wirke. "Ein neuer Name an der Spitze löst noch kein Problem", sagte sie. Zwar sei es grundsätzlich "fair", dass der ORF sparen müsse, dies dürfe aber nicht beim Journalismus passieren. "Das soll nicht beim Journalismus passieren." Einsparungen seien vielmehr über den Abbau von Doppelgleisigkeiten und die Beseitigung ineffizienter Strukturen möglich.
Kritik der Neos
Brandstötter ging mit dem amtierenden Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer hart ins Gericht und forderte eine ORF-Reform nach dem Motto "Reformieren statt demolieren". Der Sender gehöre nicht irgendwelchen "Gremienkaisern", sondern den Bürgerinnen und Bürgern. "Alle sollen die gleichen Chancen haben." Die Neos verlangen zudem eine breite Aufarbeitung der "zahlreichen Compliance-Fälle", die nicht "unter den Tisch gekehrt werden dürften".
Konkret nannte die Mediensprecherin mehrere Namen aus der ORF-Geschichte, bei denen sie Probleme sieht. Sie erwähnte neben Ex-ORF-Chef Roland Weißmann den ORF-3-Geschäftsführer Peter Schöber, den Enterprise-Chef Oliver Böhm, Ex-Generaldirektor Alexander Wrabetz sowie den ORF-Manager Pius Strobl. Die Liste gilt als Hinweis darauf, welchen Kandidatinnen und Kandidaten die Neos kritisch gegenüberstehen und wer aus Sicht der Oppositionspartei künftig nicht mehr in Führungsverantwortung stehen sollte.
Pigs Reformverständnis
Die Sprecherin ortet zudem "Interessenskonflikte" mit Pigs bisheriger Tätigkeit als Berater, ohne diesen Vorwurf im Detail zu belegen. Sie warnt, dass die aktuelle Reformdiskussion an der ORF-Spitze an der Sache vorbeigehe. "Der ORF braucht keinen neuen Anstrich, er braucht ein völlig neues Fundament." Die Kritik zielt auf Strukturen, nicht primär auf die Person Pig.
Auch der designierte Generaldirektor selbst meldete sich zu Wort. Die Diskussionen um den ORF vergleicht er mit einer "Schallplatte, die hängengeblieben ist": "Die Politik hat viel zu lange weggeschaut und mitgemacht." Die anstehende Reform solle den ORF "für die Zukunft resilient" machen, also krisenfest aufstellen. Pig betonte, die Kernpunkte seien Information, Kultur, Bildung und Inhalte, "die zu unserer Identität beitragen".
Die politischen Fronten sind verhärtet. Brandstötter kritisierte das aktuelle Direktorensuchverfahren, dessen Bewerbungsphase bereits am 14. Juli endet. Sie sieht darin den Versuch, unliebsame interne Konkurrenz auszubremsen. Die Direktorenposten seien die Schlüsselstellen, an denen sich entscheide, ob der ORF tatsächlich reformiert oder ob nur Köpfe ausgetauscht würden.
Konfliktfeld Wettbewerb
Mit Blick auf den Wettbewerb mit privaten Sendern sagte Brandstötter: "Sie schadet den Privatsendern und dem ORF", so Brandstötter, womit sie eine als unausgewogen empfundene Gebarung des öffentlich-rechtlichen Senders meint, die beide Seiten – den ORF wie kommerzielle Konkurrenten – unter Druck setze. Die Reformdebatte wird damit auch zu einer Debatte über die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im österreichischen Mediensystem.
Das Bewerbungsverfahren folgt einem klaren Fahrplan: Nach Ende der Bewerbungsphase am 14. Juli sollen die Kandidatinnen und Kandidaten in einem dokumentierten Prozess gesichtet, Gespräche geführt und die Auswahl bis zur Bestellung am 21. Oktober abgeschlossen sein. Davor liegt die konstituierende Sitzung des neuen Stiftungsrats, der seinerseits die Weichen für den neuen Generaldirektor stellt. Erst danach kann Pig die Direktorinnen und Direktoren formal bestellen.
Beobachterinnen und Beobachter werten die Ausschreibung als Lackmustest dafür, ob der designierte Generaldirektor tatsächlich einen Neuanfang wagt oder ob Kontinuität überwiegt. Die Kriterienliste – Qualifikation, Berufserfahrung, Managementkompetenz und Aufgabenpassung – liest sich allgemein, lässt aber Spielraum für politische Bewertung. Drei Wochen nach der Generaldirektorenwahl ist die Stimmung im Haus und in der Politik angespannt.
Was nun ansteht
Die kommenden Monate gelten als entscheidend: Bis Jahresende muss die neue Führungsmannschaft stehen, der ORF braucht Budgetsicherheit für 2027 und muss gleichzeitig einen Sparkurs bewältigen, der durch die vom Stiftungsrat beschlossenen Sparmaßnahmen vorgegeben ist. Die Direktorenposten sind dabei die finanziell gewichtigsten Hebel, die ein Generaldirektor in eigener Verantwortung besetzen kann.
Am Ende steht ein Sender mit zwei parallelen Erzählungen. Die eine, aus dem Umfeld von Pig, spricht von Aufbruchsstimmung, Professionalisierung und Generationenwechsel. Die andere, aus den Reihen der Oppositionspartei Neos, spricht von verpassten Chancen, Intransparenz und einem Haus, das sich nicht selbst reformieren könne. Welche Lesart sich durchsetzt, wird sich zeigen, sobald die ersten Namen auf den neuen Visitenkarten stehen.
Unabhängig von der politischen Bewertung gilt: Mit der Ausschreibung von 13 Führungspositionen in einem einzigen Akt ist das bevorstehende ORF-Jahr eines der personalintensivsten in der Geschichte des Senders. Die Weichen werden jetzt gestellt – sichtbar wird das Ergebnis erst nach der Bestellung am 21. Oktober.
Fragen & Antworten
Wer ist Clemens Pig?
Clemens Pig ist der designierte ORF-Generaldirektor, derzeit noch Chef der Austria Presse Agentur (APA). Er tritt seine neue Funktion an der Spitze des ORF Anfang 2027 an.
Welche 13 Posten schreibt der ORF aus?
Ausgeschrieben werden vier zentrale Direktionen ("Programm und Brands", "Audience und Plattformen", "Finanzen und Verwaltung" sowie "Technologie und Innovation") und neun Landesdirektorinnen- und Landesdirektorenposten.
Bis wann können sich Bewerberinnen und Bewerber melden?
Die Bewerbungsphase endet am 14. Juli; die Bestellung der Direktorinnen und Direktoren ist für den 21. Oktober geplant.