CDU-Fraktionschef Spahn weist neue Einladung zu Thiels „Dialog Society“ zurück
Berlin, 18. Juni 2026
Superbass / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der CDU-Politiker Jens Spahn ist nach eigenen Angaben erneut zu einem Treffen des privaten Netzwerks „Dialog Society" von US-Investor Peter Thiel eingeladen worden – diesmal für August 2026 in Irland. Eine neue Einladung will er nicht annehmen, während die Opposition sein früheres Mitwirken scharf kritisiert.
Der CDU-Politiker Jens Spahn ist nach Angaben seines Fraktionssprechers erneut zu einem Treffen des privaten Netzwerks „Dialog Society" des deutsch-amerikanischen Investors Peter Thiel eingeladen worden und hat abgesagt.
Wie aus Recherchen des Tagesspiegel und der Deutschen Presse-Agentur hervorgeht, richtete sich die neue Einladung an ein Treffen im August 2026 in Irland. Ein Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erklärte auf Anfrage, Spahn werde der Einladung nicht nachkommen. Zuvor hatte ein Sprecher Spahns bereits gegenüber der Rechercheplattform Correctiv bestätigt, dass der CDU-Politiker in der Vergangenheit an Veranstaltungen des Thiel-Netzwerks teilgenommen hatte.
Das Netzwerk hinter Thiel
Die „Dialog Society" wurde 2006 vom rechtslibertären Palantir-Gründer Peter Thiel ins Leben gerufen. 20 Jahre lang hielt der umstrittene Tech-Milliardär Peter Thiel die Mitglieder seiner „Dialog Society" privat. Auf der Gästeliste stehen Tech-Giganten, hohe US-Beamte, Militärs und Politiker. Der Kreis versammelt Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Militär und Wissenschaft.
Durch ein Datenleck auf der Website der Organisation waren die Namen der Teilnehmer zeitweise frei zugänglich; die Schwachstelle wurde inzwischen geschlossen. Erste Informationen veröffentlichte die Schweizer Hacktivistin Maia Arson Crimew über ihren Bluesky-Kanal. Das US-Magazin Wired hatte vor kurzem über Informationen zu dem geheim agierenden Netzwerk um Thiel berichtet, die durch ein Datenleck offengelegt wurden. Insgesamt listet das geleakte Material 113 mutmaßliche Mitglieder.
Datenleck enthüllt Mitgliederliste
Zu den prominentesten Namen auf der Liste zählt neben Spahn die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas, die laut einem Bericht von Axios im Jahr 2025 an einem früheren „Dialog"-Treffen teilgenommen hatte. Eine Sprecherin der EU-Kommission erklärte gegenüber dem Euobserver, Kallas sei kein Mitglied der Thiel-Organisation und werde auch nicht am August-Treffen in Irland teilnehmen.
Nach Angaben der Unionsfraktion hat Spahn in den vergangenen Jahren fünf „Dialog"-Veranstaltungen besucht: 2018 in Irland, 2019 in Italien, 2022 in Portugal, 2023 in Spanien und 2024 in Deutschland. Die ersten beiden Treffen fielen in seine Amtszeit als Bundesgesundheitsminister. Ein Sprecher sagte der Nachrichtenagentur, Spahn sei Thiel auf diesen Veranstaltungen nicht begegnet.
Fünf Treffen zwischen 2018 und 2024
Zur Begründung seiner Teilnahme erklärte der Sprecher, Spahn sei der Austausch unterschiedlicher Perspektiven wichtig, zudem leistet er auf Einladung regelmäßig auch aktive Beiträge als Redner oder Panel-Diskutant. Im konkreten Fall der Dialog-Formate hat Herr Spahn anfallende Teilnahmegebühren in niedrig dreistelliger Höhe selbst getragen. Wired hatte für ein Ereignis im Jahr 2022 Teilnahmegebühren von mehr als 16.000 US-Dollar ausgewiesen.
Die Teilnahme Spahns an den Thiel-Treffen sorgt in der deutschen Politik für Kritik. Die Grünen-Fraktionsgeschäftsführerin Irene Mihalic sagte, Spahn habe fünfmal am „Dialogforum" teilgenommen, davon zweimal als aktives Regierungsmitglied. Sie fragte: Was macht ein Bundesgesundheitsminister auf einer US-Konferenz mit Rechtsaußen-Akteuren zu mutmaßlich sehr fachfremden Themen? Mihalic forderte zudem Aufklärung über die Finanzierung von Jens Spahns Teilnahme während seiner Zeit als Bundesminister.
Kritik aus Grünen, SPD und Linkspartei
Auch aus der SPD kam scharfe Kritik. Ralf Stegner erklärte gegenüber t-online, Peter Thiel und sein Netzwerk stehen für ein Demokratieverständnis, das nichts gemein hat mit unseren Vorstellungen einer freiheitlichen und pluralistischen repräsentativen Demokratie und unseren Grundwerten von Rechtsstaat, Menschenwürde und Demokratieprinzip, wie sie im Grundgesetz verankert sind. Er fügte hinzu: „In diesem Fall wirft das allerdings ein fragwürdiges Licht auf den Fraktionschef unseres Koalitionspartners."
Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, sprach von „Kungelei" – also von verdeckter Absprache – mit einem Anhänger einer Ideologie, in der die Macht des Geldes wichtiger sei als demokratische Kontrolle. Die Organisation Lobbycontrol äußerte sich ebenfalls: Kathrin Anhold sagte, Spahn bewege sich fahrlässig in antidemokratische Kreise, die Europa spalten und die AfD stärken wollen.
Wer ist Peter Thiel?
Im Zentrum der Kritik steht Peter Thiel, der als deutsch-stämmiger IT-Investor und Mitgründer des Softwareunternehmens Palantir zu den einflussreichsten Figuren des Silicon Valley zählt. Thiel gilt als starker Unterstützer von US-Präsident Donald Trump und der MAGA-Bewegung, von denen viele als Unterstützer des MAGA-Lagers von US-Präsident Trump gelten. Er ist zudem als Demokratie-Skeptiker und Verfechter libertärer sowie rechts-konservativer Positionen bekannt.
Thiels Firma Palantir ist auch in Deutschland politisch umstritten. Polizeibehörden in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg setzen die Analyse-Software „Gotham" des Unternehmens ein. Auch in Baden-Württemberg soll die Palantir-Software genutzt werden. Der Einsatz der Datenanalyse-Produkte Palantirs durch deutsche Sicherheitsbehörden hat in Deutschland eine Debatte ausgelöst.
Palantir-Debatte in Deutschland
Auf der Tagesordnung der für August 2026 geplanten „Dialog Society"-Tagung in Irland stehen nach Berichten des Tagesspiegel und von Wired unter anderem die Themen „Bring Back Nuclear", „Navigating WWIII" und „Build-a-Cult". diskutiert wird über eine Atomkraft-Renaissance oder einen möglichen Dritten Weltkrieg. Auch beim Schauspiel standen laut Wired Namen wie „Jeff Epstein" – wobei es sich nach Angaben des Magazins nicht um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein handelt.
Zu den weiteren bekannten Teilnehmern vergangener Treffen gehört der US-Schauspieler Joseph Gordon-Levitt, der in einem Instagram-Beitrag erklärte, Peter Thiel habe er nicht persönlich getroffen, er sei das „politische und ideologische Gegenteil" von Thiel. Er bestätigte darin zwei eigene Teilnahmen an „Dialog"-Veranstaltungen.
Reaktionen aus dem Ausland
Bis zum Redaktionsschluss hatten Thiel und seine Organisation nach Angaben der Agenturen keine öffentliche Stellungnahme zu den Presseberichten abgegeben. Die Nachricht über die erneute Einladung an Spahn wurde am 18.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Spahn selbst hat sich seit den ersten Berichten nicht persönlich geäußert; sämtliche Stellungnahmen erfolgten über seine Fraktionssprecher und die Union.
Spahn ist seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages und führt seit 2025 die CDU/CSU-Bundestagsfraktion als Vorsitzender. Er gehört damit zu den führenden Köpfen der schwarz-roten Bundesregierung. Seine Teilnahme an den Thiel-Treffen fällt in eine Phase, in der die Unionsfraktion zugleich die Regierungsarbeit mit der SPD verantwortet und sich gegen Vorwürfe der Einflussnahme aus dem Ausland verteidigen muss. Die Opposition hat angekündigt, das Thema im Bundestag weiter zu verfolgen.
Fragen & Antworten
Wer ist Jens Spahn und welche Funktion bekleidet er derzeit?
Jens Spahn ist CDU-Politiker und seit 2025 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Zuvor war er Bundesgesundheitsminister – in dieser Zeit begann nach Angaben seiner Fraktion auch seine Teilnahme an Thiels „Dialog"-Treffen.
Was ist die „Dialog Society" und wer hat sie gegründet?
Die „Dialog Society" wurde 2006 vom deutsch-stämmigen Investor Peter Thiel gegründet, der auch Mitgründer des Softwareunternehmens Palantir ist. Die Organisation lud über zwei Jahrzehnte hinweg ohne öffentliche Mitgliederlisten zu vertraulichen Treffen mit Entscheidern aus Politik, Wirtschaft, Militär und Wissenschaft ein.
Warum steht Spahns Teilnahme an den Thiel-Treffen in der Kritik?
Kritiker aus Grünen, SPD und Linkspartei bemängeln, dass ein deutscher Bundesgesundheitsminister an Treffen mit „Rechtsaußen-Akteuren" zu fachfremden Themen wie Nukleartechnik oder Geopolitik teilnahm. Thiel gilt als Unterstützer der MAGA-Bewegung um US-Präsident Trump, weshalb Opposition und Lobbycontrol einen „Kungelei"-Vorwurf erheben.
Spahn lehnt Thiel-Treffen ab: Kritik an Dialog Society | nachrichten360