Bundesweite Störung des digitalen Bahnfunks legt Schienenverkehr für Stunden lahm
Berlin, 25 Juni 2026
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Kurzfassung
Eine bundesweite Störung des digitalen Bahnfunksystems GSM-R hat am späten Dienstagabend den Schienenverkehr in Deutschland für rund zwei Stunden nahezu vollständig zum Erliegen gebracht. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte eine umfassende Aufklärung; in Ludwigshafen saßen 125 Schülerinnen und Schüler aus Kaiserslautern die Nacht über fest.
Berlin, 25 Juni 2026
Eine deutschlandweite Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R hat am späten Dienstagabend den Schienenverkehr der Deutschen Bahn für rund zwei Stunden weitgehend zum Stillstand gebracht; Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) verlangte eine umfassende Aufklärung.
Kurz nach 22:30 Uhr meldete die Deutsche Bahn eine bundesweite Störung des digitalen Zugfunks GSM-R. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Störung zu beheben“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens. Wenig später, kurz nach 23:00 Uhr, standen bundesweit alle Züge der Deutschen Bahn still. Betroffen waren Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehre ebenso wie Züge privater Wettbewerber und der nächtliche Güterverkehr. Die Personenzüge wurden vorübergehend an Bahnhöfen geparkt.
Als Ursache nannte das Unternehmen einen mutmaßlichen Fehler in einer technischen Kernkomponente, der bei planmäßigen Wartungsarbeiten aufgetreten sein soll. Philipp Nagl, Chef der Bahn-Infrastrukturtochter DB InfraGO, erklärte, geplante Arbeiten am digitalen Funksystem GSM-R hätten für die Probleme gesorgt. Die genaue Ursache werde „mit höchster Priorität“ untersucht. Bahn-Chefin Evelyn Palla sagte, die Lage sei mit Hilfe eines Notfallsystems stabilisiert worden. Eine Cyber-Attacke schloss das Unternehmen aus. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und die Deutsche Bahn stehen seit Dienstagabend im Austausch über den Vorfall.
Ursache und Hergang
Laut Deutscher Bahn gibt es Rückfallebenen. Bevor auf das funktionierende redundante Funksystem umgeschaltet werden konnte, habe jedoch zunächst die Ursache eingegrenzt und ein IT-Angriff ausgeschlossen werden müssen. Nagl zufolge dauerte es 90 Minuten, den Fehler zu finden. Kurz nach Mitternacht wurde das Problem behoben; ab etwa 00:30 Uhr fuhren die ersten Züge wieder, und der Verkehr lief schrittweise an. Aufgrund des hohen Energiebedarfs beim Anfahren der Züge dauerte es weitere Zeit, bis der Betrieb vollständig aufgenommen werden konnte.
An mehreren großen Knotenbahnhöfen machten sich die Folgen unmittelbar bemerkbar. „Kurz nach 23:00 Uhr standen bundesweit alle Züge der Deutschen Bahn still. Der Grund: Laut Bahn gab es eine großflächige IT-Störung“, beschrieb die Deutsche Bahn den Ablauf. In Stuttgart wurde der gesamte S-Bahn-Verkehr eingestellt. Am Ludwigshafener Hauptbahnhof mussten hunderte Reisende mitten in der Nacht einen unfreiwilligen Stopp einlegen; über Stunden fuhr kein Zug aus dem Bahnhof ab. Besonders betroffen waren 125 Schülerinnen und Schüler aus Kaiserslautern.
Eine Lehrerin alarmierte gegen 23:30 Uhr die Feuerwehr, um die gestrandeten Schülerinnen und Schüler mit Getränken zu versorgen. Zwei Reisende mussten vom Rettungsdienst betreut werden; mehrere Kinder litten unter Flüssigkeitsmangel und hatten weitere Beschwerden durch die Hitze. Die Deutsche Bahn verteilte Taxi- und Hotelgutscheine, allerdings waren nicht überall Unterkünfte verfügbar. Vielerorts bildeten sich lange Schlangen vor den Informationsschaltern; vereinzelt fehlte die Kommunikation über Abfahrten. Die Deutsche Bahn konnte die Zahl der bundesweit betroffenen Fahrgäste bislang nicht beziffern.
Auswirkungen auf Reisende
Reisende wie Martin Beck und Zoe Kaun berichteten von chaotischen Zuständen an den Bahnhöfen. Beck kritisierte die Informationspolitik der Deutschen Bahn als „mangelhaft“. Anzeigen in der App hätten teils weiter Züge als „fahrend“ ausgewiesen, während am Bahnsteig tatsächlich nichts ging. Kaun schilderte, eine halbe Stunde zuvor habe online noch alles als planmäßig gegolten, dann seien plötzlich alle Verbindungen ausgefallen worden. In Vohwinkel war der Bahnhof am Morgen nahezu leer; ein Reisender fand die Haltestelle des Ersatzverkehrs erst nach Online-Suche.
Die Deutsche Bahn hatte das GSM-R-System, das „Global System for Mobile Communications – Railway“, am Mittwochmittag als Ursache der Störung identifiziert. Der Standard dient der sicheren Kommunikation zwischen Lokpersonal, Stellwerken und Leitstellen und ist außerdem wichtig für Systeme wie ETCS. Das System ist mehr als 20 Jahre alt und beruht auf dem älteren Mobilfunkstandard 2G; es ist nicht mit öffentlichen Mobilfunknetzen gekoppelt, was es nach Darstellung der Bahn weniger anfällig für Sabotage macht. Fällt GSM-R aus, können keine Notrufe mehr abgesetzt werden – aus diesem Grund wurde der Betrieb aus Sicherheitsgründen eingestellt.
Die Deutsche Bahn teilte mit, dass die Ursache der Störung in der Nacht identifiziert und behoben worden sei. Eine solche Störung sei „durch die hohen Sicherheitsvorkehrungen im Eisenbahnbetrieb bisher nie vorgekommen“. Der Schaden für den Konzern ist noch nicht beziffert. Fachleute stellten sich nach dem Ausfall zudem die Frage, ob die Bahn auf einen Probelauf auf einem Testserver verzichtet hat. Offen bleibt, ob es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder um ein mögliches Serverupdate handelte.
Technik des GSM-R und offene Fragen
Im Güterverkehr war die Lage auch am Morgen danach äußerst angespannt. Neele Wesseln, Vorsitzende des Verbands „Die Güterbahnen“, sagte, etwa die Hälfte der Güterzüge stehe weiterhin verteilt im Land und an Grenzen still; die Lage sei extrem angespannt. „Wettbewerber im Güterverkehr berichteten von erheblichen fortbestehenden Einschränkungen“, hieß es. Acht Nachtzüge von oder nach Österreich waren zwei Stunden lang in Deutschland blockiert. Der Verband geht davon aus, dass die Logistikketten noch mehrere Tage beeinträchtigt sein werden. Ein Bahn-Manager sagte der Bild, das Unternehmen versuche derzeit weltweit Ersatzteile zu beschaffen – was sich schwierig gestalte.
Der Vorfall weckte Erinnerungen an frühere Zwischenfälle. 2022 etwa hatten Saboteure in Norddeutschland Kabel durchtrennt und damit den Funkverkehr stundenlang lahmgelegt. Auch im Stellwerk Vohwinkel war bereits seit etwa einer Woche der Verkehr zwischen Hagen und Düsseldorf nahezu vollständig unterbrochen. Angesichts der Häufung wächst der Druck auf die Modernisierung der Schieneninfrastruktur. EVG-Chef Burkert sagte im NTV, es sei über Jahrzehnte zu wenig investiert worden, „und es trifft natürlich auch die Technik“.
Politisch zog der Ausfall unmittelbar Reaktionen nach sich. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte, das Unternehmen müsse seine Systeme so aufstellen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederhole. Der SPD-Wirtschaftspolitiker Armand Zorn erklärte, der Fall zeige „einmal mehr, wie verwundbar Teile der kritischen Infrastruktur sind“, und forderte schnelles, umfassendes Handeln. Oliver Krischer (Grüne), Verkehrsminister von Nordrhein-Westfalen, sprach im WDR von einem „neuen Tiefpunkt bei einer ohnehin schwachen Betriebsqualität“ und zeigte sich „fassungslos“: „Aufgrund einer technischen Störung zwei Stunden lang alle Züge in Deutschland stehen, das darf eigentlich nicht passieren.“
Politische Reaktionen
Im Bundestag geriet der Vorfall in eine ohnehin angespannte Debatte über Stuttgart 21. Bahn-Chefin Palla, die am Mittwochmorgen zu einem bereits zuvor geplanten Termin im Verkehrsausschuss erschien, nannte nach Angaben von Teilnehmerinnen und Teilnehmern 2031 als neues Zieljahr für die Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bahn, Werner Gatzer, kündigte an, der Vorfall werde Thema der Strategiesitzung des Tages sein.
Auch Fahrgastverbände forderten Konsequenzen. Pro Bahn verlangte mehr Resilienz beim Zugfunk. „Wir erwarten von der Bahn, dass sie auch beim Zugfunk für mehr Resilienz sorgt“, sagte der Vorsitzende des Verbands, Neuß, der Rheinischen Post. Ein Software-Update dürfe nicht zu einer derart massiven Störung führen. Der Verband Allianz pro Schiene wies darauf hin, dass Finnland GSM-R im Bahnverkehr bereits abgeschaltet habe und die Einführung des Nachfolgesystems vorbereite.
Tarek Al-Wazir (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses, zog einen scharfen technologischen Vergleich: „GSM ist das, was man heute 2G nennen würde, und wir sind ja gerade beim Übergang von 5G auf 6G.“ Zwar gelte das jetzige System als zuverlässig, sei jedoch veraltet. Der Grünen-Verkehrsexperte Gastel sagte im Deutschlandfunk, eine mittel- bis langfristige Alternative sei nötig. Der Bahnfunk müsse schließlich grenzüberschreitend funktionieren; die Schweizer SBB verfolge den gleichen Zeitplan wie die Deutsche Bahn.
Debatte über Modernisierung und FRMCS
Das Nachfolgesystem trägt den Namen FRMCS, „Future Railway Mobile Communication System“, und basiert auf dem Mobilfunkstandard 5G. Es soll das GSM-R bis Mitte der 2030er-Jahre ablösen und nach den Plänen in Deutschland bis 2035 eingeführt werden. Eine Zulassung der EU steht bislang aus. Im EU-Recht ist vorgesehen, dass 2G-Technik spätestens 2035 abgeschaltet werden muss, da sie veraltet und störanfällig ist; die Deutsche Telekom plant das 2G-Netz bereits bis Mitte 2028 abzuschalten, in Österreich verfahren alle Mobilfunkanbieter ebenso.
Der Umbau ist nach Einschätzung von Fachleuten aufwendig. Für die Strecke Berlin–Hamburg, etwa 280 Kilometer lang, mussten 300 Masten neu errichtet sowie Glasfaser- und Stromleitungen verlegt werden; ein Mast kostet laut Deutscher Bahn rund 800 000 Euro, die Bauarbeiten dauerten zehn Monate. Insgesamt, so Bild-Recherchen, müssten rund 15 000 Masten für die neue Technik errichtet werden, während das deutsche Schienennetz rund 33 000 Kilometer lang ist und die Umrüstung „umständlich ist und sie dauert“. Während der Übergangsphase müssten altes und neues System parallel laufen.
Folgen für den Güterverkehr
Am Mittwochmorgen lief der Personenverkehr nach Angaben der Deutschen Bahn wieder weitgehend planmäßig, wenn auch mit einzelnen Folgeverspätungen. Am Vormittag sprach das Unternehmen nur noch von vereinzelten Verspätungen oder Zugausfällen; der Verkehr laufe allmählich wieder nach Plan. Im Güterverkehr dagegen hielt der Stau an: InfraGO-Chef Nagl stellte in Aussicht, dass sich der Rückstau im Laufe des Nachmittags auflösen dürfte – die Güterbahnen rechnen mit mehreren Tagen. Noch ist offen, weshalb ein einzelnes System einen bundesweiten Komplettausfall verursachen konnte, welche Kommunikationsketten an den Bahnhöfen versagten und welche Kosten der Vorfall dem Unternehmen verursacht.
Der Vorfall fällt in eine Zeit wachsender Sorge um die Sicherheit kritischer Infrastruktur in Deutschland. Die verschärften Vorschriften des „Kritis“-Dachgesetzes verpflichten Betreiber kritischer Infrastruktur zu Risikoanalysen und genauerer Dokumentation. Im Deutschlandfunk-Bericht hieß es, der Schutz kritischer Infrastruktur werde „immer noch nicht ernst genug genommen“.
Fragen & Antworten
Was war die Ursache der bundesweiten Bahnfunk-Störung?
Nach Angaben der Deutschen Bahn löste ein mutmaßlicher Fehler in einer technischen Kernkomponente des digitalen Bahnfunks GSM-R die Störung aus; er soll bei planmäßigen Wartungsarbeiten aufgetreten sein. Einen Cyber-Angriff schloss das Unternehmen aus.
Wie lange dauerte der Ausfall und wer war betroffen?
Kurz nach 23:00 Uhr standen bundesweit alle Züge der Deutschen Bahn still; gegen 00:30 Uhr fuhren die ersten Züge wieder. Betroffen waren Fern-, Regional- und S-Bahnen ebenso wie private Wettbewerber und der nächtliche Güterverkehr; in Ludwigshafen strandeten 125 Schülerinnen und Schüler aus Kaiserslautern.
Welche Forderungen stellten Politik und Verbände?
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) verlangte eine umfassende Aufklärung, NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sprach von einem „neuen Tiefpunkt“, und Pro Bahn forderte mehr Resilienz beim Zugfunk. Langfristig soll das GSM-R nach Plänen von Deutscher Bahn und EU bis Mitte der 2030er-Jahre durch das 5G-basierte System FRMCS abgelöst werden.