Ausschreitungen in Belfast: Brennende Fahrzeuge und Gebäude nach Messerattacke
Belfast, 10. Juni 2026
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Kurzfassung
In Belfast haben hunderte maskierte Demonstranten am Dienstagabend Fahrzeuge, darunter einen Bus, sowie Gebäude in Brand gesteckt und Straßen blockiert. Auslöser war eine Messerattacke am Vortag, für die ein 30-jähriger Sudanese angeklagt wurde; Ministerpräsident Starmer und die nordirische Regierungschefin O'Neill verurteilten die Gewalt.
In Belfast haben hunderte maskierte Demonstranten am Dienstagabend im Zuge anti-einwanderungspolitischer Proteste Fahrzeuge, ein Gebäude und Müllcontainer in Brand gesetzt, Straßen blockiert und Molotowcocktails geworfen, nachdem am Vorabend ein Mann bei einer Messerattacke schwer verletzt worden war.
Hintergrund: Was geschah am Dienstagabend in Belfast?
Die Gewalt brach in der Hauptstadt Nordirlands am Dienstagabend aus. Nach Berichten von Journalisten der Nachrichtenagentur AFP versammelten sich an verschiedenen Orten in Belfast hunderte Menschen, viele von ihnen maskiert. Wie Luftaufnahmen des Nachrichtensenders Sky News zeigen, stieg in verschiedenen Teilen der Stadt dichter schwarzer Rauch auf. Agenturen zitieren einen Bewohner, der berichtet, die Demonstranten hätten Molotowcocktails geworfen.
Auslöser war ein Messerangriff am Tag zuvor, bei dem ein Mann schwer verletzt worden war. Ein vor den Protesten in Onlinediensten veröffentlichtes Video zeigt einen Täter, der einen am Boden liegenden, blutüberströmten Mann mehrfach mit einem Messer attackiert und offenbar versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden. In der Aufnahme versuchen später mehrere Personen, den Angreifer vom Opfer zu trennen. Das Opfer wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Die Polizei hat dazu aufgerufen, das Video nicht weiter zu verbreiten und die Ermittlungen nicht durch soziale Medien zu beeinflussen.
Der mutmaßliche Täter und die Anklage
Bei dem Angreifer handelt es sich der Polizei zufolge um einen Sudanesen, der sich legal im Vereinigten Königreich aufhalte. Der 30-Jährige wurde festgenommen und wegen versuchten Mordes, Waffenbesitzes und Todesdrohungen angeklagt. Er soll am Mittwoch einem Richter vorgeführt werden. Demnach erhielt der Verdächtige im Jahr 2023 ein Visum für fünf Jahre. Bislang gebe es keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund, teilte die Polizei mit. Das Motiv der Tat sei derzeit unklar.
In Belfast sind am Dienstagabend bei Protesten gegen Einwanderung mehrere Fahrzeuge, darunter ein Bus, in Brand gesetzt worden. Ein Bus und mehrere Autos wurden in der Hauptstadt des britischen Landsteils Nordirland in Brand gesetzt. Darüber hinaus geriet ein Gebäude am Rand des Stadtzentrums in Brand; die Bewohnerinnen und Bewohner mussten evakuiert werden. Auch in anderen Städten Nordirlands kam es laut BBC zu Protesten im Zusammenhang mit den Ereignissen.
Augenzeugenberichte aus der Stadt
Mehrere Augenzeuginnen und Augenzeugen schilderten die Lage. Eemran, ein Ingenieur indischer Herkunft, der seit etwas mehr als einem Jahr in Belfast lebt, berichtete der Nachrichtenagentur AFP: „By 7.30pm they started [a] fire in the bins … we heard police cars and sirens." In einem weiteren Statement ergänzte er: „More and more people started coming, they started throwing petrol bombs. Suddenly the fire started going … we had smoke inside the building … fire people came in and they said 'go down'." Camila, eine 36-jährige Chilenin, die einen Monat zuvor nach Belfast gezogen war, beschrieb die Ereignisse als „scary". Sie sagte: „Of course I'm not used to it. I understand the people's rage but also there are ways of discussing these things more peacefully."
Nordirlands Polizeichef Jon Boutcher appellierte an die Bevölkerung, sich nicht durch Social Media aufstacheln zu lassen und die Arbeit der Ermittler abzuwarten. Politiker verschiedener Parteien in Nordirland warnten ebenfalls vor weiteren Ausschreitungen. Die nordirische Regierungschefin Michelle O'Neill verurteilte die Proteste scharf und rief zur Ruhe auf. In einem Beitrag auf der Plattform X schrieb sie: „Gruppen maskierter Männer, die Familien aus ihren Häusern vertreiben, indem sie diese niederbrennen – das ist nichts anderes als widerliche Feigheit."
Politische Reaktionen: Starmer und O'Neill verurteilen Gewalt
Der britische Premierminister Starmer verurteilte die Tat aufs Schärfste. Er sprach von einem „widerwärtigen" Angriff und erklärte, er habe „absolut keine Toleranz" für solche Gewaltszenen auf den Strassen. In einer Erklärung sagte er: „I have absolutely no tolerance for despicable scenes of violence like this on our streets." Ebenso verurteilten nordirische Politiker die Gewalt. Auch der britische Premierminister Keir Starmer hatte nach der Attacke zur Ruhe aufgerufen.
Tommy Robinson und die Protestwelle im Vereinigten Königreich
Zu den Protesten in Nordirland hat Tommy Robinson aufgerufen. Robinson war zuletzt auch an den Demonstrationen in London wegen eines fehlerhaften Polizeieinsatzes nach einer tödlichen Messerattacke auf einen Studenten beteiligt. Erst in der vergangenen Woche kam es zudem in Southampton zu Krawallen am Rande eines Protests gegen Einwanderung, ausgelöst durch die Veröffentlichung von Bodycam-Aufnahmen im Zusammenhang mit einer tödlichen Messerattacke. Den Berichten zufolge fanden auch in Southampton Proteste statt.
Die Hundertschaften von Demonstrierenden blockierten Straßen und zündeten Müllcontainer an. Gegen 19.30 Uhr legten sie Feuer in den Müllcontainern, wie ein Anwohner berichtete. Die gewaltsamen Zusammenstöße dauerten am späten Abend an. AFP-Journalisten schilderten, dass die Sicherheitskräfte versuchten, die Menschenmengen mit Polizeiwagen und Absperrungen auseinanderzutreiben.
Bereits im Sommer 2024 war das Land von heftigen, rassistisch motivierten Ausschreitungen erschüttert worden. Die Behörden sehen Parallelen zu den damaligen Vorfällen. Die nordirische Polizei kündigte verstärkte Präsenz in den betroffenen Stadtteilen an. Auch Augenzeuginnen und Augenzeugen berichteten, dass Flammen und Rauch über mehrere Stunden hinweg sichtbar blieben.
Letztlich seien Feuerwehrleute ins Haus gekommen und hätten alle nach draußen geholt, berichtete Eemran weiter. Die Verletzungen des Messeropfers sind nach Angaben der behandelnden Ärztinnen und Ärzte weiterhin ernst, aber stabil. Die Polizei ermittelt unterdessen in alle Richtungen und prüft auch mögliche Verbindungen zu organisierten rechtsextremen Gruppen.
Die Verbreitung des Video-Materials in sozialen Netzwerken hatte nach Einschätzung der Ermittler wesentlich zur schnellen Mobilisierung beigetragen. Nordirlands Polizeichef Jon Boutcher rief eindringlich dazu auf, keine weiteren Aufnahmen zu teilen. Auch in Großbritannien selbst war der Vorfall Thema in den Abendnachrichten; die BBC berichtete in mehreren Sonderausgaben über die Lage.
Ermittlungen und Sicherheitslage
Die Vorfälle wecken Erinnerungen an die sogenannten „Summer of Riots" im Jahr 2024, als rassistisch motivierte Angriffe mehrere Städte in Nordirland erschütterten. Damals waren ebenfalls Fahrzeuge und Häuser in Brand gesetzt worden. Politikerinnen und Politiker forderten erneut einen entschlossenen Kurs gegen organisierte Gewalt. Ob die aktuellen Ausschreitungen in einem direkten Zusammenhang mit jenen Ereignissen stehen, ist Gegenstand laufender Ermittlungen.
Die britische Regierung kündigte an, die Lage in Nordirland genau zu beobachten. Sprecherinnen und Sprecher von Premierminister Starmer erklärten, man stehe in engem Kontakt mit den nordirischen Behörden. Sollte sich die Sicherheitslage weiter verschlechtern, würden zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt. Auch die Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten wurde verstärkt, um mögliche weitere Angriffe frühzeitig zu erkennen.
Die Nachricht wurde am 09.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. In Belfast selbst kehrte in der Nacht zum Mittwoch nur langsam Ruhe ein. Anwohnerinnen und Anwohner berichteten von ausgebrannten Fahrzeugen und Rußspuren an Hauswänden. Die Aufräumarbeiten dauerten am Morgen an, der öffentliche Nahverkehr wurde teilweise eingestellt. Schulen in den betroffenen Vierteln blieben am Mittwoch geschlossen.
Fragen & Antworten
Wer ist der mutmaßliche Angreifer von Belfast?
Bei dem Angreifer handelt es sich nach Angaben der Polizei um einen 30-jährigen sudanesischen Staatsangehörigen, der sich legal im Vereinigten Königreich aufhält und im Jahr 2023 ein Visum für fünf Jahre erhielt.
Was wirft die Polizei dem Verdächtigen vor?
Der 30-Jährige wurde festgenommen und wegen versuchten Mordes, Waffenbesitzes und Todesdrohungen angeklagt. Er sollte am Mittwoch einem Richter vorgeführt werden.
Warum kam es in Belfast zu den gewaltsamen Protesten?
Die Ausschreitungen richteten sich gegen Einwanderung und wurden laut Polizei und Berichten unter anderem durch ein in sozialen Medien verbreitetes Video der Messerattacke angeheizt. Auch Tommy Robinson hatte zu den Protesten aufgerufen.
Belfast: Ausschreitungen nach Messerattacke – Starmer | nachrichten360