Deutsche Meisterschaften: Ansah siegt, Lückenkemper | nachrichten360
Ansah gewinnt 100 Meter trotz Doping-Verfahrens – Lückenkemper stürzt über Zeckenbiss
Wattenscheid, 26 Juli 2026
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Kurzfassung
Bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Wattenscheider Lohrheidestadion verteidigte Owen Ansah über 100 Meter in 10,00 Sekunden seinen Titel. Bei den Frauen stürzte Gina Lückenkemper über einen Zeckenbiss und wurde Dritte, Jolina Ernst holte sich in 11,26 Sekunden überraschend den Titel.
Wattenscheid, 26 Juli 2026
Owen Ansah hat bei den Deutschen Leichathletik-Meisterschaften im ausverkauften Lohrheidestadion in Wattenscheid seinen Titel über 100 Meter verteidigt, während bei den Frauen die 22-jährige Lokalmatadorin Jolina Ernst die amtierende Meisterin Gina Lückenkemper entthronte.
Im mit Spannung erwarteten Finale der Männer sicherte sich Owen Ansah am Samstag in 10,00 Sekunden den deutschen Meistertitel über 100 Meter. Damit lag der Hamburger Sprinter, der im Juni den deutschen Rekord auf 9,98 Sekunden verbessert hatte, nur zwei Hundertstel über seiner persönlichen Bestzeit. Heiko Gussmann aus Wetzlar wurde in persönlicher Bestleistung von 10,06 Sekunden Zweiter, Kevin Kranz aus Wetzlar Dritter in 10,16 Sekunden. „Dieses Jahr habe ich extra hart trainiert, um solche Zeiten hierherzubringen. Ich wollte zeigen, dass ich der schnellste Deutsche bin. Und das habe ich gut geschafft“, sagte Ansah im ZDF.
Ansah verteidigt Titel trotz Doping-Verfahren
Abseits der Laufbahn hatte Ansah zuvor Schlagzeilen produziert: Wegen einer verweigerten Dopingkontrolle droht ihm eine mehrjährige Sperre, obwohl kein positiver Test vorliegt und er aktuell nicht suspendiert ist. Die neue ZDF-Expertin Lisa Mayer kommentierte den Fall während der Übertragung. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hatte dennoch entschieden, Ansah an den Start zu lassen. Der 25-Jährige, der für die HSV startet, könnte nun für die Europameisterschaften in Birmingham vom 10. bis 16. August nominiert werden.
Lückenkemper fällt nach Zeckenbiss zurück
Bei den Frauen setzte sich überraschend Jolina Ernst vom TV Wattenscheid in persönlicher Bestleistung von 11,26 Sekunden durch und löste Gina Lückenkemper als deutsche Meisterin ab. „Ich selber bin glaube ich am meisten überrascht, weil ich damit nicht gerechnet hätte“, sagte die 22-Jährige nach dem Rennen und ergänzte: „Ich kann das gar nicht glauben. Ich glaube, das war das Stadion. Meine Freunde und Familie, die hier überall verteilt sind und zuschauen.“ Emma Goretzka aus Berlin lief ebenfalls 11,26 Sekunden, wurde aber mit wenigen Tausendstelsekunden Rückstand Zweite. Rebekka Haase, die schnellste Deutsche des Jahres, wurde Vierte.
Hinter den Kulissen hatte Lückenkemper einen ungewöhnlichen Rückschlag verkraften müssen. Kurz vor dem Diamond-League-Meeting in Paris am 28. Juni entdeckte die 29 Jahre alte frühere Europameisterin von 2022 einen Zeckenbiss am Hinterkopf. „Unmittelbar vor dem Diamond-League-Meeting in Paris am 28. Juni wunderte sich die deutsche Sprintkönigin der vergangenen Jahre über etwas Seltsames an ihrem Hinterkopf. Dort hatte sich eine Zecke festgebissen“, heißt es in der Reportage. Nach einer bereits überstandenen Sommergrippe musste sie zwei Wochen lang mit dem Training aussetzen und ein Antibiotikum einnehmen.
Staffelfrage für Birmingham offen
In den Katakomben des Lohrheidestadions sprach Lückenkemper offen über die Folgen: „Der Körper war viel zu sehr angegriffen. Das Nervensystem hat so einen Treiber davon genommen. Ich habe nachts acht Stunden geschlafen, aber ich war nicht richtig erholt danach.“ Die Athletin, „die sogar daran dachte, auf die Meisterschaften in ihrer westfälischen Heimat zu verzichten“, entschied sich emotional gegen einen Startverzicht: „Vom Herz her nein, vom Kopf zwischendurch ja“, erklärte sie. Am Ende standen 11,29 Sekunden und Platz drei – ihr siebter nationaler Titel blieb damit aus. Mit Blick auf Birmingham sagte sie: „Das hat mich echt zerstört.“
Hochsprung-Drama mit Blut
Trotz der eigenen Enttäuschung bleibt Lückenkemper für das deutsche Team ein wichtiger Faktor. Die deutsche Staffel benötigt sowohl Lückenkemper als auch Rebekka Haase bei den Europameisterschaften. Haases Trainerin hatte Lückenkemper während der schwierigen Phase unterstützt. Ernst ihrerseits, die für die Staffel in Birmingham nominiert werden könnte, ist im Einzelrennen der EM noch nicht qualifiziert.
Im Hochsprung der Männer lieferte Tobias Potye von Munich Athletics ein Titel-Highlight mit blutigem Ende. Der 2022-Europameisterschafts-Zweite holte sich seinen sechsten deutschen Freilufttitel in Folge mit übersprungenen 2,15 Metern. Denkbar knapp teilte er die Sieghöhe mit Falk Wendrich vom LAZ Soest, der allerdings bei 2,19 Metern an seinen Fehlversuchen scheiterte. Den entscheidenden Versuch bei 2,19 Metern konnte Potye nicht mehr absolvieren: Er hatte sich zuvor an einem der Ständer der Latte eine blutende Kopfplatzwunde zugezogen. „Ich bin schnell wieder aufgestanden, und dann gab es nur noch eine Richtung“, beschrieb Karl Bebendorf seinen eigenen Sturz.
Speerwurf-Geschichte
Bebendorf selbst war über 3000 Meter Hindernis der dominierende Athlet. Der Dresdner feierte trotz eines Sturzes etwa vier Runden vor dem Ziel ohne Fremdeinwirkung seinen siebten Meistertitel. In 8:21,01 Minuten sicherte er sich den Sieg vor Niklas Buchholz von Franconia Athletics in 8:22,29. Bebendorf, der in diesem Jahr mit 8:05,55 die zweitbeste je von einem Deutschen gelaufene Hinderniszeit aufstellte, profitierte von der Abwesenheit des Europarekordlers Frederik Ruppert, der in Bochum über 5000 Meter an den Start ging.
Im Speerwurf der Männer krönte sich Julian Weber vom USC Mainz zum sechsten Mal in Folge zum deutschen Meister. Mit einer Weite von 82,60 Metern benötigte der 27-Jährige nur vier Versuche, um den Titel sicherzustellen. Damit egalisierte er die Bestmarke von Klaus Wolfermann, der von 1969 bis 1974 ebenfalls sechsmal in Folge westdeutscher bzw. deutscher Meister geworden war. Wolfermann war 1972 Olympiasieger in München. Auf den Plätzen folgten Nick Thumm mit 81,45 Metern und Max Dehning mit 79,33 Metern. Der Rio-Olympiasieger Thomas Röhler wurde mit 79,12 Metern Vierter. Der deutsche Rekordhalter Johannes Vetter (97,76 m) war wegen gesundheitlicher Probleme nicht am Start. Weber war erst kürzend beim Meeting in Luzern mit 87,04 Metern an die Spitze der europäischen Jahresbestenliste zurückgekehrt.
Im Weitsprung der Männer überzeugte Simon Batz aus Mannheim mit einer persönlichen Bestleistung von 8,29 Metern, die ihn in Europa auf Rang sechs brachte. Sein Trainer Sebastian Bayer war 2009 bei einer deutschen Meisterschaft 8,49 Meter gesprungen. Kevin Brucha von TLV Germania Überruhr wurde mit 8,04 Metern Zweiter, Simon Plitzko aus Hamburg Dritter mit 8,00 Metern. Bei den Frauen entschied Kira Wittmann von Hannover 96 den Dreisprung mit 14,14 Metern für sich und feierte damit ihren zweiten deutschen Freilufttitel. Caroline Joyeux von LG Nord Berlin kam mit 13,98 Metern auf Rang zwei, ihre Saisonbestleistung liegt bei 14,22 Metern.
Weitere Entscheidungen am Wochenende
Über 100 Meter Hürden der Frauen stellte Franziska Schuster von Bayer Leverkusen mit 12,69 Sekunden eine persönliche Bestleistung und einen Meisterschaftsrekord auf. Rosina Schneider vom TV Sulz wurde in 12,81 Sekunden Zweite, Lia Flotow von 1. LAV Rostock verbesserte sich auf 12,83 Sekunden und wurde Dritte. Titelverteidigerin Ricarda Lobe von MTG Mannheim belegte mit 12,69 Sekunden persönlicher Bestleistung nur Rang vier. Bei den Männern siegte Gregory Minoue aus Bonn in 13,51 Sekunden und erfüllte damit die Norm für die EM in Birmingham.
Im Diskuswerfen der Frauen holte sich Shanice Craft vom SV Halle, Achte der Weltmeisterschaften 2022, mit einer Saisonbestleistung von 66,18 Metern den Titel. Titelverteidigerin Marike Steinacker vom TSV Bayer 04 Leverkusen musste nach zwei Versuchen mit Bestweite 57,78 Meter wegen Adduktorenproblemen aufgeben. Kristin Pudenz wurde mit 64,00 Metern Zweite, Leia Braunagel aus Frankfurt mit 63,15 Metern Dritte. Über 110 Meter Hürden der Männer bestätigte Gregory Minoue seine Birmingham-Norm.
Die Deutschen Meisterschaften galten als letzte ernsthafte Standortbestimmung vor den Europameisterschaften in Birmingham vom 10. bis 16. August. Auf der Anlage im Ruhrgebiet herrschte unter den rund 20 000 Zuschauern im ausverkauften Lohrheidestadion Hochstimmung.
Neben den sportlichen Entscheidungen sorgten vor allem die menschlichen Geschichten für Gesprächsstoff. Lückenkempers Rückschlag durch den Zeckenbiss, Bebendorfs kämpferische Rückkehr nach dem Sturz und der blutende Potye, der seinen Titel dennoch sicherstellte, zeigten die ganze Bandbreite der Leichtathletik zwischen Schmerz, Willen und Ausdauer.
Fragen & Antworten
Wer hat die 100 Meter der Männer bei den Deutschen Meisterschaften 2026 gewonnen?
Owen Ansah gewann das Finale in 10,00 Sekunden und verteidigte damit seinen Titel. Zweiter wurde Heiko Gussmann mit persönlicher Bestleistung von 10,06 Sekunden vor Kevin Kranz in 10,16 Sekunden.
Warum wurde Gina Lückenkemper nur Dritte über 100 Meter?
Die 29-Jährige wurde unmittelbar vor dem Diamond-League-Meeting in Paris am 28. Juni von einer Zecke am Hinterkopf gebissen und musste nach einer Sommergrippe zwei Wochen pausieren. Im Finale lief sie 11,29 Sekunden, Jolina Ernst und Emma Goretzka waren mit 11,26 Sekunden schneller.
Welche Rekorde wurden in Wattenscheid eingestellt?
Julian Weber egalisierte mit seinem sechsten Titel in Folge die Bestmarke von Klaus Wolfermann aus den Jahren 1969 bis 1974. Tobias Potye gewann ebenfalls seinen sechsten Hochsprung-Titel in Folge, Franziska Schuster stellte über 100 Meter Hürden mit 12,69 Sekunden einen Meisterschaftsrekord auf.