Wien, 29 Juli 2026

Der frühere österreichische Nationalspieler Andreas Herzog hat nach dem Auftritt der ÖFB-Auswahl bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika ein Umdenken im heimischen Fußball gefordert.

Bewertung der WM-Leistung

Andreas Herzog hat den Auftritt der österreichischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika nüchtern bewertet. "Okay, nicht mehr und nicht weniger" war für den 103-fachen ÖFB-Teamspieler das Abschneiden des Teams, wie er in einem Interview mit dem Pay-TV-Sender Sky sagte. Die Niederlagen gegen den späteren Vizeweltmeister Argentinien (0:2) und Weltmeister Spanien (0:3) seien zwar keine Überraschung gewesen, hätten aber die Lücke zur Weltklasse offengelegt.

Herzog sieht die Ursachen vor allem in der Nachwuchsarbeit. "Ich meine, wir tun jetzt schönreden", sagte der 57-jährige Wiener und forderte eine ehrliche Bestandsaufnahme. "Wir definieren uns im Fußball schon über Jahrzehnte über ganz andere Geschichten", erklärte er. Die Challenge der Zukunft sei, zu hinterfragen, "wie wir eigentlich den österreichischen Fußball sehen wollen".

Defizite im Nachwuchsbereich

Konkret sieht Herzog Defizite bei der individuellen Ausbildung junger Spieler. "Wichtig sei, dass viel mehr individuell trainiert wird", betonte er. "Die Kinder müssen im Training mehr dribbeln und Abschlüsse haben", ergänzte er und verwies auf Englands Torjäger Harry Kane, der nach eigenen Angaben in jedem Training hundertmal aufs Tor geschossen habe. "Das machen unsere Kinder nicht, weil die Schwerpunkte im Training ganz andere sind", kritisierte Herzog.

Dabei gehe es nicht um kurzfristige Ergebnisse, sondern um die langfristige Entwicklung. "Es geht nicht darum, was in zwei Wochen ist oder in vier Monaten, sondern wo ist der Spieler, wenn er 17, 18, 19 Jahre alt ist", sagte Herzog. "Du kannst ja nur die Hebel im Nachwuchs ansetzen", erklärte er weiter. Wer in der Nationalmannschaft spielen wolle, müsse früh Verantwortung in der Bundesliga übernehmen: "Dann müssen sie in der Bundesliga spielen", betonte er.

Vorsichtiger Optimismus und konkrete Talente

Herzog zeigte sich allerdings auch vorsichtig optimistisch, was die vorhandenen Strukturen betrifft. Im ÖFB gebe es "ein paar gute Ansätze", sagte er. "Konstantin Breuer und Martin Stranzl machen schon teilweise richtig gute Sachen", lobte er die Arbeit der Verantwortlichen. Auch das körperliche und taktische Niveau der Mannschaft sei zuletzt gestiegen: "Das hat in den letzten Jahren gut ausgeschaut, weil von der Intensität her und vom Spiel gegen den Ball, da waren wir richtig super", meinte Herzog.

Bei der Frage nach konkreten Talenten hob er mehrere junge Spieler hervor, die er als Beispiele für den richtigen Weg sieht. Bei Austria Wien fielen ihm die Mittelfeldspieler Vasilije Markovic (18) und Sanel Saljic (20) ein, bei Rapid Verteidiger Jakob Schöller (20). Gespannt ist Herzog auch auf Christian Zawieschitzky, der bei Meisterfavorit Red Bull Salzburg mit 19 Jahren zum Einser-Torhüter aufgestiegen ist. Jacob Hödl (19) und Luca Weinhandl (17) hätten beim 4:0-Erfolg von Sturm Graz in der Champions-League-Qualifikation gegen Heart of Midlothian im Mittelfeld auf sich aufmerksam gemacht.

Was die technische Ausbildung angeht, schwärmte Herzog geradezu von den Qualitäten, die moderne Mittelfeldspieler mitbringen müssten. "Da geht es wirklich um die Spielintelligenz, um das Räume erkennen, um die Supertechnik im ersten Kontakt, das Positionsspiel, das Passspiel", schwärmte der 57-jährige Wiener. "Die Detailarbeit in der Position ist das Entscheidende." Genau diese Feinheiten seien im österreichischen Nachwuchs noch zu wenig verankert.

Appell zur Selbstkritik

Herzog räumte ein, dass die Erwartungen an die Mannschaft größer gewesen seien. "Wir haben uns, glaube ich, alle ein bisschen mehr erhofft", sagte der ehemalige Spielmacher. Gleichzeitig warnte er vor Ausreden: Aussagen wie "die sind ja noch nicht so weit, das geht nicht" seien zu wenig. "Wer da was macht, ist im Endeffekt wurscht, sondern es gehört gearbeitet und anders gearbeitet", erklärte der frühere Teamkapitän. Herzog hat die spanische Mannschaft, gegen die Österreich verlor, nach eigenen Angaben vier- bis fünfmal im Stadion beobachtet und dabei die Unterschiede im Detail gesehen.

Der Wiener sprach sich zudem für mehr Transparenz und Selbstkritik in der Trainingsphilosophie aus. Man müsse sich ehrlich fragen, welche Schwerpunkte im Nachwuchs gesetzt würden und ob diese mit den Anforderungen des modernen Fußballs noch übereinstimmten. Nur so könne Österreich den Anschluss an die Spitze finden, wiederholte Herzog seine Kernbotschaft.

Unabhängig von einzelnen Personen sei entscheidend, dass alle Beteiligten – von den Vereinen über den Verband bis zu den Trainern – an einem Strang ziehen. Nur wenn die Ausbildung konsequent auf die Anforderungen des Spitzenfußballs ausgerichtet werde, könnten kommende Generationen den Sprung in die Bundesliga und in die Nationalmannschaft schaffen, zeigte sich Herzog überzeugt.