Andrea Pirlo zieht sich als Kandidat für den italienischen Nationaltrainer zurück
Rom, 27 Juli 2026
Clément Bucco-Lechat / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Kurzfassung
Andrea Pirlo hat seine Kandidatur als Cheftrainer der italienischen Fußballnationalmannschaft zurückgezogen, nachdem ein Sponsoringvertrag mit dem russischen Wettanbieter Fonbet auf Kritik gestoßen war. Pirlo bestritt politische Motive und verwies auf seine Tätigkeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Rom, 27 Juli 2026
Andrea Pirlo, 2006er-Weltmeister mit Italien, ist am Montag über Instagram als Kandidat für den Posten des Nationaltrainers der italienischen Fußballnationalmannschaft zurückgetreten, nachdem ein Sponsoringvertrag mit dem russischen Wettanbieter Fonbet seine Ernennung blockiert hatte.
Hintergrund der Kontroverse
Die Entscheidung Pirlos fiel am Sonntagabend, als Verbandspräsident Giovanni Malagò nach einem wochenendelangen öffentlichen Sturm der Entrüstung erklärte, Pirlo komme für den Posten des Commissario tecnico nicht länger infrage. Der Mittelfeldspieler hatte zuvor über Jahre hinweg als Markenbotschafter für Fonbet agiert und war am 24. Mai zu einer PR-Veranstaltung im Rahmen des russischen Pokalfinales in die Luzhniki-Arena in Moskau gereist, wo er Autogramme gab und für Fotos posierte.
Pirlos Sponsoringvertrag mit Fonbet war im Sommer 2025 unterzeichnet worden, zeitgleich mit seinem Engagement als Trainer beim FC United in Dubai. Er selbst erklärte über Instagram, die Zusammenarbeit sei ausschließlich kommerzieller und sportlicher Natur gewesen und im Kontext seiner Arbeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten zustande gekommen. Sie habe „freiwillig und wiederholt sein Ansehen für die Normalisierung des Putin-Regimes eingesetzt und an Initiativen teilgenommen, die von der Kreml-Propaganda ausgenutzt wurden, während die Ukraine bombardiert wurde. Ihn zu wählen, ist ein schwerwiegender Fehler“, sagte Pina Picierno, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments.
Die Kritik an einer möglichen Berufung Pirlos hatte sich vor allem an dessen Rolle als Markenbotschafter für den russischen Wettanbieter Fonbet entzündet. Hintergrund ist, dass Russland seit Jahren eine offensive Kriegsführung gegen die Ukraine betreibt. Fonbet ist nach Informationen der Agentur APA/red eine russische Wettplattform, an der unter anderem der russische Geschäftsmann Sergei Lomakin beteiligt ist, zugleich Eigentümer des Klubs FC United in Dubai. Pirlo hatte den Vertrag nach eigenen Angaben als Privatperson und unabhängig von seiner Rolle als Vereinstrainer unterzeichnet.
Politische Kritik und Verbandsreaktion
Im Netz hatte sich zuvor eine Welle der Empörung formiert, die nicht nur aus Politik und Öffentlichkeit, sondern auch aus dem Umfeld des italienischen Fußballs kam. Innerhalb des italienischen Verbands war Paolo Maldini, Italiens Rekordnationalspieler mit 126 Einsätzen, mit der Personalie befasst. Italienischen Medienberichten zufolge hatte Maldini angedeutet, ohne eine Berufung Pirlos auch selbst nicht mehr für den geplanten Umbau der Verbandsstrukturen zur Verfügung zu stehen. Maldini und Pirlo hatten gemeinsam beim AC Mailand acht Titel gewonnen, darunter zwei Champions-League-Siege.
Malagò ordnete zugleich eine Untersuchung der Rolle Pirlos als Fonbet-Botschafter an. Die italienische Fußballföderation sieht sich damit in einer prekären Lage: Nach dem erneuten Scheitern bei der WM-Qualifikation – Italien verpasst damit zum dritten Mal in Folge eine Weltmeisterschaft und ist seit insgesamt zwölf Jahren nicht mehr bei einer Endrunde dabei – hatte der Verband tiefgreifende Veränderungen angekündigt. Giovanni Malagò wurde zum Präsidenten ernannt, Paolo Maldini zum Technischen Direktor, Leonardo als sein Berater bestellt. Ihre wichtigste Aufgabe war die Suche nach einem neuen Cheftrainer, nachdem Verbandsverantwortliche und Nationaltrainer Gennaro Gattuso nach dem Scheitern zurückgetreten waren.
Pirlos Dementi und Rückzug
Die ursprünglich geplante Anstellung Pirlos galt Berichten zufolge am Wochenende als reine Formsache. Ein Vierjahresvertrag als Nationaltrainer Italiens war bereits vorbereitet worden. Doch die Kontroverse um die Russland-Verbindungen Pirlos, insbesondere dessen Auftritt im Moskauer Luschniki-Stadion, ließ das Vorhaben an der politischen Dimension der Kritik zerbrechen. Pirlo sprach anschließend von großer Enttäuschung über die Debatte, auf Italienisch „con grande amarezza“ und auf Deutsch „mit großer Bitterkeit“.
Der Versuch, einen international angesehenen Trainer für die Squadra Azzurra zu finden, gestaltet sich indessen schwierig. Pep Guardiola hatte das Angebot, Italiens Nationaltrainer zu werden, Berichten zufolge abgelehnt. Auch Carlo Ancelotti, der mit Brasilien bei der Weltmeisterschaft bereits in der Runde der letzten 16 ausgeschieden war, sagte dem Verband ab. Damit schrumpft der Kandidatenkreis für die Nachfolge von Gennaro Gattuso weiter. Als mögliche Anwärter gelten Roberto Mancini und Antonio Conte.
Suche nach einem neuen Trainer
Pirlos Dementi kam spät, aber entschieden. „Ihr eine politische Bedeutung zuzuschreiben, bedeutet, mir Überzeugungen zuzuschreiben, die ich nie geäußert habe und die nicht zu mir gehören“, ließ er über Instagram verlauten. Der Weltmeister von 2006 verwahrte sich gegen den Vorwurf, mit seiner Rolle als Markenbotschafter für einen russischen Wettanbieter politische Signale gesetzt zu haben. Zugleich verwies er auf seine bisherige Karriere: „Im Laufe meiner Karriere, zunächst als Spieler und heute als Trainer, habe ich meine Arbeit stets unter vollständiger Einhaltung der Gesetze der Länder ausgeübt, in denen ich tätig war, sowie der Verträge, die ich unterschrieben habe.“
Das Kernproblem der Kontroverse liegt in der zeitlichen Überschneidung zweier Verträge. Im Juli 2025 übernahm Pirlo das Traineramt beim FC United in Dubai und unterzeichnete im selben Zeitraum den Werbedeal mit Fonbet. Der Klubbesitzer Sergei Lomakin ist zugleich Partner der Fonbet-Plattform, was den Sponsoringvertrag in den Augen der Kritiker untrennbar mit russischen Geschäftsinteressen verknüpft. Picierno hatte am Wochenende die mögliche Ernennung als „schwerwiegenden Fehler“ kritisiert und Pirlo vorgeworfen, mit seiner Werbetätigkeit russische Propaganda zu normalisieren.
Auswirkungen auf den Verband
Während die Diskussion um Pirlos Person medial abebbte, blieb die personelle Zukunft des italienischen Verbands ungeklärt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Maldini sein Amt als Technischer Direktor niederlegt, wurde von italienischen Medien als realistische Folge des Pirlo-Aus beschrieben. Damit stünde der Verband, der ohnehin mit dem dritten aufeinanderfolgenden Verpassen einer Welt-Endrunde hadert, vor der erneuten Vakanz einer Schlüsselposition. Bei der letzten Europameisterschaft war Italien bereits im Achtelfinale an der Schweiz gescheitert.
Die Vorgeschichte der Trainersuche verlief turbulent: Nach dem WM-Debakel 2026 hatten Malagò, Maldini und Leonardo gemeinsam den Umbau eingeleitet. Gattuso, der zuvor die sportliche Verantwortung getragen hatte, trat mit weiteren Verantwortlichen zurück. Mit Guardiola und Ancelotti sagten zwei namhafte Trainer ab, Mancini und Conte blieben als realistische Kandidaten übrig. In dieses Vakuum war Pirlo gerückt, dessen Berufung angesichts seiner Verdienste als Spieler und seines zunehmenden Rufs als Trainer im Mittleren Osten als schlüssige Lösung erschien.
Pirlos endgültige Erklärung erfolgte am Montag über Instagram. In seinem Beitrag bekräftigte er seinen Rückzug und dankte für die Unterstützung in den vergangenen Tagen. Wie es mit seiner Trainerkarriere in Dubai weitergeht, ließ er offen. Klarheit bestand lediglich darüber, dass er für die Nationalelf Italiens nicht mehr zur Verfügung steht.
Sportliche Bilanz und Ausblick
Für den italienischen Fußball bedeutet die Entwicklung eine Zäsur. Die sportliche Talfahrt – gescheiterte WM-Qualifikation, Achtelfinal-Aus bei der EM – verbindet sich mit einer strukturellen Krise. Der designierte Umbau unter Malagò, Maldini und Leonardo steht vor einem weiteren Rückschlag, sollte Maldini tatsächlich seinen Rückzug vollziehen. Die Suche nach einem Trainer für die Squadra Azzurra geht unterdessen in eine neue Runde.
Die Causa Fonbet wirft zugleich grundsätzliche Fragen zur Trennung von Sport und Politik auf. Während Pirlo betont, seine Zusammenarbeit sei rein geschäftlich gewesen, sehen Kritiker wie Picierno in der Rolle als Markenbotschafter eine indirekte Unterstützung der russischen Staatsräson. Die Debatte wird mit Blick auf den Ukraine-Konflikt geführt, in dem Russland eine offensive Kriegsführung verfolgt. Auch künftige Trainerberufungen werden sich an diesem Maßstab messen lassen müssen.
Ungeachtet der politischen Kontroverse bleibt Pirlos sportliche Vita unbestritten: Als Mittelfeldregisseur der Squadra Azzurra war er 2006 in Deutschland Weltmeister geworden. Sein Wirken als Trainer, etwa beim FC United in Dubai, hatte ihm Anerkennung eingebracht. Mit seinem Rückzug am Montag beendete er eine Phase, die mit großen Hoffnungen auf einen Neuanfang für den italienischen Fußball begonnen hatte.
Die kommenden Tage werden zeigen, ob Malagò den Umbau des Verbands auch ohne Maldini vorantreiben kann. Sollte Maldini seinen angekündigten Schritt tatsächlich vollziehen, wäre der Verband erneut ohne Technischen Direktor. Mit Mancini, Conte und möglicherweise weiteren Kandidaten verbleibt allerdings ein Kreis erfahrener Trainer, aus dem die Nachfolge für Gattuso bestimmt werden könnte. Pirlos Rolle in dieser Kette ist vorerst beendet.
Fragen & Antworten
Warum ist Andrea Pirlo nicht neuer Nationaltrainer Italiens geworden?
Pirlos Sponsoringvertrag mit dem russischen Wettanbieter Fonbet sowie sein Auftritt bei einer PR-Veranstaltung in der Moskauer Luschniki-Arena führten zu massiver politischer Kritik. Verbandspräsident Giovanni Malagò erklärte am Sonntag, Pirlo komme nicht mehr für den Posten infrage; Pirlo zog seine Kandidatur am Montag über Instagram zurück.
Welche Rolle spielt Paolo Maldini in der Affäre?
Italienischen Medienberichten zufolge hatte Maldini, designierter Technischer Direktor, angedeutet, ohne eine Berufung Pirlos nicht mehr für den Umbau der Verbandsstrukturen zur Verfügung zu stehen. Damit droht dem italienischen Verband die nächste Vakanz einer Schlüsselposition.
Wer kommt als Nachfolger für den Posten des Nationaltrainers infrage?
Nachdem Pep Guardiola und Carlo Ancelotti abgesagt haben, gelten Roberto Mancini und Antonio Conte als mögliche Kandidaten für die Nachfolge des nach der gescheiterten WM-Qualifikation zurückgetretenen Gennaro Gattuso.
Pirlo: Rückzug als Italien-Trainer nach Fonbet-Debatte | nachrichten360