Zahl der Firmenpleiten in Deutschland erreicht höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren
Halle (Saale), 09. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist im zweiten Quartal 2026 auf den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren gestiegen. Besonders betroffen sind die Branchen Bau, Immobilien, Handel, Gastgewerbe und Dienstleistungen.
Halle (Saale), 09. Juli 2026
Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland ist nach Angaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im zweiten Quartal 2026 auf den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren gestiegen, getrieben von einer breiten Betroffenheit über nahezu alle Branchen und Regionen.
IWH registriert 4.996 Pleiten im zweiten Quartal
Das IWH verzeichnete von April bis Ende Juni 4.996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Damit wurde der höchste Wert seit dem zweiten Quartal 2005 erreicht, wie das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle mitteilte. Gegenüber dem ersten Quartal bedeutet dies einen Anstieg um 9 Prozent.
Zugleich meldete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform für das erste Halbjahr mit 12.900 Unternehmensinsolvenzen den höchsten Stand seit 2013. Auch das Statistische Bundesamt registrierte im ersten Quartal 2026 ein Plus von 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Daten zeigen, dass die Krise nicht nur einzelne Quartale, sondern ein anhaltendes Gesamtbild betrifft.
Bau, Handel und Dienstleistungen besonders betroffen
Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, ordnete die Entwicklung mit deutlichen Worten ein: "Die Lage ist schwierig: Die Insolvenzen treffen die Wirtschaft in der Breite. Viele Branchen und Regionen seien gleichzeitig betroffen." Schon zuvor hatte er gesagt: "Die aktuellen Zahlen zeigen, dass das Insolvenzgeschehen weiterhin auf einem außergewöhnlich hohen Niveau liegt." Eine Trendwende sei vorerst nicht absehbar.
Die IWH-Analyse weist nach, dass im zweiten Quartal nahezu alle großen Wirtschaftsbereiche Rekordwerte bei den Insolvenzen erreichten. Dazu zählten das Baugewerbe, der Immobilien- und Wohnungssektor, der Handel, das Gastgewerbe sowie der Dienstleistungsbereich. Eine der wenigen Ausnahmen bildete das Verarbeitende Gewerbe, das keinen neuen Rekordstand verzeichnete.
Hohe Energiekosten und Ende der Staatshilfen als Treiber
Regionale Schwerpunkte der Pleitenwelle lagen im Juni in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Damit konzentriert sich die Krise nicht auf einzelne strukturschwache Regionen, sondern trifft mit den beiden wirtschaftsstärksten Flächenländern zentrale Standorte der deutschen Wirtschaft.
Als Ursachen nennen Ökonomen unter anderem den Wegfall staatlicher Hilfen, die nach Berechnungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) allein in den Jahren 2020 und 2021 rund 140.000 Unternehmen vor der Schließung bewahrt hatten. "Nachdem die staatlichen Hilfen ausgelaufen waren, mussten und müssen sich Unternehmen wieder aus eigener Kraft am Markt behaupten."
Iran-Krieg und Ukraine-Krieg verstärken den Druck
Hinzu kommen deutlich gestiegene Energie- und Rohstoffkosten. "Energie ist deutlich teurer geworden. Auch für viele andere Rohstoffe musste mehr Geld bezahlt werden", heißt es in der Analyse. Der Krieg in Ukraine habe zudem Lieferketten für deutsche Unternehmen gestört, wie die Forscher hervorheben.
Als zusätzlicher Belastungsfaktor kam im Frühjahr der Iran-Krieg hinzu. Die geopolitischen Spannungen schlugen sich auch an den Finanzmärkten nieder. Am Mittwoch habe "der wiederaufgeflammte militärische Konflikt zwischen den USA und dem Iran die Investoren in Alarmbereitschaft versetzt", wie es hieß. Am Donnerstag hätten sich Anleger angesichts der ungewissen Lage in Nahost "kaum aus der Deckung getraut".
Zugleich gibt es aus der konjunkturellen Berichterstattung vereinzelt positive Signale. So sind die Exporte deutscher Unternehmen im Mai den vierten Monat in Folge gestiegen, und Industriebetriebe berichteten zuletzt wieder über steigende Produktionszahlen. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, erklärte: "Für die deutsche Wirtschaft war der Mai ein guter Monat. Die vielerorts befürchtete wirtschaftliche Delle im zweiten Quartal dürfte ausbleiben."
Exporterholung und DAX-Stabilisierung als Gegengewicht
Analyst Timo Emden sieht die Märkte zwischen Hoffnung und Sorge gefangen: "Die Kurse pendeln zwischen der Hoffnung auf diplomatische Fortschritte und der Sorge vor einer weiteren Zuspitzung im Iran-Krieg." Am Tag des Berichts stabilisierte sich der DAX wieder, nachdem er zuvor unter Druck gestanden hatte.
Für das laufende dritte Quartal rechnet das IWH mit weiter steigenden Insolvenzzahlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Forscher betonen zudem strukturelle Belastungen wie den demografischen Wandel und hohe bürokratische Hürden, die die Lage für Unternehmen in Deutschland zusätzlich verschärfen.
Methodisch weist das IWH darauf hin, dass in die Auswertung nur Personen- und Kapitalgesellschaften einfließen, nicht aber Kleinstunternehmen. Damit unterscheidet sich die Statistik von anderen Erhebungen wie der von Creditreform, die einen breiteren Firmenbegriff zugrunde legt und daher zu höheren Gesamtzahlen kommt.
Insgesamt verdeutlichen die Daten, dass die deutsche Wirtschaft sich in einer Phase erhöhter Belastung befindet. Zwar verhindern steigende Exporte und eine anziehende Industrieproduktion einen scharfen Einbruch, doch die Insolvenzwelle breitet sich nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher weiter aus. Ein Ende der Pleitenwelle ist nach Angaben der Forscher derzeit nicht in Sicht.
Ausblick: IWH rechnet mit weiter steigenden Zahlen
Die Bundesregierung steht damit vor der Frage, wie sie auf die sich verschärfende Lage im Mittelstand reagieren will. Diskutiert werden steuerliche Entlastungen, schnellere Genehmigungsverfahren und gezielte Hilfsprogramme für besonders betroffene Branchen. Ob solche Maßnahmen den Trend noch im laufenden Jahr brechen können, ist aus Sicht des IWH eher fraglich.
Die breite Streuung über Branchen und Regionen macht den aktuellen Insolvenzzyklus nach Einschätzung der Forscher zu einem der schwersten seit Anfang der 2000er Jahre. Damals hatten vor allem das Ende des New-Economy-Booms und eine längere Konjunkturflaute die Pleiten in die Höhe getrieben. Heute kommen zu konjunkturellen Risiken geopolitische Spannungen und strukturelle Kostenfaktoren hinzu.
Fragen & Antworten
Warum ist die Zahl der Pleiten so stark gestiegen?
Als Gründe gelten das Auslaufen staatlicher Hilfen, deutlich gestiegene Energie- und Rohstoffkosten, gestörte Lieferketten durch den Ukraine-Krieg und zusätzliche Belastungen durch den Iran-Krieg im Frühjahr 2026.
Firmenpleiten Deutschland: Höchststand seit 2005 | nachrichten360