Xi Jinping in Pjöngjang: Peking sucht die Nähe zu einem Partner, der sich Russland zuwendet
Pjöngjang, 09 Juni 2026
Simon Dawson / No 10 Downing Street / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Der chinesische Staatschef Xi Jinping ist zu einem zweitägigen Besuch in Nordkorea eingetroffen. Es ist seine erste Auslandsreise in diesem Jahr und sein erster Besuch in Pjöngjang seit fast sieben Jahren.
Pjöngjang, 09 Juni 2026
Der chinesische Präsident Xi Jinping ist am Montag zu einem zweitägigen Staatsbesuch in Nordkorea eingetroffen, wo er von Machthaber Kim Jong Un persönlich am Flughafen von Pjöngjang empfangen wurde.
Empfang in Pjöngjang
Pjöngjang bereitete Xi Jinping einen aufwendigen Empfang. Nach Angaben der chinesischen Staatsagentur Xinhua fuhr der chinesische Autokonvoi nach einer opulenten Willkommenszeremonie, der Tausende Personen beiwohnten, durch den Triumphbogen der Hauptstadt. Kim Jong Un schüttelte Xi nach dessen Landung die Hand, wie Xinhua berichtete. Auch Xis Ehefrau Peng Liyuan und Kims Ehefrau Ri Sol Ju waren bei der Begrüßung zugegen. Beide Seiten inszenierten den Besuch als Demonstration einer traditionsreichen Partnerschaft.
Es ist Xis erste Auslandsreise in diesem Jahr und sein erster Besuch in Nordkorea seit fast sieben Jahren. China ist der einzige formale Bündnispartner Nordkoreas; die beiden Staaten sind durch einen Beistandspakt verbunden, der bis heute in Kraft ist. China und Nordkorea kämpften im Koreakrieg von 1950 bis 1953 Seite an Seite. Das diktatorisch regierte Nordkorea ist international weitgehend isoliert und erhält von Peking diplomatische, wirtschaftliche und politische Unterstützung.
Gastbeitrag in der Parteizeitung
Bereits vor seiner Ankunft hatte Xi in einem Gastbeitrag für die nordkoreanische Parteizeitung Rodong Sinmun von einer «unzerbrechlichen und dauerhaften Freundschaft» und von «neuen Entwicklungschancen» für beide Länder geschrieben. In dem Artikel forderte er einen «historischen Neustart» der Beziehungen und wandte sich gegen «Hegemonismus und Machtpolitik» – Formulierungen, mit denen Peking häufig die Vereinigten Staaten meint, ohne sie namentlich zu nennen. Beide Länder müssten gemeinsam «Bestrebungen und Verschwörungen, den Militarismus aufleben zu lassen», zurückweisen, schrieb Xi.
Beim Treffen am Montag versicherte Xi Kim nach Angaben Xinhuas Chinas Unterstützung, «egal, wie sich die internationale Lage verändert». Beide Seiten sollten «den Austausch auf hoher Ebene als Leitlinie beibehalten und auf dem Fundament des gegenseitigen politischen Vertrauens aufbauen». Kim habe geantwortet, dass die Stärkung der bilateralen Beziehungen strategisch eine Top-Priorität sei. China kündigte zudem eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Handel und Wissenschaft an.
Nukleare Drohgebärden Nordkoreas
Der Besuch findet vor dem Hintergrund neuer nuklearer Drohgebärden Nordkoreas statt. Kim hatte kürzlich einen deutlichen Ausbau des Atomwaffenarsenals seines Landes angekündigt und nach eigenen Angaben eine neue Produktionsstätte für waffenfähiges Nuklearmaterial besucht. Nach Schätzungen verfügt Nordkorea über etwa 50 Atomsprengköpfe, ist offiziell aber nicht als Atomwaffenstaat anerkannt. Im Jahr 2023 hatte Pjöngjang seinen Status als Atommacht in der Verfassung verankert.
Am Tag vor dem Staatsbesuch lehnte Nordkorea diplomatische Bemühungen um eine nukleare Abrüstung erneut klar ab. Kim Yo Jong, die politisch einflussreiche Schwester des Machthabers, erklärte am Wochenende, der Status Nordkoreas als Atommacht sei eine «unumkehrbare Realität – unabhängig davon, ob andere ihn anerkennen oder nicht». Am Sonntag bekräftigte sie, der nukleare Status Nordkoreas sei «absolut nicht verhandelbar».
Annäherung an Russland
Gleichzeitig hat sich Nordkorea in den vergangenen Jahren deutlich Russland zugewandt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 schlossen Moskau und Pjöngjang ein Sicherheitsabkommen. Nordkorea lieferte große Mengen Munition und Artilleriegeschosse an Russland und entsandte nach westlichen Schätzungen bis zu 15.000 Soldaten zur Unterstützung der russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg. Im Gegenzug erhält Nordkorea nach Angaben von Experten wichtige Ressourcen, neue Handelswege und militärisches Know-how aus Russland.
Minseon Ku von der DePaul University in Chicago sagte der Nachrichtenagentur AFP, das Machtverhältnis zwischen Moskau und Pjöngjang sei ausgeglichener als das zwischen Peking und Pjöngjang. Moskau brauche Kim für den Krieg in der Ukraine, während Kim Technologie und Lebensmittel aus Russland benötige. Seong-Hyon Lee, Gastwissenschaftler am Asienzentrum der US-Universität Harvard, erklärte gegenüber AFP, Chinas weiterreichende Strategie profitiere von einem stabilen, schwer bewaffneten und verbündeten Pufferstaat, der die militärischen Kräfte der USA und ihrer Verbündeten absorbiere.
Die Wirtschaftsdaten unterstreichen Chinas zentrale Rolle: Der bilaterale Handel stieg im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 2,7 Milliarden US-Dollar und erreichte damit das Niveau vor den pandemiebedingten Grenzschließungen. China ist mit Abstand Nordkoreas größter Handelspartner. Gleichzeitig ist die Lage der Bevölkerung prekär: Ein großer Teil der Menschen in Nordkorea ist mangelernährt.
Chinas strategische Interessen
Das US-amerikanische Think Tank Center for Strategic and International Studies (CSIS) erwartet, dass Xi sich vor allem darum bemühen wird, Chinas traditionelle Stellung als wichtigster Partner Nordkoreas zu festigen. Victor Cha, früherer US-Spitzendiplomat und derzeitiger Präsident der Abteilung für Geopolitik und Außenpolitik am CSIS, rechnet damit, dass China sich eindeutiger als bisher auf die Seite Nordkoreas stellen wird. Gabriela Bernal schrieb in ihrem Newsletter «Peninsula Dispatch», Nordkorea bestimme zunehmend die Bedingungen für den Umgang mit den Großmächten der Welt.
Einige Beobachter werten Xis Reise auch als Versuch, dem wachsenden russischen Einfluss in Pjöngjang etwas entgegenzusetzen. Mitch Shin, ein Mitarbeiter des schwedischen Instituts für internationale Angelegenheiten, sagte, Kims Entscheidungen hätten sogar «direkte Implikationen für die euroatlantische Sicherheit». Kim hatte sich im September 2025 anlässlich einer großen Militärparade in Peking zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Japan mit Xi und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen.
Ausblick auf die Abrüstungsfrage
Offen ist, ob die Reise Fortschritte in der seit langem festgefahrenen Frage der nuklearen Abrüstung bringt. Washington fordert die vollständige Aufgabe des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms; Pjöngjang lehnt dies ab. China hält nach eigenen Angaben nach wie vor offiziell am Ziel einer Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel fest, doch hat Peking nach Einschätzung von Experten Nordkorea als Atommacht wahrscheinlich akzeptiert und wird Pjöngjang nicht zum Verzicht auf das Atomprogramm zwingen, sondern auf Stabilität in der Region drängen.
Das Weiße Haus hatte nach dem Besuch von US-Präsident Donald Trump in Peking vor wenigen Wochen mitgeteilt, beide Seiten hätten das «geteilte Ziel einer Denuklearisierung Nordkoreas» bekräftigt. Zudem soll Trump bei seinem Besuch in Peking eine Nachricht an Kim für Xi mitgegeben haben. Peking hat diese Darstellung bisher nicht bestätigt.
Auch die diplomatischen Signale aus Seoul und Tokio bleiben vorsichtig: Südkoreas Präsident Lee Jae Myung und Japans Regierungschefin Sanae Takaichi haben beide die Bereitschaft geäußert, sich mit Nordkoreas Herrscher zu treffen. In der Vergangenheit haben sich Xi und Kim bereits sechsmal getroffen. Xis jetzige Visite ist nach 2008 und 2019 sein dritter Besuch in Nordkorea insgesamt. Nach chinesischen Angaben erfolgt die Reise auf Einlad Kims.
Die Berichterstattung stützt sich unter anderem auf die chinesische Staatsagentur Xinhua, die Deutsche Presse-Agentur und die Nachrichtenagentur AFP. Ein Bericht wurde am 8. Juni 2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Fragen & Antworten
Warum reist Xi Jinping nach Nordkorea?
Es ist Xis erste Auslandsreise in diesem Jahr und sein erster Besuch in Pjöngjang seit fast sieben Jahren. China will nach Einschätzung von Experten seine traditionelle Stellung als wichtigster Partner Nordkoreas festigen, während sich Pjöngjang zuletzt stärker Russland zugewandt hatte.
Welche Rolle spielt China für Nordkorea?
China ist Nordkoreas einziger formeller Bündnispartner und wichtigster Handelspartner. Der bilaterale Handel erreichte im vergangenen Jahr 2,7 Milliarden US-Dollar; Peking unterstützt das international weitgehend isolierte Land diplomatisch, wirtschaftlich und politisch.
Wie reagiert Nordkorea auf Forderungen nach Abrüstung?
Pjöngjang lehnt eine Aufgabe seines Atomprogramms strikt ab. Kim Yo Jong bezeichnete den Atomwaffenstatus als «unumkehrbare Realität» und «absolut nicht verhandelbar»; Kim Jong Un hatte zuletzt den Ausbau des Atomwaffenarsenals angekündigt.
Xi Jinping in Nordkorea: Staatsbesuch in Pjöngjang 2026 | nachrichten360