Wiener Festwochen: Wagners „Parsifal" als KI-gestützte Meditationsperformance
Wien, 17. Juni 2026
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Kurzfassung
Bei den Wiener Festwochen zeigen Susanne Kennedy und Markus Selg Wagners „Parsifal" als fünfstündige Multimedia-Meditation mit KI-generierten Videos, Avatar-Projektionen und einem internationalen Sängerensemble um Russell Thomas. Die KURIER-Kritik vergibt 2,5 von 5 Sternen und lobt vor allem die musikalischen Leistungen.
Bei den Wiener Festwochen haben Susanne Kennedy und Markus Selg Richard Wagners „Parsifal" als radikale Multimedia-Inszenierung mit KI-generierten Videoinstallationen auf die Bühne der Halle E im MuseumsQuartier gebracht, die am Dienstagabend kurz vor Mitternacht endete.
Die Inszenierung versteht sich laut Abendprogramm als ein „Ritual auf der Suche nach spirituellen Ebenen hinter den Schleiern der digitalen und materiellen Welt", das christliche Motive, Lehren des Buddhismus und Gedanken aus dem Hinduismus miteinander verwebt. Dazu hat Videokünstler und Bühnenbildner Markus Selg die Bühne mit Versatzstücken angefüllt, darunter ein kleines Igluzelt, zwei Bildschirme mit Lagerfeuerbildschirmschonern, Kanister und Teppiche. Auf drei LED-Ebenen – auf dem Portal, im Hintergrund und zentral in der Höhle, die der junge Tor bei seiner Erweckungsreise kaum je verlässt – rauscht ein „Tsunami" KI-generierter Videos.
Im Zentrum der Höhle thront ein aufgeschnittener Iglu, über der Leinwand im MuseumsQuartier wallt ein Wolkenbausch. Ein Wolkenbausch wallt über die Leinwand im Museumsquartier… In deren Zentrum prangt ein aufgeschnittener Iglu. Die (hoffentlich ironisch gemeinte) übergroß auf dem LED-Schirm flatternde weiße Taube war offenbar nicht Friedensangebot genug. Die Kostüme von Andra Dumitrascu fügen sich stilisiert und losgelöst von konkret-historischer oder realistischer Verortung ins Gesamtbild, die Interpretation bleibt dem Publikum überlassen.
Bühne und Video: KI-Kosmos statt Gralsburg
In der Titelrolle sitzt der amerikanische Startenor Russell Thomas den Großteil des Abends auf einem Stein, wenn gerade vom Libretto nicht gefragt, gern auch mit dem Rücken zum Publikum oder als Avatar in Meditationspose schwebend – „Baby-Yoda" Grogu lässt grüßen. Dilettantische Projektionen des Titelhelden in Yoga-Pose wirken wie aus einem 70er-Jahr-Film. Anders als bei der 2022 bei den Festwochen gezeigten Arbeit des deutschen Duos, Philip Glass' „Einstein on the Beach", läuft „Parsifal" also in einem künstlichen Kosmos aus digitalen Landschaften.
Als Gurnemanz, die zentrale Erzählerfigur und wichtigster Wegbegleiter Parsifals, beweist sich Albert Dohmen in seiner Paraderolle. Albert Dohmen lässt seine Aura als wortdeutlicher Gurnemanz spüren. Bariton Kartal Karagedik überzeugt als in Mullbinden gewickelter, erstaunlich lebendiger Amfortas. Kartal Karagedik kraftmeiert als Amfortas. Dshamilja Kaiser präsentiert als erstaunlich unaufgeregt inszenierte Kundry ihren glasklaren Mezzosopran. Die metallene Timbre ihres Mezzosoprans nimmt ein. Kurt Rydl ergänzt als Titurel, und Werner Van Mechelen ist ein ordentlicher Klingsor.
Sängerische Besetzung
Die untypisch weiblich gezeigte Gralsgemeinschaft, immerhin mit Chor und Performerinnen eine ganze Hundertschaft auf der Bühne der Halle E, wird vom Arnold Schoenberg Chor und den Gumpoldskirchner Spatzen gestellt. Der Arnold Schoenberg Chor und die Gumpoldskirchner Spatzen intonieren achtbar. In den großangelegten Chorpassagen des Arnold Schoenberg Chors und der Gumpoldskirchner Spatzen zeigt sich die sängerische Geschlossenheit der Produktion.
Den musikalischen Part übernimmt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung der Taiwanerin Yi-Chen Lin. Die Dirigentin setzt auf transparente Klangfarben, die trotz der alles andere als guten Akustik in der Halle E Wagners Partitur Kontur verleihen. Die Produktion ist als Koproduktion mit der Opera Ballet Vlaanderen entstanden und in den Spielplan der Festwochen eingebettet.
Musikalische Leitung und Chöre
Die fünfstündige Aufführung ist als „tiefgründige Megameditation in der Erlösung" angelegt, die kurz vor Mitternacht endet. Dass sich das Regieteam auch Buhrufe anhören musste, war abzusehen. Das haben viele versäumt, die nicht bis zum 3. Aufzug geblieben sind – denn gerade gegen Ende entschädigt die Inszenierung laut Kritik für manche Länge davor.
Das Publikum – bis auf Einzelplätze bis zum Ende konzentriert ausharrend – spendete dankbaren Applaus mit deutlich größerem Anteil für die musikalischen Leistungen. Die KURIER-Wertung fällt mit 2,5 Sternen (von 5) verhalten aus. Kennedy, im Feuilleton gern als „Theatererneuerin" tituliert, und Selg entziehen sich konsequent traditionellen Erwartungshaltungen und riskieren damit die Polarisierung.
Publikum und KURIER-Wertung
„Parsifal" ist bei den Wiener Festwochen noch am 17., 19. und 22. Juni jeweils um 18.00 Uhr im MuseumsQuartier, Halle E, zu sehen. Wer sich auf Wagners Bühnenweihfestspiel in der ungewöhnlichen Bearbeitung einlässt, erlebt eine konsequent digitale, spirituell aufgeladene Deutung des Erlösungsmythos.
Die Inszenierung reiht sich in eine Reihe experimenteller Festwochen-Produktionen ein, die digitale Medien und rituelle Formen zusammenführen. Ähnlich wie die 2022 bei den Festwochen gezeigte Arbeit des deutschen Duos, Philip Glass' „Einstein on the Beach", läuft „Parsifal" also in einem künstlichen Kosmos aus digitalen Landschaften. Regisseurin Kennedy und ihr Team verstehen Wagner als Gegenwartsanlass, nicht als Denkmal.
Termine und Karten
Die Besetzung vereint internationale Stimmen mit Wiener Klangkörpern: mit Russell Thomas, Albert Dohmen, Kartal Karagedik, Dshamilja Kaiser, Kurt Rydl, Werner Van Mechelen und den Chören tritt ein Ensemble an, das den Abend trägt, auch wenn die Inszenierung nicht alle überzeugt. Die Mischung aus prominenter Starbesetzung und Wiener Stammformationen ist ein Markenzeichen der Festwochen-Programme.
Die Videokulisse aus KI-generierten Bildern wirkt in manchen Momenten überwältigend, in anderen beliebig, wie aus einem 70er-Jahr-Film. Selgs Bildwelt bleibt rätselhaft, verweigert sich dem konventionellen Wagner-Bild und zwingt das Publikum zur aktiven Deutung. Die Produktion folgt damit einer Logik, die seit Jahren im Festwochen-Programm verfolgt wird.
Konzept: Wagner als digitales Ritual
Am Ende steht eine „Megameditation in der Erlösung", die Wagner-Fans und Technologie-Skeptiker gleichermaßen herausfordert. Mit der halben Sternwertung im KURIER bleibt die Produktion ein Wagnis: künstlerisch ambitioniert, musikalisch überzeugend, konzeptionell umstritten – und in jedem Fall ein Gesprächsstoff für die kommenden Festwochen-Spielzeiten.
Die Inszenierung versteht sich als radikale Gegenwartslektüre Wagners: christliche Motive, buddhistische Lehren und hinduistische Gedanken verschmelzen zu einem intermedialen Ritual. Selgs KI-generierter Videostrom, Kennedys zurückgenommene Personenregie und die leise Bühnenwelt aus Iglu, Kanistern und Lagerfeuer-Bildschirmschonern schaffen eine Atmosphäre, die zwischen Andacht und digitaler Sättigung oszilliert.
Fragen & Antworten
Wer singt den Parsifal bei den Wiener Festwochen 2026?
Den Parsifal singt der amerikanische Startenor Russell Thomas, der die Rolle in der Inszenierung von Susanne Kennedy und Markus Selg übernimmt und dabei die meiste Zeit reglos auf einem Stein sitzt oder als Avatar in Meditationspose schwebt.
Was unterscheidet diese Parsifal-Inszenierung von klassischen Wagner-Produktionen?
Die Inszenierung arbeitet mit KI-generierten Videoprojektionen, einer ungewöhnlich weiblich besetzten Gralsgemeinschaft und einer Multimedia-Bühne in der Halle E des MuseumsQuartiers; Regisseurin Kennedy wird im Feuilleton als „Theatererneuerin" bezeichnet.
Wie hat die KURIER-Kritik die Produktion bewertet?
Die KURIER-Kritik vergibt 2,5 von 5 Sternen, lobt die musikalischen Leistungen um das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Yi-Chen Lin und vermerkt, dass sich das Regieteam Buhrufe gefallen lassen musste.
Wiener Festwochen: KI-Parsifal 2026 – Kritik & Besetzung | nachrichten360