Welt-Aids-Konferenz Rio: Ärzte ohne Grenzen fordert günstigeres Lenacapavir
Rio de Janeiro, 26 Juli 2026
Dzinamarira, T.; Almehmadi, M.; Alsaiari, A.A.; Allahyani, M.; Aljuaid, A.; Alsharif, A.; Khan, A.; Kamal, M.; Rabaan, A.A.; Alfaraj, A.H / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Zum Auftakt der Welt-Aids-Konferenz in Rio de Janeiro hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen einen deutlich günstigeren Preis für das HIV-Schutzmedikament Lenacapavir verlangt. Die Hilfsorganisation kritisierte zugleich den Rückgang internationaler Gesundheitsfinanzierung, der die Bekämpfung von HIV und AIDS gefährde.
Rio de Janeiro, 26 Juli 2026
Zum Auftakt der Welt-Aids-Konferenz in Rio de Janeiro hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen einen Preis von rund 40 US-Dollar pro Person und Jahr für das HIV-Schutzmedikament Lenacapavir gefordert und dessen breite Produktion als Generikum verlangt.
Die Welt-Aids-Konferenz, die nach Angaben der Veranstalter als das größte und wichtigste Forum zu HIV und AIDS gilt, findet vom 26. bis 31. Juli in Rio de Janeiro statt. Sie bringt Wissenschaftler, Politiker, Unternehmen, Aktivisten und Vertreterinnen und Vertreter der Betroffenen zusammen, um über die Zukunft der globalen HIV-Bekämpfung zu beraten. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen nutzte die Eröffnung, um auf die ihrer Meinung nach untragbaren Preisstrukturen bei modernen HIV-Medikamenten aufmerksam zu machen.
Im Mittelpunkt der Kritik steht der Wirkstoff Lenacapavir. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen verlangt das US-Pharmaunternehmen Gilead derzeit rund 28.000 US-Dollar für eine Jahresdosis, bestehend aus zwei Injektionen. Melissa Scharwey, Global-Health-Expertin bei Ärzte ohne Grenzen, sagte dazu wörtlich: „Niemand sollte von der HIV-Prävention ausgeschlossen werden, nur weil ein Medikament künstlich teuer gehalten wird." Die Organisation bezeichnete einen solchen Preis für die Gesundheitssysteme einkommensschwacher und mittlerer Länder als nicht finanzierbar.
Forderung nach Generika und niedrigerem Preis
Ärzte ohne Grenzen fordert einen Preis von etwa 40 US-Dollar pro Person und Jahr sowie die breite Herstellung günstigerer generischer Versionen. Hintergrund ist, dass Lenacapavir, das 2025 auf den Markt kam, eine neue Substanzklasse darstellt und auch gegen HI-Viren wirkt, die gegen herkömmliche Mittel resistent geworden sind. Für die HIV-Prävention genügen zwei Injektionen pro Jahr, was das Mittel besonders für Menschen interessant macht, denen eine tägliche Tabletteneinnahme schwerfällt – etwa in Konfliktgebieten, Flüchtlingslagern oder abgelegenen ländlichen Regionen.
Stefan Esser, HIV-Forscher am Universitätsklinikum Essen, betonte die Bedeutung derartiger Präparate: „Das ist eine neue Substanzklasse, und die ist vor allem für Menschen, die Probleme mit der täglichen Einnahme haben, ein Riesenvorteil." Allerdings ist Lenacapavir in Deutschland bislang nicht erhältlich. Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe erklärte dazu, der Hersteller Gilead habe sich „dafür entschieden“, das Präparat nicht auf den deutschen Markt zu bringen, weil es nicht genug Gewinn verspreche. Wicht bezeichnete die Lage als „absurd“: „Wir befinden uns in einer aberwitzigen Situation, haben AIDS fast besiegt, haben alles, was man dafür braucht“ – und müssten dennoch politische und finanzielle Rückschritte hinnehmen.
Globale Infektionszahlen und neue Dynamik
Die Sorge vor einem solchen Rückschritt prägt auch den weiteren Verlauf der Konferenz. Nach Angaben des Aktionsbündnisses gegen Aids infizieren sich weltweit jährlich etwa 1,2 Millionen Menschen neu mit HIV; rund 570.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen von AIDS. Erstmals entfallen mehr als die Hälfte der Neuinfektionen auf Regionen außerhalb des subsaharischen Afrikas. Insgesamt ist die Zahl der neuen HIV-Infektionen weltweit seit 2010 zwar um rund 43 Prozent zurückgegangen, doch die Dynamik hat sich nach Beobachtung des Aktionsbündnisses gegen Aids zuletzt umgekehrt: Aktuell stecken sich demnach wieder etwa 1,3 Millionen Menschen pro Jahr neu an, die Zahlen steigen also wieder.
Auch in Deutschland zeigt die Kurve nach oben. Das Robert Koch-Institut verzeichnet nach Jahren des Rückgangs einen Anstieg der HIV-Infektionen um etwa acht Prozent; pro Jahr infizieren sich hierzulande rund 2.300 Menschen neu mit dem Virus. Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe warnte vor einem schleichenden Abbau der Versorgungsstrukturen: „Wir erleben gerade, auf kommunaler Ebene und Landesebene, dass viele Angebote gekürzt werden oder von Kürzung bedroht sind – das ist Gift und gefährdet die bisherigen Erfolge im Kampf gegen HIV."
Finanzierung unter Druck
International wachsen die Sorgen ebenfalls. Wichtige Geberländer wie die USA und Deutschland haben ihre Unterstützung für internationale Gesundheitsprojekte nach Informationen der Hilfsorganisationen um nahezu ein Viertel reduziert. Auch das UN-Programm UNAIDS sei finanziell und personell so stark ausgedünnt worden, dass HIV-Programme erheblich betroffen seien. Die Vereinten Nationen, internationale Forschende und die Deutsche Aidshilfe sehen die HIV-Bekämpfung nach eigenem Bekunden an einem „worrying turning point“ – einem besorgniserregenden Wendepunkt.
Dass der Preis von 28.000 US-Dollar laut Ärzte ohne Grenzen nicht für die vorbeugende Anwendung, sondern für die Behandlung bereits infizierter Menschen in den USA gilt, relativiert die Diskussion etwas – ändert aber nichts an der grundsätzlichen Forderung nach deutlich niedrigeren Preisen und einem weltweit besseren Zugang. Für die Prävention hat das Präparat nach Einschätzung von Expertinnen und Experten enormes Potenzial, weil die zweimal jährliche Injektion die Therapietreue deutlich erhöhen könnte.
Forschung zu Antikörpern und Killerzellen
Parallel zur Konferenz wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht. So erschien im Fachjournal The Lancet eine Studie zu Antikörpern, die HIV kontrollieren könnten. Am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg erforscht das Team um Angelique Hölzemer die Rolle natürlicher Killerzellen auf dem Weg zu einer Heilung. Hölzemer erläuterte die besondere Hartnäckigkeit des Virus: „Es schlummert weiterhin in den Zellen, in der DNA. Das Virus ist nur unterdrückt. Das heißt, Menschen, die eine HIV-Therapie erhalten, haben eine ganz normale Lebenserwartung, aber sobald diese Therapie gestoppt wird, kann das Virus wieder aktiv werden." Außerdem wies sie darauf hin, dass nach wenigen Wochen oder Monaten „Tausende von unterschiedlichen Mutationen des Virus in einem Menschen enthalten“ seien.
Die bisher einzigen dokumentierten Heilungen gelangen Menschen, die zugleich an Blutkrebs erkrankt waren und eine risikoreiche Stammzelltransplantation erhielten, die zugleich ihre HIV-Infektion überwand. Stefan Esser betonte, dass eine solche Transplantation wegen ihrer Risiken „keine Heilungschance für alle“ sei. „In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind die Medikamente immer effektiver geworden“, sagte er mit Blick auf die Therapien – sie seien verträglicher und einfacher einzunehmen. Heute reiche oft eine einzige Tablette pro Tag, die alle nötigen Wirkstoffe enthalte. HIV-Medikamente könnten zudem als Präexpositionsprophylaxe (PrEP) oder als Therapie bei Infizierten eingesetzt werden; bei erfolgreich behandelten Infizierten sei das Virus nicht mehr übertragbar.
Marktzugang in Deutschland
Trotz dieser Fortschritte bleibt der Zugang das Kernproblem. Wicht beklagte, es sei „schon ein bisschen seltsam“, dass „ein derart hochwirksames Medikament in Deutschland nicht verfügbar ist“. Er verwies auf den Widerspruch zwischen medizinischen Möglichkeiten und wirtschaftlichen Entscheidungen. Die Deutsche Aidshilfe fordert, dass politisch gegengesteuert wird, damit die in den vergangenen Jahrzehnten erkämpften Erfolge nicht zunichtegemacht werden. In den 1980er Jahren galt AIDS als unausweichliches Todesurteil; heute stehen Medikamente zur Verfügung, die das Virus wirksam unterdrücken.
Die Konferenz in Rio wird diese Spannungsfelder in den kommenden Tagen weiter verhandeln: zwischen Forderungen nach niedrigeren Preisen und Generika-Produktion, zwischen schrumpfender internationaler Finanzierung und steigenden Infektionszahlen, zwischen neuen wissenschaftlichen Ansätzen und dem politischen Willen, sie tatsächlich allen Betroffenen zugänglich zu machen. Ärzte ohne Grenzen will seine Forderungen während der gesamten Konferenzwoche wiederholen, um den Druck auf Hersteller und Regierungen aufrechtzuerhalten.
Fragen & Antworten
Was fordert Ärzte ohne Grenzen konkret zu Lenacapavir?
Die Organisation verlangt einen Preis von etwa 40 US-Dollar pro Person und Jahr sowie die breite Produktion günstigerer generischer Versionen des HIV-Schutzmedikaments.
Warum ist Lenacapavir in Deutschland nicht erhältlich?
Nach Angaben der Deutschen Aidshilfe hat sich der Hersteller Gilead gegen eine Markteinführung in Deutschland entschieden, weil das Geschäft nicht genug Gewinn verspricht.
Wie hat sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen zuletzt entwickelt?
Weltweit steigen die Neuinfektionen seit Kurzem wieder auf rund 1,3 Millionen pro Jahr, in Deutschland verzeichnet das Robert Koch-Institut einen Anstieg um etwa acht Prozent.
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