Präzisionsmedizin: Zwischen Selbstvermessung und maßgeschneiderten Therapien
Berlin, 17 Juli 2026
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Kurzfassung
Präzisionsmedizin verspricht individuelle Diagnosen und Therapien statt pauschaler Behandlungen. Forschende wie Michael Snyder, Stefan Fröhling und Michael Roden zeigen Chancen und Grenzen des Konzepts auf. Noch fehlt für viele Anwendungen die solide Studienevidenz.
Berlin, 17 Juli 2026
Die Präzisionsmedizin will Diagnostik und Therapie an das biologische Profil jedes einzelnen Patienten anpassen, doch zwischen visionären Datenmengen und belastbaren Behandlungsfortschritten klafft vielerorts noch eine Lücke.
Was Präzisionsmedizin bedeutet
Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms zu Beginn des Jahrtausends hat die Medizin eine Fülle neuer Datenquellen erschlossen, von Gen- über Protein- bis hin zu Stoffwechselanalysen. Aus dieser Flut speist sich der Anspruch der Präzisionsmedizin, auch personalisierte oder individualisierte Medizin genannt, Krankheiten nicht mehr nach groben Kategorien, sondern nach den molekularen Eigenheiten jedes Patienten zu behandeln. Die Grenzen zu verwandten Begriffen wie Molekularmedizin oder zielgerichteter Therapie sind dabei fließend.
Dass die Begeisterung für individualisierte Ansätze kein neues Phänomen ist, betont die Forschungslage. Schon in den 1990er-Jahren verfolgten einzelne Forschende entsprechende Ideen, bevor die technischen Möglichkeiten reiften. Im Jahr 2015 startete der damalige US-Präsident Barack Obama eine Precision Medicine Initiative, die das Feld mit erheblichen Fördermitteln weiter beschleunigte.
In der Onkologie hat der Ansatz bereits sichtbare Spuren hinterlassen. Lange galt Krebs vor allem als Organerkrankung: Dickdarm-, Lungen- oder Prostatakrebs wurden nach ihrem Ursprungsort benannt und einheitlich mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie behandelt. Schon im 20. Jahrhundert begann eine feinere Einteilung, etwa als mikroskopische Schnitte kleinzelligen von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs und Hodgkin- von Non-Hodgkin-Lymphomen trennten. Zellbiologische Methoden erlaubten später, Brustkrebsformen zu unterscheiden, deren Wachstum durch das Hormon Östrogen angetrieben wird.
Krebs: vom Organbefund zum molekularen Profil
Heute sind nach Angaben aus der Onkologie mehr als ein Dutzend Varianten von Lungenkrebs bekannt, die sich anhand bestimmter Treibermutationen unterscheiden lassen, also genetischer Veränderungen, die gesunde Zellen in Krebszellen verwandeln. Stefan Fröhling, Leiter der Abteilung Translationale Medizinische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, sieht in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Fortschritte in Diagnostik und Therapie, insbesondere durch genetische Methoden. „Je nachdem, was das biologische Profiling der Erkrankung ergibt, kann man seine Medikamente auswählen und geht nicht mehr mit einer One-size-fits-all-Chemotherapie zu Werke“, sagt Fröhling.
Auch bei Stoffwechselerkrankungen wächst die Differenzierung. Diabetes, klassischerweise nur in Typ 1 und Typ 2 eingeteilt, lässt sich nach neuen Auswertungen anhand von Kombinationen aus Diabetesgenen und klinischen Symptomen in fünf Untertypen gliedern. Michael Roden, der am Deutschen Diabetes-Zentrum der Universität Düsseldorf forscht, sieht darin eine Chance, die Therapie besser zuzuschneiden. Gleichzeitig warnt er: „Da ist die Evidenz leider noch ganz schön schlecht“, wenn es darum geht, wie die Behandlung der einzelnen Subtypen konkret aussehen sollte. Heute seien mehr als 100 unterschiedliche Diabetesgene bekannt, die jedes für sich nur einen kleinen Teil des individuellen Risikos erklärten.
Diabetes und Mukoviszidose: Gene als Wegweiser
Bei monogenen Erkrankungen ist der genetische Hebel direkter. Mukoviszidose etwa entsteht durch einen Defekt im CFTR-Gen, der zähen Schleim produziert und vor allem Lungen sowie Darm schädigt. Rund 2.000 verschiedene Mutationen im CFTR-Gen sind bekannt und werden in sechs Klassen eingeteilt, die jeweils unterschiedliche Therapien erfordern. Auch Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten werden durch Lebensstil und komplexere genetische Muster geprägt, was die einfache Übersetzung genetischer Befunde in Therapien erschwert.
Ein radikales Beispiel für die Selbstvermessung liefert Michael Snyder, Leiter des Center for Genetics and Precision Medicine an der Stanford University nahe San Francisco. Snyder, der nach den vorliegenden Angaben 71 Jahre alt ist, lässt seit mehr als 15 Jahren im Halbjahres-Rhythmus Ganzkörper-MRT-Aufnahmen machen und gibt regelmäßig Blut-, Stuhl- und Urinproben ab. Per Multi-Omics-Analyse überwacht er gleichzeitig sein Genom, Transkriptom, Proteom, Metabolom und Mikrobiom, zusammengefasst als „Snyderom“. Zur kontinuierlichen Erfassung trägt Snyder vier Smartwatches und zwei Smart-Ringe, die seine Körperfunktionen aufzeichnen.
Selbstvermessung am eigenen Körper
Snyder zieht aus seinen Daten ein grundsätzliches Urteil: „Die moderne Medizin ist kaputt“. Ärztinnen und Ärzte würden oft nur wenige Blutwerte prüfen und Therapien auf Bevölkerungsdurchschnitte stützen. „Sie versuchen dieses und jenes und schauen, was hängen bleibt“, kritisiert er das übliche Vorgehen. Sein Gegenentwurf: „Dabei sind wir alle Individuen. Wir reagieren unterschiedlich auf Medikamente, Umwelteinflüsse und Krankheitserreger.“, so Snyder.
In Heidelberg sieht Fröhling trotz aller Skepsis das Potenzial, in Zukunft sehr viel gezielter zu behandeln, allerdings auf Basis solider klinischer Studien. Die personalisierte Onkologie, so seine Einschätzung, könne dann einen Teil der Belastungen durch Standardchemotherapien vermeiden. Roden betont für den Diabetes-Bereich, dass der Schritt von der genetischen Differenzierung zur belastbaren Therapieempfehlung noch aussteht, da aussagekräftige Studien fehlen.
Auch in der Adipositas-Therapie hält der Trend zur Individualisierung Einzug. Katharina Timper, Direktorin der Klinischen Ernährungsmedizin am TUM Klinikum Rechts der Isar, formuliert das Ziel klar: „Individuelle Adipositas-Therapie ist die Zukunft.“, sagt Timper. Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) spricht nach den vorliegenden Informationen von mehr als 70 weiteren Adipositas-Medikamenten, die derzeit weltweit erforscht werden.
Bei der Gewichtsabnahme haben sich in den vergangenen Jahren GLP-1-Präparate wie Semaglutid hervorgetan, die das Darmhormon „Glucagon-like Peptide-1“ nachahmen, das Hunger und Appetit dämpft sowie das Sättigungsgefühl verstärkt. Semaglutid als Wirkstoff liegt in der EU-Kommission in Tablettenform zugelassen als Wegovy vor und ist damit in Europa die erste orale Therapie mit diesem Wirkstoff zur Gewichtskontrolle. In klinischen Studien reduzierten Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht unter oralem Semaglutid nach 64 Wochen im Schnitt ihr Gewicht um etwa 14 Prozent, sofern sie gleichzeitig eine kalorienreduzierte Diät einhielten und sich mehr bewegten. Die Wegovy-Spritze erreichte über 72 Wochen je nach Studie eine Gewichtsreduktion von bis zu 19 Prozent.
Adipositas: Tablette statt Spritze
Der Spritzen-Wirkstoff wird einmal wöchentlich verabreicht, der Zeitpunkt relativ zu den Mahlzeiten spielt keine Rolle. Die Tablette muss dagegen täglich nach genauen Regeln eingenommen werden, nüchtern am Morgen, mit wenig Wasser, danach mindestens 30 Minuten nichts essen, nichts trinken und keine anderen Medikamente einnehmen. Der Grund: Wird Semaglutid ungeschützt geschluckt, bauen Magensäure und Enzyme den Wirkstoff ab und machen ihn unwirksam. Deshalb enthält die Tablette einen speziellen Hilfsstoff, der Säure puffert, den enzymatischen Abbau verringert und die Aufnahme durch die Magenschleimhaut erleichtert.
Im April 2026 wurde in den USA Orforglipron unter dem Handelsnamen Foundayo zugelassen, eine GLP-1-Tablette mit anderer chemischer Struktur, bei der keine strengen Einnahmeregeln zu beachten sind. Jens Aberle, Endokrinologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der selbst an der Studie zu Orforglipron mitgewirkt hat, weist darauf hin, dass 90 Prozent der Befragten Medikamente lieber als Tablette einnehmen würden statt als Spritze. Eine Injektion mit dem Wirkstoff Retatrutide, die an drei Hormonrezeptoren gleichzeitig wirkt, erreichte nach Angaben des Herstellers in der höchsten Dosierung im Schnitt über 30 Prozent Gewichtsverlust nach zwei Jahren. Mit einer Zulassung wird 2027 gerechnet.
Wegovy in Tablettenform ist ausschließlich für Erwachsene zugelassen, die Spritze bereits ab zwölf Jahren. Indiziert ist das Medikament ab einem Body-Mass-Index von 30, also bei Adipositas, oder ab einem BMI von 27, wenn gewichtsbedingte Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 oder Schlafapnoe vorliegen. Häufige Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung oder Erbrechen. Seltener können Gallenprobleme oder eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse auftreten. Aberle warnt zugleich, dass die Anwendung dieser Substanzen, ob Tablette oder Spritze, immer medizinisch indiziert sein und ärztlich begleitet werden müsse. Wegovy bleibe auch in Tablettenform ein verschreibungspflichtiges Medikament für eine chronische Erkrankung und kein schneller Trick, um ein paar Kilos loszuwerden.
Dass Daten allein noch keine Therapie sind, gilt auch für ein weiteres Beispiel aus den Fakten: Archäologie und Medizin treffen sich im altägyptischen Dahshur. Ein Forschungsteam um die Bioarchäologin Zeinab Hashesh von der Universität Beni Suef untersuchte die sterblichen Überreste von sechs Mitgliedern der königlichen Familie, die ungefähr zwischen 1850 und 1700 v. Chr. lebten, darunter vier königliche Schwestern, eine weitere Prinzessin und ein König. Die Mumien galten lange als verschollen, bis sie im Jahr 2020 im Keller des Ägyptischen Museums in Kairo wiederentdeckt wurden. Die Studie wurde im Fachjournal Frontiers in Environmental Archaeology veröffentlicht.
Die Analyse offenbarte ein hartes Leben: Anzeichen von Infektionen und Mangelernährung, fünf der sechs Personen mit verschiedenen Fehlbildungen der Wirbelsäule. Bei Prinzessin Ita etwa diagnostizierten die Forschenden eine Spina bifida occulta im Kreuzbeinbereich. Die Forschergruppe interpretiert die Häufung von Entwicklungsstörungen als möglichen Hinweis auf nahe Verwandtschaft der Eltern. Ita starb vermutlich im Alter zwischen 28 und 34 Jahren, ihre Schwester Khenmet Ende 30 oder mit 40, die jüngere Itaweret zwischen 20 und 34. Weitere Tests wie Isotopenanalysen sind geplant, um präzisere Aussagen über die Mangelernährung der Betroffenen zuzulassen.
Blick zurück: Krankheit und Gesundheit im alten Ägypten
Die Funde werfen auch ein neues Licht auf die Rolle der Frauen am Hof. Prinzessin Itas Sarkophag enthielt Schmuck, aber auch eine Keule, eine Peitsche und einen verzierten Dolch mit Gold, Karneol und Lapislazuli. Bei Ita fanden sich zudem ausgeprägte Muskelansatzstellen am Oberkörper, die auf regelmäßigen Gebrauch von Waffen wie Keulen oder Dolchen hinweisen. Waffen seien eine ungewöhnliche Beigabe in Frauengräbern und selbst bei Königinnen würden sie üblicherweise als Machtsymbole gedeutet, nicht als tatsächliche Waffen. Das Skelett der jüngeren Prinzessin Itaweret zeigt zudem, dass sie eine geübte Bogenschützin war, vergleichbar mit König Hor I und Prinzessin Noub-Hotep, die beide mit Pfeil und Bogen bestattet wurden. Itaweret überlebte gebrochene Rippen und Fußknochen, deren gut verheilte Verletzungen höchstwahrscheinlich durch Unfälle, Stürze, harte Schläge oder andere Stöße verursacht wurden, die mit einem aktiven Lebensstil zusammenhingen, sei es durch Jagd, militärische Ausbildung oder andere anstrengende Aktivitäten.
Archäologe Jacques de Morgan hatte den unversehrten Sarkophag von Prinzessin Ita bereits 1894 in einer unterirdischen Grabkammer in Dahshur entdeckt. Die Schädel der Prinzessinnen waren Anfang des 20. Jahrhunderts in das Anatomische Museum der Medizinschule in Kairo verbracht worden und galten anschließend als verschollen. Itaweret wurde neben einer unbekannten Frau namens Sathathormeryt bestattet, deren Sarkophag und Grabbeigaben keinen Hinweis auf ihre Titel gaben, die aber ebenfalls zur königlichen Familie gehört haben könnte. Von Sathathormeryt sind nur noch wenige Knochen erhalten, Becken und Oberschenkel fehlen weitgehend.
Die Nekropole von Dahshur mit ihren Pyramiden der 12. Dynastie aus dem Mittleren Reich ist stark von Erosion und Steinraub gezeichnet. Die „Schwarze Pyramide“ von Amenemhat III. hat ihre Kalksteinverkleidung über rund 3.800 Jahre weitgehend verloren, die „Weiße Pyramide“ von Pharao Amenemhat II. wurde überwiegend als Baumaterial recycelt. König Hor I. ist für eine eindrucksvolle Holzstatue bekannt, die in seinem Grab gefunden wurde und im Ägyptischen Museum ausgestellt ist. „Wir wollen versuchen, ihre gesamten Lebensgeschichten, ihre Familien, ihre Gesundheit und sogar ihre politischen Rollen so detailliert wie möglich nachzuzeichnen“, fasst Hashesh das Ziel des Projekts zusammen.
So unterschiedlich die Felder auch sein mögen, der gemeinsame Nenner bleibt: Mehr Daten allein sind noch keine bessere Medizin. Ob individualisierte Onkologie, genetisch differenzierter Diabetes oder maßgeschneiderte Adipositas-Therapie, der Weg führt nur über belastbare Studien und klinische Evidenz, die den Anspruch der Präzisionsmedizin im Alltag der Patientinnen und Patienten einlöst. Snyder treibt diese Entwicklung mit seinem „Snyderom“ konsequent voran, Roden mahnt zur Geduld, Fröhling sieht die Onkologie bereits mitten im Umbruch. In Adipositas- und Stoffwechselmedizin zeichnet sich mit GLP-1-Tabletten, neuen Wirkstoffen und individualisierten Konzepten eine neue Behandlungsära ab, deren Wirksamkeit und Sicherheit erst noch in breiter Praxis unter Beweis gestellt werden muss.
Fragen & Antworten
Was unterscheidet Präzisionsmedizin von klassischer Medizin?
Präzisionsmedizin, auch personalisierte oder individualisierte Medizin genannt, berücksichtigt molekulare Profile wie Gene, Proteine oder Stoffwechsel, statt alle Patienten mit derselben Therapie zu behandeln. Übergänge zur Molekularmedizin und zu zielgerichteten Therapien sind dabei fließend.
Welche Fortschritte hat die Präzisionsmedizin in der Onkologie bereits gebracht?
In der Onkologie werden nach Angaben aus Heidelberg mehr als ein Dutzend Varianten von Lungenkrebs anhand von Treibermutationen unterschieden, sodass Medikamente gezielter als nach dem One-size-fits-all-Prinzip ausgewählt werden können. Fröhling sieht darin einen klaren Fortschritt gegenüber reinen Standardchemotherapien.
Warum ist die Evidenz bei den neuen Diabetes-Untertypen noch gering?
Michael Roden vom Deutschen Diabetes-Zentrum verweist darauf, dass mehr als 100 Diabetesgene bekannt sind, aber jedes nur einen kleinen Teil des individuellen Risikos erklärt. Für die fünf vorgeschlagenen Subtypen fehle bisher die belastbare Studienlage, wie die Behandlung jeweils angepasst werden sollte.
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