Waldbrände in Südeuropa: Hunderttausende evakuiert, neue Hitzewelle erwartet
Bordeaux/Madrid, 28. Juli 2026
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Kurzfassung
Seit Mittwoch wurden in der Ferienregion an der französischen Atlantikküste mehr als 220.000 Menschen in Sicherheit gebracht, darunter viele Touristen. In Spanien zerstörten die Flammen rund 80.000 Hektar Wald, während Frankreich seine vierte Hitzewelle des Jahres erwartet.
Bordeaux/Madrid, 28. Juli 2026
Seit Mittwoch sind bei den verheerenden Waldbränden in Südwesteuropa mehr als 220.000 Menschen an der französischen Atlantikküste in Sicherheit gebracht worden, während in Spanien, Portugal und Frankreich eine neue Hitzewelle die Lage weiter verschärft.
Seit dem vergangenen Mittwoch wüten in Südwesteuropa schwere Waldbrände, die besonders die französische Atlantikküste, weite Teile Spaniens und mehrere Regionen Portugals betreffen. Allein in der Ferienregion an der französischen Atlantikküste wurden nach Behördenangaben mehr als 220.000 Menschen evakuiert, darunter viele Touristinnen und Touristen. Das größte Feuer im Raum Bordeaux hat nach Angaben der Präfektur bereits rund 42.000 Hektar Wald und Buschland vernichtet – eine Fläche von etwa 420 Quadratkilometern, die damit größer ist als die Stadt Köln.
Besonders betroffen waren weiterhin die Provinz Avila westlich von Madrid und die benachbarten Regionen Madrid und Toledo, wo die Brände zusammen knapp 80.000 Hektar Wald- und Buschland zerstört haben. Das Feuer in Ávila ist nach vorläufigen amtlichen Schätzungen mit knapp 50.000 Hektar das größte der jüngeren Geschichte Spaniens seit Beginn der Erfassungen im Jahr 1968, fast die Fläche des Bodensees.
Ausmaß der Zerstörung
Im Badeort Lacanau in der Gironde wurde am Dienstag eine neue Evakuierungsaufforderung herausgeben, rund 4.000 Touristinnen und Touristen waren betroffen. Auch Sport- und Kulturveranstaltungen wurden im gesamten Departement vorläufig untersagt. Die Regionalregierung setzte zudem den Betrieb von Ferienlagern und Pfadfinderlagern sowie von behindertengerechten Aufenthalten aus.
In der Region um Bordeaux kämpfen nach offiziellen Angaben rund 2.500 Feuerwehrleute aus ganz Frankreich und einigen anderen europäischen Ländern, 18 Löschflugzeuge, 1.500 Soldaten sowie 1.440 Polizeikräfte gegen die Flammen. Die Feuerwehr rodete an zahlreichen Stellen Schneisen in den Wald; laut Präfektur erstreckten sich diese taktischen Schneisen bereits über eine Länge von mehr als 103 Kilometern.
Einsatzkräfte und internationale Hilfe
Am Montagabend besuchte der französische Präsident Emmanuel Macron die Einsatzleitung in Bordeaux und erklärte, der größere der beiden Brände bereite den Einsatzkräften weiterhin Schwierigkeiten, während der flächenmäßig kleinere Brand unter Kontrolle sei. «Wir werden diesen Kampf zum Schutz der Bevölkerung gewinnen», sagte Macron und lobte «die bemerkenswerte Arbeit zum Schutz der Zivilbevölkerung».
Französische Innenminister Laurent Nuñez erklärte, der Waldbrand bei Bordeaux sei stabilisiert, aber noch nicht unter Kontrolle. Regierungssprecherin Maud Bregeon hatte am Montagmorgen gesagt: «Wir bitten die Französinnen und Franzosen eindringlich, sich nicht in die Gironde zu begeben, solange das Feuer noch nicht unter Kontrolle ist».
Unterstützung ist nicht nur aus weiten Teilen Frankreichs, sondern auch aus dem Ausland eingetroffen. Die deutsche Bundeswehr entsandte nach einer Anfrage der französischen Behörden zwei Transporthelikopter und ein Transportflugzeug vom Typ A400M mit Material in die Krisenregion; der Einsatz ist nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin zunächst auf fünf Tage befristet. Die Schweiz schickte bereits am Samstag 34 Feuerwehrleute mit Löschfahrzeugen von Genf nach Bordeaux und kündigte für Dienstagmorgen drei Armeehelikopter vom Typ Super Puma zur Brandbekämpfung auf die Insel Korsika an. Frankreichs Präsident Macron dankte zudem der Türkei für das Entsenden von zwei Löschflugzeugen.
Auch aus Sachsen-Anhalt sollen zwei Löschflugzeuge zur Unterstützung in die Region Bordeaux fliegen. Dabei handelt es sich um die im Landkreis Harz stationierte «Hexe 1» sowie eine baugleiche Maschine, die zunächst aus dem polnischen Mielec nach Ballenstedt überführt wird. Nach EU-Angaben sind aus Österreich derzeit keine Flugzeuge oder Teams im Einsatz.
In Spanien sind die Behörden seit Tagen im Kampf gegen mehrere Großbrände. Die spanische Regierung werde «bis zur letzten Flamme» alle verfügbaren Mittel einsetzen, hieß es aus Madrid. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska sagte am Dienstag über die Waldbrände westlich von Madrid: «Heute können wir etwas beruhigter sein, insbesondere angesichts der Wetterbedingungen, die uns in den kommenden Stunden erwarten. Dennoch befanden sich die Arbeiten zur Brandbekämpfung in einer kritischen Phase». Dank des enormen Einsatzes der Helfer konnten Fortschritte bei der Bekämpfung des Feuers erzielt werden, erklärte Grande-Marlaska weiter. Die Nacht sei positiv verlaufen, sagte Spaniens Innenminister am Dienstag über die Waldbrände westlich von Madrid.
Lage in Spanien
Die von den Bränden betroffenen Gebiete seien nun zu Katastrophenzonen erklärt worden, wodurch erste Hilfen anliefen. Insgesamt wüteten in Spanien am Dienstag acht größere Waldbrände. Das Innenministerium in Madrid gab aber eine Lockerung der Schutzmaßnahmen bekannt: Die Bewohner von 13 Ortschaften dürfen demnach schon am Dienstagabend in ihre Häuser zurückkehren; zudem seien für vier weitere Ortschaften die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben worden. Davon profitieren insgesamt etwa 34.000 Menschen in Madrid und Ávila.
Auch in der Provinz Castellón im Osten des Landes brennt es weiter. Im Gebiet Vall d'Uixó erfassten die Flammen bisher rund 8.500 Hektar. Dort waren insgesamt rund 16.000 Menschen evakuiert worden, aber rund 6.000 konnten aufgrund der Entspannung der Lage am Montag in ihre Häuser zurückkehren.
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte nach einem Krisenausschuss in Madrid: «Wir sehen Licht am Ende des Tunnels». Zugleich erneuerte er seinen Appell für einen parteiübergreifenden Klimapakt. Die Leugnung des vom Menschen verursachten Klimawandels sei «der schlimmste Brennstoff» im Kampf gegen Brände und Klimakrise, warnte Sánchez vor Journalisten. Die Präsidentin der Region Madrid, Isabel Díaz Ayuso, erklärte, die Lage bei den Waldbränden bessere sich allmählich und die Planung für die sichere Rückkehr der Bewohner in mehrere Gemeinden könne beginnen.
EU-Kommissarin Hadja Lahbib kündigte zusätzliche Flugzeuge zur Brandbekämpfung in Spanien an: «Derzeit sind neun Luftfahrzeuge vor Ort im Einsatz, und morgen werden es elf sein – bereitgestellt aus unserer europäischen strategischen Reserve». Die EU hatte am Montag erklärt, weitere Flugzeuge zur Brandbekämpfung nach Spanien zu schicken. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steht nach Angaben der Bundesregierung sowohl mit dem französischen Präsidenten Macron als auch mit dem spanischen Ministerpräsidenten Sánchez in Kontakt.
Neue Hitzewelle verschärft die Situation
In Portugal brennen unterdessen mehrere große Waldbrände bei Braga und Bragança im Norden sowie bei Santarém im Zentrum des Landes. Insgesamt waren am Dienstagvormittag im ganzen Land 34 Waldbrände aktiv, die aber alle deutlich kleiner als im iberischen Nachbarland sind. Sie wurden insgesamt von gut 1.000 Einsatzkräften bekämpft, wie die Behörden mitteilten. Die portugiesische Wetterdienst warnte vor fast im gesamten Land maximaler oder sehr hoher Waldbrandgefahr.
Der spanische Wetterdienst Aemet hat für Mittwoch den Beginn der vierten Hitzewelle des Sommers angekündigt. Diese soll mindestens bis Sonntag anhalten. Temperaturen von bis zu 42 Grad sowie eine sinkende Luftfeuchtigkeit könnten die Arbeiten deutlich erschweren. Die neue Hitzewelle soll bis Ende der Woche andauern. Seit Jahresbeginn sind bereits 175.000 Hektar Land verbrannt, das Sechsfache der vernichteten Fläche im Vorjahreszeitraum.
Auch in Frankreich wird wieder ein Anstieg der Temperaturen erwartet, es wird die bereits vierte Hitzewelle des Jahres. Für Mittwoch prognostizierte Météo France in der Region einen Spitzenwert von 37 Grad. Ab Mittwoch werden dem Wetterdienst zufolge wieder steigende Temperaturen und auffrischende Wind erwartet, weshalb sich die Situation dann wieder verschlechtern dürfte. Angesichts von Temperaturen von bis zu 40 Grad befürchten die Behörden noch eine Verschärfung der Situation.
Die positiven Nachrichten aus Spanien und die Stabilisierung der Lage bei Bordeaux werden durch die nahende Hitzewelle überschattet. Zuletzt gab es zwar leichte Fortschritte im Kampf gegen die Flammen, doch die nächste nahende Hitzewelle schürt die Sorge, dass die Flammen wieder zunehmend außer Kontrolle geraten könnten. Die Lage bleibe aber schwierig, sagte die Senatorin für das Departement Gironde, Nathalie Delattre, am Dienstag dem Sender BFM TV. Alles werde davon abhängen, wie die Feuerwehrleute an Ort und Stelle vorankämen.
Wirtschaftliche Folgen und Reaktionen
Für die vom Tourismus geprägte Gironde-Region sind die Brände ein schwerer wirtschaftlicher Schlag. «Das ist ein schwerer Schlag für einen Großteil des vorwiegend vom Tourismus geprägten Departements – der Tourismus ist komplett zum Erliegen gekommen, die Saison ist vorbei», sagte der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) der Gironde, Patrick Seguin. Auch Frankreichs frisch ernannter neuer Fußballnationaltrainer Zinedine Zidane würdigte bei seiner Vorstellung als Erstes die Einsatzkräfte: «Ich möchte zunächst allen Feuerwehrleuten meine Unterstützung aussprechen – viele Familien durchleben gerade eine schwierige Zeit».
Wissenschaftler sehen in den Bränden eine Folge des Klimawandels. Christopher Böttcher vom Zentrum für Agrarmeteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Braunschweig erklärte: «Zunehmend längere Trockenphasen und intensivere Hitzewellen sorgen im Zuge des Klimawandels für eine steigende Waldbrandgefahr.» Über 90 Prozent der Waldbrände seien dabei auf menschliches Handeln zurückzuführen, sagte Böttcher. Oft reiche schon ein Funke aus, um ein Feuer auszulassen.
Theodore Keeping, ein Waldbrandexperte am Imperial College London, sagte, die Brände in Spanien und Frankreich «gehören zu den extremsten, die wir je in Europa erlebt haben – sowohl hinsichtlich ihrer Ausdehnung als auch der Ausbreitungsgeschwindigkeit und der dadurch ausgelösten Pyrocumulonimbus-Stürme». Víctor Resco de Dios, Waldbrandexperte an der spanischen Universität Lleida, bezeichnete die Brände in Spanien als «Feuer, die mit der Intensität von mehreren Atombomben brennen».
Auch für Reisende hat die Situation unmittelbare rechtliche Folgen. Bei einer Pauschalreise können Urlauber kostenfrei stornieren, wenn unvermeidbare, außergewöhnliche Umstände vorliegen. Bei Rauch und Asche in der Luft oder Bränden ganz in der Nähe der gebuchten Unterkunft können Kunden aufgrund von «unvermeidbaren, außergewöhnlichen Umständen» kostenlos stornieren. Wichtig ist, dass allein die Sorge vor möglichen Bränden kein Grund ist, um eine gebuchte Reise kostenlos zu stornieren.
Rechte und Hinweise für Reisende
Wird ein Rückflug – etwa wegen starker Rauchentwicklung am Flughafen – gestrichen, muss die Fluggesellschaft laut EU-Fluggastrechten ihren Passagieren je nach Wartezeit Verpflegung und Hotel anbieten. Wird bei Individualreisen ein Flug wegen Waldbränden storniert, muss entweder ein Ersatz angeboten oder das Geld erstattet werden. Eine Entschädigung bei Verspätungen, die durch Asche und Qualm entstehen, gibt es nicht: Hier darf sich die Airline auf außergewöhnliche Umstände berufen, die sie nicht beeinflussen kann.
Die Bundesregierung zeigte sich bestürzt über die Lage. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte: «Die verheerenden Waldbrände in Frankreich und Spanien erfüllen die Bundesregierung mit grosser Betroffenheit». Reisenden in die betroffenen Regionen empfiehlt das Auswärtige Amt, sich vor Ort über den Zivilschutz zu informieren und aktuelle Hinweise zu Straßensperrungen sowie Luftqualitätswarnungen zu beachten.
Die EU warnte unterdessen, dass die Waldbrände bis November andauern könnten. In Frankreich riefen die Behörden die Menschen in der Nähe der Brandgebiete auf, möglichst zu Hause zu bleiben. Sie sollen Türen, Fenster und Rollläden geschlossen halten und elektrische Lüftungen ausschalten. Besonders gefährdete Menschen wie Asthmatiker, Menschen mit Herzerkrankungen, Schwangere, Kinder und alte Menschen sollten bei Atemproblemen einen Arzt aufsuchen. Wer unbedingt das Haus verlassen muss, kann sich kurzzeitig mit einer FFP2-Maske schützen.
Die Behörden im Raum Bordeaux ordneten am Dienstagvormittag die Räumung von Campingplätzen und Feriensiedlungen in Lacanau und Lacanau Océan an. Wie die Behörden betonten, handelt es sich um eine vorsorgliche Evakuierung angesichts der weiteren Wetterentwicklung. Die Urlauber sollten sämtliches Gepäck mitnehmen und die Anordnungen der Ordnungskräfte strikt befolgen.
Fragen & Antworten
Welche Regionen sind von den Waldbränden besonders betroffen?
Am schwersten betroffen sind die Gironde und die benachbarten Départements an der französischen Atlantikküste, die spanische Provinz Ávila westlich von Madrid, die Regionen Madrid und Toledo sowie Teile der Provinz Castellón im Osten Spaniens.
Wie viele Menschen wurden bereits evakuiert?
Seit Mittwoch wurden an der französischen Atlantikküste mehr als 220.000 Menschen in Sicherheit gebracht. In Spanien waren nach Behördenangaben rund 76.000 Menschen von Evakuierungen betroffen, weitere 30.000 wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei den Bränden?
Längere Trockenphasen und intensivere Hitzewellen erhöhen laut dem Deutschen Wetterdienst die Waldbrandgefahr deutlich. Waldbrandexperten sehen in den aktuellen Bränden eine Folge dieser Entwicklung und erwarten, dass solche Extreme Teil der «neuen Normalität» werden.