VW-Chef Blume droht Beschäftigten mit Abbau weiterer 50.000 Stellen weltweit
Wolfsburg, 13. Juli 2026
Foto: Marco Prosch, Porsche AG, überreicht durch Diana Sänger, Public Relations and Press an Norbert Bangert / Wikimedia Commons / CC0
Kurzfassung
Volkswagen-Chef Oliver Blume hat intern mit dem weltweiten Abbau von bis zu weiteren 50.000 Stellen bis 2030 gedroht – zusätzlich zu bereits vereinbarten 50.000 Jobs. Sein Sparkonzept war zuvor im Aufsichtsrat an Arbeitnehmer- und Niedersachsen-Vertretern gescheitert.
Volkswagen-Chef Oliver Blume hat Beschäftigten des Konzerns intern mit dem weltweiten Abbau von weiteren rund 50.000 Stellen bis 2030 gedroht und damit seinen Sparkurs gegen erheblichen Widerstand im Aufsichtsrat zugespitzt.
In einem intern veröffentlichten Interview, das Reuters am Montag vorlag, erklärte Blume, derzeit werde in allen Märkten, Gesellschaften und Regionen ermittelt, welche Anpassungen tatsächlich nötig und möglich seien. „Sobald Entscheidungen getroffen werden, informieren wir transparent und umfassend“, sagte der Vorstandschef. Das erklärte Blume in einem intern veröffentlichten Interview, das Reuters am Montag vorlag.
Die Drohung kommt zusätzlich zu den bereits 2024 angekündigten rund 50.000 Stellen, die in Deutschland bis 2030 unter anderem bei VW, Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariid vor allem über Altersteilzeit abgebaut werden sollen. Wie Blume ausführte, sind davon bereits 37.000 Verträge unterzeichnet: „Wir haben bereits 37.000 unterschriebene Verträge“. Bis Ende des Jahres würden rund 27.000 Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Unternehmen ausgeschieden sein.
Zweite Stufe des Stellenabbaus
Die neuen Stellenstreichungen begründete Blume rechnerisch: „Da die Hälfte der Gemeinkosten aus den Personalkosten resultiert, würde eine theoretische Ableitung ohne Veränderung der Arbeitskosten rund 50.000 Stellen weltweit ergeben“. Zugleich stellte er klar, dass die Zahl niedriger ausfallen könne, wenn pro Mitarbeiter andere Wege zur Senkung der Arbeitskosten gefunden würden. „Es gebe aber intelligentere Lösungen, als ein Werk zu schließen“, sagte Blume.
Die Gemeinkosten von Volkswagen seien 20 Prozent höher als bei vergleichbaren Unternehmen, sagte Blume. „Im nächsten Schritt gehe es darum, die Gemeinkosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen“. Hinzu komme eine Überkapazität in Europa: „in Europa müsse noch eine Überkapazität von 500.000 Einheiten abgebaut werden“ und „Man könne dort 500.000 Autos mehr bauen als nötig“.
Vier Werke in Deutschland vor dem Aus
Auf dem Tisch liegen sollen auch Pläne, in Deutschland vier Werke zu schließen. Blume nannte konkret die Standorte Emden, Hannover und Zwickau der Kernmarke Volkswagen sowie das Audi-Werk Neckarsulm. „Die Wahrheit ist auch, dass wir heute für die Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm in den 30er-Jahren noch keine wettbewerbsgerechte Belegung bestätigen können“, sagte der Konzernchef. „Zwischen 2031 und 2034 soll in den Werken die Autoproduktion auslaufen“.
Nach Angaben von Insidern war Blumes Umbauplan in der Vorwoche im Aufsichtsrat an einer Mehrheit der Arbeitnehmer- und der Landes-Vertreter aus Niedersachsen gescheitert. Blume hatte das Konzept dem Kontrollgremium am Donnerstag vorgestellt. Blume wies den Eindruck eines Stillstands zurück: „Die Gespräche darüber kämen im Aufsichtsrat, anders als es nach Medienberichten den Anschein habe, gut voran“. Verhandlungen zwischen den Parteien werden im Sommer erwartet.
Konflikt mit dem Betriebsrat
Dass bislang keine Details des Sparplans genannt wurden, begründete die Konzernführung mit fehlender Zustimmung der zuständigen Gremien. Die Arbeiten an dem Konzept laufen demnach bereits seit Januar. Auch Dow Jones Newswires lag das interne Interview mit Blume vor; der Bericht wurde am 13. Juli 2026 um 06:11 ET (10:11 GMT) veröffentlicht.
Die Arbeitnehmerseite reagierte scharf. Eine Sprecherin des Konzernbetriebsrats sagte am Sonntag gegenüber RTL und ntv, die in der Presse aufgetauchten Zitate brächten „keinerlei Klarheit und machten so alles nur noch schlimmer“. Die Sprecherin warnte: „Insbesondere für unsere mehr als 40.000 Kolleginnen und Kollegen an den namentlich seit Wochen bekannten fünf Standorten Emden, Hannover, Neckarsulm, Osnabrück und Zwickau, deren früher oder später drohendes Aus seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht, ist dieser Zustand schlicht nicht mehr auszuhalten“.
Volkswagen gilt als größter europäischer Autobauer. Das Unternehmen hatte zuletzt unter Druck durch die schwächelnde Nachfrage, die Konkurrenz chinesischer Hersteller und hohe Kosten in Deutschland gestanden. Blume verwies auf Fortschritte: „Unsere Fabrikkosten in Deutschland konnten wir allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent verbessern. Ein starker Fortschritt.“
Größter europäischer Autobauer unter Druck
Die Drohung mit weiteren 50.000 Stellen weltweit verschärft den ohnehin laufenden Konflikt. Bislang war der 2024 angekündigte Abbau in Deutschland auf rund 50.000 Stellen begrenzt. Sollten die zusätzlichen weltweiten Stellen wegfallen, würde sich der Gesamtabbau bei Volkswagen bis 2030 auf rund 100.000 Beschäftigte summieren, sofern keine alternativen Lösungen gefunden werden. „Manager Magazin“ hatte Ende Juni bereits von insgesamt rund 100.000 Stellen berichtet, die in den kommenden Jahren wegfallen und mit Werksschließungen in Deutschland einhergehen sollen.
Blume ließ zugleich Spielraum für Verhandlungen. Erneut betonte er, dass Alternativen zu Werksschließungen Vorrang hätten – etwa alternative Nutzungskonzepte und Gespräche mit Partnern. „Es gebe aber intelligentere Lösungen, als ein Werk zu schließen“, wiederholte der CEO. Eine endgültige Entscheidung der Gremien steht nach Angaben des Unternehmens noch aus.
Volkswagen betonte, dass die Verhandlungen im Aufsichtsrat trotz der medialen Berichterstattung konstruktiv verliefen. „Die Gespräche darüber kämen im Aufsichtsrat, anders als es nach Medienberichten den Anschein habe, gut voran“, sagte Blume. Die Konzernführung kündigte an, transparent zu informieren, sobald Beschlüsse vorlägen.
Ausblick: Verhandlungen über den Sommer
Die Bundesregierung und die Landespolitik, insbesondere Niedersachsen als Großaktionär und Sitz des Unternehmens, beobachten die Entwicklung genau. Die Arbeitnehmerseite hatte im Vorfeld immer wieder betont, dass betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen seien und der Umbau über Altersteilzeit, Qualifizierung und natürliche Fluktuation erfolgen müsse. Ob dieser Grundsatz angesichts der nun angedrohten Dimension noch zu halten ist, ist offen.
Fest steht, dass die kommenden Wochen entscheidend sein werden. Die Konzernführung will ihr Sparpaket in den zuständigen Gremien verabschieden lassen. Bis dahin bleibt die Belegschaft in Unsicherheit – vor allem an den fünf genannten Standorten, an denen mehr als 40.000 Beschäftigte laut Betriebsrat seit Wochen mit einem drohenden Aus konfrontiert sind.
Insgesamt verdeutlicht die Drohung Blumes den tiefgreifenden Strukturwandel, vor dem die europäische Autoindustrie steht. Überkapazitäten, hohe Lohnkosten und der Wettbewerbsdruck durch neue Hersteller zwingen Volkswagen zu einem grundlegenden Umbau – mit weitreichenden Folgen für die Beschäftigten, die Standorte und die Industriepolitik in Deutschland.
Fragen & Antworten
Wer ist Oliver Blume und was hat er angekündigt?
Oliver Blume ist der Vorstandschef von Volkswagen. In einem internen Interview drohte er mit dem weltweiten Abbau von weiteren rund 50.000 Stellen bis 2030, zusätzlich zu den bereits 2024 vereinbarten Stellenstreichungen in Deutschland.
Welche Werke in Deutschland sind von einer Schließung bedroht?
Nach den Angaben von Blume können die Werke Emden, Hannover und Zwickau der Marke Volkswagen sowie das Audi-Werk Neckarsulm für die 2030er-Jahre keine wettbewerbsgerechte Auslastung bestätigt werden; die Autoproduktion soll dort zwischen 2031 und 2034 auslaufen.
Wie reagiert der Betriebsrat auf Blumes Drohung?
Eine Sprecherin des Konzernbetriebsrats kritisierte die in der Presse aufgetauchten Aussagen scharf als unklar und verschlimmernd und verwies darauf, dass mehr als 40.000 Beschäftigte an den fünf Standorten Emden, Hannover, Neckarsulm, Osnabrück und Zwickau seit Wochen in Ungewissheit lebten.
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