Volkswagen vor historischem Umbruch: Aufsichtsrat berät über Werkschließungen und massiven Stellenabbau
Wolfsburg, 09. Juli 2026
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Kurzfassung
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat am Donnerstag über Pläne von Konzernchef Oliver Blume beraten, vier deutsche Werke bis 2034 zu schließen und bis zu 100.000 Stellen abzubauen. IG Metall und Betriebsräte kündigten bundesweiten Widerstand an, das Land Niedersachsen legte sein Veto ein.
Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG hat am Donnerstagnachmittag in Wolfsburg über einen Umbauplan von Konzernchef Oliver Blume beraten, der die Schließung von vier deutschen Werken bis 2034 und den Abbau von bis zu 100.000 Stellen vorsieht.
Die Sitzung begann am Nachmittag unter hohem Druck. Nach Informationen des "Spiegel" wollte Blume den Aufsichtsrat über ein Zielbild für 2030 informieren lassen, das einen beispiellosen Einschnitt in die deutsche Industriestruktur bedeutet. Demnach sollen das VW-Werk in Zwickau, das Werk in Emden, das Nutzfahrzeugwerk in Hannover sowie das Audi-Werk in Neckarsulm schrittweise stillgelegt werden. Insgesamt arbeiten in diesen vier Standorten rund 40.000 Menschen.
Der Aufsichtsrat ist seit dem überraschenden Ausscheiden der früheren Renk-Chefin Susanne Wiegand im Juni in einer Pattsituation. Auf der Kapitalseite sitzen aktuell neun statt zehn Mitglieder; der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch verfügt normalerweise dank seines Doppelstimmrechts über die Mehrheit. Die Arbeitnehmerseite und das Land Niedersachsen halten eigenen Angaben zufolge jedoch ebenfalls genügend Stimmen, um die Pläne zu blockieren.
Pattsituation im Aufsichtsrat
Niedersachsen als zweitgrößter Anteilseigner mit 20 Prozent am Volkswagen-Konzern lehnt Werksschließungen kategorisch ab. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) fordert stattdessen eine europäische Strategie gegen den Preisdruck aus China und verwies auf die im VW-Gesetz verankerten Mitbestimmungsrechte. Wirtschaftswoche berichtete unter Berufung auf Insider, Niedersachsen sei jedoch bereit, eine Umwidmung oder einen Verkauf einzelner Werke mitzutragen, wenn möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Bereits Ende 2024 hatte Volkswagen beschlossen, 35.000 Stellen in Deutschland abzubauen und die Produktion in Osnabrück und Dresden zu beenden. Nun könnten sich die Pläne laut "Spiegel" verdoppeln: Bis 2030 seien 50.000 weitere Jobs gefährdet, insgesamt könnten bis zu 100.000 der weltweit rund 670.000 Stellen wegfallen. "Manager Magazin" hatte zuerst über die Pläne berichtet.
Niedersachsen legt sich quer
Die wirtschaftliche Lage des Konzerns ist ernst. Die operative Rendite lag im ersten Quartal 2026 bei mageren 3,3 Prozent und soll bis 2030 verdreifacht werden. Der Konzerngewinn brach 2025 um knapp die Hälfte ein. Laut "Spiegel" will Blume die Investitionen in den kommenden fünf Jahren um 45 Milliarden auf 135 Milliarden Euro zurückfahren.
Als Gründe für die Krise gelten aus Sicht des Unternehmens die schwache Nachfrage in Europa, die Zölle der US-Regierung unter Präsident Donald Trump, die laut "Spiegel" den Konzern mit fünf Milliarden Euro pro Jahr belasten, sowie der heftige Wettbewerbsdruck chinesischer Hersteller. Diese entwickeln laut einer SWR-Recherche Fahrzeuge in ein bis zwei Jahren für rund 515 Euro Arbeitskosten pro Auto – in Europa dauert es drei bis vier Jahre bei Kosten von etwa 2.900 Euro.
Die Gewerkschaft IG Metall reagierte mit scharfer Kritik. Vorsitzende Christiane Benner nannte die Pläne eine unverantwortliche Drohung und kündigte massiven Widerstand an. Sie forderte Konzern und Politik auf, Ideen vorzulegen, die eine volle Auslastung der Werke sichern. Betriebsratschefin Daniela Cavallo schloss sich dem Protest an. Auch Porsche- und Piëch-Familie, Katar sowie die Arbeitnehmerseite sitzen im Aufsichtsrat.
Proteste an allen Standorten
Gleichzeitig zur Sitzung fanden an allen deutschen Standorten Protestaktionen statt. Die IG Metall hatte zu Demonstrationen an 18 Standorten aufgerufen, nach anderen Angaben sogar an 20 Standorten. Am Braunschweiger Werkstor versammelten sich um 14.00 Uhr Vertrauensleute, in Wolfsburg startete eine Kundgebung unmittelbar vor Sitzungsbeginn, vor dem Audi-Werkstor in Neckarsulm kamen Betriebsratsvertreter ab 14 Uhr zusammen. Eine Pressekonferenz mit Cavallo und IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger war für 14.15 Uhr angesetzt.
Volkswagen selbst äußerte sich nur zurückhaltend. Ein Sprecher erklärte: "Wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen." Man teile die Sorgen der Beschäftigten, das Ziel sei jedoch, den Konzern "robuster und wettbewerbsfähiger" zu machen. Zu den konkreten Berichten wollte sich das Unternehmen nicht äußern. Insider berichteten, Blume habe seine Führungskräfte den Plan vorab unterschreiben lassen, um die eigenen Reihen zu schließen.
Für die betroffenen Standorte werden alternative Nutzungen geprüft. Im Gespräch sind Verkäufe an Rüstungsunternehmen – im Osnabrücker Werk könnten künftig Rüstungsfirmen in den Hallen produzieren – sowie die Fertigung von in China entwickelten Fahrzeugen, insbesondere in Zwickau. Die Produktion der betroffenen Modelle soll laut Blume in kostengünstigere osteuropäische Werke verlagert werden; die Standorte Bratislava und das Audi-Werk Győr sollen weiter investieren.
Konzern unter Druck: Wirtschaftliche Lage und internationale Konkurrenz
Mit Blick auf die mögliche Schließung der Kernmarke VW kursiert zudem die Idee, durch eine Ausgliederung das VW-Gesetz zu umgehen und so die Sperrminorität Niedersachsens zu unterlaufen. Eine solche Verselbstständigung würde die Mitbestimmungsrechte des Landes faktisch aushebeln. Branchenexperten sehen darin ein Zeichen dafür, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.
Die Krise beschränkt sich nicht auf Volkswagen. Auch bei Porsche brach der Gewinn 2025 um mehr als 90 Prozent ein, die Verkäufe sanken im ersten Halbjahr 2026 um weitere 16 Prozent, in China sogar um 32 Prozent. Mercedes musste seinen Gewinn 2025 um rund die Hälfte abschreiben und verärgerte Beschäftigte mit einem Sparpaket, das 40 statt 35 Wochenstunden bei gleichem Lohn vorsieht. BMW kappte kürzlich seine Gewinnprognose.
Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, sprach von einem notwendigen Umbruch der gesamten Branche. "Dazu gehörten leider auch notwendige Personalanpassungen", sagte sie. Diesen Handlungsbedarf zu leugnen, sei "unsozial". Zugleich forderte sie eine Innovationsoffensive und kritisierte fehlende politische Entscheidungen zu Bürokratie, Steuern und Abgaben.
Suche nach alternativen Nutzungen
Branchenexperten wie Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach warnten vor drastischen Konsequenzen: "Wenn VW jetzt nicht eine grundlegend neue Struktur schafft, die langfristig tragbar ist, dann reden wir in zwei, drei Jahren tatsächlich über die Abwicklung von VW." Die Automobilwissenschaftlerin Helena Wisbert von der Ostfalia Hochschule erklärte im NDR, der europäische Markt sei gesättigt und das Vorkrisenniveau von 2019 werde voraussichtlich nie wieder erreicht: "Da hat Volkswagen eben Überkapazitäten und muss leider wirklich radikale Schritte gehen und Kapazitäten reduzieren – und zum Teil wahrscheinlich auch Werke schließen."
Die Bundesregierung hielt sich am Sitzungstag bedeckt. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt betont, die Bundesregierung arbeite an besseren Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. Eine finale Entscheidung wurde vom Aufsichtsrat nicht erwartet – die Autoexpertin Wisbert rechnet erst mit einem Richtungsentscheid und einer Konkretisierung der Pläne in einer der nächsten Sitzungen.
Ein zwischen Konzern und Belegschaft Ende 2024 geschlossener Tarifkompromiss schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 aus und garantiert den Erhalt der großen Werke. Für neun Standorte, darunter Emden und Hannover, gilt Standortschutz bis 2030. Die IG Metall hatte das Abkommen damals als "Weihnachtswunder" gefeiert. Nun zeigt sich, dass diese Zusagen angesichts der veränderten Marktbedingungen – Trump-Zölle, neuer chinesischer Wettbewerb, globale Krisen – offenbar nicht mehr halten.
Branchenexperten warnen vor Abwicklung
Der VW-Konzern bereitet nach Informationen der Wirtschaftswoche einen Notfallplan für den Fall vor, dass wesentliche Teile des Sparpakets im Aufsichtsrat keine Zustimmung finden. Die Notfalloption soll jedoch noch nicht nach der Donnerstag-Sitzung gezogen werden, sondern frühestens nach zwei weiteren Aufsichtsratssitzungen.
Bundeskanzler Merz verwies auf laufende Gespräche über Standortbedingungen. Bei einer Sondersendung des SWR am Donnerstagabend unter dem Titel "Autoland in Aufruhr: Gewinneinbrüche, Stellenabbau und kein Ende?" sollte die Lage der Branche vertieft werden. Die IG Metall lud Beschäftigte aus der gesamten Autobranche zu einem Autokorso in Stuttgart ein.
Fragen & Antworten
Welche vier VW-Werke sind von den Schließungsplänen betroffen?
Nach Informationen des "Spiegel" plant Konzernchef Oliver Blume die Schließung des VW-Werks Zwickau, des VW-Werks Emden, des Nutzfahrzeugwerks Hannover sowie des Audi-Werks Neckarsulm bis 2034. In diesen vier Standorten arbeiten rund 40.000 Beschäftigte.
Warum lehnt Niedersachsen die Werkschließungen ab?
Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent am Volkswagen-Konzern und verfügt im Aufsichtsrat über eine Sperrminorität. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) fordert stattdessen eine europäische Strategie gegen den Preisdruck aus China und beruft sich auf die im VW-Gesetz verankerten Mitbestimmungsrechte.
Wie viele Arbeitsplätze sind bei Volkswagen insgesamt bedroht?
Laut "Spiegel" und "Manager Magazin" könnten bis zu 100.000 der rund 670.000 Stellen weltweit wegfallen. Bereits Ende 2024 war der Abbau von 35.000 Stellen in Deutschland beschlossen worden, im März kam ein weiterer Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 hinzu.
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