Verfassungsschutzbericht 2025: Extremismus in Deutschland erreicht neuen Höchststand
Berlin, 30. Juni 2026
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Kurzfassung
Der Verfassungsschutzbericht 2025 zeigt, dass das extremistische Personenpotenzial in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht hat. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und BfV-Präsident Sinan Seelen stellten den Bericht am Dienstag in Berlin vor, der zudem wachsende Gewalt von Linksextremisten und anhaltende russische Sabotage dokumentiert.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat am Dienstag in Berlin seinen Jahresbericht für 2025 vorgestellt, wonach das extremistische Personenpotenzial in Deutschland so hoch ist wie nie zuvor.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), Sinan Seelen, präsentierten den Verfassungsschutzbericht 2025 in Berlin. Demnach ist die Zahl der Menschen, die dem gesamten extremistischen Spektrum zugerechnet werden, auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Neue Beobachtungsobjekte kamen nicht hinzu; die Zunahme speist sich aus dem Wachstum bereits erfasster Szenen.
Im rechtsextremistischen Bereich beziffert das BfV das Potenzial auf rund 58.700 Anhänger, was einem Anstieg um mehr als 8.000 Personen gegenüber dem Vorjahr (50.250) entspricht. Davon werden 15.600 als gewaltbereit eingestuft, leicht mehr als 2024 (15.300). Die meisten dieser Rechtsextremisten ordnen die Verfassungsschützer der AfD zu, die im Oktober 2025 nach eigenen Angaben 70.000 Mitglieder zählte. Rund 28.000 AfD-Anhänger werden laut BfV der rechtsextremen Szene zugerechnet; die Partei wird vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall für verfassungsfeindliche Bestrebungen geführt, ein Gericht hatte die im Vorjahr erfolgte Hochstufung zum "gesichert rechtsextremen" Verdachtsfall im Eilverfahren zunächst gekippt, das Hauptverfahren läuft.
Rechtsextremismus wächst vor allem mit der AfD
Als Beispiele für Verjüngung, Vernetzung und Aktionsorientierung nennt der Bericht die rechtsterroristische Gruppe "Letzte Verteidigungs Welle", die mit Brand- und Sprengstoffanschlägen auf Asylunterkünfte und Einrichtungen linke Parteiorganisationen den Zusammenbruch des demokratischen Systems herbeiführen will, sowie die virtuelle Vernetzung im "Brenton Fanclub". Dobrindt warnte, die rechtsextremistische Szene arbeite "systematisch an der Radikalisierung der nächsten Generation" und übertrage ihre Ideale bei Familienfeiern, Kulturveranstaltungen sowie Kinder- und Jugendlagen frühzeitig auf Heranwachsende. Der österreichische Sender "AUF1", der auch in Deutschland ein Studio betreibt, wurde im Februar 2026 als gesichert rechtsextremes Bestreben eingestuft.
Auch das linksextremistische Personenpotenzial wuchs deutlich auf rund 42.200 Personen, 4.200 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der gewaltorientierten Linksextremisten erreichte mit 11.600 einen neuen Höchststand (2024: 11.200). Der Bericht verzeichnet einen starken Anstieg linker Gewalttaten, insbesondere gegen mutmaßliche Rechtsextremisten und Polizeibeamte, und hebt das Netzwerk "Antifa-Ost" als zentralen Akteur hervor.
Linksextremismus: Zahl der Gewalttäter auf Rekordniveau
Dobrindt bezeichnete die "verheerenden Brandanschläge auf die Berliner Stromversorgung im Januar sowie die langjährige Anschlagserie in München und Umgebung" als Beleg für das "perfide Vorgehen gewaltbereiter Linksextremisten". Im September 2025 und im Januar 2026 hatten Linksextremisten zwei Hochspannungsmasten in Berlin sowie eine Kabelbrücke angezündet; der Angriff im Januar löste einen mehrtägigen Stromausfall aus. 2025 wurden zudem 22 Fahrzeuge der Münchner Polizei angegriffen.
Die Szene der "Reichsbürger und Selbstverwalter" umfasst bundesweit unverändert rund 26.000 Menschen, von denen etwa 2.600 als gewaltorientiert gelten. Etwas mehr als fünf Prozent ordnet der Verfassungsschutz dem rechtsextremen Spektrum zu. Die Grenzen zwischen Reichsbürgern und der rechtsextremen Szene seien fließender geworden, was die klare Zuordnung erschwere.
Reichsbürger, Antisemitismus und die Folgen des Nahostkonflikts
Der Verfassungsschutz sieht den Rechtsextremismus unverändert als größte Bedrohung für die Demokratie in Deutschland. Die Themen Asyl und Migration blieben im Fokus rechtsextremistischer Agitation. Bundesweit registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 8.725 antisemitische Vorfälle mit Beleidigungen, Schmierereien und Angriffen auf Jüdinnen und Juden. Antisemitische Vorfälle ereigneten sich laut Dobrindt regelmäßig "bei Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt". Der Bericht identifiziert Antisemitismus als eine der zentralen Herausforderungen, zumal Israelfeindschaft und Antisemitismus seit den Terrorangriffen der Hamas 2023 und dem anschließenden Gazakrieg zunehmend zu einer Solidarisierung über einzelne extremistische Szenen hinaus führten.
Im islamistischen Spektrum beschreibt der Bericht die Gefahr terroristischer Anschläge als "konstant hoch"; der Islamische Staat (IS), al-Qaida und verbundene Organisationen versuchten weiterhin Anschläge, der IS-Ableger ISPK habe unter anderem das Oktoberfest bedroht. Die Täter würden demnach jünger, teils unter 14 Jahren und damit strafunmündig, und online radikalisiert. Anhänger von Hamas und Hisbollah hielten sich "mit öffentlichkeitswirksamen Handlungen weitestgehend zurück". Akteure aus dem säkularen propalästinensischen Extremismus übernähmen "eine Scharnierfunktion zwischen deutschen und türkischen Linksextremisten, türkischen Rechtsextremisten sowie zur hiesigen islamistischen Szene".
Russland, Islamismus und die Reformdebatte
Im Zentrum des Berichts stehen zudem die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die Gefahren durch Spionage, Sabotage, Desinformation und Einflussoperationen seien seit Kriegsbeginn "anhaltend hoch". Russland investiere "seit Jahren signifikant" in illegitime Einflussnahme auf die öffentliche Meinung in Deutschland, insbesondere an den politischen Rändern, und nutze Reisen deutscher Politiker propagandistisch, auch durch übernommene Reise- und Übernachtungskosten sowie exklusive Treffen mit hochrangigen russischen Politikern. Russische staatlich gesteuerte Sabotage sei darauf angelegt, nicht erkennbar zu sein: "Teil der Strategie ist es, Verunsicherung hinsichtlich hybrider Aktionen Russlands zu schüren sowie von einer aufgeregten öffentlichen Debatte zu profitieren."
Politisch motivierte Kriminalität erreichte laut BKA 85.837 Straftaten, ein Anstieg um zwei Prozent. Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten legte um 8,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Eine Sprecherin der Bundesregierung erklärte am Montag, die zuständigen Institutionen prüften, "inwieweit solche Bedrohungen voraussehbar" seien. Hinter den Kulissen arbeitet das Innenministerium laut Dobrindt an einer umfassenden Reform des Verfassungsschutzes zu einem "echten Geheimdienst" mit erweiterten Befugnissen, die bisher jedoch nicht umgesetzt wurde. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) warnte in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin", ein AfD-Innenminister wäre ein "Sicherheitsrisiko", da Informationen über Rechtsextremisten oder russische Spionage durchsickern könnten.
Verfassungsschutz-Präsident Seelen und Minister Dobrindt betonten, der Bericht solle als Warnsignal verstanden werden. Die demokratischen Institutionen müssten sich auf eine wachsende, jüngere und stärker vernetzte extremistische Szene einstellen, während zugleich ausländische Akteure wie Russland die öffentliche Debatte zu destabilisieren versuchten.
Fragen & Antworten
Wer hat den Verfassungsschutzbericht 2025 vorgestellt?
Der Bericht wurde am Dienstag in Berlin von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und dem Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Seelen, präsentiert.
Wie viele Menschen werden dem Rechtsextremismus in Deutschland zugerechnet?
Das BfV beziffert das Potenzial auf rund 58.700 Personen, rund 8.000 mehr als 2024; 15.600 davon gelten als gewaltbereit. Etwa 28.000 AfD-Anhänger werden der Szene zugerechnet.
Warum gelten die Anschläge auf die Berliner Stromversorgung als besonders ernst?
Im September 2025 und im Januar 2026 wurden zwei Hochspannungsmasten und eine Kabelbrücke in Berlin angezündet, der Angriff im Januar löste einen mehrtägigen Stromausfall aus; Dobrindt wertete dies als "schweres Warnsignal" für den Rechtsstaat.
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